Ruhe

Für jemanden, der das nicht nachvollziehen kann, ist so ein Urlaub auf einer Insel vermutlich weltfremd. Kaum soziale Kontakte, kein Fernsehen, kaum Internet (beides vorhanden, aber nicht wichtig, denn beides nicht Mittel zum Zweck). Wenn es dann passiert, dass man eingeschneit wird, draußen ein Schneesturm tobt, der Fährverkehr zeitweise eingestellt wird, dann hat man einen Rückzugsort gefunden, den ein Mensch wie ich wirklich braucht. Gemütlichkeit, unglaubliche Ruhe und das Sich-Einlassen auf die Dinge, zu denen man sonst keine Zeit hat. Oder glaubt, keine Zeit zu haben.

Ich bin hier mit Katie Melua, den Soulsavers, mit Kate Bush und The National. Ich bin hier mit Ian McEwan und Derek Parfit. Ich bin hier mit dem großen Berg, über den man gehen muss, wenn man ein Drittel einer großen literarischen Idee schon fertig hat und sich jetzt herausstellen muss, ob sich die schweren roten Fäden, die man so großzügig in den ersten Kapiteln ausgelegt hat, leicht zusammenfügen lassen. Oder nicht. Man ist auch hier, mit der Bereitschaft, alles vielleicht fallen zu lassen. Das ist dann wie die große Düne, die zur grandiosen Aussicht führt und der Weg zu ihr ist mit einem Bohlenweg, auf ihm eine dicke rutschige Eisschicht liegt, nur schwer erreichbar. Kleine, ganz kleine Wagnisse. Und am Ende wird man belohnt – mit unendlicher Weite, klarster Luft und Ruhe. Hatte ich die Ruhe schon erwähnt?

Die Tür des Balkons des Schlafzimmers offen. Kurz vor dem Schlafengehen. Draußen piepen die Wattläufer, die bei einsetzender Ebbe ihr Futter finden. Die letzte Fähre dampft ab, der Leuchtturm wirft seinen monotonen, beruhigenden Lichtkegel auf die Bettdecke. Das sind die acht Nächte des Jahres, in denen ich am besten schlafen kann. Was wie das Klischee einer einsamen Insel anmutet ist wirklich so.

Nach wenigen Tagen ist die Batterie wieder aufgetankt. Dann sucht man nicht nur die unendliche Weite des Strands. Nein, dann gehe ich auch regelmäßig meine Kumpels besuchen. Acht Schafe. Auf einem Deich neben dem Hafen. Ihr Blöken ist wie eine Aufforderung. Zurück mit Dir in Dein Appartement. Du bist genug hier rumgelaufen. Zeit, den Berg zu erklimmen.

Kein Problem. Sieht im Moment zumindest so aus. Ergebnisse gibt es dann hier. Irgendwann. Zum Feinschliff komme ich sowieso nochmal hierher.

Ruhe

Ian McEwan – Am Strand. Rezension.

Ganz nüchtern betrachtet könnte man sagen: Endlich mal eine Liebesgeschichte ohne Happy End. Man hofft ja immer auf ein Happy End. Bei dieser Geschichte wäre diese Lösung aber zu einfach, ja geradezu dämlich gewesen.

 Die Geschichte spielt in England, Mitte der 60er Jahre. Edward und Florence, beide furchtbar ineinander verliebt, verbringen in einem Hotel an einem Strand das Abendessen ihres Hochzeitstages. Das Miteinander der beiden wird in vielen Rückblicken von McEwan detailliert dargestellt. McEwan spielt mit den üblichen Klischees, mit den tiefen, komplizierten Hinwendungen von Menschen zueinander, die eigentlich die Menschen auseinander führen. Florence gehört noch, standesgemäß, zu den Frauen, die sich für ihren Mann aufzusparen haben. So fiebert Edward der Hochzeitsnacht entgegen.

 Wer nun die prüde Frau und den völlig triebgesteuerten Mann erwartet hat … Recht. Und auch wieder nicht. McEwan spart diese Klischees nicht aus – im Gegenteil. Entscheidend sind aber die Gegensätze der beiden. Sie lieben sich nicht nur wegen ihrer Erwartungen füreinander, sondern auch für die tiefen Gegensätze in ihren Charakteren und ihrem Handeln. Aber sie sagen es sich nicht. Nicht wirklich. Diese Gegensätze sind tragendes Leitmotiv. Und weil ein wichtiger Gegensatz unausgesprochen bleibt, ist er es, der in die Katastrophe führt. Wie in keinem mir bisher bekannten Roman entlarvt McEwan die Wesentlichkeiten des Zwischenmenschlichen. Banal ist das Vorspielen von standesgemäßen Nuancen des Präsentierens der eigenen Herkunft. Noch banaler das überpotente männliche Gebaren, dass oft nichts mit Erfahrung, nichts mit wirklicher Männlichkeit zu tun hat. McEwan weiß das. Seine Protagonisten wissen das. Liebende sind immer an einem Neuanfang – alles, was war, greift ein in die Gegenwart und hat seinen Wert doch nur als unwirklicher Schein. Beide machen sich Vorwürfe, beiden fehlen die entscheidenden Komponenten, die nichts mit Trieb, Schönheit oder Erwartungen zu tun haben. Florence ist als Kind von ihrem Vater missbraucht worden. Edward, ihr Ehemann, arbeitet jetzt in der Firma von ihrem Vater. Er ahnt nicht, was in ihr vorgeht. Als es in der Hochzeitsnacht zu einem ersten intimen Kontakt kommt, flüchtet Florence an den Strand vor dem Hotel. Dort kommt es zur entscheidenden Aussprache. Florence ist nicht in der Lage, sich Edward zu offenbaren. Und er nimmt eine plumpe Aussage von ihr hin und wirft sich Jahrzehnte später vor, nicht genügend Geduld aufgebracht zu haben.

 „Sie kannten sich kaum und konnten sich auch nicht kennenlernen, weil ständiges höfliches Verschweigen ihre Unterschiede zudeckte und sie nicht nur aneinander fesselte, sondern auch zugleich füreinander blind machte.“ 

In der Geschichte steckt eine tiefe Tragik. Sie ist nachvollziehbar. Man ahnt ihren Verlauf. Und der Leser stellt sich die Fragen: warum so wenig Geduld, Edward? Warum so wenig Vertrauen, Florence? Und genauso sicher, wie dies die richtigen Fragen sind, genauso sicher ist es, dass sich die beiden Liebenden diese Fragen niemals stellen.

Eingebungen sind Stolpersteine

Ich wollte eine Geschichte mit dem fulminanten Satz  – “Als ich mir abgewöhnt hatte, über Engel zu schreiben …”  – beginnen – aber ich merkte schnell, dass die drei Pünktchen am Ende durch nichts Überzeugendes ersetzt werden können. Dieser Satz, dieser Beginn, ist fulminant, beschreibt er doch einen Teil der inneren Sublimation eines Dichters. Also fulminanter geht es nicht. Ein inneres Zerbersten ist leise – und durch die gewählten Worte bleibt alles in seiner Form. Es ist Kraft. Eine Herzenskraft. Kein Versagen.
Aber – das ist pure Effekthascherei. Künstliche Künstlichkeit. Doppelt gemoppeltes, inneres Gefälle, zum Bersten gebracht.
Nach so einem Satz bleibt nichts übrig. Die Engel sind ja nur Platzhalter. Für alle diejenigen Abstraktionen in mir, die sich auch mit Hoffnung beschreiben lassen, mit Sehnsucht melodramatisieren und mit Lyrik modelieren lassen. Sie lassen sich mit Schicksal erklären, mit Freiheit umschreiben und mit Liebe begründen. Nehme ich diesen Platzhalter heraus, bringe ihn zum Zerbersten, dann finden die Eingebungen ihre innere Hülle nicht mehr.
Es wäre so, als würde ich mir selbst die Flügel aufsetzen. Nein, das sieht nicht aus. Das passt nicht.
Zurückrudern also. Die Fulminanz herausnehmen, aber die Intention bewahren. – “Als ich merkte, dass der Engel seine Strahlkraft verloren hatte …” – nein, das ist auch nicht gut. Es passt nicht. Weil es nicht stimmig ist.
Ein Engel ohne Strahlkraft ist gar kein Engel. Es wäre so als würde ich schreiben “Als ich auf dem nicht mehr weissen Schimmel ritt …”
Ich will weg von den Engeln. Ich suche nach einer Metapher für eine Metapher. Nach einer universellen Variable. Weglassen von Variablen führt zu einer banalen Aussage. Ohne Mehrwert. Aber eine aussagekräftige Variable muss sein.
Engel bleibt Engel. Es gibt nur zwei Wörter, die in ihrer Strahlkraft stärker sind: Herz und Liebe. Engel, Herz und Liebe. Herz und Liebe sind individuell. Engel ist die Abstraktion von Lyrik, Schicksal, Freiheit.
Von hinten durch die Brust ins Auge: Manche Eingebungen sind wie Stolpersteine. Egal welche Form sie haben. Sie bleiben Stolpersteine. Dabei ist es so einfach:

“Als ich mir abgewöhnt hatte, nach einem Ersatz für einen Engel zu suchen …”

Seele baumelt.

Die Zeit, in der der Akku aufgeladen wird. Jener Innere, welcher Kraftquelle für dort liegenden Kompass ist. Wenn die Seele baumelt, wird das Gemüt eingeordnet. Diese Zeit ist die Reise zu einer Suche. Der Schatz an den Enden des Regenbogens. Ja, da wird jede Metapher zu klein. Da steigt der Anspruch des Dorfpoeten, wieder neue lyrische Bilder zu finden. Sie sind hier versteckt, wie der Sand am Meer. Manche Bilder lassen wir aus. Selbstfindung. Oder so etwas. Ist zu billig. Lassen wir weg.
Die Phantasie erlaubt die Spurensuche – zuerst erlischt, beim ersten Baumeln der Seele, die dumpfe Uninspiriertheit. Sonnenuntergänge haben wieder Geltung. Sind nicht mehr länger die Vorboten eines neuen Tags im Alltag. Sind nicht mehr länger stummer Abgesang einer Tretmühle. Wenn die Seele baumelt, dann nicht wie an einem Strick, nein vielmehr zehenspitzfindig, touchierend, eine Oberfläche. Was zugleich den Wind aufleben lässt. Ja, besonders die kalten Jahreszeiten sind schön, höchstens ein bisschen Vorfrühling gönne ich meinem Gemüt, bis hin zum Kitsch: Der Tee, der Rotwein, der Kerzenschein. Es gibt Orte, die sind so schön, die zeigen wie selbstverständlich, welche Spuren zu einem Plan führen, und von ihm weg, wieder zur inneren Ruhe. Ich kriege einen Plan von mir, einen Weg, wieder die Worte zu finden, von denen ich noch nicht gewusst habe, dass sie mir abhanden gekommen waren.
Nachzudenken
Über das was man hinterlässt
Ist größer
als jeder andere Gedanke
Ist wichtiger
als alles jemals Gedachte
Ist wichtiger noch
als die Spuren selbst
Die eigenen Spuren zu lesen
Lehrte mich die Insel
Und ich verirrte mich gerne
Im Labyrinth ohne Wände
Einen Ausgang
gibt es nicht
Nur die Mitte

Nur die Ruhe.