Der Weg des Elefanten durch das Nadelöhr

Als kreativer Dorfpoet habe ich mir die Freiheit genommen, das Kamel durch einen Elefanten zu ersetzen. Klotzen statt kleckern. Der Elefant ist mir sympathischer und das Kamel fordert wegen seiner Höcker immer zu tiefergehenden Analogien auf, die mir nur selten einfallen wollen. Dorfpoet halt.

Ein Sprichwort besagt, dass eher ein Kamel durch ein Nadelöhr ginge, als dass ein bestimmtes Ereignis einträte oder sich ein Mensch zu einer bestimmten Tat aufraffen könne. Allein um meiner Einschätzung, dass dies nicht immer der Wahrheit entspricht, das nötige Gewicht zu verleihen (im wahrsten Sinne des Wortes), ersetze ich das Kamel durch einen Elefanten. Wenn schon, denn schon … .

Zunächst einmal kommt es weder auf den Elefanten noch auf das Nadelöhr an. Und schon gar nicht auf die Absurdität, beides wie auch immer miteinander kombinieren zu wollen. Soll der Elefant durch das Nadelöhr passen, dann kommt es auf den Weg des Elefanten, den er einschlägt, an. Und außerdem … es gibt ja für alles Regeln und Normen. Wie groß aber ein Nadelöhr überhaupt sein darf, dazu sind mir keine Definitionen bekannt.

Kommt man darüber hinaus nach dieser gewichtigen Modifikation – Elefant statt Kamel – eines an Absurdität nicht zu überbietenden Sprichwortes womöglich dazu, einen gemeinen Elefanten mal nach seiner Befindlichkeit in Bezug auf diese Änderung zu befragen, so wird man vermutlich gleich mehrere gewichtige Statements bekommen.

Wie man denn überhaupt dazu käme, ihm eine solche Bürde aufzuerlegen. Er habe doch gerade erst bewiesen, dass er im Porzellanladen ganz gut zurechtgekommen sei. Er habe schließlich gezeigt, dass es für den Elefanten im Porzellanladen nur auf eine ausdauernde Geduld ankomme. Auf nichts anderes. Vorsicht vielleicht auch. Vorsicht aber, ist nur der kleine Bruder der Geduld.

Überhaupt solle man erstmal das Kamel in den Porzellanladen schicken, anstatt einen Elefanten durch das Nadelöhr. Aber ein richtig stolzer Elefant würde vermutlich sowieso ordentlich hinterfragen, was der ganze Unsinn, denn überhaupt soll. Ob man sich keine besseren Geschichten ins Blogs ausdenken könne. Ob man wirklich Kamele und Elefanten derart intellektuell missbrauchen müsse.

Und ein noch größerer, noch stolzerer Elefant, hat längst den Rüssel voll von diesem metaphorischen Müll. Er wird gar nichts dazu sagen. Eine Safari nach der anderen – und wetten, sie bekomme kein einziges Statement? Es geht sogar das Gerücht um, dass Elefanten von Porzellanläden und Nadelöhren noch nie etwas gehört haben. Aber, das ist nur ein Gerücht. Auch Kamelen sagt man das nach. Ein Kamel soll neulich sehr unwissend geschaut haben, als man ihm ein Nadelöhr vor die Nase gehalten hat.

Es ist überhaupt nicht gut, wie wir Menschen diese animalischen Analogien ziehen. Besonders schlimm wird es, wenn wir persönlich werden, physikalisch, biologisch … Schmetterlinge im Bauch, Hummeln im Arsch oder Läuse, die unablässig über Lebern laufen. Vom „Vogel haben“ oder „´nen Affen kriegen“ ganz zu schweigen. Und das harte Los der großen Säugetiere wiegt da besonders schwer.

Also, Schluss damit – Den Weg des Elefanten durch das Nadelöhr gibt es nicht. Es gibt auch keine Kamele in Porzellanläden. Und wissen sie was? Auch wenn sie diese Analogien jetzt wieder richtig zuordnen – sie sind dann nicht weniger absurd. Intellektuell sind die bestenfalls ein Mysterium rätselhaften Ursprungs. So wie manch ein Blogeintrag eines Dorfpoeten.

Habselig.

Während sich Menschen begleiten
Auf ihren Lebenswegen
Miteinander, verlassen oder vorzüglich streiten
darüber, wonach sie streben
nur um sie wie Symbole auszubreiten
vielsagend im Leben
diese unsere Habseligkeiten.

Als würden sie uns vorbereiten
uns etwas geben, uns etwas sagen
tief im Innern, die Kleinigkeiten
drängen uns, uns weiter hinaus zu wagen
auf den Ozean in allen Zeiten
Nicht mehr nur Schwermut ertragen
uns bekennen zu Habseligkeiten.

Die Dinge, die man nicht fassen kann
Die Werte, die uns das Leben bereiten
Der Ozean, in dem das Leben begann
Wir, treibend auf dem Floss aus Habseligkeiten.

Das Ganze Herz

Ich habe überlegt, ob ich diese Geschichte einfach so, ohne viele Kommentare, online stelle. Aber einige Hintergrundinfos sind sicher sinnvoll. Die Geschichte spricht für sich. Es ist die beste Geschichte, die ich bis dato geschrieben habe. Und ich bin selten übermäßig stolz auf meine Texte.

Das liegt nicht nur an den Worten und an der Idee, sondern vor allem daran, dass alle erwähnten Fakten zu dem Treffen, das im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, einer Recherche standhalten würden – dieses Gespräch hätte genauso stattfinden können. Alle erwähnten Fakten lassen sich belegen, kaum etwas ist erfunden.

Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, Ende der 30 Jahre , (c) Wikimedia.

„Das Ganze Herz“ ist Ergebnis einer monatelangen Recherchearbeit. Ich hatte die Geschichte als Beitrag für einen Wettbewerb geschrieben (leider ohne Erfolg). Wichtig bei der Recherche waren die Biographie von Erich Maria Remarque von Wilhelm von Sternburg (sehr empfehlenswert), der Briefverkehr zwischen Remarque und seiner großen Liebe Marlene Dietrich und das online zugängliche Archiv der „Vanity Fair“. Das „Hotel Du Cap“, der Schauplatz dieser Geschichte, existierte wirklich und war Tummelplatz der High Society in Europa bis der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Diese Geschichte ist eine Hommage an eines der großen Liebespaare der Weltliteratur, meine persönliche Auseinandersetzung mit dem 100 Jahre zurückliegenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges und sie ist das Beste, was ich zu schreiben fähig bin.

(An dieser Stelle war die Lesung der Geschichte durch den Autor verlinkt. „Das Ganze Herz“ ist jetzt Teil des Hörbuch „Große Herzen“, welches Sie hier kaufen können.)

Orpheus und Prometheus

Die verlorene Sage über das Gleichgewicht der Welten

Niemand erzählt bis heute die vergessene Geschichte von Orpheus und Prometheus, wie sie beide eine Chance bekamen, ihrem Schicksal zu entkommen. Wir kennen den einen – Orpheus –  als unglücklichen liebenden Dichter, der bei der Flucht aus der Unterwelt seinen Blick nicht von Eurydike abwenden konnte und so seine Liebe für immer verlor. Der andere – Prometheus – schenkte den Menschen das Feuer und wurde von Zeus bestraft. Zeus wollte den Menschen niemals das Feuer geben. Auf ewig ist Prometheus an einen Fels gekettet, wo ihm ein Adler täglich die ständig nachwachsende Leber aus dem Leib frisst.

Aber Athene, die Göttin der Weisheit, eine mit den Menschen mitfühlende Tochter des Zeus, hatte Mitleid mit dem Schicksal der beiden, denn es imponierte ihr, wie sie beide als Verkörperung von ewiger Liebe und glühender Erkenntnis, ihr Schicksal aushielten. Sie wollte beiden eine Chance geben und übertrug ihnen die Aufgabe, die selbst die Götter nicht zu lösen imstande waren.
Zeus nämlich erinnerte sich nicht mehr, ob bei der Schaffung der Welt, der Unterwelt und des Olymp, ein Gleichgewicht hinterlegt wurde, welches sich heute noch in allen Welten wiederfinden lässt. Er hatte über die Ewigkeiten hinweg vergessen, ob es wirklich so war und wenn ja, woraus dieses Gleichgewicht bestand.

So gab er Athene die Erlaubnis, Orpheus und Prometheus von ihrem Schmerz zu befreien, damit sich beide dieser Aufgabe widmen konnten. Es gab nur einen Ort, wo es eine Antwort auf die Frage nach dem Gleichgewicht geben konnte. Am Strand des großen Meeres der Ewigkeit und der Sehnsucht, unweit vom Eingang zur Unterwelt und in Blickweite des Olymp, versammelte sie die beiden Helden und gab ihnen diese große Aufgabe, mit der sie die Gunst des Gottvaters wiedererlangen konnten. Das gesuchte Gleichgewicht, so Zeus, ergab sich aus dem Zählen der Sterne am Himmel der Glückseligkeit über diesem Strand und dem Zählen jedes einzelnen Funken des Sternstaubes aus dem eben jener Strand bestand.
Athene hatte die Gabe, die Zeit anzuhalten. So legte sie diesen Strand und seinen Himmel in das unsichtbare Band der Zeitlosigkeit und ließ Orpheus den irdischen Sternenstaub und Prometheus die Lichter am Himmel zählen. Und irgendwann, nachdem eine Ewigkeit vorbei war, holte sie diesen Strand wieder zurück in die Welt und führte die beiden Helden vor Zeus, auf das sie ihr Ergebnis präsentieren sollten.

Jeder Funken Sternenstaub und jede Sonne am Himmel waren gezählt – würden die Antworten stimmen, so würde Zeus das Schicksal der beiden ändern können.

»Nun, Prometheus – wie viele Sterne sind am Firmament?« – Prometheus bauchte nicht nachzudenken. »Großer Zeus, es sind so viele Sterne am Himmel, wie wenn sich das Feuer, welches ich den Menschen schenkte, in einzelne Lichtblicke einteilen ließe.«
Und Orpheus wurde gefragt: »Nun, Orpheus, aus wie viel Sternenstaub besteht der Strand am Meer der Glückseligkeit?« – Auch Orpheus musste nicht lange nachdenken. »Jedes Staubkorn ist ein Liebesschwur für meine Eurydike, verloren in der Unterwelt.«

Zeus war mit den Antworten nicht zufrieden. Athene, die Göttin der Weisheit, verstand die Antworten. Und obwohl sich alles in ihr sträubte ihren Vater, den mächtigen Zeus, aufzuklären, gab sie ihre Meinung kund: »Vater, nun siehst Du welches Element, die Welten im Gleichgewicht hält.«

Aber weil Zeus das Gleichgewicht nicht erkannte, entließ er die beiden Helden nicht aus ihrem Schicksal. Orpheus taumelt nun wieder suchend nach seiner Eurydike am Ufer des Styx durch die Unterwelt und Prometheus wurde wieder an den Felsen gekettet. So leiden beide bis heute Schmerzen. Prometheus und Orpheus – so lange sie ihrem Schicksal ergeben sind und Gottvater Zeus das Gleichgewicht nicht versteht, wird dies immer so sein.

Leiden müssen die Helden für das, was sie den Menschen gaben. Das Gleichgewicht nämlich, der entflammte Sternenstaub am Meer der Glückseligkeit, nennt sich

‚Liebe‘.