Archiv der Kategorie: Literatur

Aurora & Fante

Den Jahresurlaub und den freien Kopf, der sich nach einigen Tagen auf meiner Insel einstellt, nutze ich, um Horizonte zu erweitern. Ausgaben diverser Zeitschriften, für die sich im Alltag kaum Raum und Zeit ergeben, aber vor allem auch neue Musik und Literatur. Hier zwei Ausblicke auf diese neuen Horizonte.

Aurora

Anfang der 90er Jahre hätte ich mir das liebliche Antlitz von BJÖRK auf ihrem Cover „Debut“ vermutlich auf eine Arschbacke tätowieren lassen. Björk ist ein zuckersüße nordische Elfe, die Musik machen konnte, die noch heute richtig futuristisch klingt. Für mich ist BJÖRK die Singer/Songwriterin par excellence. Bis heute unvergleichlich. Beinahe.

Denn es schickt sich eine junge Dame an, das Erbe von Björk anzutreten. BJÖRK gefällt mir zwar immer noch sehr gut, aber sie ist schon sehr speziell geworden. Wenn man die Cover ihrer Werke aneinandereiht, auf denen immer nur ihr Gesicht zu sehen ist, sieht man eine Transformation – neben der natürlichen Alterung. Diese Transformation muss man mitgehen und verstehen. Da sich BJÖRK aber eher dem Experiment als der eingängigen Elektronik, wie im meiner Meinung nach besten Song aller Zeiten („Army Of Me“) verschrieben hat, ist das etwas anstrengend.

Ihre potenzielle Nachfolgerin als nordische Nymphe ist erst 25 Jahre alt und heißt wie das Nordlicht. „Aurora“ ist richtig talentiert und läuft hier auf meiner Insel über Spotify und meinem kleinen Bluetooth Lautsprecher. Ihre Musik ist noch etwas poppiger als Björk. So ein bisschen eine Mischung aus besagter BJÖRK, Agnes Obel und Aimee Mann.

Anfang kommenden Jahres erscheint ihr bereits drittes Album „The Gods We Can Touch“ – und es soll ein bisschen düsterer und schwermütiger sein, als alles, was bisher erschienen ist. Auf die Kombination zartes nordisches Wesen und Schwermut kann man sich freuen. Die Vorabsingle „Giving In To The Love“ gefällt mir schon mal richtig gut.

Der ORF hat die junge Dame interviewt und zeigt ein paar schöne Einblicke.


John Fante – 1933 war ein schlimmes Jahr

„Fante ist Gott“ – hat Charles Bukowski einmal über den Schriftsteller John Fante (1909 – 1983) gesagt. Bukowski hatte sich persönlich um Fante in seinen letzten Lebensjahren gekümmert. Es ist sicher nicht übertrieben, Fante als den Mentor von Bukowski zu bezeichnen. Allerdings sind die Autoren gänzlich unterschiedlich – so weit ich das nach der Lektüre eines einzelnen Buches von Fante im Vergleich zu meiner Lektüre von Bukowski beurteilen darf und kann.

Mit 1933 assoziert man sicher die Machtergreifung Hitlers oder ein weltbewegendes Ereignis. Aber diese Geschichte hat damit nichts zu tun. In einer kleinen Stadt in der Nähe der Rocky Mountains hat der 17-jährige Dominic Molise nur einen Traum: er möchte Profi-Baseballspieler werden und der Welt nicht länger seinen begnadeten Wurfarm vorenthalten. Den Plan seines Vaters, ein im Winter arbeitsloser Maurer, der ihn, seine Mutter, seine Großmutter und den jüngeren Bruder mit Billardspielen ernährt, lehnt er strikt ab – der sieht sich mit seinem Sohn schon in einem handwerklichen Familienbetrieb. Aber Dominic ist sicher, dass er dazu bestimmt ist, ein großer Stern am Baseball-Himmel zu sein. Bestärkt wird er nur von seinem besten Freund, dem Sohn aus superreichem Haus, in dessen unerreichbarer Schwester er sich auch noch verliebt hat.

Das Besondere an der Geschichte ist ihre Geradlinigkeit, ihre Oberflächlichkeit und das große Talent von Fante, alles Wesentliche im Grunde komplett auszusparen. Er vertraut auf seine Erzählung und den Intellekt seiner Leser. Das macht die Klischees der Geschichte zu Aufhängern, über die man als Leser nachdenken muss, wofür es genug Raum gibt, denn Fante labert nicht. Es ist eine stringente, unterhaltsame Geschichte. Entlarvt man aber für sich selbst all die offensichtlich vom Autor angelegten Stereotypen (die religiös-fanatische Mutter, die fatalistische Großmutter usw.), dann wird die Geschichte zu einer einzigen großen Parabel, die existienzielle Fragen leichtfüssig als Beiläufigkeit transportiert. Ich glaube, diese Fähigkeit wünscht sich jeder Autor – Fante hatte sie.

Kafka Zeichnungen

Die Zeichnungen von Franz Kafka

Kafka Zeichnungen
(c) C.H. Beck Verlag

Ein großer Aufkleber ist auf dem Buch angebracht: Weltsensation. Für Freunde des Schriftstellers Franz Kafka ist diese Bezeichnung keinesfalls übertrieben. Dieses wunderbar aufbereitete Buch umfasst mehr als 100 bisher unbekannte Zeichnungen von Kafka und ist damit die dokumentarische Aufbereitung des Nachlasses, der aus einem Bankschliessfach stammte und der israelischen Nationalbibliothek zuerkannt wurde (ich hatte darüber in diesem und in diesem Artikel berichtet).

Bisher waren die Zeichnungen nur rudimentär bekannt. Erst die Erschliessung des wahrscheinlich letzten Teils des Nachlasses von Kafka, hat diese Komplettfassung erst möglich gemacht.

Mehr als nur Kritzeleien

Kafka selbst nannte seine zeichnerischen Versuche „Kritzeleien“ und wollte sie – gemeinsam mit seinen Manuskripten – vernichtet wissen. Wir wissen aber, dass sein Freund Max Brod diesem Wunsch nicht nachgekommen ist. Und mit der Öffnung des Schliessfaches sind jetzt auch große Teile dieses zeichnerischen Werkes zugänglich.

War Kafka nun ein ebenso begnadeter Zeichner wie Autor? Nein, ganz sicher nicht. Die eigene Einschätzung, die Zeichnungen als Versuche und Kritzeleien zu sehen, ist richtig und stimmig. Wäre Kafka nicht so ein bedeutender Autor und würde sich daraus nicht ein interessanter Kontext ergeben, dann wären die Kritzeleien tatsächlich nicht mehr, als eben solche – aber so ergeben sich schöne, neue Einblicke in das Kafkaeske.

Da wir ja alle darauf hoffen, dass man irgendwo doch noch etwas Unentdecktes zu Kafka findet, ist alles Neue mehr als nur ein Vorbote auf eine vielleicht unerfüllte Hoffnung auf unentdeckte Manuskripte.

Kafka Zeichnungen
Klicken Sie auf das Bild, um mehr Infos zu erhalten – Screenshot der Verlagsseite C.H. Beck

Das Buch zeigt aber nicht nur die „neuen“ Zeichnungen – es vereint alle bekannten Zeichnungen. Also auch die, die Max Brod bereits zu seinen Lebzeiten noch ausgewählt hatte und die zum Beispiel die Cover der Fischer Taschenbuch-Reihe in den 90er Jahren zierten. Wr erfahren, dass Brod diese Zeichnungen zum Teil aus größeren Blättern „ausgeschnitten“ hatte – mit dem neuen Fund werden diese Ausschnitte nun in einen größeren Kontext gestellt.

Manchmal zeigt sich das Talent

Ab und an schimmert dann aber doch das zeichnerische Talent durch. Denn Kern der neuen Zeichnungen ist ein Zeichnungsheft, in dem Kafka auch seine vielleicht etwas ernsthafteren Versuche dokumentiert hat. Da werden einige Selbstporträts oder ein Porträt des Gesichtes der Mutter doch recht filigran.

Der Aufmach des Buches und seine Struktur sind exzellent. Die Zeichnungen stehen zunächst für sich und sind nummeriert. So stehen die Zeichnungen zunächst einfach nur für sich. Einige Zeichnungen sind Teil von längeren Essays, die Aufschluss über die Herkunft und den Hintergrund geben. Aufgeteilt ist das Buch in Kapitel, die unter anderem das „neue“ Zeichnungsheft, einzelne Blätter oder begleitende Zeichnungen, wie etwa im Tagebuch oder auf Postkarten, gruppieren. Die Zeichnungen werden in einem beschreibenden Werkverzeichnis im Anhang erläutert – da erfahren wir dann auch mehr über das Material und die Hintergründe. Kafka hat manchmal nur einzelnen Seiten oder auch auf Packpapier etwas skizziert.

Die begleitenden Texte ordnen die Zeichnungen recht gut ein. Wir erfahren, dass sich Kafka schon sehr früh für die Kunst interessiert hat und immer wieder Vorlesungen und Vorträge zur Kunst besucht hat. Inspiriert wurde er dabei von seinem engsten Freundeskreis.

Franz Kafka war sicher kein begnadeter Zeichner. Das unterscheidet ihn z.B. von einem Günter Grass, der sein Spätwerk immer mehr auch selbst illustriert hat. Dennoch zeigt sich auch in diesen Zeichnungen ein ganz eigener Stil, etwas Unverkennbares, etwas, dass auch die innerliche Klarheit einer doch sehr neurotischen Person wie Kafka widerspiegelt. Das ist eigentlich ein Widerspruch. Und es ist der Widerspruch, der Germanisten seit Jahrzehnten fasziniert. Jetzt haben wir auch eine illustrierende Komponente, in der sich jeder Freund dieser Literatur finden kann. Für Kafka-Fans ist dieser fantastische Bildband ein absolutes „Must-Have“ 🙂

Kommt denn da noch mehr? Gibt es noch weitere unentdeckte Schätze zu diesem Schriftsteller? Es ist sehr unwahrscheinlich, aber es besteht nach wie vor die Möglichkeit, dass in dem von der Gestapo geraubten Besitz der letzten Lebensgefährtin Dora Diamant noch Mansukripte vorhanden sind. Wenn, dann nur in den riesigen Mengen an noch unerschlossenen Maeterialien im Bundesarchiv. Wenn es da noch etwas gibt, dann wird nur der Zufall dabei helfen, was zu finden.

Kafka Manuskripte online

Kafka Manusktipte online – auf den Seiten der Nationalbibliothek von Israel

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich einen Artikel zu unveröffentlichten Manuskripten von Franz Kafka geschrieben. Die Nationalbibliothek in Israel hatte auch einige Foto bereit gestellt. Für alle Freunde Kafka war das ein Fest. Obwohl … eigentlich war es nur die Ankündigung eines Festes.

Denn jetzt erst sind die Manuskripte online. Und nicht nur diese – auch viele andere Texte, die durchaus bereits bekannt waren, Zeichnungen und Korrespondenz, sind jetzt online. Zumindest teilweise.

Die Ladezeiten sind erheblich – aber es lohnt sich. Stufenlos kann man in hochauflösende Scans der Text „eintauchen“. Ein exzellente Qualität, mit Hintergrundinfos versehen und für jedermann zugänglich

Hier geht es zu dieser literarischen Schatzkiste

100 Jahre Sophie Scholl

Heute vor 100 Jahren wurde Sophie Scholl geboren. Vor einigen Jahren habe ich mich mit Sophie Scholl auseinandergesetzt. Die Spielfilme gesehen (Empfehlung, Link zur Mediathek), die Dokumentationen, die Briefe, die Biographien – mich hat sehr beeindruckt, wie ein so junger Mensch so weitsichtig sein konnte.

Dass sie von Leerdenkern heute vereinnahmt wird, ist traurig. Auch die begleitende „Diskussion“ darum, ob Sophie Scholl moralisch idealisiert oder verklärt werde – bedauernswerter Quatsch. Sie war ein Mensch voller Widersprüche. Entscheidend aber ist die Entwicklung, die ihr Denken genommen hat. Wer sich mit dem kurzen Leben von ihr, ihres Bruders, ihrer Freunde auseinandersetzt erhält eine Vorstellung davon, was ein aufgeklärter Freigeist ist – das klingt nicht nach sehr viel und viele Menschen nehmen diese Bezeichnung für sich selbst in Anspruch. Es ist aber so viel mehr und all das, was uns heute fehlt. Man sieht es in den wenigen Fotos, die von ihr existieren. Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass diese Bilder wie aus der Zeit herausgefallen wirken – dass sie zeitlos sind?

Hier meine Geschichte „Zeitloser Engel“ aus der Kurzgeschichtensammlung „Bellame“ aus dem Jahr 2011:

Zeitloser Engel by Peter Killert