Never Ending Story

Die Buchbranche und ihre Darstellung in den Medien wird derzeit vom Amazon-Bashing beherrscht. Amazon ist Schuld an allem. Am Niedergang der kleinen schnuckeligen Buchhandlung um die Ecke, am Hartz IV-Antrag des Zwischenhändlers, dem Verlust von Einfluss und Macht der bisher ach so humanen großen Verlagsketten und am Niedergang der Lese-Kultur im Allgemeinen. Kann man das auch anders sehen? Man kann … .

Von Peter Killert.

Wenn Günther Wallraff die sozialen Zustände beim Konzern Amazon anprangert und wie so oft der Gesellschaft vor Augen hält, dass die Geizheilheit wieder keinen Halt vor der Menschenwürde gemacht hat (ganz schlimm ist es zur Weihnachtszeit, der Zeit der Nächstenliebe und des logistischen Overkills), dann glaube ich ihm das. Wenn Menschen allein aus diesem Grund Amazon konsequent boykottieren und nicht zeitgleich ihr Smartphone von Hersteller X, Sportschuhe von Y und Kaffeepadmaschine von Z verwenden, dann haben diese Menschen meine Hochachtung. Und diesen konsequenten Idealisten, Veganer, Fahrradfahrer und passionierten Mülltrenner gibt es. In aller Konsequenz gibt es ihn – Einen unter einer Million. Alle anderen sind Heuchler. Ich bin kein Heuchler. Weil ich Amazon nicht boykottiere.

Ich glaube nicht an das Märchen, dass es einen Bösen gibt und der Rest der Welt besteht aus Idealisten, die nur das Beste wollen und schon immer wollten. Ich glaube nicht, dass bei anderen Versandhäusern bisher Mindestlöhne oder mehr gezahlt wurden. Ich glaube, dass jedes Unternehmen aggressiv und menschenverachtend auf Profit ausgerichtet ist. Es mag Ausnahmen geben. Die sind so lobenswert wie die Boykotteure – aber sie sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Und eine Sache glaube ich schon mal gar nicht. Amazon ist nicht Auslöser eines gigantischen Paradigmenwechsel. Sie sind Nutznießer dieser Entwicklung und Vorreiter, weil sie eine zwangsläufige Entwicklung nicht nur nicht künstlich zurückhalten wollen, sondern diese sogar noch beschleunigen.

2009 bis 2010 wurden in Deutschland 1,5 Millionen eBooks verkauft. Für die Jahre 2014 bis 2015 werden es ca. 60 Millionen sein (Quelle). Jeder dritte Deutsche im lesefähigen Alter wird dann statistisch gesehen im Jahr ein eBook gekauft haben. Ich kann mich an Aussagen aus 2009 erinnern, wo „Fachleute“ von einem eBook-Anteil von unter 20% bis zum Jahr 2020 ausgegangen sind. (finde leider keinen Beleg für diese Aussage) – die aktuelle Entwicklung weitergedacht wäre selbst eine Invertierung dieser 20% auf 80% noch zu verhalten geschätzt. 2020 werden sie nur noch Menschen mit mobilen Devices sehen. Diese Devices werden auch zum Lesen benutzt. Sehen sie 2020 im Park einen Menschen, der ein Buch liest, dann ist dieser Mensch ein Exot.

Das Argument, dass die Screens von Tablets und eBook-Readern nicht den Lesekomfort wie ein Buch bieten würden, ist obsolet. Dank hochauflösender Displays, die sich innerhalb weniger Monate zum Standard entwickelt haben. Und als mir neulich ein Verlag ein Buch, ein dickes gebundenes Buch zur Rezension geschickt hat, hat mich das richtig genervt. Wo schreibe ich meine Notizen hin? Wie soll ich dieses Buch mitschleppen? Wo kann ich eine Stelle per Volltextsuche wiederfinden und per Copy/Paste an Wikipedia verweisen? Geht nicht. Noch bin ich nicht so weit, dass ich die Rezension gänzlich aufgegeben habe. Aber ich war nahe dran. Kein herkömmliches Buch wird mich je wieder auf eine Reise begleiten. Und ich werde nie wieder etwas auf Papier publizieren. Der Paradigmenwechel, der Austausch des Mediums ist in mir schon komplett vollzogen. Wie mag das bei Menschen sein, die jünger sind? Die Geschwindigkeit, mit der dieser Paradigmenwechsel erfolgt, ist enorm. Und sie wird nach wie vor unterschätzt.

Das Ergebnis eines künstlichen Aufrechterhaltens von profitablen Strukturen erkennen sie, wenn sie die Preise vergleichen. Manchmal ist es so, dass ein eBook genauso viel kostet, wie das gedruckte Buch. Und wer profitiert davon? Der Leser? Sicher nicht. Der muss genauso viel zahlen. Das Argument, dass auch ein eBook ein Lektorat und Marketing benötigt, ist zu kurz gedacht. Fragen sie doch mal in einem Verlag nach, wie die Löhne bei Lektoren gestiegen sind. Gar nicht? Aha. OK, weil die Verlage weniger Umsatz machen? Stimmt nicht. Die Aktionäre und die Manager in den oberen Etagen der alles kontrolierenden Verlagsgruppen wie Barnes and Nobles, Randomhouse (Bertelsmann) verdienen ohne Ende und greifen immer wieder nach den etablierten Buchhändlern – Bertelsmann strebt schon lange eine Kooperation mit Thalia oder der Mayerschen Buchhandlung an. Teilweise ist diese Kooperation bereits in trockenen Tüchern. (Quelle). Daran gehen die kleinen unabhängigen Buchhandlungen kaputt und eben nicht nur an Amazon. Und bevor Amazon aus dem Hintergrund heraus immer mächtiger wurde, waren auch genau diese Riesen die größten Feinde der unabhängigen Buchhändler. Wie schnell sich doch die Feindbilder ändern, wenn sich eine Branche auf einen Bösen einschiesst. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass etablierte Buchläden diesen Braten längst gerochen haben.

Von dem Profit, der sich aus den völlig überhöhten eBook Preisen ergibt, kommt bei den Autoren erst recht nichts an. Weil das Spiel seit Jahren so läuft. Echte Macher, Programmverantwortliche eines Verlages, werden gefeuert. Da kann das Programm, die Substanz noch so gut sein – der Profit ist entscheidend. Solche Instanzen, die Chefmanager in den großen Verlagskonsortien als Hüter der Lesekultur zu sehen ist schon gar nicht mehr naiv. Es ist schlicht Blödsinn. Wer es nicht glaubt – bitte hier nachlesen.

Es wird sein, wie mit den Schallplatten. Läden, die sich spezialisieren, werden die Vinyl-Liebhaber für Jahrzehnte als Kunden haben. Die Argumente, die für Vinyl sprechen, sind unerheblich. Ich kann jeden verstehen, der Schallplattem sammelt und sich auch über aktuelle Neuerscheinungen auf Vinyl freut. Es ist ein Zeichen des guten Geschmacks. Dennoch ist das Vinyl schon lange nicht mehr das Medium erster Wahl für Tonträger. Bei den Schriftträgern ist dieser Umbruch in vollem Gange. Bücher wird es immer auch in Papierform geben. Aber allein schon das Wort „Papier“ der „Form“ voranstellen zu müssen, stellt das Medium in eine Nische. Das ist eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt. Ob der Dämon, der diese Kultur überollt Amazon oder Apple oder Google oder sonstwie heißt.

Man kann also weiter herumreden. Meine Auffassung zum eBook an sich habe ich bereits kundgetan. Halten wir die Fakten fest:

  • Der Umsatz mit eBooks in Deutschland hat sich innerhalb von fünf Jahren um das 60fache erhöht.
  • Die großen Verlagshäuser und Buchhandelsketten fangen jetzt erst damit an, ihre Strategie darauf auszurichten. Fakt ist, dass es tatsächlich nur einen alternativen vom Buchhandel subventionierten eBook-Reader in Konkurrenz zum Kindle gibt  (nannte sich früher OYO, heißt heute Tolino).
  • Fakt ist ferner, dass durch die Aufrechterhaltung der Buchpreisbindung auch bei eBooks nichts bei Autoren, Lesern oder den Mitarbeitern im etablierten Buchhandel ankommt. Der Profit geht in die übergeordneten Großkonzerne, die genauso stark sind, wie Amazon.
  • Fakt ist, dass Amazon eine Publishing-Plattform anbietet, die etablierte Verlage in ihrer Nachhaltigkeit noch nicht mal ansatzweise begreifen. Die glauben tatsächlich immer noch, dass ihr Auswahlverfahren, ihr Lektorat, ihr Marketing noch gebraucht wird und Garant von Qualität ist.  Wie damals, als die Brockhaus Redaktion die Menschen von Wikipedia kleinreden wollten. Es gibt aber keine Menschen, die allein aufgrund von etablierten Strukturen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten- Darin sehe ich ganz persönlich das größte Problem überhaupt. Wenn Amazon sich mit dem nächsten Schritt, dem KDP-Select (eine Flatrate von 10$ im Monaten zum Lesen beliebig vieler Bücher der eigenen Publishing-Plattform) etabliert, dann besteht tatsächlich eine Gefahr für die Kultur. Denn dann steht nur noch der Leser im Fokus und die Autoren müssen ihre Werke zu Ramschpreisen anbieten. Eine mögliche Lösung dafür wäre eine Kultur-Flatrate (ich höre den Aufschrei des kritischen Lesers bei diesem Wort). Dazu aber gibt es eigenen Essay.

Um abschließend noch mal eines klarzustellen: ich mache hier keine Werbung für Amazon. Amazon als profitgeiler Konzern, der Menschen ausbeutet, ist widerwärtig. Ich bin auch kein Zyniker, der Idealisten, die diese Zustände verändern wollen, durch den Kakao zieht. Idealisten – und nur Idealisten – verändern die Welt zum Positiven. Ich plädiere lediglich dafür, wieder mehr den Tatsachen ins Auge zu sehen, die Dinge anzupacken, die vor Jahren hätten angepackt werden müssen und mit dem Gejammer aufzuhören, dass der Teufel Amazon die traditionelle Buchkultur kaputtmacht. An jeder Art von Veränderung werden die profitieren, die skrupellos sind. Das war so und das wird immer so sein. Die Frage ist nur, warum diese never ending story immer wieder neu erzählt werden muss und Menschen sie erst am Ende begreifen. Wenn es zu spät ist. Nicht zu spät im Sinne von Weltuntergang, aber zu spät im Sinne von „hätte ich doch mal … als noch Zeit war …“. Die Moral der never ending story: Menschen werden nie aus Schaden klug, sondern immer erst hinterher. Wenn die Geschichte schon erzählt ist. Erzählt hat sie immer ein anderer. Warum bin ich nicht der Erzähler?

Das Ganze Herz

Ich habe überlegt, ob ich diese Geschichte einfach so, ohne viele Kommentare, online stelle. Aber einige Hintergrundinfos sind sicher sinnvoll. Die Geschichte spricht für sich. Es ist die beste Geschichte, die ich bis dato geschrieben habe. Und ich bin selten übermäßig stolz auf meine Texte.

Das liegt nicht nur an den Worten und an der Idee, sondern vor allem daran, dass alle erwähnten Fakten zu dem Treffen, das im Mittelpunkt dieser Geschichte steht, einer Recherche standhalten würden – dieses Gespräch hätte genauso stattfinden können. Alle erwähnten Fakten lassen sich belegen, kaum etwas ist erfunden.

Marlene Dietrich und Erich Maria Remarque, Ende der 30 Jahre , (c) Wikimedia.

„Das Ganze Herz“ ist Ergebnis einer monatelangen Recherchearbeit. Ich hatte die Geschichte als Beitrag für einen Wettbewerb geschrieben (leider ohne Erfolg). Wichtig bei der Recherche waren die Biographie von Erich Maria Remarque von Wilhelm von Sternburg (sehr empfehlenswert), der Briefverkehr zwischen Remarque und seiner großen Liebe Marlene Dietrich und das online zugängliche Archiv der „Vanity Fair“. Das „Hotel Du Cap“, der Schauplatz dieser Geschichte, existierte wirklich und war Tummelplatz der High Society in Europa bis der Zweite Weltkrieg ausbrach.

Diese Geschichte ist eine Hommage an eines der großen Liebespaare der Weltliteratur, meine persönliche Auseinandersetzung mit dem 100 Jahre zurückliegenden Ausbruch des Ersten Weltkrieges und sie ist das Beste, was ich zu schreiben fähig bin.

(An dieser Stelle war die Lesung der Geschichte durch den Autor verlinkt. „Das Ganze Herz“ ist jetzt Teil des Hörbuch „Große Herzen“, welches Sie hier kaufen können.)

TOP7 – Belletristik deutschsprachig

Zum Abschluss der Serie mit den besten Büchern aller Zeiten kommen wir zu den TOP7 der deutschsprachigen Belletristik – das sind die Klassiker. Für mich als Autor dieser Mini-Rezensionen ist dies der Höhepunkt, denn am Ende erzähle ich von meinem literarischen Erweckungserlebnis. Diese sieben Bücher stehen stellvertretend für die sieben wichtigsten deutschsprachigen Autoren.

Von Peter Killert

TOP 7 – Belletristik deutschsprachig


Platz 7:
Erich Maria Remarque (1898-1970)
IM WESTEN NICHTS NEUES, erschienen 1931

Der Erste Weltkrieg ist die Ur-Katastrophe der Menschheit. Und kein anderer Roman schildert derart
die Entwicklung von der Kriegseuphorie 1914 bis hin zur Ernüchterung im Stellungskrieg. Tausende Soldaten verrecken jeden Tag in Gräben bei Ypern und Verdun und im Front-Bericht wird dieser Alltag quittiert mit „Im Westen Nichts Neues“.
Der Titel ist schlimmster Zynismus, die Handlung Mahnung, auch oder gerade weil sich die Ereignisse jetzt das 100. Mal jähren.
Ein zeitloses Meisterwerk, das Pazifismus, Diplomatie und die Lehren der Vergangenheit einfordern kann. Die Ur-Katastrophe der Menschheit am Beispiel einer ganz konkreten Biographie.
Remarque wurde von den Nazis besonders verächtlich behandelt – unter der Hand galten seine Bücher aber immer noch viel mehr als die anderer sogenannter „Volksfeinde“. Denn er war selbst dabei gewesen – seine Berichte entsprachen dem, was tausende heimgekehrte Kriegskrüppel bestätigten.
In den USA war Remarque bis in die 50er Jahre der mit Abstand angesehenste Autor. Auch wenn andere Romane von Remarque ebenfalls große Welterfolge wurde – „Im Westen Nichts Neues“ überragt sie alle. Bis heute.

http://de.wikipedia.org/wiki/Im_Westen_nichts_Neues

Platz 6:
Patrick Süskind (1949)
DAS PARFUM, erschienen 1985

Es ist das erfolgreichste Buch eines deutschsprachigen Autors nach dem Zweiten Weltkrieg. Patrick
Süskind, Sohn eines angesehenen Germanisten, hatte zunächst „Der Kontrabass“ veröffentlicht. Ein Ein-Mann Theaterstück – bis heute das meist aufgeführte Theaterstück auf deutschen Bühnen. Sein Romandebut wurde belächelt und zunächst mit einigem Wohlwollen besprochen. Dann aber wurde es zum Selbstläufer, der jahrelang auf den Bestsellerlisten stand.
Jean Baptiste Grenouille, in die Gosse Mitte des 18. Jahrhunderts hineingeboren, hat ein besonderes Talent: er hat die sensibelste Nase, die je ein Mensch gehabt hat. Er kann die Nuancen von Parfums erriechen, ihre Zusammensetzung, aber er kann auch die Gerüche des Alltags exakt auseinanderhalten. Seine Schwäche für junge, schöne Frauen machen ihn zum Mörder. Denn er ist auf der Suche nach dem perfekten Parfum.

Süskind kann unglaublich spannend und treffend erzählen. Auch die wenigen anderen Werke des Autors oder seine Drehbücher („Kir Royal“, „Monaco Franze“) zeugen vom unglaublichen erzählerischen Talent. Mit dem Welterfolg „Das Parfum“ hat er ausgesorgt – vielleicht geniesst Süskind das Leben lieber, anstatt noch mehr zu schreiben.

http://de.wikipedia.org/wiki/Das_Parfum

Platz 5:
Günter Grass (1927)
IM KREBSGANG, erschienen 2002

Das beste Buch des deutschen Großdichters Günter Grass ist in meinen Augen nicht die
„Blechtrommel“ oder „Der Butt“. Es ist ein relativ überschaubares Buch, dass 2002 recht gut besprochen wurde. Grass setzt sich mit dem Thema Internet, ständig aufflammendem Neo-Faschismus und einem Kriegsverbrechen an den Deutschen (die hat es auch gegeben), nämlich der Versenkung des Flüchtlingsschiffe „Wilhelm Gustloff“ auseinander.
Einer, der als Säugling diesen Untergang überlebt hat, beschäftigt sich nicht mit dieser Tragödie, sondern muss sehen, wie sein eigener Enkel die deutsche Vergangenheit aufarbeitet. Dumm ist nur, dass diese das im Internet macht und zu den Rechtsradikalen gehört.

Dieses Buch ist ein Plädoyer für eine wertfreie Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit, und steht einer armseligen Mystifizierung durch Idioten, die plötzlich die Deutungshoheit über die Historie bekommen und diese verklären, gegenüber. Es gibt wenige Bücher deutscher Autoren (vielleicht noch „Die Deutschstunde“ von Siegfried Lenz oder „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink), denen dies so gut gelingt. Grass nähert sich historischen Wahrheit im Krebsgang – das vielleicht beste Buch von Grass.

http://de.wikipedia.org/wiki/Im_Krebsgang

Platz 4:
Heinrich Böll (1917-1985)
DIE VERLORENE EHRE DER KATHARINA BLUM, erschienen 1974

Im Januar 1972 hatte Böll für den SPIEGEL einen Essay geschrieben, der wohl in der Geschichte des
Nachrichtenmagazins einmalig war.  „Will Ulrike Meinhof Gnade oder Freies Geleit“ war der Titel. Es ging um die Baader-Meinhof Bande bzw. um den deutschen Boulevardjournalismus der BILD-Zeitung, den Böll wegen dummer Vorverurteilungen von Menschen massiv angreift. Spätestens seit den Recherchen von   Günter Wallraff wissen wir, wie Recht er hatte.
Die Folge waren Drohungen gegen Böll. Ein anderer Kölner, der ebenfalls Heinrich Böll hieß, mit dem Schriftsteller aber nicht gemeinsam hatte, brauchte Polizeischutz.

Um zu illustrieren, wie sehr die Rufmord-Kampagnen einer Zeitung einen Menschen zerstören können, erfindet Böll die dokumentarische Geschichte der Katharina Blum, die einen One-Night-Stand mit einem ihr nicht bekannten Terroristen hat und so in das Fadenkreuz der Medien gerät. Nicht nur ihr Leben, das Leben einer völlig unpolitischen Person, ein Mauerblümchen, sondern auch das der Menschen in ihrem nächsten Umfeld wird beeinträchtigt oder gar zerstört. Am Ende verliert die Blum ihre Ehre und begeht einen Mord. Einen Mord, den man sich als Leser geradezu herbeisehnt.
Eine minutiös zusammengetragene dokumentarische Geschichte, bei der wirklich jeder Handlungsstrang in den anderen greift und auch die kleinsten Puzzleteile ein tief verwobenes Gesamtbild ergeben. Eine mutige Geschichte, die sicher auch den Ausschlag für den Nobelpreis für Böll geliefert hat.

http://de.wikipedia.org/wiki/Die_verlorene_Ehre_der_Katharina_Blum

Platz 3:
Hermann Hesse (1877-1962)
DER STEPPENWOLF, erschienen 1927

Vermutlich gibt es kaum ein Buch, bei dem sich so viele Menschen wieder erkennen. Das Traktat des
Steppenwolfs beschreibt den Menschen, als einsam suchendes Individuum. Die Gedanken, die einen jeden von uns umtreiben, sind in diesem Klassiker gebündelt vereint. Aber nicht philosophisch hochtrabend oder schwer zugänglich – im Gegenteil. Von Hesse kann man alles einfach herunterlesen.
Ich habe Hesse mal als besten Kompromiss zwischen Unterhaltung und Tiefgründigkeit bezeichnet. Neben „Homo Faber“ von Max Frisch und „Stoner“ von John Williams gibt es eben nur noch den Steppenwolf, der uns den allgemein gültigen existenziellen Fragen des einfachen Menschen näher bringt. Wer diese drei Bücher nicht kennt, der wird das Menschsein niemals wirklich begreifen…

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Steppenwolf

Platz 2
Friedrich Dürrenmatt (1921-1990)
DER RICHTER UND SEIN HENKER / DER VERDACHT, erschienen 1950/51

Das sind die beiden Kriminalromane mit dem todkranken Kommissar Bärlach. Ich musste „Der Richter

und sein Henker“ in der Schule lesen und habe es gehasst. Dann habe ich den Roman noch mal gelesen, sehr viel später, die Verfilmung gesehen, die Fortsetzung mit den Titel „Der Verdacht“ und schließlich viele andere Bücher von Dürrenmatt. Ein scharfsinniger Denker, der ganze Passagen weglässt und dem Leser die Schlussfolgerungen überlässt. Wir wissen, wie der Richter Bärlach seinen Henker Tschanz überführt hat, auch wenn Dürrenmatt es gar nicht erwähnt.

Ich vertrete ja die These, dass noch nie ein gutes Buch deswegen geschrieben wurde, weil sein Autor damit Geld verdienen wollte. „Der Richter und seine Henker“ ist die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Dürrenmatt hat die Geschichte in acht Folgen in einer schweizerischen Zeitung veröffentlicht, nicht ahnend, dass dies mal ganz große Weltliteratur werden würde.

Dürrenmatt nannte sich selbst einen „Gedankenschlosser“ – sein Schreiben ist akribisches Handwerk, spannend noch dazu. Mit den Geschichten um den Kommissar Bärlach hat er die Referenzwerke für gelungene Kriminalromane geschrieben.

http://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_D%C3%BCrrenmatt

Platz 1
Franz Kafka (1883-1924)
DER PROZESS, erschienen 1925

Franz Kafka ist verantwortlich für meine literarische Erweckung. Es war in den Weihnachtsferien zum
Ende des ersten Halbjahres in der Oberstufe. Wir hatten eine Liste mit Büchern bekommen, die wir zu lesen hatten. Darunter war von Franz Kafka „Die Verwandlung“. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass es ein dunkler, kalter verregneter Nachmittag in meinem Zimmer in der engen verhassten Mietwohnung meiner Eltern war, als ich mir dachte, ich könnte ja schon mal eines der Bücher lesen, die in kommenden Jahren für meine schulische Laufbahn wichtig sein würden. Das habe ich getan. „Die Verwandlung“ habe ich in einem Zug durchgelesen und es gab nichts in meinem Leben, wirklich nichts, was meine ganze Persönlichkeit in so wenigen Stunden komplett verändert hat. Ich habe glaube ich zum ersten Mal begriffen, was Kultur, Kunst, Literatur bedeutet. Literatur ist hier tiefe Reflexion des Innersten. Jeder, der das versteht, wird Kafka lieben – allen anderen wird er sich nie erschliessen.

„Die Verwandlung“ ist eine der wenigen abgeschlossenen Erzählungen von Kafka. „Der Prozess“ ist das bekannteste Romanfragment und die Visitenkarte von Kafka. „Jemand musste Josef K. verleumdet haben …“. Ich nehme „Der Prozess“ stellvertretend für alle Texte von Kafka und deklariere sie hiermit als wichtigste deutschsprachige Literatur.

Über Kafka gibt es aber noch so viel mehr Spannendes zu berichten. Seine Tagebücher, seine vor Schmacht triefenden Briefe an Felice, an Milena – sein vielen kleinen Geschichten, Blumfeld, Josefine  oder das Volk der Mäuse … Kafka ist eine eigene Kategorie für sich. Ein Mensch, der tagsüber gearbeitet hat, nachts geschrieben, der sich komplett für die Literatur aufgegeben hat. Sein viel zu früher Tod passt natürlich in diese Dramatik.

Spannend ist auch der Kampf um den Nachlass, der immer mal wieder einige Überraschungen zutage fördert. Da taucht plötzlich ein lang verschollenes Originalmanuskript wieder auf oder neue Zeichnungen Kafkas in einem Bankschliessfach. Es ist nicht auszuschliessen, dass wir irgendwann noch etwas neues von Kafka lesen werden. Mal abwarten.

http://de.wikipedia.org/wiki/Der_Process

TOP 7 – Dokumentation / Biographie

Im zweiten Teil der Serie zur wichtigsten Literatur aller Zeiten geht es jetzt um die TOP7 aus dem Bereich „Dokumention/Biographie/Zeitgeschichte“. Auch diese Liste entspringt wieder der subjektiven Einschätzung des Autors. 
Warum TOP 7 und nicht TOP 10? – Die Anzahl sieben ist übersichtlicher und lässt Raum für drei weitere großartige Bücher. Immer mal wieder schafft es ein weiteres Buch in die TOP10 – aber diese sieben sind wie in Stein gemeisselt.

Von Peter Killert

TOP 7 – Dokumentation/Biographie

Platz 7:
Kurt Cobain (1967-1994)
TAGEBÜCHER, erschienen 2002.
„Das hier sollte nicht ernst genommen werden.
Das hier sollte nicht als Meinungsäußerung gelesen werden.
Das hier sollte als Poesie verstanden werden.“
Wie auch seine Songtexte selbstverständlich als Poesie durchgehen könnten, so gilt dies auch für die Tagebücher von Cobain. Sie sind hingerotzter Zeitgeist. Es sind keine „Bücher“ sondern Notizhefte, die als Faksimile mit abgedruckt sind.
Cobain ist mit der Zeit, in der er lebt, schlichtweg nicht einverstanden. Ressentiments, falsche Schwerpunktsetzung, zu wenig Auflehnung gegen die Elterngeneration. Cobain sagt von seinen Eltern, dass er sie über alles liebt, obwohl es nichts gibt, in dem er mit ihnen übereinstimmt.
Aus diesem Dilemma, aus diesem Hass an den Zeitgeist, der sich kaum ikonifiziert, der für Cobain kein Gesicht hat, entstehen diese Notizen – aus vielen dieser Gedanken entwickeln sich die Songtexte, die eine ganze Generation beeinflusst haben.
Eine Mischung aus Poesie und dokumentiertem Zeitgeist. In Verbindung mit der Musik von Nirvana eine teuflisch gute Dokumentation. 
Ich für meinen Teil mag von Cobain heute nur noch die Musik. Die Tagebücher zeigen einen Reifeprozess, der bei Cobain niemals einen Abschluss gefunden hätte. Als Künstler ein Genie, als Mensch ein Idiot. Zu diesem einfachen aber faszinierendem Urteil führen diese Tagebücher.

Platz 6:
Simone De Beauvoir (1908-1986)
BRIEF AN SARTRE (1930-1939), erschienen 1997.
Eigentlich sollte dieser Briefwechsel bereits kurz nach Sartres Tod Anfang der 80er Jahren unter der Regie von Simone de Beauvoir erscheinen. Das geschah aber nicht, weil Beauvoir ihre Briefe an Sarte nicht mehr finden konnte und vermutete, sie seien bei einem Brand vernichtet worden. Erst bei einem Umzug fand die letzte Lebensgefährtin von Beauvoir die Briefe und sie wurden so erst in den 90er Jahren veröffentlicht.
Was erzählt uns die Korrespondenz der Wegbereiterin des Feminismus und des vielleicht wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts? – In diesem Fall ist der Briefwechsel einseitig (einen Band mit den passenden Briefen Sartres gibt es ebenfalls) und zeigt viel Banales, Alltägliches. Aber ab und an offenbaren sich ganz neue Wesentlichkeiten der Feministin. Und die haben es in sich.
Die Briefe werfen ein ganz neues Licht auf die Feministin. Wenn Sie Sartre „Kleines, liebes Geschöpf“ nennt und Sartre wohl der Einzige für sie war, der die für Frauen so typische, aber für die Feministin untypische Seite zum Vorschein bringt: „… meine Liebe zu ihnen hat alles verwüstet … ein richtiger Feuerstoß …“

Ich bin sicher: ohne Sartre hätte Beauvoir niemals ihr Werk erschaffen können. Und die zentralen Thesen des Feminismus sollten im Kontext dieser Briefe endlich mal neu bewertet werden. Vielleicht werden sich viel mehr Frauen ihrer eigentlichen Weiblichkeit bewusst und leugnen nicht mehr länger biologische Bestimmungen.
Platz 5:
Reiner Stach (1951)
KAFKA – Jahre der Erkenntnis / Jahre der Entscheidungen, erschienen 2002 und 2008
Wenn man als Schüler/Student zu Kafka etwas schreiben muss, dann wird man mit ganzen
Bibliotheken an Sekundärliteratur erschlagen. Wie schön wäre es da doch, wenn irgendein talentierter Autor, ein Kafka-Besessener, all das mal so zusammenfasst, dass man einen schönen Zusammenschnitt aller wichtigen Informationen und Hintergründe bekommt.
Das gibt es. Der Besessene heisst Reiner Stach. Allerdings muss man selbst auch besessen sein, um diese beiden Bücher um die 600 Seiten jeweils, an einem Stück zu lesen. Ich habe die Bücher „quer“ gelesen. Die Zeit um die Entstehung von „Der Prozess“, die Liebe zu Felice Bauer und die letzte Lebensphase. Hier erfahren wir, dass Kafka möglicherweise Sterbehilfe eingefordert und erhalten hat. Aber so weit mir bekannt haben diese Recherchen nie zu größeren Diskussionen geführt.
Jedenfalls plädiere ich dafür, dass man die ganzen Bibliotheken mit Sekundärliteratur zum bescheidenen Werk von Franz Kafka einmottet und nur noch die beiden Bände (ein dritter Band „Die frühen Jahre“ ist kurz vor der Vollendung) von Reiner Stach heranzieht.
Platz 4:
Joachim Fest (1926-2006)
HITLER – Die Biographie, erschienen 1973
Deutschland Anfang der 70er Jahre. Die Republik erholt sich von den Studentenunruhen. Die Jugend aber begehrt weiter auf und will die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Bahnbrechend für die intellektuelle Aufarbeitung ist der Bestseller „Hitler“ der Historikers Joachim Fest.
Das Buch ist eine Mischung aus Biographie, Soziogramm und Geschichtsbuch. Ein sprachlich unerreichter Geniestreich, der es tatsächlich schafft, selbst für Nachgeborene, die Person „Hitler“ aus der Verwobenheit von Tatsachen und Mythos heraus zu schälen. Ein Lesegenuss sondergleichen. Jede Biographie, die sich an diesem Maßstab orientiert und ihn auch nur ansatzweise erreicht, wird zu einem Referenzwerk.
Die Biographie war monatelang auf den Bestsellerlisten. Sie war Grundlage für den Film „Der Untergang“ und machte Fest zu einem der gefragtesten Historiker der Republik.
Platz 3:
Stefan Aust (1946)
DER BAADER-MEINHOF KOMPLEX, erschienen 1985
Stefan Aust, Chefredakteur von so unterschiedlichen Blätter wie „St. Pauli Nachrichten“ und „Der SPIEGEL“ war mittendrin im heissen Herbst. Er kannte Ulrike Meinhof, war sogar an der Rückführung ihrer beiden Töchter nach Deutschland mit beteiligt.
Die Beschäftigung mit der Baader-Meinhof Bande, aus der später die RAF entstanden ist, wird zu seinem „opus magnum“. Der BAADER-MEINHOF-KOMPLEX ist ein detaillierter Abriss der Geschichte der RAF, Grundlage für so viele Dokumentationen und dem gleichnamigen Spielfilm von Bernd Eichinger.
Wer sich als Kind an die ausgehenden 70er Jahre erinnern kann, der wird hier erfahren, warum sich viele Dinge genau so zugetragen haben. Einziges Manko dieses Buches: viele Dinge, besonders in Bezug auf Vermutungen zu Tatbeteiligten (Wer hat Schleyer erschossen?), gründen auf den Angaben des Ex-Terroristen Peter-Jürgen Boock, der nachweislich gelogen hat und dem sämtliche seiner Mitstreiter Geltungssucht unterstellen. Dennoch ist dieses Buch ein Echolot der BRD mit vielen Fakten, die die Radikalisierung junger Menschen ausgehend vom Mord an Benno Ohnesorg, darlegen.
Platz 2:
Jon Krakauer (1954)
INTO THE WILD, erschienen 1996
Der Journalist Jon Krakauer liest 1992 per Zufall eine Randnotiz in einer Zeitung über den Fund einer Leiche eines jungen Mannes in der Wildnis von Alaska. Er beginnt zu recherchieren und findet die Story seines Lebens.
Christopher McCandless war ein junger Mann, den es radikal in die Wildnis zog. Er spendete sein Vermögen, brach alle Kontakte ab, vernichtete seine Ausweispapiere und zog durch ganz Amerika. Im Kanu durch den Grand Canyon, als Holzfäller im Norden und schließlich, als Ziel seiner Reise, ein einsames und abgeschiedenes Leben in Alaska. Seine Naivität und Fahrlässigkeit kosten ihm 1992 das Leben.
Krakauer, freier Journalist und Autor, zeichnet die Reise von McCandless nach und begibt sich auf eine detaillierte Spurensuche. Das Buch war Vorlage für den tollen gleichnamigen Film, bei dem Sean Penn Regie führte und Eddie Vedder (Pearl Jam) den Soundtrack beisteuerte.
Platz 1:
Sophie Scholl (1921-1943) / Fritz Hartnagel (1917-2001)
DAMIT WIR UNS NICHT VERLIEREN – Briefwechsel 1937-1943, erschienen 2005.
„Als gestern der Russe ein recht heftiges Feuer auf unsere Stellungen legte und ringsherum der Kriegslärm tobte, saß plötzlich ein Vöglein am Rande meines Schützenlochs und piepste vergnügt, als ob es sich darum gar nicht kümmern würde. Ich weiß nicht was mich dazu bewegte in diesem Moment so sicher anzunehmen, dass dies nur ein Gruß von Dir sein könnte.“
Das schreibt der Oberleutnant Fritz Hartnagel am 09.12.1942 in der Nähe von Stalingrad an seine Freundin zu Hause, die junge Studentin Sofie Scholl. Bis März 1943 bleibt er in Stalingrad und wird mit Erfrierungen mit einem der letzten Flugzeuge ausgeflogen.
Hartnagel hat sich immer gegen eine Veröffentlichung dieser Briefe gewehrt. Er wollte sich nie im Ruhm der „Weissen Rose“ sonnen – er sei schließlich selbst nicht im Widerstand gewesen, hat sich aber nach dem Tod der Geschwister Scholl bis zu seinem Tod 2001 für einen ihm eigenen, sehr bodenständigen Pazifismus engagiert. Eine Lesung dieser Briefe, die im Besitz seiner Ehefrau, Elisabeth Scholl, eine Schwester von Sophie Scholl sind, anlässlich des 60. Jahrestag der Hinrichtung der Geschwister Scholl, hat dann doch zu einer Veröffentlichung geführt. Was für ein Glück für die Nachwelt!
Die Briefe haben durch die Kenntnis von uns Nachgeborenen einen besonderen Wert. Sophie Scholl durfte niemals ihren Verlobten in Gefahr bringen – Fritz Hartnagel ahnte bis zuletzt nichts von ihrer Zivilcourage. Auch die Berichte, die von der Ostfront kamen, zeigten niemals die ganz Bandbreite des Grauens dort, denn die Feldpost wurde stark zensiert.
Dennoch lässt sich an der Tiefe der Worte erkennen, was zwischen den Zeilen ungeschrieben bleiben musste. Besonders im Hinblick auf das Schicksal dieser beeindruckenden jungen Frau.
„So hart und schrecklich diese Tage sind, sie machen mich frei von irdischen Wünschen.“ – (Fritz Hartnagel)
„Du weißt, wie schwer ein Menschenleben wiegt, und man muss wissen, wofür man es in die Waagschale wirft.“ – (Sophie Scholl)