Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 10

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Nach allem, was ich über meine Verletzung erfahren habe, ist die aktuelle Phase die schwerste – die Fortschritte fühlen sich minimal an, obwohl sich im Alltag vieles geändert hat. Die wenigen Grad der Beugung, die ich brauche, um meine Toilette wieder normal nutzen zu können, kann ich mit den Krücken überbrücken. D.h. ich lasse mich nicht auf die Keramik fallen, sondern beuge die Knie so weit ich kann, rutsche mit den Beinen nach vorne und stütze mich gleichzeitig auf eine Krücke, deren Länge ich entsprechend verkürzt habe. Nächste Woche lasse ich den Toilettenstuhl vom Sanitätshaus abholen.

Auch das Einstiegen in die Badewanne geht wieder. Meine Badewanne ist ja auch gleichzeitig meine Dusche. Man muss dabei natürlich besonders aufpassen, nicht auszurutschen, aber es geht wieder. Und ich kann eine Treppe ganz normal aufwärts gehen. Abwärts jedoch geht es nur mit dem Nachziehen des hinteren Beines zum Standbein – ich gehe Stufe für Stufe mit zwei Beinen hinunter. Aber eigentlich ist jetzt fast alles wieder normal, nur verlangsamt und sehr anstrengend.

Den Ausfallschritt üben – die Belastung der Kniegelenke muss trainiert werden … .

Reine Kopfsache

Im Geräteraum der Physiopraxis üben wir jetzt verstärkt die Koordination von Bewegungen. Dazu wird eine einfache Stufe aufgestellt. Auf die Stufe hinaufzugehen ist kein Problem. Aber ohne Hilfsmittel hinunterzugehen, wobei die Therapeutin vehement darauf besteht, dass ich die Kniegelenke dazu beuge und nicht die Streckung der Beine nutze – das ist richtig schwer. Die Gewichtsverlagerung fühlt sich im Knie zentnerschwer an und die Balance zu halten, ist fast unmöglich. Aber ich muss das immer wieder üben. In Zeitlupe. Keine schnelle Bewegung, um von der Stufe herunterzukommen, sondern langsam und bewusst koordiniert.

Auch wenn diese Übung viel Kraft erfordert – das Problem ist nicht die Kraft, sondern etwas Unbewusstes im Kopf. Wochenlang war absolut jede Bewegung darauf ausgerichtet, die Beugebewegung im Knie zu vermeiden. Jetzt muss ich so oft das Knie beugen, wie möglich und nur aufpassen, dass ich den Grad der möglichen Belastung nicht überschreite. Ich soll also meinen seit Wochen instabilen Kniegelenken vertrauen und die selbst auferlegte Konditionierung von eigentlich unbewusst ablaufenden Prozessen wieder umkehren – das ist nicht einfach.

Ganz fies wird es dann auch dem Wackelbrett. Das ist eine Vorrichtung, bei der der Untergrund in Bewegung gerät. Dazu werfe ich einen Ball in die Luft, fange ihn auf und während ich das mache, tritt die Therapeutin gegen das Wackelbrett und ich muss das Gleichgewicht koordinieren und das Fangen des Balls. Das sieht ganz lustig aus und hilft tatsächlich, den Gleichgewichtssinn zurückzubekommen.

Die Tage der Orthesen sind gezählt

Anfang kommender Woche bin ich wieder bei der Orthopädin. Ich bin sicher, dass der nächste Schritt die komplette Entfernung der Orthesen ist. Seit drei Wochen trage ich die Orthesen eh nur noch außerhalb der Wohnung – jetzt wird es langsam Zeit, diese komplett loszuwerden. Damit muss ich zwangsläufig auch in der freien Wildbahn meinen Kniegelenken wieder vertrauen. Ich denke, dass ich aber für die ersten Gehversuche die Krücken noch weiter im Anschlag mitführe. So ganz ohne Hilfsmittel ist doch ein echtes Wagnis. Aber auch das ist vermutlich eine reine Kopfsache. In den letzten zwei Wochen wären alle meine Ausflüge nach draußen problemlos ohne Krücken und Orthesen möglich gewesen. Es ist drei Wochen her, als ich beim Aussteigen aus dem Bus eine Situation erlebt habe, in der das Standbein instabil wurde und ich ohne Hilfsmittel auf der Nase gelandet wäre. Nun, mal abwarten, wozu mir die Ärztin rät.

Verhärtungen der Gelenke weiterhin ein Problem

Es ist nach wie vor so, dass kurz nach dem Aufstehen morgens meine Kniegelenke verhärten. Direkt über der Kniescheibe bildet sich ein harter Knubbel, der mit jeder Beugung eine Art Fremdkörpergefühl auslöst. Man kann diese Verhärtungen mit unangenehmer, fester Narbenmassage wegbekommen. Auch die täglich notwendigen Streckübungen sind dann eine echte Wohltat. Aber immer wieder kommt diese Verhärtung zurück. Ich würde sagen, dass sie genau an den Stellen auftritt, an denen sich noch nicht wieder ausreichend Muskeln gebildet haben.

Wenn ich vor dem Spiegel des Geräteraumes der Physiopraxis die Ausfallschritte und die Belastung der Kniegelenke übe, dann sieht es so aus, als würden die Oberschenkelmuskeln eine wabbelige Puddingmasse direkt über dem Knie nach oben ziehen. Da, wo eigentlich Muskeln sein sollten, ist eine wabbelige Masse im Bein, die sich über diese Verhärtungen zieht.

Es ist aber schon so, dass jeden Tag kleine Verbesserungen zu bemerken sind. Mit leicht geknickten Beinen auf dem Sofa und nach den Übungen, fühlt sich alles sehr weich an – fast kommt man in die Versuchung, ganz normal in die Hocke gehen zu wollen. Und diese Phasen scheinen auch länger anzudauern. Andererseits macht sich eine echte Müdigkeit in den Beinen breit, wenn ich bei der Physiotherapie war und dann den Weg nach Hause gegangen bin – das wären für gesunde Menschen keine erwähnenswerten Anstrengungen – für mich ist das Tagespensum dann aber bereits gegen Mittag erreicht.

Der große Sprung

Ich hoffe, dass bald der Zeitpunkt kommt, an dem das Gefühl der Entspannung in den Gelenken die Oberhand gewinnt. Es klingt paradox, aber es ist so, dass wenn ich nach meinen Übungen – Ausfallschritte, Dehnübungen, Hometrainer – die Beine gegen das Flexband durchdrücke, dort ein Schmerz und eine Entspannung zu derselben Zeit entsteht. Die Kniegelenke sind irgendwie dankbar für genau diese anstrengende Bewegung. Ich glaube, dass der Schmerz nur noch durch die Verhärtung entsteht. Ein großer Sprung nach vorne wäre es daher, die Verhärtung endlich loszuwerden. Und ich glaube, dass dieser Zeitpunkt in den kommenden Wochen da ist.

Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 9

Minimale Fortschritte und ein Ratgeber in der Pipeline

Der Weg ist noch lang. Das merke ich jeden Tag, nach dem Aufstehen. Die Beine sind weich wie Pudding, die Kniegelenke fühlen sich normal an – bin ich dann aber ein paar Schritte gegangen, dann scheinen sich die Gelenke wieder mit Zement zu füllen und sie sind fest und unflexibel. Nach ein paar Streckübungen und einer ersten einfachen Tour auf dem Hometrainer, gibt sich das etwas, aber die Fortschritte sind letztendlich kaum zu bemerken. Diese ständig wiederkehrende Versteifung der Gelenke ist besonders lästig und wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Es ist wie ein ständiges Fremdkörpergefühl um die Narben herum. Festes Massieren des Narbengewebes hilft ganz gut, aber ich habe den Eindruck, dass meine Beine nicht begreifen wollen, dass sie dort kein weiteres Narbengewebe ablagern sollen.

Roboter auf dem Weg zum ALDI

Habe ich an einem Tag in der Woche keinen Termin in der Physioproaxis, dann gehe ich einmal pro Tag raus und gehe Einkaufen. Entweder zum lokalen Discounter oder einmal durch die Fußgängerzone. Dabei trage ich nach wie vor die Orthesen unter der Hose und habe auch immer noch die Krücken dabei. Es passiert immer noch – zwar selten, aber doch regelmäßig – dass die Kniegelenke „durchsacken“ und dieser Verlust an Balance aufgefangen werden muss. Ich versuche bei meinen Ausflügen bewusst „rund“ zu laufen, so als wären die Beine in Ordnung und ich versuche, möglichst viel Kraft in die Waden zu legen – die Krücken dienen nicht mehr länger zur Kompensation von fehlender Kraft in den Beinen, sondern nur noch dem Beibehalt der Balance. Die meiste Zeit trage ich die Krücken in den Händen, stets bereit sie auf den Boden zu setzen, als wäre ich ein Revolverheld mit zwei automatischen Pumpguns im ständigen Anschlag. Dürfte ziemlich bescheuert aussehen und viele, die mich sehen, fragen sich vermutlich, warum der Typ die Krücken überhaupt noch dabei hat. Es ist nur noch für den Fall der Fälle – „Fall“ ist hier wörtlich zu nehmen.
Heute war meine Tour so unproblematisch, dass ich ohne Orthesen und ohne Krücken problemlos den Weg zum Discounter hätte meistern können. Auch wenn ich mich trotzdem bei vielen Schritten noch unsicher gefühlt habe. Es ist so, dass immer mehr Bewegungen wieder unbewusst erfolgen. 99% aller Bewegungen macht der Mensch unbewusst – die große tägliche Belastung für den Kopf und das allgemeine Befinden, auf jeden einzelnen Schritt, jede noch so kleine Unebenheit achten zu müssen, wird im gleichen Maße weniger, wie die Kraft wieder zunimmt. Aber das Maß ist sehr klein.
Für das Post-Orthetische Zeitalter habe ich mir übrigens ein Hilfsmittel zugelegt. Das hat mehr einen psychologischen Effekt, als einen wirklich substanziellen Effekt beim Fallen. Zwei Knieschoner, wie sie im Volleyball oder Handball verwendet werden, werde ich nach Absprache an meinem nächsten Orthopädietermin bis auf Weiteres tragen. Aber erst, wenn die komplette Sicherheit beim Laufen ohne Orthesen außerhalb meiner vier Wände gegeben ist.

Statt Orthesen – solche Knieschoner tragen auch diverse Sportler

Schweres Gerät

In der Physiopraxis sind wir jetzt von der Einzelbehandlung auf einer Liege in den Geräteraum gewechselt. Dort ist eine schwere Maschine, in die ich mich reinsetze, um dann einen zuvor eingestellten Widerstand mit den gebeugten Beinen nach vorne zu stemmen. Das ist ein gezielte Quadrizepsübung. Zur Eingewöhnung hat meine Physiotherapeutin das Gerät sehr moderat eingestellt – es ging zunächst nicht so sehr um schwere Übungen sondern darum, die Wirkungsweise zu verstehen. Man muss sich bei jedem Durchgang Zeit lassen – die Dehnung und die Kraft wird erst im Weg zurück wirklich ausgelöst und das muss man „geniessen“ bzw. richtig bei sich in den Beinen bemerken.
Eine zweite Übung ist ungemein hilfreich – meine Therapeutin hat einen kleinen Parkour aus „Wabbelkissen“ ausgelegt. Wenn man diese betritt, verliert jemand mit meinen Wabbelbeinen leicht die Balance. Ein Stellen auf die Zehenspitzen bei gleichzeitigem leichten Einknicken des Standbeines (was schon ein gehöriger Kraftakt ist) und einen Stock, den man waagerecht hält, helfen beim erneuten Lernen der Balance. Es ist wahrlich keine Floskel – ich muss das Laufen neu lernen.
Meine Physiopraxis bietet außerdem eine „TherapiePlus“ – das ist ein Training 1x pro Woche für 2 Stunden in einer kleinen Gruppe. Da mache ich in jedem Fall mit, wenn ab ca. Mitte November meine individuelle Therapie zu einem Ende kommt.

Bald bei Amazon erhältlich

Nach Ende meiner Leidensphase auf Amazon erhältlich

Es gibt im Internet nur wenige Informationsquellen zu meiner Verletzung. Sie ist halt sehr selten und noch seltener bei Menschen, die noch relativ jung sind und keine Vorerkrankungen haben (Diabetes, Rheuma). Der einzige mir bekannte Erfahrungbericht in Buchform existiert auf englisch bei Amazon und wurde von meinem „Leidensgenossen“ Steven Gartner verfasst. Der arme Kerl hat diese Verletzung zweimal erleiden müssen – einmal auf einem Jet-Ski im Wasser, dann einige Jahre später beim Skifahren. Es gibt darüber hinaus noch einige Blogs, auch in englischer Sprache und viele Fachberichte von Medizinern. Selten sind diese Berichte auf deutsch. Als Dorfpoet sehe ich hier eine Marktlücke und habe – parallel zu diesen Blogeinträgen – meine Erfahrungen aufgeschrieben. Das ist natürlich keine medizinisches oder orthopädisches Fachbuch, aber es kann Hilfestellungen geben. Ich hätte mir jedenfalls bei meinem Krankenhausaufenthalt so eine Lektüre gewünscht – einfach nur zu wissen, wie es überhaupt weitergeht und was auf mich als Betroffenen zukommt.
Natürlich ist das Buch noch nicht fertig, denn meine Leidenszeit ist ja noch noch nicht vorbei. Ich habe mir vorgenommen das Buch zu derselben Zeit bei Amazon als eBook erscheinen zu lassen, wenn ich mit meinem richtigen Fahrrad mehr als eine Stunde am Stück in freier Wildbahn gefahren bin und wenn ich meine Tour zum Ort des Geschehens, die Treppe im Hauptgebäude der Universität in Bonn, gemacht habe. Das dürfte im Dezember/Januar der Fall sein – so zumindest mein Zeitplan, den ich jeden morgen meinen Kniegelenken einflüstere 🙂

Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 8

Heiße Phase

Orthesenabgewöhnung

Heute ist der erste Tag, an dem ich mich in meiner Wohnung komplett ohne Orthesen bewege. Das erste Tag nach über neun Wochen, an dem ich mal keine Einschränkungen um die Beine gewickelt sehe – eine echte Wohltat. Ich hatte die Maßnahme mit der Orthopädin vor einer Woche abgesprochen. Nach einer Woche mit 90° soll jetzt langsam die Abgewöhnung dieser Orthesen beginnen. Und, damit automatisch verbunden, passive Beugungen, die über die 90° hinausgehen und an die ich mich langsam gewöhnen muss.
Es fühlt sich nach wie vor so an, als sei über die Knie eine Art Draht gespannt, der mich daran hindert, die Beine komplett zu beugen. Besonders im linken Knie stellt sich immer noch ein stetiges „Fremdkörpergefühl“ ein – immer noch spannt das Narbengewebe und verursacht leichtes Ziehen beim Gehen. Das rechte Bein hingegen ist immer noch dicker. Das ist mein Standbein und braucht für alles etwas länger. Ich würde sagen, dass ich rechts eine Woche weiter zurück bin, verglichen mit dem linken Bein.
Im Alltag bedeutet dies zunächst keine weitere Verbesserung. Nach draußen gehe ich nach wie vor mit Orthesen und habe auch immer noch zur Sicherheit die Krücken dabei. Und auch das Aufstehen aus tieferen Sitzgelegenheiten oder der Toilette ist noch nicht greifbar.

Die elenden, verschissenen, völlig verhassten Orthesen – müssen jetzt häufiger ohne meine Beine auskommen

Der schwierigste Teil

Das war aber auch abzusehen – alle vernünftigen Erfahrungsberichte zu diesem Thema sagen, dass die Steigerung von 90° auf mehr als 110° Belastung der schwierigste Teil ist. Es ist der Teil, der den rechten Winkel ausdehnt und der dann beim Aufstehen oder Treppesteigen die Belastung komplett in das Knie verlegt. Das Problem sind dabei nicht die Sehnen, sondern die fehlenden Muskeln und die Trägheit der nahezu versteinerten Kniegelenke.
Ich muss also Geduld haben und weiterhin mein Training verfolgen. Einen Schwerpunkt soll ich dabei laut Physio auf die Streckung der Beine legen. Das ist die Gegenbewegung zur Beugung und für eine Stabilität genauso wichtig. Wenn ich das konsequent anwende und mit einem Bein und aller Kraft die Kniekehle nach unten drücke, dann fängt der obere Quadrizepsmuskel richtig zu zittern an. Er wird also langsam wieder reaktiviert und kann dann in der Beugebewegung für die notwendige Stabilität sorgen. Diese Streckbewegungen mache ich im Liegen und im Sitzen. Dafür war es immer notwendig, die Orthese abzunehmen – da ich jetzt generell ohne Orthesen herumlaufe, kann ich diese Übungen relativ häufig machen.
Die schmerzhafteste Übung besteht darin, ohne sich abzustoßen aus einer Sitzposition aufzustehen. Da dies nur aus einer erhöhten Position überhaupt möglich ist, mache ich dies, in dem ich mich auf den Rand eines Sofas setze. Das ist in dem Moment des Aufstehens immer etwas schmerzhaft und man spürt die nach wie vor die viel zu harten Kniegelenke. Aber auch das wird immer besser. Auf der Liege der Physiopraxis klappt dies besser, da man diese perfekt einstellen kann. Der Rand des Sofas lässt eine richtige Position der Füße nicht zu, was die Übungen zu Hause zusätzlich erschwert.

Hometrainer

Meine Schwester hat mir leihweise ihren Hometrainer vermacht und das ist natürlich ein wunderbares Gerät, um Muskeln und Kraft in die Beugung zu bekommen. Das Gerät hat etliche Funktionen, die mich aber alle gar nicht interessieren. Ich muss nur sehen können, wie weit ich fahre und wie ich eine Steigung einstellen kann, so dass ich die Kraft richtig dosieren kann. Bei meinen zwei täglichen Trainingseinheiten habe ich mich im Moment dafür entschieden, 1x 3 km mit richtig heftiger Steigung zu fahren und 1x 5km mit normalem Widerstand. Eine Übung morgens, eine abends.
Die Distanzen sind natürlich für einen gesunden Menschen lächerlich – für mich ist das sehr schweißtreibend, anstrengend, aber eine Wohltat für die Gelenke. Ich kann sagen, dass der Grundsatz, man müsse sich bewegen sobald Schmerzen auftauchen völlig richtig ist. Keine Schmerztablette, keine Ruhephase schafft das, was 15 Minuten Hometrainer können. Der Stoffwechsel in den Gelenken wird angestoßen und setzt damit die weitere Heilung in Gang.

Sehr hilfreiches Gerät – es geht in die heiße Phase

Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 7

Drei Schritte vor, zwei zurück

Allmählich gewinne ich die Oberhand. Die Oma mit dem Rollator überholt mich nicht mehr. Ich gewinne jetzt das Rennen in der Fußgängerzone 🙂 Und ich achte jetzt wieder auf andere Dinge. Wie zum Beispiel auf meine Jogginghosen, die man an den Seiten per Reißverschluss aufmachen kann. Meine „Zauberhose“, wie ich sie liebevoll beim „Unten-Rum-Freimachen“ in der Physio-Kabine nenne und was eine Mischung aus Neugier und Rätselhaftigkeit in die Gesichter der Damen dort zaubert. Eben eine „Zauberhose“. Leider sieht sie an mir aus wie eine „Murat-Schnellficker-Butz“ wie sie in den diversen Fitnessstudios dutzendfach getragen wird. Passt nicht so ganz zu mir.

Drei Schritte vor, zwei zurück – so geht es mir eigentlich seit Wochen. Da war nach sechs Wochen stillhalten der Teil vorbei, bei dem die Beine wie verrückt anschwellen und ich ständig die Beine hochlegen musste. Das habe ich zumindest gedacht. Aber das war ein Trugschluss. Der gleiche Mist geht wieder von vorne los. Jetzt, wo ich die Kniegelenke bewegen und zum Teil auch wieder belasten kann. Dazu kommt eine allgemeine Schlaffheit und ich muss mich zur zweiten Trainingseinheit am Abend immer erst aufraffen. Der Grund dafür ist klar – jetzt werden die Abfallstoffe in den verletzten Teilen des Beines abtransportiert, die bisher verschont geblieben waren. Ich hatte gehofft, dass ich jetzt nur noch ein „mechanisches Problem“ mit den Beinen hätte. Aber dem ist nicht so.

Plötzliche Druckschmerzen

Gegen Ende der letzten Woche habe ich eigentlich ganz gute Fortschritte gemacht. Nachts merke ich kaum noch die Gelenke. Ich kann mich gut auf die Seite drehen und habe kaum Schmerzen. Auch morgens nach der ersten Übungsphase fühlten sich die Beine sehr gut und „weich“ an. Dann aber, am letzten Wochenende, fühlte sich vor allem das rechte Knie nicht gut an. Es wurde wieder dick und ein dumpfer Schmerz machte sich breit. Die oben beschriebene Situation mit dem Anschwellen des Beines wurde extremer. Ich habe mich natürlich gefragt, was ich falsch gemacht habe und habe erst eine ganze Weile gebraucht um herauszufinden, wo der Fehler lag: Ich habe herausgefunden, dass ich jetzt meine neue Sitzhilfe nutzen kann. Zwar noch nicht in voller Höhe – ich sitze mehr auf diesem Hocker, als dass ich stehe – aber ich merke schon jetzt, wie ich in eine aufrechte Haltung gezwungen werde. Tolle Sache – das nutze ich jetzt für die kreativen Zeiten am PC. So habe ich gedacht … nach zwei Tagen der Nutzung dieser Sitzhilfe, hatte ich im rechten Bein, dass ich gewohnheitsmäßig zum ausbalancieren nehme, diese dumpfen Druckschmerzen im Knie und auch im Oberschenkel. Ich habe die Sitzhilfe erstmal wieder unter den Schreibtisch verbannt. Die Art und Weise, wie ich die Beine in diesem Steh/Sitz Konstrukt derzeit verwende, scheint etwas kontraproduktiv zu sein. Einige der Muskeln müssen erst besser trainiert sein. Nachdem ich wieder auf den Rollstuhl umgestiegen bin, hat der Schmerz sofort nachgelassen. Vermutlich hat das auch etwas zu damit zu tun, dass man diesen Rollstuhl endlich verbannen möchte – als Zeichen der Genesung.
Denn ich schaffe es jetzt in das Bett und aus dem Bett heraus komplett ohne Hilfsmittel. Bisher habe ich immer die Sofakissen genommen, aber es geht jetzt ohne. Ich brauche nur für einen kurzen Moment einen Halt, um mich hochstemmen zu können. Das klappt, weil ich beide Gelenke ja schon zu einem geringen Winkel beugen kann und weil ich in den letzten Wochen richtig viel Kraft in den Armen bekommen habe. Bei solchen Fortschritten, die den Alltag immer „normaler“ erscheinen lassen, möchte man auch so etwas wie einen Rollstuhl eben so schnell wie möglich aus dem Sichtfeld verbannen. Aber das war ein wenig zu früh. Also man merke sich: zwei Stunden und mehr mit leicht gekrümmten Kniegelenken zum Abfedern auf einer Sitzhilfe ist keine gute Idee, auch wenn man das zunächst so denken mag.

Der fehlende Gleichgewichtssinn

Eine weitere Sache ist mir aufgefallen. Erst die Befragung von Google hat mir dafür eine vernünftige Erklärung geliefert. Ich habe zwar noch die Orthesen an den Beinen, aber dadurch dass die Gelenke und auch die genähten Sehnen jetzt wieder aktiv sind, neige ich automatisch dazu, wieder das gewohnte Gangbild zu entwickeln. Zwar mit Krücken, aber die Schritte sehen schon wieder ganz normal aus und ich rolle den Fuß nach vorne ab, was eben nur mit diesen Sehnen geht.
Ich musste dann feststellen, dass ich beim Gang durch unsere Fußgängerzone eine Art Unsicherheit, beinahe Schwindel entwickele. Wir haben in der Fußgängerzone eine kleine Brücke, die über eine Straße verläuft und den Teil des Bahnhofs und der Post mit der eigentlichen Fußgängerzone verbindet. Man geht auf dieser Brücke zunächst ein wenig bergauf und dann bergab. Aus einem mir zunächst unerfindlichen Grund fühlte ich mich bei jeden Schritt dort total wackelig und unsicher, obwohl es keinen objektiven Grund dafür gab.
Meine Recherchen haben dann aber etwas sehr interessantes ergeben: in der Quadrizepssehne gibt es Rezeptoren, die mit dem Gleichgewichtssinn verbunden sind. Durch meinen Unfall und die OP sind ein Teil dieser Rezeptoren beschädigt oder zerstört. Auch diese werden erst neu gebildet und bis dahin meldet das Gehirn einen wackeligen Untergrund, auch wenn dem nicht so ist. Als ich das herausgefunden hatte war mein nächster Gang über diese kleine Brücke sehr viel zielsicherer. Mit dem Wissen, dass nichts kaputt ist und alles OK, muss man sich schlicht und einfach mehr auf den Gang konzentrieren. Dieser Unsicherheit wird sich in Kürze aufgelöst haben.

Alles in Allem: Deutliche Verbesserungen

Jetzt, am Ende der zweiten Woche in Phase II und in der neunten Woche nach der OP, muss ich aber bei all den genannten Einschränkungen doch sagen, dass sich meine Lage deutlich zu verbessern beginnt. Das merke ich vor allem morgens, wenn ich für die erste Trainingseinheit die Orthesen abnehme und das rechte und das linke Knie wieder halbwegs normal aussehen. Das sind keine runden, dicken, blutunterlaufenen Klumpen mehr – nein sie sehen fast normal aus. Auch die Kniescheiben kann ich bei der Massage der Narben und der operierten Stellen (muss vor jeder Übung intensiv gemacht werden, damit sich das verhärtete Gewebe da drunter immer wieder lockert) wieder hin- und her bewegen. Das Spannungsgefühl und der Druck in den Gelenken ist nach wie vor da, lässt sich aber, auch bei den Übungen, mehr und mehr aushalten. Die Mini-Kniebeugen sind jetzt weicher und es kommt eine kleine kraft-gesteuerte Kontrolle zurück. Auch die ersten Versuche, beim Treppesteigen ein wenig Belastung auf das Knie zu bringen, funktionieren. Sehr eingeschränkt und bei der vollen Verlagerung des Gewichtes schlägt das Knie nach vorne ein wenig unkontrolliert aus – aber das wäre noch vor zwei Wochen gar nicht denkbar gewesen.

Die Schwellungen gehen zurück – die Gelenke werden weicher. Das Knie ist wieder ein Knie und sogar die Kniescheibe lässt sich wieder bewegen.

90° sind angepeilt

Jetzt, nach zwei Wochen Training steht die Umstellung der Orthesen auf 90° an. Das habe ich mit der Orthopädin so abgesprochen. Das ist schon ein gewaltiger Schritt und führt uns an das Ende der Fahnenstange was den Sinn und Zweck der Orthesen angeht. Mehr als 90° sind nicht einstellbar, d.h. wenn ich damit in einigen Wochen an meine Grenzen komme, ist der nächste Schritt die „Abgewöhnung“ der Orthesen. Denn sie haben dann keine Funktion mehr.
„Abgewöhnung“ ist auch das passende Stichwort. Sowohl Orthopädin als auch Physiotherapeutin animieren mich dazu, mich auch mal ohne Orthesen zu bewegen. Der erste Schritt ist das Weglassen der Orthesen bei Nacht. Auf meine Frage, ob das sicher sei und da nichts passieren könne – etwa bei ruckartigen Bewegungen während eines Traums – bekam ich als Rückmeldung, dass die Sehnen jetzt, acht Wochen nach der OP, solche Belastungen im Liegen aushalten müssen. Mal abgesehen von den wilden Träumen, die man haben müsste um im Liegen die Sehen wieder reißen zu lassen 🙂
Ich bin auch schon einige Male mit „nackten“ Beinen durch die Wohnung gelaufen. Das fühlt sich sehr befreiend an, aber es ist ein mulmiges Gefühl dabei. Obwohl auch das Unsinn ist. Ich hatte jetzt schon einige ruckartige Knickbewegungen mit den Beinen und es ist absolut nichts passiert. Mein Plan ist daher weiterer Muskelaufbau in den kommenden zwei Wochen mit 90° und dann, beginnend mit November, ein langsames „Abgewöhnen“ der Orthesen. Ich trage diese dann nur noch außerhalb der Wohnung und dann auch über der Hose. Langfristig werde ich mir kleine Knieschoner anschaffen, die mehr einen psychologischen, als einen stabilisierenden Effekt haben.
Die fehlenden 90° Limitierungsbolzen musste ich übrigens als Gesamtpaket mit allen anderen Bolzen im Internet bestellen. Meine Anfragen bei Hersteller und Sanitätshaus hatten keine praktische Hilfe zur Folge. Entweder gab es gar keine Antwort oder nur Standard-Bla-Bla. Da ich mich aber jetzt nicht tagelang auf solche Rückfragen einstellen kann – ich will schließlich im Genesungsprozess vorankommen – habe ich das selbst in die Hand genommen, was aber auf meine Kosten geht. 90,- EUR für vier kleine Stücke Metall. Ärgerlich. Aber ich weiß dank dieses Lehrgeldes um welche Firmen ich in späteren Zeiten bei meinem nächsten Gebrechen einen großen Bogen machen werde …

Vier von diesen kleinen Metallstücken haben gefehlt – und die kosten richtig Kohle

Zurück ins Berufsleben

Mit dem Arbeitgeber, der Ärztin und der Krankenkasse wurde jetzt auch ein Wiedereingliederungsplan in das Berufsleben festgelegt. Ich habe das große Glück, dass ich von zu Hause aus arbeiten kann. Damit werde ich kommende bereits beginnen. Zunächst nur stundenweise und mit einer Steigerung in einigen Wochen. Ab Dezember, so der Plan, bin ich dann wieder Vollzeit im Homeoffice und ab Januar dann auch wieder richtig vor Ort im Büro. Allerdings strebe ich durchaus an, bereits im Laufe des Dezembers wieder vermehrt in das Büro zurückzukehren. Die Homeoffice-Zeiten kann ich dabei flexibel an meinen Physio-Terminen, die in den kommenden Wochen sehr viel häufiger stattfinden werden, anpassen.

Es geht wieder los …