Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 3

Status Quo

Das derzeit größte Handicap

Seit gestern bin ich in einer Situation, in der ich jetzt viele Woche verbleiben werde. Ich war gestern zum ersten Mal bei den Physiotherapeuten, bei denen ich in nächster Zeit sehr viel Zeit verbringen werde. Heute ging es noch nicht mit der Physiotherapie los – dafür ist es nach wie vor viel zu früh – aber ich habe eine Lymphdrainage bekommen. Das kannte ich schon aus dem Krankenhaus und habe das heute noch viel professioneller erhalten. Diese Behandlung zielt auf mein derzeit größtes Handicap ab. Denn wer glaubt, dass ich meine Zeit zu Hause lässig absitzen kann, der irrt. Sitzen ist nach kurzer Zeit eine Qual. Schlimmer als langes Stehen, Laufen oder Liegen. Durch das Sitzen staut sich die Lymphflüssigkeit in den starren Beinen und in den Orthesen hat man schnell das Gefühl, die Beine würden platzen. Das tut zwar nicht weh, ist aber extrem unangenehm. Ich selbst kann dann nur die Beine hochlegen. Hochlegen bedeutet, dass die Oberschenkel weit höher liegen müssen, als der Oberkörper. Wenn ich das mache, dann kann ich sehen, wie innerhalb kürzester Zeit, die Beine wieder zusammenfallen.
Eine Lymphdrainage ist eine gezielte Massage und Aktivierung, die das Lymphsystem wieder in Gang setzt. Die Physiotherapeutin heute hat davon echt Ahnung. Mit wenigen Handgriffen erreicht sie das, was ich sonst in zwei Stunden Liegen erreiche.

Unterwegs auf Krücken

Nachdem ich festgestellt habe, dass ich Treppen alleine bewältigen kann, gab es eigentlich keinen Grund mehr dafür, einen Krankentransport zu bestellen oder jemanden zu bitten, mich zu begleiten. Der vielleicht wichtigste Schritt hin zur weiteren Selbständigkeit in den kommenden Wochen, ist gelungen: eine Krücke auf die kleinste Größe zusammengedrückt in den Rucksack, mit der anderen und mit Hilfe des Treppengeländers wieder raus in die Freiheit. Dann mit den Krücken zur Bushaltestelle und vier Stationen in die Innenstadt. Dann zehn Minuten weiterdackeln und schon bin ich in der Physiopraxis. Beim Rückweg habe ich dann auf den Bus verzichtet. Eine Stecke von sonst fünf Minuten zu Fuß zieht sich dann auf knapp 25 Minuten langsamen und vorsichtigen Laufens. Aber es geht. Es ist anstrengend, aber auch gleichzeitig befreiend, sich mal wieder alleine draußen längere Zeit zu bewegen.

Vertrauen in die nächsten Wochen

Diese Ausflüge werden sich jetzt häufen. Die Physio-Praxis wird mich zwischendurch rannehmen, wann immer jemand einen Termin absagt. Ich stehe also auf Abruf bereit und baue meinen Alltag um diese Termine herum. Auch die ersten Stunden im Home-Office Anfang und Mitte Oktober, werde ich an diesen Terminen ausrichten.
Ich bin da sehr froh, denn diese Physio-Praxis war die einzige, die sich auf mich als Notfall eingelassen hat. Termine sind normalerweise nur über eine Vorlaufzeit von mehreren Wochen zu bekommen. Noch mehr bin ich über den Eindruck, den die Praxis macht, erleichtert. Alles dort wirkt gut strukturiert, meine Therapeutin hat es sofort geschafft, eine lockere, freundliche Atmosphäre aufzubauen. Die fachliche Kompetenz nach einer Sitzung zu beurteilen wäre sicher zu früh, aber der erste Eindruck ist sehr positiv. Das bedeutet, ich habe ein großes Vertrauen in die kommenden Wochen. Ich bin dort, glaube ich, sehr gut aufgehoben.
Einige der kommenden Tage, haben es in sich. Ich muss an einigen Tagen bis zu drei Termine wahrnehmen, inklusive Termine bei Orthopäden und Hausarzt. Also nicht nur einmal am Tag die Wohnung verlassen, sondern morgens, mittags und nachmittags. Das werden Tage, die an die Substanz gehen werden.

Zeitliche Perspektiven

Google ist nicht immer Dein Freund. Ich habe jetzt vermutlich alle wichtigen Seiten zu „Quadrizepsruptur“ bzw. „quadriceps rupture“ durch – die Perspektiven sind doch ernüchternd und passen auch zu dem, was die Orthopädin und die Physiotherapeutin sagen. Nach ca. drei Monaten ist ein normales Leben eingeschränkt möglich. Frühestens nach sechs Monaten hat man den Stand von vor der OP erreicht. Das bedeutet, ich werde ganz sicher dieses Jahr kein Fahrrad mehr fahren und muss dafür kämpfen, dass ich wenigstens im Dezember auf die Insel fahren kann. Mein aktueller Urlaub fiel ja flach. Die Artikel im Internet sind da aber noch kritischer zu lesen. Eine Abhandlung mit Erfahrungsauswertungen besagt, dass nur knapp 53% aller Betroffenen überhaupt die alte Mobilität erlangt. Rupturen in beiden Beinen machen den Kampf um ein positives Ergebnis entsprechend schwerer. Zwar hängt vieles vom eigenen Willen ab, aber die Tatsache, dass ich auch jetzt im Alltag niemals ein betroffenes Bein komplett ruhigstellen kann – irgendwie muss ich ja aufstehen und erzeuge ständig grenzwertige Bewegungen, auch wenn ich noch so seht achtgebe – wird die Perspektive zeitlich weiter ausdehnen. Wäre nur ein Bein betroffen, wäre eine Abgrenzung besser möglich. Bestes Beispiel hierfür ist das Aufstehen in den Stand mit gestreckten Beinen. Das rechte Bein hat eine tadellos verheilte OP Narbe. Im linken Knie ist eine Spannung in der Wunde, die ich mit Bepanthen behandele. Diese Spannung entsteht aber bei jedem Aufstehen, bei jedem Hochstemmen in den Stand. Auch jetzt noch fühlt es sich so an, als würde etwas unter den Wunde leicht „einreissen“. Das wird zwar von Tag zu Tag besser, da ich solche Bewegungen zu vermeiden versuche. Aber das geht eben nicht zu 100% und macht alles etwas langwieriger.

Ursachen

Ich denke natürlich viel darüber nach, wie es überhaupt zu diesem Sturz kommen konnte und ob meine Unsportlichkeit als Couchpotatoe auch ursächlich war. Auch da geben viele Texte im Internet Auskunft. Neben dem Alter können degenerative Erkrankungen ein Faktor sein, der die Sehnen schwächt und der so einen Unfall begünstigt. Das ich aber mit 45 Jahren noch nicht in die Altersklasse falle, wo das eine Rolle spielt und auch keine Vorerkrankungen vorliegen, bleibt nur der Teil übrig, den mal als unglückliche Verkettung von Umständen bezeichnen würde. Es ist tatsächlich die Art und Weise wie ich gestürzt bin, der Hauptfaktor, der zu dieser seltenen Verletzung geführt hat. In einer Abhandlung auf einer der vielen Seiten zum Thema heißt es: „Nur durch eine falsche Belastung – etwa einer spontanen Bewegung, die im Rahmen einer plötzlichen Abbrems-Bewegung erfolgt – kann eine derartige Verletzung eintreten.“
Genau das ist mir passiert. Ich bin mit den Beinen voran vier Stufen runtergerutscht, hatte keinen festen Stand und dann kam das ganze Gewicht hinterher. Nur so können Kräfte entstehen, die eine solche Sehne reißen lassen. Die einzigen Sportler, die diese Verletzung bekommen können, sind Gewichtheber. Meistens bedeutet diese Verletzung dann deren Karriereende. Meine Sportlerkarriere beginnt erst 🙂 Ich bin nach wie vor hochmotiviert, mir für mein Couchpotatoe-Dasein den ein oder anderen Ausgleich zu suchen … .

Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 2

Ein Königreich für eine Zeitmaschine

Wie gerne würde ich doch die Zeit vorspulen. Jetzt, drei Wochen nach meinem Unfall, bin ich noch viele Wochen von einem Punkt entfernt, an dem so etwas wie ein normales Leben beginnen kann. Wenn ich beide Beine irgendwann um wenigsten 45° knicken und nachts die Orthesen ablegen kann, dann sind viele alltägliche Dinge mit einer gewissen Sicherheit bereits wieder möglich. Aber erst in mehr als drei Wochen kann eine Therapie überhaupt erst beginnen. Und es werden sicher weitere Wochen vergehen, bevor sich erste Erfolge einstellen.
Mit tut alles weh – außer den Knieen. Das liegt daran, dass ich sämtliche andere Muskelregionen jetzt beanspruchen muss. Muskeln, von denen ein Couchpotatoe wie meiner einer bisher gar nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existieren. Das Schwingen aus dem Bett, die permanenten gelenkigen „Übungen“, wenn einem beim Kochen mal wieder eine Nudel runterfällt oder der Kampf mit Hosen, Socken und dem Bettbeziehen. Aber das sind keine wirklichen Schmerzen, sondern Muskelkater, den man besonders am Morgen, wenn die tägliche Grundprozedur beginnt, schlicht ignorieren muss.

Narbe
Das rechte Bein sieht ganz manierlich aus – linkes Bein sieht sehr viel matschiger aus … daher kein Foto

Bezaubernde Frauenpower

Seit meiner Rückkehr war ich 2x bei meinem Hausarzt. Ja, ich habe jetzt einen Hausarzt. Den hatte ich bisher nicht, denn ich war nie wirklich krank gewesen. Die ein oder andere Grippe hatte ich immer so überstanden. Mehr Gebrechen war bisher nicht.
Zu den Ärzten kommt man mit einem Krankenbeförderungsschein. Obwohl mein Hausarzt nur einen Steinwurf weit entfernt ist, habe ich mir bei meinen beiden Besuchen einen Weg dorthin nicht alleine zu Fuss zugetraut. Obwohl dies, wie sich herausstellte, machbar gewesen wäre.
Also ruft man, auf Grundlage des vom Arzt ausgestellten Beförderungsscheins, einen Krankentransport an. Die Johanniter haben dafür eine Leitstelle. Da ich meine Beweglichkeit nicht wirklich einschätzen konnte, habe ich die Möglichkeit eines Liegendtransportes in Anspruch genommen. Da standen dann zwei junge bezaubernde Mädels vor meiner Tür mit einem Tragestuhl. Mein unglaubliches Staunen, wie die beiden es schaffen wollen, mich herunterzutragen, quittierten sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mir höchste Achtung einflößte. Einfach toll, was diese Frauen leisten.
Aber, ich wollte meine Beweglichkeit erstmal selbst testen und schlug vor, dass ich es mit Krücken die Treppe hinunter versuchen möchte. Lange Rede, kurzer Sinn: es ging. Die beiden Damen gingen vor mir, so dass ich die Treppe nicht sehen musste und mit konzentrierten Schritten ging ich die Treppe runter – rechts ans Geländer gekrallt, links die Krücke zum Ausbalancieren der Roboterschritte. Das hat mich sehr erleichtert.
Auch in den Transportwagen konnte ich mit eingezogenem Kopf einsteigen. Es war alles viel einfacher, als gedacht.

Setup zu Hause
Mein Setup zu Hause

Pizzataxi statt BTW?

Netflix vom Bett
Mit Tablethalterung am Toillettenstuhl Netflix, Prime oder DAZN schauen …

Mein zweiter Besuch beim Arzt einige Tage später war dann aber wirklich abenteuerlich. Ich brauchte ja keinen Liegendtransport, sondern lediglich ein „BTW“ (Behinderten-Transport-Wagen). Ich stand bei mir zu Hause am Fenster und wartete – zur vereinbarten Uhrzeit hielt ein alter VW Golf aus den 90er Jahren. Ich dachte mir „OK, das ist ein Pizzataxi – wo bleibt mein BTW?“. Man kann es bereits ahnen – das Pizzataxi war für den dicken Pitter gedacht.
Ich habe das mit Humor genommen und auch jetzt wieder mit der eigenen Vorgabe, das einzig Sinnvolle aus der Situation zu machen. Und auch das ging. Mit einem gestreckten Bein bin ich eingestiegen, dann auf den Fahrersitz rübergerobbt, um das andere Bein nachzuziehen. Was zunächst wie ein Krankentransport aus einer Bananenrepublik wirkte, war letztendlich eine sinnvolle Erfahrung: ich passe auf den Beifahrersitz eines normalen PKW. Das ist gut zu wissen.

 

Weitere Herausforderungen

Das Entfernen der Klammern beim Arzt war dann kein Problem. Die OP war jetzt 15 Tage her – der Zeitpunkt war also richtig. Allerdings ist in der Narbe im linken Bein eine kleine offene Stelle entstanden, die erst langsam zuwächst. Das hängt mit dem derzeit größten Problem zusammen, mit dem ich zu kämpfen habe. Nach wenigen Stunden Bewegung – wobei vor allem das Sitzen ein Problem ist – schwellen die Beine extrem an. Anscheinend produzieren die Wunden immer noch Lymphflüssigkeit, die nicht sofort abfließt. Lege ich die Beine dann hoch, kann man fast zusehen, wie sie wieder zusammenfallen. Aber diese ständige Prozedur ist sehr mühselig. So liege ich also oft im Bett und schreibe an einem Laptop, obwohl ich viel lieber andere Dinge machen würde. Und durch die ständige Spannung beim Anschwellen dehnt sich auch die OP Narbe immer wieder. Aber auch hier merke ich Fortschritte. Die Schwellungen sind nicht mehr so extrem und die offene Stelle ist kaum noch erkennbar.

Hilfsmittel und Freunde

Neben dem Laptop am Bett mit einer stabilen Unterlage habe ich mehrere Hilfsmittel erworben, die mir den Alltag erheblich erleichtern. Eine Greifzange, ein Plastikgestell zum Anziehen von Socken und eine Halterung für einen Tabletcomputer machen vieles einfacher. Auch eine faltbare Waschschüssel und lange Bürsten mit Aufsätzen machen die lange Zeit ohne richtiges Bad oder Dusche erträglicher. Ich komme an alle wichtigen Stellen ran und bin kein ungewaschenes Ferkel.
Auch den Zustellservice eines namhaften Supermarktes habe ich mittlerweile mal getestet – klappt wunderbar, kann ich nur empfehlen.
Und es ist natürlich eine große Erleichterung, wenn Freunde Hilfe anbieten. Post abholen, Müll mit rausnehmen oder einfach nur als Begleitung zu Terminen beim Orthopäden mit dabei sein – das hilft ungemein. Man ist natürlich bestrebt, möglichst viel alleine zu bewerkstelligen. Nicht, weil einem das Annehmen von Hilfe unangenehm wäre, sondern weil die Selbstständigkeit einem auch eine gewisse Sicherheit gibt. Aber zu wissen, dass Hilfe da ist, ist sehr beruhigend. Es wird alles einfacher mit der Zeit. Mittlerweile kann ich mich sogar aus meinem Sofa hochstemmen, aus dem Bett schwinge ich mich jetzt fast ohne Hilfsmittel und wenn man entsprechend Zeit für die Dinge einkalkuliert, die halt einfach länger dauern, dann ist der Alltag zu bewältigen.

Sockenanzieher
Sockenanziehen mit steifen Beinen? – Gar kein Problem …

Inspiration durch Leidensgenossen

Eine Person muss ich aber noch erwähnen, da sie in den letzten Tagen im Krankenhaus eine echte Inspirationsquelle war. Es war mein letzter Bettnachbar dessen Leidensweg eigentlich noch viel schwieriger ist, als meiner. Er kam drei Tage nach meiner OP in das Zimmer und lief auf Krücken zu seinem Bett. Er hatte schon vor vielen Jahren bei einem Unfall ein Bein verloren – jetzt stand eine OP in der Schulter an. Ähnlich wie bei mir wurde auch hier eine Sehne operiert, was eine Ruhigstellung über sechs Wochen bedeutet. Wer auf Krücken angewiesen ist, hat dann natürlich sechs Wochen Höchststrafe durchzuhalten. Bei ihm kam noch hinzu, dass er schon zwei Herzinfarkte hatte – die Angst vor einer OP und einer Vollnarkose war also besonders groß.
Nach seiner OP hatte er starke Schmerzen, konnte im Bett kaum eine vernünftige Position zum Schlafen finden – ich war richtig erleichtert, als ihn nachts schnarchen hörte. Denn Schlaf bedeutet, die Zeit zu überbrücken und eben nicht von Schmerzen und Gedanken geplagt zu sein.
Meinem Zimmernachbarn zu zuschauen, wie er nach wenigen Tagen seinen Alltag mit nur einem Bein und einer kaputten Schulter meisterte, war wie eine Verhöhnung für alle Weicheier. Er setzte sich fast mühelos in den Rollstuhl, nutzte eine Krücke um sich mit dem Rollstuhl laut scheppernd durch das Zimmer zu navigieren und konnte fast alles alleine machen. Das ging mit jedem Ausflug besser und besser. Dagegen ist meine Behinderung – Gehen möglich, wenn auch eingeschränkt und zwei gesunde Arme – ein Witz. „Es gibt immer einen zweiten Weg“, sagte er immer und dieser schlichte Satz half mir, mich auf Strategien zur Alltagsbewältigung zu konzentrieren, statt über Selbstmitleid auch nur nachzudenken. Ich habe mir überlegt, was ich benötige und wie ich am besten die Schwierigkeiten bewältige. Zuhause angekommen, habe ich diese Strategien dann ausprobiert und umgesetzt. Klappt die erste Variante nicht, dann die Alternative. Es geht immer irgendwie weiter.
Jetzt schreiben wir uns und stellen fest, dass zwei Wochen bei ihm und drei bei mir der sechswöchigen Hölle schon rum sind. Ein erster kleiner Lichtblick am Horizont kündigt sich an. Es sind die ersten Vorboten der Wiedergeburt 🙂

Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 1

Statt eines Inseltagebuches …

Es mag sicher noch schlimmere Dinge geben – Schicksalsschläge, noch schlimmere gesundheitliche Probleme, aber auch wenn „schlimmer geht immer“ eine richtige Aussage ist, so kann ich dennoch sagen, dass ich mich derzeit vermutlich in der schlimmsten Zeit meines Lebens befinde, mit den entsprechenden Herausforderungen. Eigentlich wäre ich jetzt auf meiner Insel. Aus dem „Auf meiner Insel“ – Tagebuch wird daher eine Schilderung davon, wie ich das Laufen wieder lernen muss.

Das kann jedem passieren, auch wenn Menschen mit Übergewicht und Bürojob wohl eher dafür prädestiniert sind. Und es kommt aus heiterem Himmel. Danach ist nichts mehr, wie es war. Ich sitze gerade in gebeugter Haltung an einem Tisch, in einem Rollstuhl. Auf dem Sitz ein riesiges Kissen, damit ein ausreichender Winkel zum Boden besteht. Beide Beine sind steif. Sie werden im 180° Winkel durch sogenannte „Orthesen“ gerade gehalten. Ich bin seit ein paar Tagen wieder zu Hause, habe heute morgen locker zweieinhalb Stunden gebraucht, um aus dem Bett zu kommen, das große Geschäft auf einem Toilettenstuhl zu verrichten, mich zu waschen, mit einem Greifarm eine Unterhose um die Zehen zu friemeln, um diese dann irgendwie nach oben über diese Orthesen drüber zu bekommen. Und dann muss im langsamen Wackelgang das Chaos beseitigt werden. Man beschäftigt sich mit seiner eigenen Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Mein Blick aus dem Krankenhausbett

Nur vier Stufen

Es geschah am 17. August 2019, abends. Ein schöner Abend. Ich möchte gar nicht so sehr auf das Ereignis eingehen. Das ist zweitrangig. Fakt ist, dass ich gegen 20:20 Uhr auf einer alten Steintreppe in Bonn an der Kante einer Stufe mit beiden Beinen gleichzeitig nach unten gerutscht bin. Es waren nur vier Stufen und ich bin auf dem Rücken gelandet. Hätte alles gut gehen können, aber die Folge war eine der langwierigsten Verletzungen, die es gibt. Ich habe sofort gemerkt, dass ich nicht aufstehen konnte, habe mich auf den Bauch gedreht, um auf allen Vieren aufzustehen – da habe ich gemerkt, dass die Kniescheiben nicht mehr da sind, wo sie hingehören. Mir war sofort klar, dass ich nicht mehr laufen kann. Ich drehte mich auf den Rücken  und sah, wie die Kniescheiben aus der Jeans hervorragten – meine Begleitung holte Hilfe. Der Kreislauf ging in den Keller, aber nach einer Flasche Wasser ging es wieder. Ich konnte meine Beine bewegen – es war also nichts gebrochen. Und es waren auch keine Bänder gerissen, denn dann hätte sehr viel stärkere Schmerzen gehabt.

Zum Glück war ich an diesem Abend nicht alleine. Eine Freundin und ihr Lebensgefährte waren schon den ganzen Abend mit mir unterwegs und waren zur Stelle. Meine anfängliche Hoffnung, es sei nur irgend etwas ausgerenkt und ich kann wieder gehen, war leider völlig daneben. Ein Krankenwagen kam und ich wurde in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht (Das Petrus-Krankenhaus in Bonn).

Quadrizepssehnenruptur beidseitig

In der Notfall Ambulanz habe ich geschildert, was passiert war. Die Ärztin dort hatte sofort einen Verdacht. Der hat sich dann mit Ultraschall und Röntgen bestätigt: In beiden Beinen war die Quadrizeps-Sehne gerissen. Das ist eine der größten Sehnen im menschlichen Körper und sie bewirkt, dass sich ein gebeugtes Knie wieder erhebt (klassisches Beispiel: Hinsetzen, Aufstehen) und dass man in der Waagerechten sein Bein gerade ausgestreckt nach oben bewegen kann. Beides war nicht mehr möglich. Einzige mögliche Fortbewegung: Im Stand mit Krücken wie ein Roboter. Dazu wurden mir Schienen mit Klett-Verschlüssen angelegt, die unbedingt eine Knick-Bewegung verhindern sollten.

Ich wurde stationär aufgenommen, habe auf Krücken – Gegenstände, die ich an diesem Abend zum ersten Mal wirklich benutzt habe – ein kleines Geschäft im Bad meines Krankenzimmers verrichten können. Meine Freunde waren zwischenzeitlich in meine Wohnung gefahren und haben mir die wichtigsten Sachen gebracht.
Im Krankenzimmer – ein Drei-Bett-Zimmer in dem inklusive mir zwei Personen schliefen – begrüsste mich M., mein Bettnachbar freundlich. Im Zimmer ein beißender Urin-Geruch. Entweder war eine Urinflasche nicht verschlossen oder sie war sogar ausgelaufen. Dieser Geruch war allerdings nur einer von vielen Gründen, die mich nicht schlafen ließen.
Bis maximal 1 Uhr nachts sollte ich etwas trinken und nüchtern bleiben. Man müsse so eine Verletzung sofort operieren, da sich die Sehnenstümpfe sehr schnell zurückbilden. Jede Stunde, die vergeht, macht die anschließende Wiederkehr ins Leben schwerer. Und mir stünde eine lange Zeit bevor. Sechs Woche komplette 0° Beugung der Beine, danach beginnt eine Physiophase, die mehrere Monate dauern wird. Das Ergebnis ungewiss. Es kann starke Einschränkungen in der Belastbarkeit der Beine geben oder die Beine bleiben ganz oder zu einem gewissen Grad steif. Auf keinen Fall dürfen Knickbewegungen gemacht werden. Das hatte mir die Ärztin in der Ambulanz gesagt, die von einer weiteren Ärztin abgelöst wurde, die mit mir schon alles für die OP durchgegangen war. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Dokumente ich an diesem Tag unterschrieben und wie viele Waschmaschinen ich bestellt habe.

In der Nacht habe ich kein Auge zugetan. Mein Bettnachbar hatte mir seine Leidensgeschichte erzählt – ein ordinärer Kreuzbandriss. Dafür hatte ich kein Ohr. Dann versuchten wir zu schlafen. Mein Bettnachbar rief öfter die Nachtschwester. Er hatte Schmerzen und bekam entsprechend mehr Medikamente. Schnell hat man die Abstufungen bei den Schmerzmedikationen raus: Ibuprofen – Novalgin – Tillidin – und dann alles, was Morphium enthält. Bei mir war bei Novalgin Schluss. Dazu später mehr. Ich musste mich außerdem für eine Vollnarkose oder eine Rückenmarksnarkose entscheiden. Vollnarkosen haben natürlich das übliche Risiko – die lokale Betäubung bedeutet ein Rumfummeln an der Wirbelsäule mit Nadeln und der Möglichkeit, einen Harnkatheder bekommen zu müssen. Eine der unappetitlichsten Vorstellungen überhaupt. Aber es galt alles abzuwägen.
Die Gedanken kreisten darum, wie man es zur Toilette schafft. Auch ich hatte eine Urinflasche am Bett. Für Männer sei das ja praktisch. Könnte man denken. Also ich habe es nicht hinbekommen, in der Horizontalen zu pinkeln. Ich hatte auch nie die Gelegenheit, das mal zu üben. Durst zu stillen ist ein Luxus den man sich nicht erlauben kann, wenn man am nächsten morgen operiert werden sollte. Man würde mich, auch wenn es ein Sonntag ist, direkt operieren.

Am nächsten Morgen half mir eine Schwester auf die Beine und ich konnte ein kleines Geschäft auf der Toilette verrichten. Wie man fast horizontal auf einer Toilette liegend mit zusammen gekniffenen Arschbacken ein großes Geschäft verrichten soll – das durfte ich üben und es gelang mir erst drei Tage später. Die Schwester half mir, mich mit ausgestreckten Beinen in einen Rollstuhl zu setzen und schob mich quer vor ein Waschbecken. Was für eine Wohltat einen Waschlappen mit Seife im Gesicht und am Oberkörper zu spüren. Ich bekam direkt eine Netzhose mit Einlage und mein Operationshemd angezogen. Dann ging es wieder ins Bett zurück. Nichts essen, nichts trinken.

Die OP

Ich lag den ganzen Vormittag im Bett. Der Narkosearzt kam kurz rein und fragte mich nach meiner Entscheidung: Vollnarkose. Ich müsste allerdings noch warten. Es war ein Notfall dazwischen gekommen. Gegen 12:30 Uhr ging es dann los. Ich wurde im Bett liegend in den OP gefahren.
Die Vorbereitungen zur OP waren ziemlich aufwendig. Man bekommt mehrere Zugänge gelegt. Einen in der Hand und jeweils einen in die beiden Leisten, die aber nach der OP direkt wieder entfernt wurden. Mit diesen Zugängen wurden meine Beine extra betäubt. Dann bekam ich ein Schmerzmittel über den Zugang in der Hand. Das Schmerzmittel habe ich sofort im ganzen Körper gespürt. Dann sagte der Arzt, dass jetzt das Narkosemittel komme. Er hatte den Satz noch gar nicht ausgesprochen, da war ich auch schon weg. Einige Stunden später – in jedem Bein die Sehnen neu zu vernähen dauert ca. 1-1,5 Stunden – bin ich in einem Aufwachraum erwacht. Ich weiß noch, wie mich das Gepiepe von meinem Herzschlag fast bekloppt gemacht hat. Nach einer weiteren halben Stunde wurde ich dann auf mein Zimmer zurückgebracht. Meine Freunde vom Vorabend waren wieder da und haben mich in Empfang genommen. Das Wichtigste: erstmal etwas Wasser trinken. Und dann später konnte ich auch eine Scheibe Brot zum Abendessen essen. Bis zum kommenden Morgen bin ich vor mich hingedämmert. Die Beine weiterhin taub – nur ganz allmählich kam ein Gefühl zurück. Ich weiß noch, dass mein Zimmernachbar Besuch von gefühlt drei Dutzend Freunden bekommen hat, die dann alle zusammen Monopoly gespielt haben. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Kann auch sein.

Nachts kam dann ein weiterer Zimmergenosse. Das Zimmer war jetzt voll belegt. Der arme Kerl hatte fünf Rippen angebrochen und einen Lungenflügel verletzt. Das blubbernde Geräusch des Sauerstoffs, den er über eine Maske einatmete, der nach wie vor beißende Uringeruch und das über Tag bei mehr als 30° aufgeheizte Zimmer machten den Schlaf unmöglich.

Wie ausgekotzt

Am kommenden Morgen war dann wieder Gefühl in den Beinen. Die Schwester vom Vortag half mir erneut ins Bad und ich setzte mich auf die Toilette. Wobei „sitzen“ das falsche Wort ist. Es war mehr ein „liegen“. Die Schwester merkte, wie ich weiß im Gesicht wurde. Der Kreislauf spielte nicht mit. Mit einem Kraftakt, bei dem ich nur sporadisch mithelfen konnte, legte sie mich zurück in das Bett. Sie hatte Angst, dass ich komplett zusammenklappe. Mich dann wieder auf die Beine zu kriegen wäre eine echte Herausforderung geworden. Ich sollte es nach dem Frühstück nochmal versuchen. Ich fühlte mich wie ausgekotzt.

Kurz nach dem Frühstück kam dann ein stämmiger Deutsch-Russe von der Physioabteilung in mein Zimmer. Ohne große Vorwarnung zog ich die Bettdecke zurück und es folgte eine Mischung aus Lachen und „Ach Du Scheiße – wie macht man den sowas? Ein Bein mit der Verletzung ist ja schon eine Herausforderung. Aber beide Beine?“. Ich schilderte ihm das Problem des Toilettengangs und er spielte es mit passenden Gesten nach. „Herausforderung – Es gibt keine Probleme, es gibt nur Herausforderungen“ – Dieser dämliche BWL Erst-Semester Spruch geht mir besonders auf den Sack, denn jemanden in meiner Lage muss man nicht daran erinnern, dass er mit einer „Herausforderungen“ konfrontiert ist. Diese Herausforderung beginnt bei selbstverständlichen Alltäglichkeiten und gipfelt in dem eigenen Ärger über sich selbst. Immer wieder hatte ich mir vorgenommen, mal schwimmen zu gehen, ein paar Kilos abzuspecken, mir einen höhenverstellbaren Schreibtisch zu zulegen, überhaupt aktiver und mobiler zu werden – ich habe es immer wieder auf die lange Bank geschoben und letztendlich nichts gemacht. Das rächt sich jetzt.
Mein Physiomensch hat mich dann aufgefordert, aus dem Bett herauszukommen. Trotz noch wackeliger Beine durch die Narkose. Der Umgang mit den Krücken war die erste Lektion. Die habe ich bis heute nicht drauf. Es ist unmöglich mit zwei Krücken aus einer normalen Sitzhöhe mit gestreckten Beinen in den Stand zu kommen. Ich brauche immer eine Sitzmöglichkeit mit Armlehnen, die so stabil sind, dass ich mich hochstemmen kann. Das ging also nur am Fussende des Krankenhausbettes. Allerdings waren meine Beine wie Pudding. Die erste Physio-Session war also nach wenigen Metern auf dem Flur beendet.
Allerdings hat das zu einer wichtigen Sache geführt: ich war in der Lage, alleine aufzustehen und damit auch alleine auf die Toilette zu gehen. Ich konnte also jetzt andere, wesentliche Dinge üben. Das gelang und war der erste große Lichtblick. Eine echte Erleichterung. Der Tag verging schnell. Kein Fernsehen. Ab und an WhatsApp Nachrichten.

Halluzinationen

Dann die zweite Nacht. Die Temperatur draußen war weiter angestiegen. Wieder lag ich in meinem eigenen Schweiß. Diesmal hatte die Betäubung tatsächlich nachgelassen und gegen 3:00 Uhr nachts klingelte ich nach der lieben Schwester Anna und bat um mehr Schmerzmittel. Ich bin kein Weichei, aber das war nicht zum aushalten. Ich bekam zwei Schmerzmittel – ein flüssiges, das sofort wirkte und zwei dicke Pillen Novalgin. Die Schmerzen ließen sehr langsam nach, aber ich glitt in einer Art Trance Zustand und hatte zum ersten Mal in meinem Leben Halluzinationen. Ich lag wieder auf der Treppe, in einem Bett, links und rechts von mir ebenfalls ein Bett. Alle Gedanken kreisten darum, dass ich in der Mitte lag und nicht wie im Krankenzimmer auf der linken Seite. Das Nachtlicht im Zimmer und Gelächter draußen vom Bonner Nachtleben, Schreie aus der Entbindungsstation, ließen den Raum mit der Treppe in eine Art Rinnsaal neben einer Straße abgleiten. Als würde ich irgendwo in einer Gosse in Chinatown liegen. Total abgefahren.
Die Ursache für diese Halluzinationen konnte nur dieses Novalgin sein. Das wurde dann reduziert und Mitte der Woche wieder rausgenommen. Das war auch OK. Mit Kühlpacks auf den Knieen und normalem Ibuprofen ließ es sich aushalten. Die Halluzinationen verschwanden, aber richtig geschlafen habe ich in keiner Nacht im Krankenhaus.

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Ground Zero – Mein Bett kurz vor der Entlassung nach Hause

Das Treppentrauma

Schon am zweiten Tag habe ich alles alleine gemacht. Ich habe mir auf dem Klo liegend beigebracht, wie ich mir eine neue Unterhose anziehe und wie ich mich halbwegs sicher bewegen konnte. An zweiten Tag nach der OP war wieder eine Physio-Lektion angesagt. Diesmal brachte der Physiomensch Verstärkung in Form einer Kollegin mit. Die Lektion heute – unglaublich aber wahr – keine 48 Stunden nach der OP: Treppesteigen. Wir gingen in den Flur und die Tür zum Treppenhaus zeigte eine flache, normale Treppe, ähnlich der Treppe, die ich zu Hause zu bewältigen hatte. Die beiden Physiomenschen waren nahe bei mir. Trepp-Auf ging es sehr gut. Eine Krücke, dann roboterhafter Ausfallschritt. Ich habe das fast alleine geschafft. Runter ist das größere Problem, denn das Bein, mit dem man sich auf die nächste Stufe tastet, neigt automatisch zur Knickbewegung. Man muss also ganz genau die Abstimmung der Gewichtsverlagerung koordinieren. Das gelang nur mit Hilfe der beiden Physiomenschen. Schweißgebadet habe ich mich nach der Session wieder ins Bett gelegt. Es wurde schnell klar, dass die Bauchmuskeln und die Rückenmuskulatur wichtig sind. Ohne Bauchmuskeln würde ich nicht an die Verschlüsse der Orthesen herankommen. So habe ich Pseudo-Sit-Ups mit Hilfe eines Flex-Bandes, befestigt am Ende des Bettes gemacht. Muskelkater im Rücken und im Bauch ist seit diesem Tag mein stetiger Begleiter.

Hilf Dir selbst …

Angespornt durch das Treppensteigen habe ich mein Bett dann sehr häufig verlassen. Erst über den Flur der Station gewandert, dann durch andere Stationen, schließlich bis raus vor den Haupteingang und zur Bushaltestelle vor dem Krankenhaus. Am liebsten wäre ich einen Bus eingestiegen und weg gefahren. Meine Ausflüge fielen einigen Leuten auf und eine Physiotherapeutin sagte mir, dass ich mit den Schienen – ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Orthesen – eigentlich gar nicht rumlaufen dürfe. Diese Dinger seien nur zur Fixierung im Bett geeignet.
Das hat mir sehr zu denken gegeben und mich extrem verunsichert. Ich durfte auf keinen Fall eine falsche Bewegung machen und da war es leichtsinnig, mit diesen Dingern rumzurennen. Noch weniger habe ich verstanden, dass man mich mit diesen Dinger rumlaufen ließ. Das hat mich enttäuscht und mich sehr beschäftigt. Den halben Tag habe ich recherchiert und bin auf die Bezeichnung „Orthesen“ das erste Mal gestoßen. Ich habe das den Schwestern erzählt, auch einem der Ärzte – aber es tat sich nichts. Also ich habe selbst beim Sanitätshaus angerufen und um eine Beratung gebeten. Es gab keinen vernünftigen Grund dafür, nicht bereits jetzt diese Orthesen zu verordnen und anzulegen. Nachdem ich mir die Experten selbst bestellt hatte, ging es dann auf einmal: ein sehr kompetenter Mensch kam vorbei, maß den Beinumfang aus und wenige Stunden später bekam ich sichere Gehhilfen, ohne Klettverschlüsse, mit Stahlstreben die auch mal Luft an die Beine ließen. Eine echte Wohltat und der erste Lichtblick seit langem. Nachteil: die Dinger haben eine extrem hohen Kosteneigenanteil. Mehrere hundert Euro pro Bein. Aber das war mir egal. Ich muss mit diesen Dingern monatelang rumlaufen und wollte die bestmögliche Option haben.

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Terminator Cyborg – Stufe 1

Gedanken an Zuhause

Die nächsten Tage verliefen alle gleich. Im Krankenhaus geben die Mahlzeiten den Rhythmus vor. Der Physiomensch zeigte mir noch einige Übungen, aber irgendwie hatte er resigniert. Nicht weil ich nicht mitmachen würde, sondern weil die Zeit für eine wirkliche Arbeit mit mir einfach zu kurz war. Als ihn fragte, ob er mir zutraue, dass ich meinen Alltag bewältigen könne, wirkte er zuversichtlich. Und das war ehrlich gemeint.
Aber genau darum kreisten meine Gedanken. In den ersten Tagen nach der OP habe ich ernsthaft daran gedacht, in ein Hotel zu ziehen. Ein Arzt, der ein Gespräch dazu mit einem Besuch bei mir mitbekommen hatte, riet mir davon ab: „Darüber werden Sie sich ärgern – sie müssen bedenken, dass die dritte Woche einfacher sein wird, als die erste“. Er hatte recht. Ich bin jetzt in der dritten Woche, seit mehr als einer Woche zu Hause und ich bin in der Lage alles zu bewältigen.
Zwei Tage vor meiner Entlassung wurde ich vom sozialen Dienst gefragt, was ich bräuchte. Da ich in den ersten Tagen nichts konstruktives sagen konnte, blieb jetzt eigentlich nur eine Sache übrig: ein Toilettenstuhl. In meinem Bad wäre es unmöglich gewesen, sich zu setzen und wieder aufzustehen. Der Toilettenstuhl ist außerdem extrem nützlich, denn er dient als Brücke vom Bett in den aufrechten Stand. Da ich ein sehr niedriges Bett zu Hause habe, muss eine recht hohe Distanz überwunden werden. Ich kann ja die Beine nicht knicken. Das gelingt mir mit den großen Kissen, aus denen meine Couch besteht. Ich lege zwei übereinander, lasse mich sanft mit gestreckten Beine darauf gleiten und liege dann im Bett. Das Aufstehen funktioniert so, dass ich mir eines dieser großen Kissen unter den Hintern schiebe und mich dann auf den an Regal und Couch fixierten Toilettenstuhl, bei dem man die Armlehnen herunterklappen kann, rüberschwinge. Von dort aus kann ich dann mit Krücken in den aufrechten Stand kommen. Das ist immer sehr mühselig, aber es funktioniert.
Wer jetzt denkt, ob das Grübeln über solche Gewohnheiten im Vorfeld sinnlos ist – nicht unbedingt. Wenn man sich diverse Strategien zurechtlegt und diese dann zu Hause ausprobiert, dann ist man sehr froh, wenn eine dieser Ideen so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat.

(Im nächsten Teil erzähle ich noch mehr von meinen Erfahrungen im Alltag, von einem inspirierenden Zimmergenossen im Krankenhaus und von den Perspektiven, die auf mich warten.)

Ausblick 2017

Ein neues Jahr steht vor der Tür und mit ihm eine neue Zeit, um neue Dinge zu beginnen und alte abzuschließen. Literarisch gesehen war 2016 geprägt von den Recherchen an dem nächsten, großen Buch – wer dazu mehr wissen möchte, einfach hier die alten Einträge durchforsten. Der Schreibprozess dazu hat bereits begonnen und wird noch lange in das Jahr 2017 hineinreichen. Das Buch wird übrigens wieder einen lateinischen Namen haben.
In 2016 wollte ich auch „Bellame“ und „Amor Simplex“ als eBooks wieder veröffentlichen. Das ist für die Amazon Plattform bereits erledigt. Bei tolino-media folgt das Update in den kommenden Wochen.  
Den Abschluss des Schreibprozesses an meinem neuen Buch werde ich, wenn möglich, auf Ende Mai/Anfang Juni legen. Denn zu dieser Zeit bin ich – wie könnte es anders sein – auf Amrum. Nach Korrekturen und Änderungen dürfte das Werk dann in ziemlich genau einem Jahr fertig sein.
„code-is-poetry.de“ ist weiterhin aktiv. Allerdings nicht bei den beiden angekündigten Tools, sondern ich arbeite an einem sehr spannenden Projekt – einer individuellen Erweiterung von Excel. Das ist eine große Sache für mich, die momentan viel meiner Aufmerksamkeit und Kreativität erfordert, die sich aber lohnt und die meinen Horizont erweitert. Dazu berichte ich dann auch zu geeigneter Zeit ein bisschen mehr.

Ich wünsche allen meinen treuen Besucherinnen und Besuchern einen Guten Rutsch in das neue Jahr und Alles Gute für 2017.