Vorfrühling

In viel zu wenigen Momenten
Einer an sich schon viel zu kurzen Zeit
Für ein Wandeln
Allein unter vielen
Vergesse diese wenigen Momente
spärlichen Lichtes
gedimmter Dämmerung
an kalten Wintertagen
Alles um uns herum
Vergänglichkeit getarnt
in Wiederkehr
Da erzählt uns ein Licht
nebenbei und unvermittelt
von einem neuen Anbeginn
Ein Weigern zu Erfrieren
macht sich breit
Blick in den blauen Himmel

erleichtert eine Zeit

Das Licht der 70er Jahre

Ich mag mich ehrlich gesagt nicht festlegen. Ob ein Jahrzehnt ein besonderes Licht hat, in dem es erscheint. Es ist aber eine Tatsache, dass Modedesigner und Designer von alltäglichen Gegenständen, bis hin zu Ingenieuren von den großen Dingen, die wir im Alltag sehen, unsere Wahrnehmung stark beeinflussen. Pastell-Farbtöne, typisch für die 80er Jahre, haben das Licht anders reflektiert, als es die eher blassen Farben der 70er taten. Farbfilme hatten einen anderen Farbumfang und längst nicht die Qualität von Digitalaufnahmen mit hochauflösenden Chips, Weitwinkeln und Panoramafunktionen. Aber ich will nicht davon reden, wie diese Zeit festgehalten wurde, sondern, wie sie gewirkt hat. Sie hat anders gewirkt, als die Gegenwart. Sie hat ihr eigenes Spektrum einer Wahrnehmung gehabt. Dieses Spektrum versteckt sich in der Gegenwart.
Wenn Häuser abgerissen werden, dann scheint die Sonne an Hauswände mit Farben, die heute gar nicht mehr oder kaum noch benutzt werden. Es sind minimalste Nuancen, die über die Wahrnehmung entscheiden. Wenn Wandschmuck abgenommen wird, kommen diese typischen geometrischen Formen von Tapeten aus den 70er Jahren zum Vorschein. Alte Technik funktioniert am besten mit Discokugeln. Die Beleuchtung stammt zum Teil noch aus diesem Jahrzehnt. Ja es wirkt beinahe so, als sei das ganze Gebäude um diese Lampen, die futuristisch aus den 50er oder 60er Jahren stylecht heraus geklont und postmodern mutiert sind, herumgebaut worden.
Der Nachklang der Postmoderne, das Zeitalter zu dem wir uns hinbewegen oder dem wir als Generation des Übergangs den Weg ebenen, ist ein Zeitalter des Reflektierens. Wir reflektieren dass, was damals schon da war, heute noch ist und nur auf das passende Licht, den passenden Einfallswinkel wartet. Vielleicht auch auf die richtige Perspektive. Wir müssen nicht mal nur über Licht reden – Musik, Gerüche, Jingles tun es auch. Licht ist der Reiz, der am ehesten das Erinnerungszentrum anreizt. Die tief orange Mirinda, Gockel Konstantin, Enuchengesang toter BeeGees. Das Licht in dem sie erscheinen machen Ikonen zu Ikonen ohne, dass sie solche sein wollen.
Es mag auch der eigenen Befindlichkeit angehaftet sein. Die Kindheit hatte vielleicht ein spezielles Licht. Ein Teil des Verstands liess sich noch prägen, noch vernarben mit Sinneseindrücken. Ja, das ist sehr gut möglich, beginnen doch die ersten klaren Erinnerungen mit der Schulzeit und die hatte eine 8 als Jahrzehnt.
Wir brauchen uns auch im Hier und Jetzt nicht einzubilden, dass diese und kommende Zeiten, bei Zeiten mit technischer Brillianz, unvergilbar und ewig modern, gigapixelig, diesen nostalgischen Schimmer verbergen könnten. Er wird bei Zeiten hindurchbrechen, vielleicht von ganz unten. Röhrenfernseher werfen andere Farben, haben einen anderen Schimmer eingefangen. Ein anderer Schatten fällt auf das Subjekt im Heute, wo man sich noch Telefone an das Ohr hält, solche die kleiner sind, als die Knochen vergangener Jahrzehnte. Das Licht strahlt zurück in den Himmel, reflektierend von Menschen, allesamt mit ihren Händen nicht dort, wo sie noch vor Jahrzehnten Trümmer beseitigten. Aus dem Schwarz/Weiß geboren, strahlt es zurück vom Ursprung in ein Denken mit ebensolchen Kontrasten. Wir leben nur, weil wir uns in Grautönen tummeln und selbst unsere Komplementärfarben sind.

Mein Licht der 70er Jahre ist das Licht meiner Kindheit. Sie scheint nicht mehr, aber es ist überall.

Über die Transparenz

Da sitzt einer von der Piratenpartei in einer TalkShow. Mit Jesuslatschen. Er praktiziert “Transparenz” in dem er während der Sendung mit seinem Smartphone twittert. Die anderen reden nur über Transparenz. Was haben öffentliche Statusmeldungen mit Transparenz zu tun? Was haben diese unsäglichen Piraten den anderen Politikern voraus?

Manche denken, diese Piraten seien nur eine Art Modeerscheinung, die irgendwann wieder von der politischen Bildfläche verschwindet. Das kann durchaus passieren, was aber eher an der Selbstzerfleischung der Parteiinternen liegt, als an den Motiven, die diese Partei überhaupt erst so groß gemacht hat: Der öffentliche Wunsch nach Transparenz.

Was bedeutet Transparenz? – Wenn in den 50er Jahren ein SPD-Kanzlerkandidat bei einer Wahlveranstaltung die Dinge gesagt hätte, wie es ein Peer Steinbrück heute tut, dann wäre das niemals an die Öffentlichkeit gekommen. Es sei denn, ein Journalist der BILD wäre anwesend gewesen und hätte die Tragweite eines Nebensatzes erkannt. Heute muss ein jeder Politiker fürchten, dass noch bevor er den Saal der Veranstaltung verlässt mehr Menschen von unüberlegten Äußerungen Kenntnis erlangen, als in den 50er Jahren Menschen Fernseher besessen haben.

Das ist Transparenz – das Aufdecken von Zusammenhängen, die bei einem Individuum von gewisser gesellschaftlicher Relevanz zusammenlaufen. Transparenz und Relevanz sind zwei Seiten derselben Medaille – und diese wiederum symbolisiert den gesellschaftlichen Wert eines Individuums. Oder: die gesellschaftliche Relevanz leidet unter transparent gemachten Ansichten. Denn zur Relevanz kommt noch die Verbindung zur Funktion des Individuums. Stehen die transparent gemachten Aussagen eines Individuums im Gegensatz zu einer Funktion, so verliert das Individuum an Relevanz.

Transparenz
Transparenz offenbart also den möglichen in einem Individuum manifestierten Widerspruch zwischen seiner Funktion und seiner Relevanz. Möchte also ein Individuum diesen Widerspruch möglichst klein halten, so gibt es dafür nur zwei Möglichkeiten:
1. Utopischer Ansatz: Das Individuum ist so rein, so frei von Widersprüchen, dass es egal ist, wie stark die Transparenz ist – dei Glaubwürdigkeit ist, egal bei welchen Äußerungen, immer gegeben. Diese Option ist sehr unwahrscheinlich.
2. Idealistischer Ansatz: Das Individuum ist nicht frei von Widersprüchen, ist sich diesen aber bewusst. Es versucht diese Widersprüche mit seiner Funktion in Einklang zu setzen, also sich selbst so kritisch zu hinterfragen, dass es die Prinzipien, die es vertritt auch lebt. Dieser Ansatz ist idealistisch und funktioniert nur so lange, wie sich diese Bereitschaft der Prinzipienänderung auch in der Transparenz widerspiegelt.
3. Gewöhnlicher Ansatz: Das Individuum übertüncht seine Widersprüche, mit Floskeln oder mit Lügen. Funktioniert prächtig, wenn die Transparenz nicht wäre.
4. Gewissenloser Ansatz: Das Individuum verkauft seine Widersprüche als Funktion, in dem es in sich die gegebenen Widersprüche der Gesellschaft instrumentalisiert. Man könnte diesen Ansatz auch “liberal” nennen. Man kann nämlich alles als “liberal” bezeichnen, was in seiner Widersprüchlichkeit nur deswegen erhalten werden soll, weil es einen Vorteil für ein Individuum bedeutet.
Es wird deutlich, worauf ich hinaus will: Transparenz ist der Angriff auf die Gewöhnlichkeit. Je mehr Transparenz wir haben, desto mehr muss ich über den Gegenstand nachdenken, über den ich glaube etwas zu sagen zu haben. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr weiß ich über die Zusammenhänge, desto mehr denke ich über die Folgen nach. Und je mehr ich weiß, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass die Relevanz dessen, was ich sage, erhalten bleibt. Und – um das Bild mit den zwei Seiten zu Ende zu führen – je mehr Transparenz desto mehr Dinge treten zu Tage, die die Relevanz eines Individuums in Frage stellen können.
Der Ausweg daraus? – Ganz einfach: Authentizität. Das ist der Begriff, der Relevanz und Funktion eines Menschen in einer Art Symbiose vereint. Ein Mensch ist umso authentischer, je kleiner der Widerspruch zwischen dem was er ist und dem, was der Welt um sich zu suggerieren versucht, nicht nur erscheint, sondern tatsächlich ist. Transparenz ist der Schatten des allgemeines Gesetzes (im Sinne Kants). Ein Schatten, der Konturen verrät.