Der Visionär – ein Stinker, eine Heulsuse?

Steve Jobs selbst hat diese Biographie autorisiert. Isaacson, der zuvor mit Biographien über Albert Einstein und Henry Kissinger bekannt geworden ist, hat – ohne es vermutlich in dem Moment, in dem er den Auftrag annahm – mit dieser Biographie seinen größten Coup gelandet. Nicht nur in Deutschland ist dieses Buch seit Wochen auf den vorderen Plätzen der Bestsellerliste zu finden.

Von Peter Killert.

Killert 92Sicher trägt der tragische Tod des Apple – Gründers dazu bei. Die Frage, ob diese Biographie auch ohne Tod von Steve Jobs ein Bestseller geworden wäre, erübrigt sich. Ich behaupte dennoch, dass dies so wäre. Dabei hatte Isaacson lange gezögert, dieses Buch überhaupt zu schreiben. „Wenn Sie über meinen Mann schreiben wollen, dann sollten sie jetzt mit ihrer Arbeit beginnen.“, sagte die Ehefrau von Jobs Ende 2008 zu dem Autor, ahnend, was das Schicksal bereithielt.

Zunächst hat Isaacson ein spannendes Buch über die Entstehung des Heimcomputers und wie er die Welt verändert hat geschrieben. Menschen, die eine Affinität zu Computern haben oder die in den 80er Jahren den langsamen Siegeszug dieser Geräte bis zur heutigen Dominanz im Alltag miterlebt haben, werden dieses Buch ungleich spannender finden als Menschen, die sich einen spannenden Einblick in die Seele eines Menschen versprechen. Letzteres liefert Isaacson zwar auch – er konzentriert sich aber auf technische Entwicklungen.

Wir wissen nicht mehr, wer das Rad erfunden hat. Es ist eine so banale Erfindung, dass wir uns gar nicht vorstellen können, wie man ohne diese Selbstverständlichkeit jemals auskommen konnte. Sie vermuten jetzt sicher, dass ich auf den MP3 Player anspreche, auf das Telefon mit Touchscreen, dass nicht mehr wegzudenken ist. Nein, mache ich nicht. Das wäre banal.

Wir wissen, wer zum ersten Mal Mikroprozessoren für den Privatgebrauch eingekauft und auf einer Platine so zusammengelötet hat, dass ein Heimcomputer entstanden ist: das war Steve Wozniak, neben Steve Jobs Firmengründer von Apple. Wir wissen, wer die erste graphische Oberfläche für ein Betriebssystem entwickelt hat. Das war die Firma XEROX (richtig, die mit den Kopierern), die Firma, bei der Steve Jobs die Idee für ein lächerliches Apple Aktienpaket eingekauft hat. Wir wissen, Musik zuerst in ein komprimierbares Format umgewandelt und unter die Menschen gebracht hat – Napster, vor gerade Mal zehn Jahren.

Es gibt aber nur eine Person, die das Potenzial hinter alle dem erkannt hat. Diese Person hat nicht das Rad erfunden, sondern alles andere gleich mit dazu, insbesondere das Geschirr für die Pferde, die den Wagen ziehen. Diesen Eindruck bekommt man von Steve Jobs beim Lesen der Biographie. Aus dem scheinbar Banalen das Zukunftsträchtige erkennen und vermarkten – das war die Stärke dieses Ausnahmemenschen.

Besonders zu Beginn von Apple und bei der Entwicklung des MacIntosh wird das deutlich. Wozu eine Maus, wenn die Tastatur Cursortasten hat? Wozu eine ressourcenfressende graphische Oberfläche? Das kauft doch keiner. Steve Jobs war außerdem in der Lage dieses Potenzial gegen mehr als rationale Widerstände durchzusetzen. Neuerungen machten ihm keine Angst. Die scheinbaren Widersprüche zwischen konsequenter Askese und unsäglichem Reichtum lösten sich auf in der Kraft, diese Widerstände aufzulösen.

Dabei beschreibt Isaacson Steve Jobs keinesfalls als „iGod“ oder als den Messias unserer Zeit. Keineswegs. Steve Jobs kommt eigentlich ganz schlecht weg. Die Ablehnung seiner Tochter Lisa, deren Mutter er bezichtigt, es mit halb Kalifornien getrieben zu haben und zu der er erst sehr spät eine Beziehung aufbaut. Dann der penetrante Körpergeruch, der ihn umgibt, ausgelöst durch seine bizarren veganischen Ernährungsgewohnheiten. Der verachtenswerte Umgang mit denen, die ihm im Weg standen. Und die vielen Fehler, die vielen falschen Einschätzungen, die seine Firma NeXT zum Misserfolg werden ließen.

Isaacson malt ein sehr rationales Bild und das kuriose dabei ist, das Steve Jobs durch dieses Bild seine Bedeutung behält. Man fragt sich an vielen Stellen, wie so jemand derartig das Leben von so vielen Menschen verändern konnte. Einerseits die Askese – Steve Jobs hat zum Beispiel niemals richtig ein Haus oder eine Wohnung eingerichtet – andererseits das große Verlangen nach Erfolg und Anerkennung. Sicher kann man behaupten, dass Geld und Zahlen für Jobs persönlich keine Rolle gespielt hätten. Schaut man aber im Internet seine Keynotes noch einmal an, dann fällt auf, dass sich Jobs zwei Drittel der Zeit mit Zahlen beschäftigt. Wie viele Macs wurden verkauft, wie viele Songs, wie groß der Marktanteil. Isaacson beantwortet diesen Widerspruch nicht – vielmehr sieht er in ihm die Triebfeder dieser Energie. Dazu gehört die Weinerlichkeit, die Isaacson immer wieder anspricht. Waren die Menschen gegen ihn, dann begann Jobs zu weinen – eine solche Situation wird von Isaacson mehrfach beschrieben.

Am Ende kann kein Geld der Welt, keine Energie, kein Ärzteteam den Lauf des Schicksals ändern. Was bleibt ist eine Gewissheit, die man vor dem Lesen dieser Biographie gar nicht hat glauben mögen: der Erfolg der Apple Produkte und ihr Erfolg hängen wirklich mit dieser einzelnen Person zusammen. Es gibt keinen Weg für Apple, dieses Image ohne einen Menschen wie Jobs aufrecht zu erhalten. Jobs war eine Ausnahmepersönlichkeit von der er es in jeder Generation nur eine Handvoll gibt. Die Pionierzeit der Computerindustrie ist endgültig vorbei. Wie oft fällt so ein Statement mit dem Ende des Lebens eines solchen Pioniers zusammen? Nur dann, wenn ein Biograph dies in einem höchst interessanten Buch manifestiert.

(Grundlage für diese Rezension war übrigens die eBook Variante der Biographie. Die vielen Übersetzungs- und Rechtschreibfehler in der Druckversion, kann ich nicht bestätigen.)

Über die Funktion und ihre Bedeutung

Und nun, um die Gedanken zu einem Abschluss zu bringen, stellt sich die Frage nach der “Funktion” eines Individuums in einer Gesellschaft. Transparenz zeigt die mögliche Differenz des Handelns eines Individuums zu der Relevanz seiner Funktion. Relevanz wiederum ist die Symbiose aus Erkenntnis und Mündigkeit. Was aber ist eine Funktion?

Mathematisch gesehen ist eine Funktion eine Gleichung, die einen Zusammenhang symbolisiert. Eine Funktion lässt sich immer graphisch darstellen. Umgekehrt existiert eine Funktion, wenn ein Zusammenhang eine graphische Darstellung zulässt. Setzen wir die graphische Darstellung mit der Erscheinung und dem Handeln eines Individuums gleich, so ergibt sich daraus, dass eine Funktion das notwendige, das zu erwartende Handeln eines Individuums beschreibt.

Ein Individuum, das eine Funktion ausfüllen soll, muss also demnach diese Funktion verkörpern und muss diese Funktion verinnerlicht haben. Es macht also keinen Sinn, wenn ein Bäckermeister, der sehr viel von seinem Handwerk versteht, die Funktion eines Immobilienmaklers einnimmt. Der Funktion steht also in einer Gleichung die Bedeutung gegenüber.

Wie aber wird die Bedeutung bestimmt? Die Bedeutung kann nur von außen bestimmt werden, d.h. ich kann glauben, dass ich meine Funktion erfülle – ob es so ist, kann nur von außen beurteilt werden. Die Funktion des Menschen ist das Miteinander, ihre Bedeutung ist das Füreinander. Kein Mensch kann auch nur ansatzweise eine Funktion ausfüllen, wenn nicht mindestens ein anderer Mensch in dieser Funktion ihre Bedeutung sieht.

Selbst die Ausgrenzung eines Menschen, die bewusste Abgrenzung von allem Sozialen, ist eine Funktion, welche in ihrer Bedeutung von anderen Menschen gesehen wird. Füreinander und Miteinander haben also keine Funktion an sich – das Menschsein ist wertneutral. Füreinander und Miteinander funktioniert auch Ohne einander.

Mehr noch – eine Funktion eines Menschen hat nichts mit dem Sinn zu tun. Wer erinnert sich noch an den Bäckermeister, der hier vor 300 Jahren seine Funktion ausgefüllt hat. Die Funktion eines Menschen auszufüllen ist ein einfaches Funktionieren. Wie leer die Sprache doch werden kann, wenn man sie ihrer idealen Interpretation beraubt.

Die Funktion eines Menschen ist sein Handeln zu einem Zweck, der nicht sein Selbstzweck ist. Die Funktion eines Menschen ist sein Dienst am Menschsein. Sie wird ihn nicht ausfüllen – aber sie lässt ihn leben im Miteinander, im Füreinander, ohne einander Sinn zu verleihen.

Was gut ist, polarisiert …

Eine interessante These, die ich in den letzten Tagen mehrfach gelesen habe. Kann ich nicht ganz teilen. Ich würde sagen, etwas das polarisiert, ist wichtig. Ob es gut ist, ist eine Frage des subjektiven Urteils, des Geschmacks. Polarisierung bedeutet, dass sich Menschen aus konträren Sichtweisen Gedanken machen. Sich vielleicht näher kommen. Vielleicht beginnen, Argumente zu übernehmen. Zumindest zu verstehen. Polarisation ist Austausch. Ist sozial. Ist Menschlichkeit. Etwas, das ganz stark polarisiert ist HEAVEN, die neue Single von DEPECHE MODE. Sichtbar wird die äußerst unterschiedliche Wahrnehmung dieses neuen Songs in den Beiträgen der entsprechenden Foren. Man sei kein richtiger Fan, wenn man diese ungewöhnliche Ballade gut fände – oder – man habe keine objektive Wahrnehmung, wenn man sich den Song “schön hören” müsse. Die oftmals sehr langen Beiträge in den Foren zeigen, wie sehr sich die Fans mit dieser Frage beschäftigen. Je mehr sich also die Polarisierung in einem einzelnen Menschen zeigt, umso mehr Zeit verbringt er auch damit. Polarisation ist also auch in einem Teilaspekt der Selbstreflexion eine Ergründung des Ichs. In dem ich erkläre, warum mir etwas zusagt oder nicht, ergründe ich mich selbst. Polarisation ist also Selbsterkenntnis. Und Selbsterkenntnis ist die Basis des Handelns. Naja – sie sollte die Basis des Handelns sein … Bevor ich zum eigentlichen Kern dieses Postings komme, hören wir uns HEAVEN einmal an:

I dissolve in trust
I will sing with joy
I will end up dust
I´m in Heaven
Ob etwas zwischen diesen Extremen der Wahrnehmung hängt und das Potential hat, sich von der Gewöhnlichkeit zu erheben, hängt stark davon ab, ob die oder der Produzent des Gegenstands, der polarisiert, sich dessen bewusst ist. Der Gegenstand, über den diskutiert wird, muss also das Potential, eine Art höheren Wert in sich bergen, der über jeden Diskurs erhaben ist. Ein Gegenstand der Wahrnehmung, der dazu in der Lage ist, nennt man Kunst. Den anhängigen Diskurs dazu nennt man “Kultur”. DEPECHE MODE als Stellvertreter von Musik (man könnte sicherlich jede andere Band, jede andere Stilrichtung heranziehen) sind deswegen Künstler, weil das Potenzial eines Liedes und vermutlich all ihrer Lieder, Teil eines Diskurses, Teil der Kultur ist. Keine bahnbrechende Erkenntnis, natürlich, aber der entscheidende Gedanke ist die Rückführung zu dem, was polarisiert: Würde etwas nicht kunst- und gehaltvoll sein, dann würde es nicht polarisieren. Es ist ein Qualitätsmerkmal, unabhängig von dem Geschmack der Individuen, wenn etwas Menschen dazu anregt, sich in Hunderten von Statements dazu äußern zu wollen. Qualität bedeutet dann, dass etwas wichtig ist. Ob es gut ist, bleibt eine Frage des Geschmacks. (HEAVEN finde ich übrigens, ausgesprochen gut … 😉 )