Völlig absurd – Die Camus-Biographie von Iris Radisch

Ich konnte Iris Radisch noch nie leiden. Sigrid Löffler fand ich ja schon schlimm, aber als Iris Radisch sie im Literarischen Quartett ersetzt hat, habe ich mir das nie wieder angesehen. Schlimmer geht immer. Und auch die Übertragungen zum Bachmannpreis habe ich sofort wieder abgeschaltet. Und ganz ehrlich – ich weiß gar nicht warum. Irgendetwas gefällt mir nicht an der Literaturkritikerin Iris Radisch. Aber Iris Radisch als Autorin, als Biographin von Albert Camus, dem bis heute meist übersetzten, französischen Autor? – Meine Vorurteile waren groß. Und sie waren so was von unberechtigt …

Von Peter Killert.

Es gibt manche Biographien, die taugen als Referenzwerke. Sie sollten Standardwerke werden. Beschäftigt sich ein Student mit Goethe, dann wäre so ein Standardwerk die erst kürzlich erschienene Biographie von Rüdiger Safranski. Welches Buch hat das Monster Hitler seziert? – Die Hitler-Biographie von Joachim Fest. Kein anderes Buch hat eine so präzise, analytische Sprache.

Und Albert Camus? Auch wenn ich keine Vergleichsmöglichkeit habe, weil ich noch keine andere Camus-Biographie gelesen habe – die jetzt erschienene, von der Literaturkritikerin Iris Radisch geschriebene Biographie über den französischen Existentialisten Albert Camus (1913-1960), ist so ein Standardwerk. Die Feuilleton-Chefin der ZEIT begleitet damit den 100. Geburtstag von Camus in diesem Jahr.

Eine wunderbar präzise, schnörkellose Sprache, verbunden mit enorm viel Faktenwissen – so lässt sich das Buch von Iris Radisch im Wesentlichen charakterisieren. Es ist sachlich geschrieben, denn die Tatsache, dass man viel Zeit seines Lebens aufbringt, um die Biographie eines Menschen zu schreiben – diese Tatsache reicht aus, trägt der Bewunderung ausreichend Rechnung. Es braucht keine tiefgehenden Ausschweifungen.

Einem für mich naheliegenden Fallstrick weicht Iris Radisch aber nüchtern aus: So viel ist schon über die Rivalität der beiden geschrieben worden, dass man sich dort leicht verheddern könnte. Camus und Sartre – die beiden großen französischen, intellektuellen Figuren des 20. Jahrhunderts. Sie gegenüber zu stellen, ihre Freundschaft, ihre Feindschaft, ist natürlich ein zentraler roter Faden. Radisch baut die Gegensätze der beiden sachlich und chronologisch auf. Während Camus zunächst in Algerien aufwächst, bei einer taubstummen Mutter, einer kalten, emotionslosen Großmutter, in ganz ärmlichen Verhältnissen, erlebt er sein “Kälte-Trauma”. Es ist die Quelle des Absurden, seines Leitmotivs. Sartre hingegen ist schon immer da, wo er hingehört. Er wächst in einem intellektuellen Haushalt auf – Camus hingegen wird von Analphabeten erzogen. Beiden wird später der Literaturnobelpreis zugesprochen. Camus kauft mit dem Preisgeld ein Anwesen – Sartre lehnt den Preis ab. Während Camus´ Leben jäh bei einem Autounfall endet, gibt sich der alternde Sartre beinahe der Lächerlichkeit preis, als er deutsche Terrorristen der RAF in Stammheim besucht und diese damit aufwertet. Die Beziehung der beiden ist Teil der Biographie, charakterisiert sie aber nicht einseitig.

Radisch beschreibt, dass ein Lehrer, den Camus später in seiner Nobelpreisrede lobend erwähnt, dafür ausschlaggebend war, dass er den Pfad des Intellektuellen eingeschlagen hat – ohne diesen Lehrer wäre Camus vermutlich in der “Abstellkammer des Lebens” gelandet. Den Tod der Mutter empfindet er als zärtliche Gleichgültigkeit – vermutlich die emotionale Ausformung des Absurden. Gegen die Großmutter, die ihn schon mit 13 zum Arbeiten antreiben will, revoltiert er. Ergebnis sind die ersten literarischen Arbeiten. Nach einer überstandenen Tuberkulose gehen die literarischen Arbeiten weiter. Ein erster Gedichtband, die ersten Essays … .

Iris Radisch bemerkt, dass alle Bücher von Camus im Sommer spielen, in der Hitze, im heißen Staub. Der Gegensatz zum kalten Trauma. Dieses Trauma ist auch an Algerien gebunden – Camus ist weniger “links” als Sartre. Es macht ihn für viele bis heute zum wahren Vertreter des Existentialismus.

Abgerundet wird die Biographie durch den absurdesten Umstand überhaupt: Im Wrack des Autos, in dem Camus als Beifahrer stirbt, findet sich das Manuskript zu “Der erste Mensch”, der Autobiographie, an der Camus zuletzt leidenschaftlich gearbeitet hat.  Diese wurde von seiner Tochter Catherine Camus aus beinahe unleserlichen Zeilen transkribiert und erst 1994 publiziert. In einer Art Zugabe im Anhang der Biographie beschreibt Iris Radisch die Begegnung mit ihr.

Mit “Der erste Mensch” schließt sich ein Kreis. Camus setzt sich zum ersten Mal mit seiner Herkunft wahrhaftig auseinander und steht im fortgeschrittenen Alter am Soldatengrab seines Vaters. Im Grab liegt ein junger Mann, den er selbst bereits um Jahrzehnte überlebt hat. Das stellt alles “Absurde” bei Camus in seiner Intensität in den Schatten.

Für alle Kenner von Camus mag das alles nicht neu sein. Für mich, der sich mit Sartre ein wenig besser ausgekannt hat, ist diese sehr unterhaltsame Auseinandersetzung mit dem Leben von Camus eine grandiose Lektüre gewesen.

Ja, Safranksi mochte ich beim Philosophischen Quartett auch nicht. Aber als Autor ist er seit der Nietzsche Biographie eine Instanz. Ich widme mich bei Gelegenheit mal meinen Vorurteilen gegen die Literaturkritikerin Iris Radisch – die Autorin Iris Radisch hat mich nämlich vollends überzeugt.

Iris Radisch – Camus: Das Ideal der Einfachheit, Rowohlt, Erschienen 2013.

Über den Konflikt zwischen Camus und Sartre

Das Glück, das Gute, das Schöne.

Aus zwei Richtungen
greifen wir ihn an, laufen herum
um den Palast
wo sich die verkrochen haben

Die gepachtet haben
Das Glück, das Gute, das Schöne
Geformt von denen
Die es anzogen

All das, wo nach wir streben
worauf wir hoffen
mit dem wir
schlafen gehen und aufwachen

Das Glück, das Gute, das Schöne
Hast Du es gesehen
Einen Zugang gefunden
Jemanden nach dem Weg gefragt?

So änderten wir beide die Laufrichtung
liefen und liefen
so weit die Füsse tragen
und der Palast wurde größer

Als wir alt und müde waren
und uns nur noch aus der Ferne sahen
da verschwamm vor unseren Augen
der Palast und das Glück, das Gute, das Schöne.

Dabei standen sie bereit
die Flügel, um über die Mauern zu segeln
Der tiefe Tunnel in das Innere des Palastes
war nur sporadisch versteckt

Statt zu laufen und zu laufen
Hätten wir denken sollen
Über die Richtung, über den Weg
zum Glück, zum Guten, zum Schönen.

Schöne neue Bookmarks

– Der Tagesspiegel hat eine umfangreiche Artikel-Sammlung zu Franz Kafka zusammengestellt. Sehr lesenswert: http://www.tagesspiegel.de/themen/Franz%20Kafka.

– Der Artikel ist etwas älter, wird aber in naher Zukunft sehr aktuell werden. Die Grünen haben zu Beginn des Wahlkampfes analysiert, was eine Kulturflatrate kosten würde: http://www.sueddeutsche.de/digital/netzpolitik-gruene-praesentieren-zahlen-zur-kulturflatrate-1.1619387

– Neue Konzepte: ob´s eine nachhaltige Idee ist, wird sich zeigen. Der bekannte Blogger Sascha Lobo hat eine neue Buchhandelsplattform namens Sobooks gegründet. Die Bücher sind interaktiv – der Käufer kann die Bücher durch Kommentare und Anmerkungen erweitern. 

– Etwas weniger abenteuerlich: Die Huffington Post gibt es jetzt auch in Deutschland. Das wichtigste Alternativmedium der USA will sich auch in Deutschland etablieren. Die Inhalte beruhen allesamt auf kostenlosen Beiträgen namhafter oder auch weniger namhafter Blogger. Namhaft ist zumindest der deutsche Chef dieses Mediums: Cherno Jobatey.

– Am 3. November wäre Albert Camus 100 Jahre alt geworden. Auf ARTE gibt es für kurze Zeit eine beeindruckende Reportage zu sehen. „Lektüre für das Leben“ berichten Künstler davon, wie sehr sie von Albert Camus beeinflusst wurden. Mehr zu Albert Camus in Kürze auf www.kultur-magazin.de.

    Schlaglöcher für den Fassadenmenschen

    “Es gibt zwei Arten, sein Leben zu leben:
    entweder so, als wäre nichts ein Wunder,
    oder so, als wäre alles ein Wunder”.
    – Albert Einstein.
    “Die beste Tarnung ist die Wahrheit.
    Die glaubt einem sowieso keiner.”
    – Max Frisch.

    Es tobt ein Kampf in dieser Welt. Ein innerer Kampf. Ein Kampf der moralingeschwängerten Gutmenschen. Diese ewigen, naiven Weltverbesserer. Der Sinn ihres Kampfes besteht darin, nicht zu resignieren. Wie sehr sie auch belächelt werden, die Gutmenschen. Wie sehr die anderen auch glauben, etwa besser erkannt zu haben: die Gutmenschen glauben, das eigene Handeln daran zu orientieren, wie die Welt sein könnte und nicht, wie sie ist.

    Ich plädiere daher nachhaltig dafür, die Mittelmeer-Kreuzfahrten zu erweitern. Von Giglio aus und dem betroffenen Ergötzen am Wrack der Costa Concordia und seinen 30 Toten weiter südlich. Ein paar Seemeilen nur. Vom dekadenten Wrack, gesteuert von einem dekadenten Kapitän mit dekadenten Menschen an Bord, zum Live-Programm. Brot und Spiel, Feuer und Wasser – in Lampedusa. Dort – live – die dreifache Anzahl Toter.

    Ergötzen macht mit Zynismus zehnmal so viel Spaß.

    Fundstück aus dem Internet:
    Wem kann man dann einen Vorwurf machen? 
    Den Flüchtlingen, die sich in die Nussschale setzen – es zwingt sie ja schließlich niemand dazu?

    Das Gegenteil vom Gutmenschen ist der Ergötzende. Jemand, der keine Schlüsse aus dem Gesehenen ziehen will, der sich lieber satt sehen will, übersehen quasi, ergötzend die Frage stellend, warum soll gerade ich feistes Schwein, das hart an dem Wohlstand dieser Gesellschaft mitgearbeitet hat, meinen Beitrag für die Umsetzung ethischer Prinzipien leisten? Ich, schließlich, trage mit dem Zufall, dass meine dekadente Existenz in ein mir wohlgefälliges Gefüge hineingeboren wurde, dazu bei, dass es uns gut geht.

    Ja lasst uns doch lieber über Rauchverbote in Kneipen diskutieren, ihre dramatischen Folgen für die Kneipenkultur unseres Landes. Lasst uns darüber sprechen, wie die Schlaglöcher auf deutschen Straßen tiefe Gräben in unsere Kultur reissen. Lasst uns – mein Lieblingsmotiv – darüber tief beseelt nachdenken: Warum frisst Bata Illic im Dschungelcamp Kakerlaken?
    Lasst uns loben den Herrn für Bischöfe, die First Class in die Dritte Welt reisen, um sich am Elend in Slums zu ergötzen. Ja, hier, bei uns. Im Bistum nebenan.

    Allein, um das zu sehen werden alle zu uns kommen. Alle. Die Wohlstandsflüchtlinge. Sie wollen in unsere hart erarbeitete Realität, der die Ausbeutung und das Ergötzen ja so fremd sind.

    Warum der deutsche Staat Waffen nach Somalia exportiert? Könnte das ein Grund dafür sein, dass Menschen dort ohne zu Zögern ihre Existenz aufgeben? Oh, was für ein Idealismus bricht sich hier Bahn! Waffen von Reichen, mit denen Arme abgeschlachtet werden. Wie naiv ist das doch. Wie niedlich.

    Wenn überhaupt, dann kommen Flüchtlinge nur für das Weihnachtsgeschäft in Frage, dann sollte man ihnen eine Aufenthaltsgenehmigung ausstellen. Damit sie für zwei Euro die Stunde Pakete für das dekadente Weihnachtsgeschäft sortieren. Unter Aushebelung sämtlicher Maßstäbe, die sich aus Menschenrechten ergeben.

    Lasst sie doch deutsche Straßen teeren, die wohlstandsgeilen Wohlstandsflüchtlinge (<- ganz fetter Kandidat für das Unwort des Jahres!). Lasst sich doch genauso hart arbeiten, wie wir Deutsche! Wir haben schließlich unser Wirtschaftswunder ganz allein geschafft. Und dann, wenn sie die Schlaglöcher beseitigt haben, dann dürfen sie mal bei ALDI einkaufen gehen. Dafür haben sie schließlich ihr Heimatland verlassen. Eine große Chance auf das Ersaufen verpasst. Eingetauscht gegen das Schlangestehen beim Discounter. Wer sich das vor Augen führt, weiß, wie schlecht es diesen Menschen gehen muss.

    Schlaglöcher. Schlaglöcher sind heute unser Problem.

    Nein, nicht die auf den Straßen. Die 18 Löcher der Wohlstandsrepräsentanten. Sie hätten es in der Hand. Aber sie sind nur … Fassadenmenschen.

      Fassadenmenschen

      Wenn Fassaden Spiegel wären
      Und ein Gesicht könnt dann entbehren
      Den Teil der es uns möglich macht
      Zu erkennen wofür man lebt und schafft

      Die Welt wäre ein Spiegelsaal
      Mit Idealen voll und stets die Wahl
      Zwischen Tugend, Moral und Sachverstand
      Der Gutmensch nicht vor Fassaden verkannt

      Aber Spiegel finden sich in Fassaden nun wirklich nicht
      Sie zeigen weder Ehrlichkeit noch ein wahres Gesicht
      Sie zeigen nur den Schein, die Blässe
      Auf dass der Mensch für sich ganz schnell vergesse

      Dass er zu Höherem geboren ist
      und bei Lebzeiten nie so ganz vergisst
      Einreißen von Fassaden ist die wahre Stärke
      Drum auf, Fassadenmensch, schreite zu diesem Werke!

      Lass uns Hoffen und gib uns Zuversicht
      Fassaden im Einklang mit Deinem Gesicht
      Lass nicht zu, dass Dir einer den Spiegel vorhalten muss
      Und Du geblendet von Geld und Feistigkeit im Überfluss

      Gib den Gutmenschen Deine Hand
      Du hast ihn schon zu lange verkannt
      Der Idealist, er hat Dein Gesicht
      Nur Du allein, Du siehst es nicht.