Das verlorene Notizbuch

Es muss aus einer kleinen Öffnung, einem nicht ganz geschlossenen Reißverschluss meines Rucksacks herausgefallen sein. Das kleine Notizbuch, fast voll geschrieben.  Nur noch ein gutes Dutzend Seiten waren frei. Es lag immer neben mir auf der Couch, neben dem Radiowecker, auf dem Schreibtisch oder in der Jackentasche. Kurze Notizen, aufgeschnappte Zitate, Gedankensplitter.
Die wichtigsten Inhalte wurden eh immer direkt transponiert. Sie wurden eingebaut, in die vielschichtigen Texte, an denen ein Autor ja ständig arbeitet. Oder sie wurden als Anekdote, als Aphorismus im elektronischen Tagebuch abgelegt.
Jetzt hat vielleicht jemand dieses Notizbuch gefunden. Und meine größte Befürchtung: wenn das jemand findet und aus meinen Gedanken etwas bessere macht, als ich selbst. 
Oder, ganz banal und naheliegend (das Banale liegt immer sehr nahe, falls Sie das noch nicht gemerkt haben sollten): in welches Notizbuch schreibt man die Anekdote eines verlorenen Notizbuches? Wo ist die Henne, die das Ei gelegt hat, welches sich der Frage entzog, ob es sogar vor der Henne da gewesen ist?
„Dagewesen“ – man sollte dies als neues Substantiv einführen. Das Dagewesen als Sammelsurium dessen, was ist und dessen Herkunft oder dessen Verschwinden im gleichen Maße unbestimmt ist.
Als es an der Tür klingelte und der ehrliche Finder das Notizbuch abgeben wollte, war ich selbst in einem Dagewesen. Ich bin nicht da gewesen. Und da war es wieder. Im Briefkasten. Ich bin ein DageWESEN.
Da.
In den Zeilen des Notizbuches.
Da bin ich gewesen.

Überall.

Ein Schweigen ist ein Rufen

Wenn Regentropfen ein Morsecode sind
Kommt eine Nachricht aus dem Himmel

Ein Fensterbrett wie ein Empfänger
Alleine für mein Ohr gemacht

Bin ich in der Lage
Diese Nachricht wohl zu hören

Tropfen für Tropfen
Des Schöpfers Kauderwelsch

Mir anzutun
Wie selbstverständlich

In allem und auch solchem
Eine Melodie zu erkennen

Ist selbst in allem und auch solchem
Für mich doch soviel zu verstehen

Glaube mir, so glaube mir
Ein Schweigen ist ein Rufen.

Flüchtigkeit

Eine Chance, ein Moment zum Einklang
Der Blick vorbei an meinem Gemüt
Vorbei, hinweg, vergehen, ein Zwang
als sei man nur um das Nichts bemüht.
Schöne Augen, ein noch schöneres Gesicht
flüchtige Berührungen, ich verstehe nicht
Wie sich aushalten lässt die Flüchtigkeit
Eine Zeit vorbei in Nichtigkeit.
Der Einklang würde in Horizonte steigen
Immer wieder ist mir dieser Zweifel eigen
Als würde sich die Seele zum Abgrund neigen
Nur um endlose Dunkelheit zu zeigen
Wundervoller Augenblick, ein noch schöneres Gesicht
Als müsste ich noch länger warten, doch ich verstehe nicht
Dem Zweifel seine tiefe Nichtigkeit

Ihm zu widerstehen sei von Wichtigkeit.

Jenseits allen Unzulänglichkeiten

Jenseits allen Unzulänglichkeiten
Diesseits allem Begehren
Aufgetan in diesen Widrigkeiten
Des Alltags wo nur Blicke gewähren
Was mit Magie Sie mir für mich entrückt
Und dort Bahn bricht für so manchen Gedanken
Als sei eine wichtige Begegnung endlich geglückt
Dem Zufall entkommen aus seinen Schranken
So ein Begeistern kann nur wie ein Atmen beginnen
Immerfort, andauernd, aufgetan in allen Sinnen
Jenseits allen Unzulänglichkeiten

Schwinden alle Widrigkeiten.