Das perfekte Backup

Es folgt ein langer, echter Nerd-Artikel. Zu einem wichtigen Thema für alle digital-affinen Menschen, deren größter Teil ihres produktiven Out- und Inputs mittlerweile digitale Lebensbegleiter sind. Mehr noch: Photos, Filme, Bücher, Games etc. machen den Lebensinhalt des Nerds aus – diesen zu bewahren, daran verschwendet der Nerd viele Gedanken. Auch wenn dieser Blogbeitrag wie eine Werbung erscheinen mag – es ist keine. Also ich bekomme kein Honorar für diesen nun folgenden Review. Er ist tatsächlich deswegen so positiv, weil mich selten ein Gerät so begeistert hat.

11 Jahre lang hatte ich als Backuplösung zu Hause eine „BookLiveDuo“. Das ist ein NAS („Network Attached Storage“) also eine Festplatte, die im Netzwerk zu Hause hängt und auf der alle Fotos, alles an Musik, das PDF Archiv, Downloads aus Mediatheken etc. liegt. Das Gehäuse beinhaltete zwei gleich große Festplatten, die per RAID („Redundant Array Of Inexpensive Discs“) verbunden waren. Das bedeutet, beide Festplatten haben immer den identischen Inhalt. Jede Änderung wird in Echtzeit gespiegelt. Geht eine Platte kaputt, ist die andere immer noch da.

Diese NAS sind nicht nur Gehäuse mit Festplatten, sondern haben auch ein eigenes kleines Betriebssystem. Man kann dort Nutzer und Gruppen verwalten, das System „pflegt“ sich selbst oder stellt Indizes bereit, die Dateien per Medienserver verfügbar machen. Man kann also problemlos über jedes Gerät, sei es Fernseher, Soundbar, Tablet oder Smartphone, die Medien aufrufen und abspielen.

So weit die Theorie. So richtig zufriedenstellend war dieses bisherige NAS eigentlich nie. OK, es waren immer alle Daten zugänglich. Das war aber auch schon alles. Per Tablet konnte ich nur über eine App auf die Daten zugreifen. Programme wie Word oder Excel konnte ich nie direkt auf einem Tablet mit dem Speicher zusammenbringen. Ich musste immer einen Zwischenschritt einbauen. Auch das SmartTV fand die Platten nicht und alle Basteleien waren irgendwann nervend. Zudem gab es keinen Ein/Aus-Schalter. Die LEDs blinkten manchmal tagelang und aus dem Ding war keine Antwort auf die Frage herauszubekommen: Was zum Teufel rödelst Du die ganze Zeit da rum?

Das Betriebsssystem war ein Linux ohne eine Oberfläche. Sicher konnte man sich über eine Konsole einloggen und mit ein paar Kommandos Infos aus Log Dateien abrufen und die Prozesse anzeigen lassen. Aber nutzerfreundlich war das nicht.

Egal, das Ding lief 11 Jahre lang und ich habe dort alle wichtigen Sachen gelagert. Da kommt einiges zusammen, wenn man Bücher und Zeitschriften auseinanderrupft und einscannt, seine CD Sammlung auflöst und alle nur erdenklichen Fotos katalogisiert, teilweise restauriert und für die Nachwelt erhält. Es wäre ein unvergleichliches Drama, wenn das irgendwann mal weg wäre.

Vor zwei Wochen aber ein Schock. Das Ding rödelte mal wieder stundenlang vor sich hin – mit einem Unterschied: die Dateien waren plötzlich nicht mehr verfügbar. Ich habe das Gehäuse geöffnet und festgestellt, dass die Festplatten glühend heiss waren. Irgendetwas war passiert. Keine Ahnung was. Ich konnte nicht feststellen, was genau kaputt war. War es eine der Platten, wenn ja, welche? Oder war das NAS selbst hinüber?

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Versuch einer Datenrettung per Universal Adapter und USB – wohl dem, der etwas mit EXT4 und Linux anzufangen weiß …

Mit einem universellen USB Adpater für Festplatten, habe ich die „nackten“ Festplatten dann an meinem PC ausgelesen. Beide Platten waren OK, man musste sie jedoch mit einiger Bastelei in der Partitionstabelle das RAID auflösen und die Platte als Linux EXT4 Drive mounten. Sie wissen nicht, was das bedeutet? – Nun, ich schon, aber selbst ich war schnell genervt. Ich hätte erwartet, dass der Hersteller für solche Fälle ein einfaches Tool bereitstellt. Fehlanzeige. Jedenfalls war der Inhalt noch vorhanden. Offensichtlich war das NAS selbst hinüber, die Festplatten waren in Ordnung.

Jetzt kommen wir nach der Vorgeschichte zum eigentlichen Thema. Ein neues NAS musste her. Diesmal etwas Ordentliches. Also habe ich angefangen zu recherchieren. Zumal es in den letzten 11 Jahren sicher Fortschritte gegeben hatte. Drei Firmen gibt es, die aus einem NAS mehr als nur ein Festplattengehäuse machen, wobei mein Favorit, Synology (ist immer noch keine Werbung!) aus diesen Geräten kleine Server macht, die wirklich alles können. Dabei gibt es bei den Modellen großer Unterschiede. Die „+“ Modelle ermöglichen Virtualisierung von Rechnern oder die „Play“ Modelle das Transcodieren von Mediendaten während eines Streams. Man muss beachten, was man braucht. Je nach Modell zahlt man für das eine NAS als Leergehäuse mehr, als für ein anderes Modell mit zwei (oder vier, sechs, acht) Platten.

Ich habe mich für eine einfache „J“ Variante entschieden (so das Kürzel in der Modellbezeichnung) und einer Größe von 4TB (eigentlich acht, aber die andere Platte ist das RAID Backup). Einrichtung und Anschluss läuft super einfach. Wer das NAS beim Hersteller registriert, kann per Remote von überall auf der Welt auf seine Festplatten zugreifen.

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Das neue „Schmuckstück“. Mit Ein/Ausschalter und dimmbaren LEDs

Gesteuert wird alles über das „DMS“ (Data Management System), eine grafische Oberfläche im Browser mit kinderleichter Bedienung. Dieses System kann mit unzähligen Apps erweitert werden. Webcamsteuerung, eigener E-Mail Server, Kalenderservice, Fotobearbeitung etc. – alles vorhanden und integrierbar.

Wenn man die vorgegebenen Medienverzeichnisse für Photos, Video und Music nutzt, kann man diese problemlos als Laufwerke einbinden und hat gleichzeitig eine überall verfügbare Medienindizierung. Beispiel: Man öffnet unterwegs auf dem Tablet ein altes Foto, ändert die Fotobeschreibung und die Stichworte (z.B. „Urlaub 2020“) und hat diese Änderung sofort überall verfügbar.

Weitere Highlights:

  • Eine nützliche Spielerei: Dimmbare LEDs, die den Status der Aktivität und der beiden Platten anzeigen, die sich per Zeitplan aktivieren lassen. Sehr schön, wenn man nachts keine Festbeleuchtung möchte.
  • Ressourcenmonitor, der genau anzeigt, welche Prozesse gerade laufen. Wenn das Ding rödelt, dann weiß ich jetzt, warum.
  • Anwendungen wie etwa „Notes“, die ein teures Tool wie Evernote komplett ersetzen.
  • Auch überall verfügbare Kalender oder Kontaktverzeichnisse lassen sich verwalten. Man kann wirklich auf Google verzichten, wenn man das möchte.
  • Das Ding hat einen Ein/Ausschalter und kann manuell, mit Zeitplan oder per App gestartet und heruntergefahren werden.
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Das Betriebssystem – gesteuert über den Browser, einfach zu bedienen und mit allen nur erdenklicken Funktionen.

Das Beste ist jedoch das sogenannte „Hyperbackup“. Denn NAS Hin- oder Her. Was passiert, wenn die Bude abbrennt? Da nützt das beste lokale Backup System nichts. Hyperbackup sichert das komplette NAS (oder einzelne Verzeichnisse) automatisch in eine Cloud oder auf ein weiteres NAS, das irgendwo anders steht. Dabei lässt sich einstellen, wieviele Dateiversionen wie lange vorgehalten werden sollen. Inkrementelle Backups können stündlich oder täglich gemacht werden. Als Speicher kann jeder andere Netzwerkspeicher dienen – das Backup kann verschlüsselt übertragen werden. Ich habe mich für 2TB auf Google entschieden (99,- EUR im Jahr) und bin jetzt entspannt. Zuhause habe ich alles im ständigen Zugriff ohne Cloud-Konflikte und ein echtes Backup existiert ebenfalls.

Natürlich ist diese Entspanntheit relativ. Wenn es darauf ankommt interessiert sich niemand für Backups. Interessant ist immer nur der Recovery Prozess. Den habe ich mal mit einer einfachen, unwichtigen Datei simuliert – die Begeisterung ist gewachsen.

Wer also eine einfache Lösung sucht, viele Dateien in einem kontinuierlichen Zugriff zu haben, Cloud Up/Downloads vermeiden und die volle Kontrolle über seine Daten behalten möchte, ist bei so einem Setup gut aufgeboben. Kostenpunkt: 450,- EUR + 99,- EUR jährlich Cloudspeicher. Das sind mir meine Daten wert. Wer virtuelle Rechner benötigt, etwa um Software zu testen oder verschiedene Linux Varianten, kann auf teuere Modelle zurückgreifen. Da kostet dann das leere NAS ohne Festplatten um die 500,- EUR.