Archiv der Kategorie: Musik

Dum Dum Girl

Damals und Heute Vergleiche ziehen sich wie ein roter Faden durch die Beiträge meiner Seite. Heute ergänze ich diesen roten Faden mit einem musikalischen Brückenschlag von den 80er in die 2010er Jahre – die Kombination ist einmalig, denn sie vereint zwei Ikonen der Zeit miteinander.

Mark Hollis (1955-2019, Sänger und Mastermind von „Talk Talk„) und Alan Wilder, langjähriges Mitglied von Depeche Mode, der unter dem Namen „Recoil“ eigene Sachen produziert hat, aber auch als Produzent erfolgreich ist. 2012 war er der Produzent eines Tribute-Albums zu „Talk Talk“ und hat selbst einen Track mit seinem Projekt „Recoil“ beigesteuert.

Zunächst das Original des Songs „Dum Dum Girl“ von „Talk Talk“ aus dem Jahr 1984:

Und hier die Tribute Version aus dem Jahr 2012 von dem Album „Spirit Of Talk Talk“, produziert von Alan Wilder. Gesungen von Shara Worden. Ein fantastische Dramaturgie – ganz große Videokunst.

Mehr Details in einem Interview mit Alan Wilder aus dieser Zeit.

Und für diejenigen, die mit „Talk Talk“ nichts anfangen können – der größte Erfolg von „Talk Talk“ ist dieser Ohrwurm aus den 80ern:

 

Martin L. Gore – Mandrill

Corona verhindert derzeit, dass Depeche Mode ihrem Vier-Jahres-Rhythmus folgen können. Nichts deutet auf ein neues Album in 2021 hin – das Jahr in dem nach „Spirit“ aus 2017 wieder eines fällig wäre. Aber Mastermind Martin L. Gore veröffentlicht Ende Januar eine EP mit fünf Instrumentalstücken. Eines davon ist bereits veröffentlicht.

KRAFTWERK : 20 Jahre Zoff um 2 Sekunden Sound

Sage und schreibe 20 Jahre dauert ein Rechtsstreit zwischen der Band KRAFTWERK und dem Musiker Moses Pelham. Es geht in diesem Rechtsstreit um eine sehr grundsätzliche Frage: ist „Sampeln“, also das Kopieren eines Teiles eines Songs zur Verwendung in einem eigenen Song eine Urheberrechtsverletzung? Kläger sind KRAFTWERK, die Moses Pelham schlicht für einen Dieb halten. Der europäische Gerichtshof als vorläufig letzte Instanz hat dazu jetzt ein salomonisches Urteil gefällt. Recht haben beide Parteien, Feinheiten werden individuellen Einschätzungen überlassen – Wir versuchen einfach mal das zu entwirren.

Die Konstellation dieses Konflikt könnte ausgefallener nicht sein. KRAFTWERK, das Sinnbild deutscher Musikkultur, vertonte Starrheit, verpackt als melodische Zeitlosigkeit auf der einen Seite. Und auf der anderen der Rapper, immer am Rande des Legalen, der kultivierte Verbrecher, der sich einfach das nimmt, was er will. Soweit die Klischees. Und man sagt ja, an jedem Klischee ist etwas Wahres.

Jenseits aller Klischees

Im Falle von KRAFTWERK weiß man, dass die beiden verbliebenen Gründern Ralf Hütter und Florian Schneider richtige Divas sein können. Der Musiker Wolfgang Flür, einst selbst Mitglied von KRAFTWERK, beschreibt dies eindringlich in seinem Buch „Ich war ein Roboter„. Nicht nur um das Erbe der Ära der 70er und 80er Jahre von KRAFTWERK wurde gerungen, sondern auch um das Buch von Flür selbst. Flür befand sich mit seinen ehemaligen Bandkollegen selbst jahrelang im Rechtsstreit. Da ging es um ein mit Alufolie umwickeltes elektronisches Schlagzeug oder um die Formulierungen im Buch von Flür, das einen tiefen Einblick in den KRAFTWERK-Kosmos versprach. KRAFTWERK sind sehr um ihren Mythos besorgt und keine noch so kleine Feder der Federboa mag man abgeben.

Andererseits sind KRAFTWERK auch sehr für ihre Kulanz bekannt. Solange sie gefragt werden akzeptieren sie die Übernahme ihrer Melodien. So geschehen beim Cover von „Das Modell“ durch RAMMSTEIN, die Hommage von U2, die „NEON LIGHTS“ als B-Seite ihrer Single „CITY OF THE BLINDING LIGHTS“ traumhaft gecovert haben und vor allem COLDPLAY, die aus der Melodie von „COMPUTERLIEBE“ einen ganz eigenen Song namens „TALK“ gemacht haben. All das war kein Problem – die Künstler haben zuvor gefragt und KRAFTWERK haben das wohl als Aufwertung ihrer Musik gesehen. Sie wurde in andere Genre transformiert. Pelham, der nicht gefragt hat und der das auch nicht für nötig hielt, gehört mit seinem HipHop nicht zu den Künstlern, die KRAFTWERK hofieren dürfen. So scheint es zumindest. Denn auch die auf den Rapper anwendbaren Klischees haben einen wahren Kern – er hat vor einigen Jahren dem Entertainer Stefan Raab die Nase gebrochen. Er ist also einer von den bösen Jungs.



Seit 20 Jahren kein abschließendes Urteil

Die Urteile in dieser Auseinandersetzung gingen Hin- und Her. Der EuGH hat jetzt eine bisherige Regelung neu definiert. Nicht die Länge eines Soundschnipsels verleiht dem Sample den Status eines geklauten geistigen Eigentums, sondern seine Unverwechselbarkeit. Das bedeutet im Klartext, dass ein Künstler so viel sampeln kann, wie er will, solange ein neues Kunstwerk entsteht, das keine Ähnlichkeit mehr mit dem Original hat. Entsteht aus dem Sample ein eigenständiges Kunstwerk, dann ist Samplen erlaubt. In diesem konkreten Fall geht es um knapp zwei Sekunden des Stücks „Metall auf Metall“ (hier anhören), dass in einem von Moses Pelham für die Sängerin Sabrina Setlur produzierten Song namens „Nur mir“ (hier anhören) auftaucht.

Mit diesem Urteil, dass von vielen Medien als salomonisch und im Sinne der Kunst gefeiert wird, wird ein neuer Schwerpunkt in der Bewertung zur abschließenden Urteilsfindung an die deutschen Gerichte zurück adressiert. Diese waren sich nicht einig. Während der Bundesgerichtshof zugunsten von KRAFTWERK urteilte, hob das Bundesverfassungsgericht dieses Urteil zugunsten der künstlerischen Freiheit wieder auf. Jetzt präsentiert der Europäische Gerichtshof kein eindeutiges Urteil, setzt aber neue, interessante Rahmenbedingungen. Das Urteil gibt nämlich nicht vor, wann ein eigenständiges Kunstwerk, erschaffen aus einem Sampling ein solches ist. Und es schließt auch die mögliche Lizenzierung nicht aus.

Es ist noch nicht vorbei

Mit diesem Urteil ist die Posse aber noch nicht vorbei. Das Ganze geht jetzt zurück an den Bundesgerichtshof, der nun aus den Vorgaben des EuGH ein Urteil zu fällen hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass KRAFTWERK hier als Sieger hervorgehen, ist groß, denn Pelham muss jetzt nachweisen, dass „Nur mir“ ein Song mit einer eigenständigen Qualität ist und als eigenständiges Kunstwerk betrachtet werden muss. Das mag jeder anders sehen – bilden Sie sich bitte selbst ein Urteil anhand der oben verlinkten Videos. Pelham hat aber das Problem, das er in den Instanzen zuvor „Sampling“ mit „Zitieren“ gleichsetzen wollte. Diese Argumentation spricht gegen die Eigenständigkeit und es wird schwer, diese nun anhand des Urteils zu revidieren.

Wahrlich ein salomonisches Urteil – Kunst verlangt nach künstlerischen Beweggründen. Auch wenn die Welt größere Probleme hat – selbst in Zeiten wie diesen kann die Welt noch in Ordnung sein.

SOUNDGARDEN – Das Vermächtnis

Diese Woche ist das Vermächtnis einer der wichtigsten Bands der letzten Jahrzehnte erschienen. „Live From The Artists Den“ von SOUNDGARDEN ist ein Konzertmitschnitt vom 17. Februar 2013. Es war der Abschluss einer Tour im „The Wiltern“ in Los Angeles – SOUNDGARDEN hatten zuvor nach 16 Jahren Ruhe ein Album mit dem Namen „King Animal“ veröffentlicht.

GRUNGE hat Anfang der 90er Jahre viele Band hervorgebracht. Neben den ganz großen NIRVANA sind sicherlich PEARL JAM und eben SOUNDGARDEN zu nennen. Wer mit GRUNGE groß geworden ist, hat vielleicht einen Favoriten unter diesen drei Bands – aber es gibt vermutlich niemanden, der die anderen beiden Bands ablehnen würde.

Dieses Konzert ist am 27.07.2019 in diesen Formaten erschienen:

2CD
BLU-RAY
Ltd. Super Deluxe Box
Ltd. 4LP 180-GRAM BLACK
Ltd. 4LP COLOR VINYL D2C
DIGITAL AUDIO

Besonders die limitierten Ausgaben dürften schnell ausverkauft sein.

Man hört das ja immer wieder. Von Amy Winehouse werden Jahre nach ihrem Tod noch unveröffentlichte Songs gefunden. Prince ist schon ein paar Jahre tot, aber aus seinen Archiven sprudeln die Neuerscheinungen. Und Chris Cornell, der Sänger von SOUNDGARDEN, ist nun auch schon seit zwei Jahren nicht mehr unter uns. Ist das jetzt etwas Richtung Leichenfledderei, die ordentlich Geld abwirft?

Eindeutig nein. Würde Chris Cornell noch leben, diese Veröffentlichung hätte den gleichen Status. Es ist das Vermächtnis von SOUNDGARDEN. Eine Bühne ohne viel Schnickschnack, tolle differenzierte Perspektiven und purer handgemachter Grunge mit Routine und ganz viel Spaß. „This live show was really special, and I know how much fun Chris had that night. The idea of giving fans the opportunity to experience it in its entirety is something I’m proud to share with them.“, sagte Vicky Cornell, die Witwe des Sängers.



„Artists Den“ ist übrigens eine Serie bei der „geheime“ Auftritte von Künstlern aufgezeichnet werden. Nicht selten in intimer Club Atmosphäre. Viele Künstler nutzen dieses Format, um Ihre Musik in einem passenden Umfeld zu präsentieren. Es wirkt ungezwungener und zugleich müssen sich die Musiker auf den Sound selbst konzentrieren – spektakuläre Bühnenshows gibt es nicht.

U2 haben „Rattle & Hum“, Talk Talk haben „London 1986“, Nirvana „Unplugged“ – und da reiht sich nun „Live From The Artists Den“ ein. Ein schönes, zeitloses Tondokument.

Hier aus dem Konzert ein Ausschnitt mit einem der bekanntesten Songs von SOUNDGARDEN: