Was gut ist, polarisiert …

Eine interessante These, die ich in den letzten Tagen mehrfach gelesen habe. Kann ich nicht ganz teilen. Ich würde sagen, etwas das polarisiert, ist wichtig. Ob es gut ist, ist eine Frage des subjektiven Urteils, des Geschmacks. Polarisierung bedeutet, dass sich Menschen aus konträren Sichtweisen Gedanken machen. Sich vielleicht näher kommen. Vielleicht beginnen, Argumente zu übernehmen. Zumindest zu verstehen. Polarisation ist Austausch. Ist sozial. Ist Menschlichkeit. Etwas, das ganz stark polarisiert ist HEAVEN, die neue Single von DEPECHE MODE. Sichtbar wird die äußerst unterschiedliche Wahrnehmung dieses neuen Songs in den Beiträgen der entsprechenden Foren. Man sei kein richtiger Fan, wenn man diese ungewöhnliche Ballade gut fände – oder – man habe keine objektive Wahrnehmung, wenn man sich den Song “schön hören” müsse. Die oftmals sehr langen Beiträge in den Foren zeigen, wie sehr sich die Fans mit dieser Frage beschäftigen. Je mehr sich also die Polarisierung in einem einzelnen Menschen zeigt, umso mehr Zeit verbringt er auch damit. Polarisation ist also auch in einem Teilaspekt der Selbstreflexion eine Ergründung des Ichs. In dem ich erkläre, warum mir etwas zusagt oder nicht, ergründe ich mich selbst. Polarisation ist also Selbsterkenntnis. Und Selbsterkenntnis ist die Basis des Handelns. Naja – sie sollte die Basis des Handelns sein … Bevor ich zum eigentlichen Kern dieses Postings komme, hören wir uns HEAVEN einmal an:

I dissolve in trust
I will sing with joy
I will end up dust
I´m in Heaven
Ob etwas zwischen diesen Extremen der Wahrnehmung hängt und das Potential hat, sich von der Gewöhnlichkeit zu erheben, hängt stark davon ab, ob die oder der Produzent des Gegenstands, der polarisiert, sich dessen bewusst ist. Der Gegenstand, über den diskutiert wird, muss also das Potential, eine Art höheren Wert in sich bergen, der über jeden Diskurs erhaben ist. Ein Gegenstand der Wahrnehmung, der dazu in der Lage ist, nennt man Kunst. Den anhängigen Diskurs dazu nennt man “Kultur”. DEPECHE MODE als Stellvertreter von Musik (man könnte sicherlich jede andere Band, jede andere Stilrichtung heranziehen) sind deswegen Künstler, weil das Potenzial eines Liedes und vermutlich all ihrer Lieder, Teil eines Diskurses, Teil der Kultur ist. Keine bahnbrechende Erkenntnis, natürlich, aber der entscheidende Gedanke ist die Rückführung zu dem, was polarisiert: Würde etwas nicht kunst- und gehaltvoll sein, dann würde es nicht polarisieren. Es ist ein Qualitätsmerkmal, unabhängig von dem Geschmack der Individuen, wenn etwas Menschen dazu anregt, sich in Hunderten von Statements dazu äußern zu wollen. Qualität bedeutet dann, dass etwas wichtig ist. Ob es gut ist, bleibt eine Frage des Geschmacks. (HEAVEN finde ich übrigens, ausgesprochen gut … 😉 )

Vorfrühling

In viel zu wenigen Momenten
Einer an sich schon viel zu kurzen Zeit
Für ein Wandeln
Allein unter vielen
Vergesse diese wenigen Momente
spärlichen Lichtes
gedimmter Dämmerung
an kalten Wintertagen
Alles um uns herum
Vergänglichkeit getarnt
in Wiederkehr
Da erzählt uns ein Licht
nebenbei und unvermittelt
von einem neuen Anbeginn
Ein Weigern zu Erfrieren
macht sich breit
Blick in den blauen Himmel

erleichtert eine Zeit

Das Licht der 70er Jahre

Ich mag mich ehrlich gesagt nicht festlegen. Ob ein Jahrzehnt ein besonderes Licht hat, in dem es erscheint. Es ist aber eine Tatsache, dass Modedesigner und Designer von alltäglichen Gegenständen, bis hin zu Ingenieuren von den großen Dingen, die wir im Alltag sehen, unsere Wahrnehmung stark beeinflussen. Pastell-Farbtöne, typisch für die 80er Jahre, haben das Licht anders reflektiert, als es die eher blassen Farben der 70er taten. Farbfilme hatten einen anderen Farbumfang und längst nicht die Qualität von Digitalaufnahmen mit hochauflösenden Chips, Weitwinkeln und Panoramafunktionen. Aber ich will nicht davon reden, wie diese Zeit festgehalten wurde, sondern, wie sie gewirkt hat. Sie hat anders gewirkt, als die Gegenwart. Sie hat ihr eigenes Spektrum einer Wahrnehmung gehabt. Dieses Spektrum versteckt sich in der Gegenwart.
Wenn Häuser abgerissen werden, dann scheint die Sonne an Hauswände mit Farben, die heute gar nicht mehr oder kaum noch benutzt werden. Es sind minimalste Nuancen, die über die Wahrnehmung entscheiden. Wenn Wandschmuck abgenommen wird, kommen diese typischen geometrischen Formen von Tapeten aus den 70er Jahren zum Vorschein. Alte Technik funktioniert am besten mit Discokugeln. Die Beleuchtung stammt zum Teil noch aus diesem Jahrzehnt. Ja es wirkt beinahe so, als sei das ganze Gebäude um diese Lampen, die futuristisch aus den 50er oder 60er Jahren stylecht heraus geklont und postmodern mutiert sind, herumgebaut worden.
Der Nachklang der Postmoderne, das Zeitalter zu dem wir uns hinbewegen oder dem wir als Generation des Übergangs den Weg ebenen, ist ein Zeitalter des Reflektierens. Wir reflektieren dass, was damals schon da war, heute noch ist und nur auf das passende Licht, den passenden Einfallswinkel wartet. Vielleicht auch auf die richtige Perspektive. Wir müssen nicht mal nur über Licht reden – Musik, Gerüche, Jingles tun es auch. Licht ist der Reiz, der am ehesten das Erinnerungszentrum anreizt. Die tief orange Mirinda, Gockel Konstantin, Enuchengesang toter BeeGees. Das Licht in dem sie erscheinen machen Ikonen zu Ikonen ohne, dass sie solche sein wollen.
Es mag auch der eigenen Befindlichkeit angehaftet sein. Die Kindheit hatte vielleicht ein spezielles Licht. Ein Teil des Verstands liess sich noch prägen, noch vernarben mit Sinneseindrücken. Ja, das ist sehr gut möglich, beginnen doch die ersten klaren Erinnerungen mit der Schulzeit und die hatte eine 8 als Jahrzehnt.
Wir brauchen uns auch im Hier und Jetzt nicht einzubilden, dass diese und kommende Zeiten, bei Zeiten mit technischer Brillianz, unvergilbar und ewig modern, gigapixelig, diesen nostalgischen Schimmer verbergen könnten. Er wird bei Zeiten hindurchbrechen, vielleicht von ganz unten. Röhrenfernseher werfen andere Farben, haben einen anderen Schimmer eingefangen. Ein anderer Schatten fällt auf das Subjekt im Heute, wo man sich noch Telefone an das Ohr hält, solche die kleiner sind, als die Knochen vergangener Jahrzehnte. Das Licht strahlt zurück in den Himmel, reflektierend von Menschen, allesamt mit ihren Händen nicht dort, wo sie noch vor Jahrzehnten Trümmer beseitigten. Aus dem Schwarz/Weiß geboren, strahlt es zurück vom Ursprung in ein Denken mit ebensolchen Kontrasten. Wir leben nur, weil wir uns in Grautönen tummeln und selbst unsere Komplementärfarben sind.

Mein Licht der 70er Jahre ist das Licht meiner Kindheit. Sie scheint nicht mehr, aber es ist überall.