Archiv der Kategorie: Musik

Martin L. Gore – Mandrill

Corona verhindert derzeit, dass Depeche Mode ihrem Vier-Jahres-Rhythmus folgen können. Nichts deutet auf ein neues Album in 2021 hin – das Jahr in dem nach „Spirit“ aus 2017 wieder eines fällig wäre. Aber Mastermind Martin L. Gore veröffentlicht Ende Januar eine EP mit fünf Instrumentalstücken. Eines davon ist bereits veröffentlicht.

KRAFTWERK : 20 Jahre Zoff um 2 Sekunden Sound

Sage und schreibe 20 Jahre dauert ein Rechtsstreit zwischen der Band KRAFTWERK und dem Musiker Moses Pelham. Es geht in diesem Rechtsstreit um eine sehr grundsätzliche Frage: ist „Sampeln“, also das Kopieren eines Teiles eines Songs zur Verwendung in einem eigenen Song eine Urheberrechtsverletzung? Kläger sind KRAFTWERK, die Moses Pelham schlicht für einen Dieb halten. Der europäische Gerichtshof als vorläufig letzte Instanz hat dazu jetzt ein salomonisches Urteil gefällt. Recht haben beide Parteien, Feinheiten werden individuellen Einschätzungen überlassen – Wir versuchen einfach mal das zu entwirren.

Die Konstellation dieses Konflikt könnte ausgefallener nicht sein. KRAFTWERK, das Sinnbild deutscher Musikkultur, vertonte Starrheit, verpackt als melodische Zeitlosigkeit auf der einen Seite. Und auf der anderen der Rapper, immer am Rande des Legalen, der kultivierte Verbrecher, der sich einfach das nimmt, was er will. Soweit die Klischees. Und man sagt ja, an jedem Klischee ist etwas Wahres.

Jenseits aller Klischees

Im Falle von KRAFTWERK weiß man, dass die beiden verbliebenen Gründern Ralf Hütter und Florian Schneider richtige Divas sein können. Der Musiker Wolfgang Flür, einst selbst Mitglied von KRAFTWERK, beschreibt dies eindringlich in seinem Buch „Ich war ein Roboter„. Nicht nur um das Erbe der Ära der 70er und 80er Jahre von KRAFTWERK wurde gerungen, sondern auch um das Buch von Flür selbst. Flür befand sich mit seinen ehemaligen Bandkollegen selbst jahrelang im Rechtsstreit. Da ging es um ein mit Alufolie umwickeltes elektronisches Schlagzeug oder um die Formulierungen im Buch von Flür, das einen tiefen Einblick in den KRAFTWERK-Kosmos versprach. KRAFTWERK sind sehr um ihren Mythos besorgt und keine noch so kleine Feder der Federboa mag man abgeben.

Andererseits sind KRAFTWERK auch sehr für ihre Kulanz bekannt. Solange sie gefragt werden akzeptieren sie die Übernahme ihrer Melodien. So geschehen beim Cover von „Das Modell“ durch RAMMSTEIN, die Hommage von U2, die „NEON LIGHTS“ als B-Seite ihrer Single „CITY OF THE BLINDING LIGHTS“ traumhaft gecovert haben und vor allem COLDPLAY, die aus der Melodie von „COMPUTERLIEBE“ einen ganz eigenen Song namens „TALK“ gemacht haben. All das war kein Problem – die Künstler haben zuvor gefragt und KRAFTWERK haben das wohl als Aufwertung ihrer Musik gesehen. Sie wurde in andere Genre transformiert. Pelham, der nicht gefragt hat und der das auch nicht für nötig hielt, gehört mit seinem HipHop nicht zu den Künstlern, die KRAFTWERK hofieren dürfen. So scheint es zumindest. Denn auch die auf den Rapper anwendbaren Klischees haben einen wahren Kern – er hat vor einigen Jahren dem Entertainer Stefan Raab die Nase gebrochen. Er ist also einer von den bösen Jungs.



Seit 20 Jahren kein abschließendes Urteil

Die Urteile in dieser Auseinandersetzung gingen Hin- und Her. Der EuGH hat jetzt eine bisherige Regelung neu definiert. Nicht die Länge eines Soundschnipsels verleiht dem Sample den Status eines geklauten geistigen Eigentums, sondern seine Unverwechselbarkeit. Das bedeutet im Klartext, dass ein Künstler so viel sampeln kann, wie er will, solange ein neues Kunstwerk entsteht, das keine Ähnlichkeit mehr mit dem Original hat. Entsteht aus dem Sample ein eigenständiges Kunstwerk, dann ist Samplen erlaubt. In diesem konkreten Fall geht es um knapp zwei Sekunden des Stücks „Metall auf Metall“ (hier anhören), dass in einem von Moses Pelham für die Sängerin Sabrina Setlur produzierten Song namens „Nur mir“ (hier anhören) auftaucht.

Mit diesem Urteil, dass von vielen Medien als salomonisch und im Sinne der Kunst gefeiert wird, wird ein neuer Schwerpunkt in der Bewertung zur abschließenden Urteilsfindung an die deutschen Gerichte zurück adressiert. Diese waren sich nicht einig. Während der Bundesgerichtshof zugunsten von KRAFTWERK urteilte, hob das Bundesverfassungsgericht dieses Urteil zugunsten der künstlerischen Freiheit wieder auf. Jetzt präsentiert der Europäische Gerichtshof kein eindeutiges Urteil, setzt aber neue, interessante Rahmenbedingungen. Das Urteil gibt nämlich nicht vor, wann ein eigenständiges Kunstwerk, erschaffen aus einem Sampling ein solches ist. Und es schließt auch die mögliche Lizenzierung nicht aus.

Es ist noch nicht vorbei

Mit diesem Urteil ist die Posse aber noch nicht vorbei. Das Ganze geht jetzt zurück an den Bundesgerichtshof, der nun aus den Vorgaben des EuGH ein Urteil zu fällen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass KRAFTWERK hier als Sieger hervorgehen, ist groß, denn Pelham muss jetzt nachweisen, dass „Nur mir“ ein Song mit einer eigenständigen Qualität ist und als eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden muss. Das mag jeder anders sehen – bilden Sie sich bitte selbst ein Urteil anhand der oben verlinkten Videos. Pelham hat aber das Problem, das er in den Instanzen zuvor „Sampling“ mit „Zitieren“ gleichsetzen wollte. Diese Argumentation spricht gegen die Eigenständigkeit und es wird schwer, diese nun anhand des Urteils zu revidieren.

Wahrlich ein salomonisches Urteil – Kunst verlangt nach künstlerischen Beweggründen. Auch wenn die Welt größere Probleme hat – selbst in Zeiten wie diesen kann die Welt noch in Ordnung sein.

SOUNDGARDEN – Das Vermächtnis

Diese Woche ist das Vermächtnis einer der wichtigsten Bands der letzten Jahrzehnte erschienen. „Live From The Artists Den“ von SOUNDGARDEN ist ein Konzertmitschnitt vom 17. Februar 2013. Es war der Abschluss einer Tour im „The Wiltern“ in Los Angeles – SOUNDGARDEN hatten zuvor nach 16 Jahren Ruhe ein Album mit dem Namen „King Animal“ veröffentlicht.

GRUNGE hat Anfang der 90er Jahre viele Band hervorgebracht. Neben den ganz großen NIRVANA sind sicherlich PEARL JAM und eben SOUNDGARDEN zu nennen. Wer mit GRUNGE groß geworden ist, hat vielleicht einen Favoriten unter diesen drei Bands – aber es gibt vermutlich niemanden, der die anderen beiden Bands ablehnen würde.

Dieses Konzert ist am 27.07.2019 in diesen Formaten erschienen:

2CD
BLU-RAY
Ltd. Super Deluxe Box
Ltd. 4LP 180-GRAM BLACK
Ltd. 4LP COLOR VINYL D2C
DIGITAL AUDIO

Besonders die limitierten Ausgaben dürften schnell ausverkauft sein.

Man hört das ja immer wieder. Von Amy Winehouse werden Jahre nach ihrem Tod noch unveröffentlichte Songs gefunden. Prince ist schon ein paar Jahre tot, aber aus seinen Archiven sprudeln die Neuerscheinungen. Und Chris Cornell, der Sänger von SOUNDGARDEN, ist nun auch schon seit zwei Jahren nicht mehr unter uns. Ist das jetzt etwas Richtung Leichenfledderei, die ordentlich Geld abwirft?

Eindeutig nein. Würde Chris Cornell noch leben, diese Veröffentlichung hätte den gleichen Status. Es ist das Vermächtnis von SOUNDGARDEN. Eine Bühne ohne viel Schnickschnack, tolle differenzierte Perspektiven und purer handgemachter Grunge mit Routine und ganz viel Spaß. „This live show was really special, and I know how much fun Chris had that night. The idea of giving fans the opportunity to experience it in its entirety is something I’m proud to share with them.“, sagte Vicky Cornell, die Witwe des Sängers.



„Artists Den“ ist übrigens eine Serie bei der „geheime“ Auftritte von Künstlern aufgezeichnet werden. Nicht selten in intimer Club Atmosphäre. Viele Künstler nutzen dieses Format, um Ihre Musik in einem passenden Umfeld zu präsentieren. Es wirkt ungezwungener und zugleich müssen sich die Musiker auf den Sound selbst konzentrieren – spektakuläre Bühnenshows gibt es nicht.

U2 haben „Rattle & Hum“, Talk Talk haben „London 1986“, Nirvana „Unplugged“ – und da reiht sich nun „Live From The Artists Den“ ein. Ein schönes, zeitloses Tondokument.

Hier aus dem Konzert ein Ausschnitt mit einem der bekanntesten Songs von SOUNDGARDEN:

KAMPFBEREIT! – Comebacks statt Mottenkiste

In der jüngeren Vergangenheit gab es von drei großen Bands der 90er Jahre, die jedem Fan von EBM ein Begriff sind, große Comebacks. In der Szene haben diese Comebacks durchaus Beachtung gefunden. Zeit, diese Meisterwerke auch einem breiteren Publikum vorzustellen. Die Rede ist von den Comeback-Alben von Nitzer Ebb, Haujobb und Front Line Assembly. Nitzer Ebb knüpfen an ihre Wurzeln an – Haujobb und Front Line Assembly lieferten sogar die besten Alben ihrer Karriere ab.

NITZER EBB – Industrial Complex (2010)

Beginnen wir mit der wohl bekanntesten Band: Nitzer Ebb. Die wurden Ende der 80er Jahre als Vorband von Depeche Mode Konzerten bekannt. Zusammen mit Front 242 gelten Sie als die Band des Genres EBM (Electronic Body Music). Höhepunkt ihrer Karriere war 1991 das von Flood und Alan Wilder produzierte Album „Ebbhead“. Seit 1995 hatte man nur von Solo-Aktivitäten der Bandmitglieder gehört. Dann 2010 das überraschende Comeback. Nitzer Ebb kündigten ein neues Album, eine Tour und einen neuerlichen Live-Support für Depeche Mode an. Das Comeback heißt „Industrial Complex“ und ist in meinen Ohren mehr als gelungen. Nitzer Ebb knüpfen an alte Stärken an.

Martin Gore (Depeche Mode) jault mit bei „Once You Say“. Höhepunkte sind aber bei einem ersten Durchhören „Payroll“ und „Kiss Kiss Bang Bang“ – verspätete Klassiker. Beim zweiten Durchhören ragen meiner Meinung nach zwei Songs besonders heraus: „I´m Undone“ und „My Door Is Open“. Sie sind nicht ganz so martialisch wie die anderen Songs, sondern haben eine gewissen Spannungskurve, die für EBM mit durchgehenden, monotone Rhythmen eher untypisch ist. Ich bekenne mich aber schon seit langem zu genau dieser untypischen Facette von Nitzer Ebb. Das letzte Album vor dem Comeback „Big Hit“ war voll von Songs mit dieser Seite von Nitzer Ebb, was mir persönlich sehr gut gefallen hat. Mit dieser Auffassung stehe ich allerdings ziemlich allein da.

Nitzer Ebb haben dann auch Depeche Mode bei Ihrer Tour in Deutschland unterstützt. Douglas McCarthy, der Sänger (zwischenzeitlich auch auf Solopfaden) hält auch zu Recoil (Alan Wilder) engen Kontakt. Man darf froher Hoffnung sein, dass in naher Zukunft weitere Kooperationen folgen.

Nitzer Ebb – Getting Closer (Live 1989, Technoclub Frankfurt)



HAUJOBB – New World March (2011)

Im Gegensatz zu Nitzer Ebb sind Haujobb eher gediegen, ruhiger, manchmal gar minimalistisch. Mit „New World March“ offenbaren Haujobb so etwas wie eine Botschaft. „New World March“ ist ungewohnt kritisch. Die Vorab-Single „Dead Market“ kann man als Persiflage auf aktuelles politisches Gebaren verstehen: „Identity is safe – The content is nothing – Deconstruction of form – We will always follow“. Ja, das ist beinahe philosophisch. Was Haujobb schon immer gut konnten ist eine gewisse Dramaturgie in ihren Songs aufzubauen. So beim Opener „Control“, der sanftmütig daherkommt und dann in geilen Samples ausartet. Meine persönlichen Favoriten sind „Soulreader“ (dürfte auf entsprechenden EBM Parties extrem tanzbar sein) und der Song „Membrane“. Letzterer ist wie eine Visitenkarte für alles, was Haujobb auszeichnet.

Abgerundet wird dieses Comeback mit einem extrem genialen Coverartwork, sowohl bei der EP „DEAD MARKET“ als auch bei dem Album selbst. In einer trostlosen Trümmerwüste hält jemand Ausschau nach der neuen Welt, die uns erwartet. Wollen wir hoffen, dass Haujobb keine prophetischen Gaben besitzen. EBM / Industrial passt von seiner Grundstimmung eben eher zu düsteren, epischen Szenarien – Haujobb geben mit „New World March“ dafür die perfekte Blaupause.

Hier das Video zu „Dead Market“, übrigens das bisher einzige offizielle Musikvideo der Band seit ihrem Bestehen.

FRONTLINE ASSEMBLY – Improvised Electronic Device

Hammer! Seit fast 30 Jahren im Business haben Frontline Assembly mit I.E.D. das beste Album ihrer Karriere abgeliefert, besser noch als GASHED SENSES AND CROSSFIRE oder TACTICAL NEURAL IMPLANT.

Die Band kann man nur noch bedingt zum EBM Genre rechnen. Mittlerweile lässt sich die Musik sehr viel eher dem Industrial Genre zuordnen. Mehr noch – sie haben dieses Genre begründet, lange bevor Ministry oder Nine Inch Nails es geprägt haben. So ist die Zusammenarbeit mit Al Jourgensen, dem Godfather of Industrial, nur zwangsläufig. Jourgensen, der Mastermind hinter MINISTRY, leiht FLA seine Stimme in dem martialischen Wutausbruch „STUPIDITY“. Das ist wie „BURNING INSIDE“ auf Speed. Gerade dieser Track ist aber untypisch für das Album. Bei FLA sind alle Alben Konzeptalben. Der Opener, der Titletrack macht sie kampfbereit – es folgt der „Angriff!“ – dass FLA sich militärischem Jargon bedienen ist nicht nur ihrem Namen geschuldet. Die Musik ist so martialisch – einen tieferen Sinn kann es nur mit der Durcherxerzierung solcher Begriffe geben. Gewaltverherrlichend – naja, wer FLA hört ist vermutlich eh ein abgestumpfter End-Dreissiger, der es nicht anders verdient hat. Bill Leeb ist als einziges Gründungsmitglied dabei – der Rest des Line-Ups wurde verjüngt. Genialer Übergang in eine neue Generation.