Macht Platz für große Herzen!

Ein älterer Mann. Fahrradfahrer. Gemütlich und gutmütig. Jemand, der auf mich abgefärbt hat. Der mich geprägt hat.
Zwei Typen, der eine macht einen auf seriös, der andere wirkt abgefucked. In der Nähe eines Parkplatzes, hier in der Stadt.
„Entschuldigen Sie bitte – wir brauchen dringend ihre Hilfe. Wir müssen dringend zu einem Termin, haben aber kein Kleingeld für den Parkscheinautomaten. Es ist wirklich dringend. Hätten Sie vielleicht einen Euro, den sie entbehren könnten? Es fehlt nur ein Euro Kleingeld. Sonst öffnet sich die Schranke nicht. Hier, mein Bekannter, er hat ein Vorstellungsgespräch. Er kommt sonst zu spät.“
– Der ältere Mann ist hilfsbereit. Und während er in seiner Geldbörse kramt, wird er außerdem nach dem Weg gefragt. Ein Stadtplan wird ihm vor die Nase gehalten. Er ist abgelenkt. Der andere ist kein potentieller Bewerber, sondern ein Trickdieb.
Erst zu Hause merkt der ältere Mann, dass die beiden 50 EUR Scheine aus der Geldbörse fehlen. Da er nur in dieser Situation seine Geldbörse an diesem Tag benutzt hat, weiß er, dass man ihn betrogen hat.
Er ist verärgert. Er schüttet sein Herz aus. Und er erntet von denen, die zu ihm stehen sollten, nur Hohn und Spott. Ob er denn – in seinem Alter – noch nicht erfahren habe, dass der Ehrliche immer der Dumme sei.
Er hat es erfahren. Aber ein großes Herz braucht Platz. Normalerweise verdrängt es die Ressentiments gegenüber dem Mitmenschentum.
Seine Selbstzweifel waren von da an stärker. Er wird nicht mehr so sein, wie zuvor. Er wird nicht mehr helfen. Sein Herz wird kleiner, umschliesst nicht mehr länger einen Teil der Welt, der über seinen Tellerrand hinaus existiert. Weil man ihn nicht darin bestärkt hat, dass er nichts falsch gemacht hat, sondern nur die zwei Kriminellen, die ihn beklaut haben. Keine Sekunde lang hätte er zweifeln dürfen. Zumindest nicht an sich.

So ist meine Kampfansage ganz klar: Der Tag wird kommen, ihr Wichser, an dem ich Euch finden werde und ihr beginnen dürft, Eure Schuld abzuarbeiten. Es sind keine 100,- EUR, die ihr mir schuldet. Ihr schuldet mir eine bessere Welt. Eine Welt, in der Sätze wie „Der Ehrliche ist der Dumme“, nicht mehr länger der Titel eines Bestsellers ist, nicht mehr länger als Weisheit gilt. Ihr schuldet mir eine bessere Welt und fragt Euch ernsthaft, ob ihr in dieser Welt noch einen Platz habt. Verschwindet aus dieser Welt. Macht Platz für große Herzen!

Im Portrait: Atmosphärischer Jazz von NICOLE JO

Jazz! – Ich muss ja zugeben, dass ich nicht unbedingt der Jazz-Fachmann bin. Meine bescheidene Zuneigung zu Jazz orientiert sich an einfachen Compilations von den Größen des Jazz und der immer wiederkehrenden Überraschung, wie viele bekannte Melodien und Stimmungen über diese Musik transportiert werden. Meinen großen Schritt vom Banausen zum Fachmann können Sie mit mir in dieser Rezension gemeinsam gehen  – Hier ein Portrait von NICOLE JO, die erst vor wenigen Wochen mit GO ON ihr fünftes Album veröffentlicht haben.

Von Peter Killert

Killert 19

NICOLE JO ist ein Quartett aus dem Saarland – im Mittelpunkt Nicole Johänntgen und ihr Saxophon. In Szene gesetzt wird die Musikerin von ihrem Bruder Stefan Johänntgen, Pianist und für die Soundcollagen der Band verantwortlich, sowie den beiden renommierten Musikern Christian Konrad am Bass und Elmar Federkeil am Schlagzeug – beide haben sich auch ausserhalb von NICOLE JO in verschiedenen Musikproduktionen ebenfalls einen Namen gemacht. Atmosphärischer Jazz nennt die Band ihre Musik, die sie seit 1998 gemeinsam produzieren und die jetzt bereits mit der fünften CD dokumentiert ist.

Ich gebe es zu – als mir Nicole Johänntgen das neue Album zugesendet hat, habe ich geantwortet, dass ich vor einer Rezension die Musik erstmal auf mich “wirken lassen” muss. Das war glatt gelogen. Ein Durchlauf der CD hat gereicht und mein Urteil stand fest. Das “wirken lassen” bezog sich eigentlich mehr auf das Finden einer passenden Einordnung dieser Musik und ihrer Faszination – und welcher Journalist gibt schon gerne zu, dass er noch so gar keine Ahnung hat, wie er die Musik beschreiben soll? Ich hatte schon erwähnt, dass ich ein Banause bin, was Jazz angeht? Manchmal sind Banausen wie Jungfrauen, die trotzdem mitreden wollen.

Also schaue ich mir die Band genauer an. Die exzellent gemachte Homepage von NICOLE JO macht es einem Rezensenten dann doch ein bisschen einfacher. Und zum Glück gibt es da auch noch YouTube. Da gibt es einige schöne Videos, die die Band in Aktion zeigen. NICOLE JO sind nicht nur eine Studioband – Jazz lebt auf der Bühne und das kommt selbst bei YouTube ganz gut rüber. Auch wenn Nicole Johänntgen im Mittelpunkt steht – die einzelnen Instrumente umrahmen ihr Saxophon, tragen es förmlich. Nicole Johänntgen gibt nicht den dominanten Ton an, wohl aber die Richtung und ihre Männer folgen ihr. So muss das ja auch sein;-)

Mal geht es ein bisschen schneller zu, beinahe schon rockig, dann wieder ruhiger, fast hin zu einer Ballade und man verliert sich in einem Moment des Innehaltens. Wenn ich die Augen schließe und das “wirken lassen” in Worte fasse: das ist wie in einer schillernden Metropole, ein bisschen wie ein Davonlaufen (“Run”) und zum Luftholen flüchten wir in eine Seitenstrasse, in einen kleinen Park vielleicht (“Time”), aber dann geht es direkt weiter, keine Ruhe, das Spiel wird schneller. Hat man sich eben noch treiben lassen, ist man jetzt wieder der Getriebene, ein bisschen benommen, trunken vor Eindrücken (“Brachial”).

Dann wieder ein Eindruck, der Dich packt und mitreisst. Ich bin in den letzten Jahren einige Mal in New York gewesen. Wenn es einen Schalter gäbe, der das Treiben einer solchen Stadt eben auch mit den paar ruhigen Plätzen dort in der Metropole in Musik verwandeln würde, er wäre der Schalter des MP3 Players, der GO ON startet und mich durch die Metropole leitet. Irgendwie, denn da ist Struktur, Geradlinigkeit, Melodie mit Wiedererkennungswert (“Smile”, mein persönlicher Lieblingstrack), aber auch Improvisation und immer ein Mindestmaß an Harmonie. Ein roter Faden wird immer wieder aufgenommenen, in ähnlichen, zueinander passenden melodischen Ansätzen. Das macht die Musik dann auch für mich greifbar und aus dem Album etwas Kompaktes. Ich bin jetzt ein Kenner. Wer GO ON kennt, kennt ein gutes Beispiel für guten Jazz.

Auf GO ON gibt es übrigens einen Hidden Track, ganz am Ende.

Und wer mir nicht glaubt, der glaubt vielleicht einem Nils Landgren (ein Name, der sogar mir bekannt ist  ): “Nicole is not scared to take it all the way out no matter what the direction is. She is a brave woman and a wonderful musician with a big heart and a smile on her face. I think she´s just great.”

Nicole Johänntgen geht ihren Weg, übrigens auch außerhalb ihrer Band. Ab Juli wird sie einmal im Monat eine Radiosendung bei Radio LoLa (Zürich) moderieren. Und meiner Meinung nach, werden wir noch einiges von der jungen Dame in Zukunft hören

Das Glück ist manchmal eine Floskel

Glück ist manchmal eine Floskel. Man sagt, es liege im Moment, im Augenblick. Nur der sei wichtig. Nur der sei greifbar. Vielleicht ist dieser Gedanke, der einzige konsenzfähige zwischen Glaube, Hoffen und Wissen. Glück ist damit klein, damit es in die Nischen dieser großen idealen Eckpfeiler passt. Glück ist ein Baustein. Glück ist ein Moment, ein weiterer Moment und es ist all das, was sich von Außen nach Innen trägt.

Es beginnt an einem Morgen, Sonnenschein, wunderschönes Farbenspiel der Wolken am Himmel. Es ist draußen nicht zu warm, nicht zu kalt, es ist kein unnötiger Lärm, es ist nichts da, was von dem Moment abhält. Du stehst am Küchenfenster.

Das Brötchen schmeckt besonders gut. Ein wenig knackig, warm, weich – ich weiß schon, warum ich mir diese Kaffeemaschine gekauft habe und warum nach langem Probieren genau dieser Kaffee so gut schmeckt. Da ist nichts, was meine Aufmerksamkeit in diesem einen Moment ablenkt.

Manchmal draußen ein wenig Wind, ich fahre zur Arbeit, zu einem Besuch, zum Einkaufen – egal. Kein anderer Mensch macht mir so schnell den Moment an den Gedanken zuvor streitig.
Die Welt duftet. Nichts menschengemachtes stinkt. Die Ampel bleibt auf grün, ich kann weiterfahren. Ein anderer gewährt mir Vorfahrt, meine Quittung ein Lächeln, auch einen Moment, für den anderen.
Alles geht von der Hand, alles passt. Selbst Überraschungen passen in das Konzept der Aneinanderreihungen von Momenten.

Du bekommst Deinen Lieblingswein im Supermarkt, Du triffst jemanden, den Du schon lange nicht mehr gesehen hast und den Du jetzt endlich mal wiedersiehst. Du hörst von einer alten Schulkameradin, die jetzt Mama ist. Auch Deinen alten Eltern geht es heute gut. Du stehst über den Dingen, die von Leuten gesagt werden, die über ihnen zu stehen vorgeben wollen – und nicht bei Dir sind. Nicht wirklich und auch nicht, im übertragenen Sinne. So wie Du jetzt gerade bist, ist die Aneinanderreihung von Momenten eine Gerade. Der schnellste Weg zwischen dem Zweifel und seiner Auslöschung.

In den Nachrichten sagen sie, sie haben das Leck der havarierten Bohrinsel geschlossen, die Tsunami Warnung eines Erdbebens wurde zurückgezogen und der Junge, der mit Waffen in die Schule gegangen war, konnte eines besseren belehrt werden. Man wird das diskutieren und zu Schlussfolgerungen kommen.

In dem tausendfach gehörten Song Deiner Lieblingsband entdeckst Du etwas neues. Und der andere Schriftsteller, der parallel zu Deinen Lieblingsautor gelebt hat, ja der sogar mit ihm befreundet war, schreibt vorzüglichste Sätze, die Du noch nie zuvor gelesen hast. Du kanntest ihn gar nicht. Ja, Du erfährst, dass es sogar einen Briefwechsel zwischen beiden gibt, auf den Du Dich freuen kannst. Gerade neu erschienen. Schon heruntergeladen. Die Leselampe an.

Begleitend dazu ein Konzert im Fernsehen an einem Abend mit gleich vielen Konzerte, eine andere Konzertband verschenkt ein paar Songs auf ihrer Homepage und sie landen auf Deinem Player, um sofort parallel zum Lesen eines neuen Lieblingsbuches gehört zu werden.

Jetzt ist das Glück das Eröffnen von Horizonten.

Ein Gewitter kündigt sich an. Es gibt den Kerzen in Deiner trockenen Wohnung noch mehr Bedeutung. Der Tag klingt aus, das Bett duftet.

Jetzt ist das Glück all das, was fehlt, was dir sonst den Gedanken an schöne Träume verstellt.

Glück ist das Suchen nach Kleinigkeiten, die zusammen ein großes Bild ergeben. Glück ist das Finden von passenden Puzzleteilen eines Bildes, welches man ´Ich´ nennt. Glück? – Glück ist manchmal eine Floskel.