Archiv der Kategorie: Literatur

Kafka Manuskripte online

Kafka Manusktipte online – auf den Seiten der Nationalbibliothek von Israel

Vor ziemlich genau zwei Jahren habe ich einen Artikel zu unveröffentlichten Manuskripten von Franz Kafka geschrieben. Die Nationalbibliothek in Israel hatte auch einige Foto bereit gestellt. Für alle Freunde Kafka war das ein Fest. Obwohl … eigentlich war es nur die Ankündigung eines Festes.

Denn jetzt erst sind die Manuskripte online. Und nicht nur diese – auch viele andere Texte, die durchaus bereits bekannt waren, Zeichnungen und Korrespondenz, sind jetzt online. Zumindest teilweise.

Die Ladezeiten sind erheblich – aber es lohnt sich. Stufenlos kann man in hochauflösende Scans der Text „eintauchen“. Ein exzellente Qualität, mit Hintergrundinfos versehen und für jedermann zugänglich

Hier geht es zu dieser literarischen Schatzkiste

100 Jahre Sophie Scholl

Heute vor 100 Jahren wurde Sophie Scholl geboren. Vor einigen Jahren habe ich mich mit Sophie Scholl auseinandergesetzt. Die Spielfilme gesehen (Empfehlung, Link zur Mediathek), die Dokumentationen, die Briefe, die Biographien – mich hat sehr beeindruckt, wie ein so junger Mensch so weitsichtig sein konnte.

Dass sie von Leerdenkern heute vereinnahmt wird, ist traurig. Auch die begleitende „Diskussion“ darum, ob Sophie Scholl moralisch idealisiert oder verklärt werde – bedauernswerter Quatsch. Sie war ein Mensch voller Widersprüche. Entscheidend aber ist die Entwicklung, die ihr Denken genommen hat. Wer sich mit dem kurzen Leben von ihr, ihres Bruders, ihrer Freunde auseinandersetzt erhält eine Vorstellung davon, was ein aufgeklärter Freigeist ist – das klingt nicht nach sehr viel und viele Menschen nehmen diese Bezeichnung für sich selbst in Anspruch. Es ist aber so viel mehr und all das, was uns heute fehlt. Man sieht es in den wenigen Fotos, die von ihr existieren. Haben Sie nicht auch den Eindruck, dass diese Bilder wie aus der Zeit herausgefallen wirken – dass sie zeitlos sind?

Hier meine Geschichte „Zeitloser Engel“ aus der Kurzgeschichtensammlung „Bellame“ aus dem Jahr 2011:

Zeitloser Engel by Peter Killert

1918 – Die Welt im Fieber / Eine Rezension nach einem Jahr Corona

Corona ist das bestimmende Thema der letzten Monate. Viele Biografien wird man einteilen in ein „Vor“ und ein „Nach“ Corona. Dabei ist eine Pandemie in diesem Ausmaß nicht neu. Von 1918 bis 1920 wütete auf der ganzen Welt die sogenannte „Spanische Grippe“ – das vermutlich folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte.

Das Buch von Laura Spinney ist bereits 2018 erschienen. Also vor Corona. Und es ist jetzt wieder auf allen Bestsellerlisten zu finden. Sein Untertitel „Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte“ zeigt die Intention der Autorin. Es ist kein Buch, welches die medizinischen Hintergründe beleuchtet, sondern es geht um die Auswirkungen auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit so einem Ereignis. Dabei lässt sich schon während der Lektüre – jetzt mit den Erfahrungen von einem Jahr Corona – sehr genau darstellen, was wir gelernt haben und was nicht.

Zunächst muss gesagt werden, dass der Name „Spanische Grippe“ irreführend ist. Der Erreger stammt vermutlich aus Nordamerika – den Namen bekam die Pandemie, weil sie in Spanien das erste Mal in Erscheinung trat. Die Opferzahlen schwanken zwischen 50-100 Millionen Menschen innerhalb von 18 Monaten in drei Wellen. Die erste Welle betraf hauptsächlich ältere Menschen. Nach einer Mutation des Influenza Virus war die zweite Welle extrem tödlich und betraf hauptsächlich Menschen zwischen 20 und 45 Jahren. Wichtig ist anzumerken, dass die Spanische Grippe tatsächlich eine klassische Grippe war, ausgelöst durch den Influenza Virus. Das Corona Virus hat – auch wenn die Symptome ähnlich sind – keine Gemeinsamkeiten mit dem Influenza Virus.

Laura Spinney beschreibt in ihrem Buch zunächst, dass Pandemien kein neuartiges Phänomen sind. Schon in Aufzeichnungen aus dem Altertum wird von Pandemien berichtet, die regelmäßig ganze Regionen beinahe entvölkerten und die sich in ihrem todbringenden Ablauf immer ähnlich waren. In einer vernetzten Welt jedoch, können wir sehenden Auges in eine Pandemie geraten und Maßnahmen treffen. Genau das ist im letzten Jahr passiert.

 

Als ein Blogger in Wuhan im Januar 2020 ein Video veröffentlichte, in dem sich Leichen in sogenannten Bodybags stapelten und nebenan ein großer Saal mit schwerkranken Menschen zu sehen war, da erinnerte diese Szene an Schwarz/Weiß Bilder aus 1918. Kranke Menschen werden in improvisierte Krankenlager angeliefert, vegetieren vor sich hin und werden in Akkordarbeit „entsorgt“, wenn sie den Virus nicht besiegen konnten.

Spanische Grippe - Verlauf in drei Wellen

Spanische Grippe – Verlauf in drei Wellen
Quelle: Courtesy of the National Museum of Health and Medicine

Laura Spinney beschreibt eindrucksvoll – und ich betone nochmal, dass dieses Buch vor Corona 2018 erschienen ist – wie die Konflikte, Gedanken und Maßnahmen in der Gesellschaft schon damals von Leugnern, Skeptikern und Ignoranten untersetzt waren. Die Länder, die keine Maßnahmen einführten, hatten Todeszahlen zu verkraften, die teilweise gar nicht dokumentiert werden konnten. Beispielsweise hat die Regierung des damaligen Brasilien die Grippe als Krankheit von Minderheiten abgetan. Das Ergebnis war, das jeden Morgen tausenden Leichen an den Straßenrändern lagen, von städtischen Pferdekutschen, der damaligen Müllabfuhr, eingeladen und entsorgt, zumeist direkt verbrannt wurden.

Spanische Grippe Krankenlager

Spanische Grippe – Krankenlager
Quelle (Image: courtesy of the National Museum of Health and Medicine, Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C., United States.) – Pandemic Influenza: The Inside Story. Nicholls H, PLoS Biology Vol. 4/2/2006, e50

Andere Länder hingegen ergriffen radikale Maßnahmen, die wir heute als Lockdown bezeichnen, inklusive Kontaktverboten und Schulschließungen. Und als man beispielsweise in Boston bemerkte, dass eine Verordnung zum Tragen von Alltagsmasken Sinn macht, da sie die Ansteckungen massiv reduzierte, kam diese Einschätzung zu spät. Die zweite Welle hatte bereits tausende Opfer gefordert.

Haben wir also aus diesen Erfahrungen gelernt? Man könnte meinen, dass sei nicht der Fall, da die gleiche Ignoranz bei den sogenannten „Querdenkern“ immer noch vorherrscht. Die Opferzahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Bisher lässt sich Corona mit der Spanischen Grippe in einem Faktor gut vergleichen: der sogenannte „Letalitätsfaktor“ ist ähnlich hoch. Wegen der fehlenden statischen Daten schätzt man ihn bei der Spanischen Grippe auf 5-10%. Bei Corona kann man von einem ähnlichen Wert ausgehen – der Faktor schwankt zwischen 2,5% und bis zu 22% in extrem betroffenen Regionen. Noch befinden wir uns mitten in der Pandemie und wir können diesen Faktor noch nicht abschließend bewerten – aber nehmen wir an, dass dieser Faktor ähnlich ist. Das bedeutet, dass zwischen 5 und 10 Menschen von 100, die an dem Virus erkranken, an diesem sterben. Rechnet man das hoch, dann können solche Pandemien die Todesursache von 1% der Weltbevölkerung sein. Davon sind wir – so schlimm die Todeszahlen bei Corona auch sind – weit entfernt. Und das liegt nicht daran, dass Corona harmlos ist, sondern weil wir irgendwie wohl doch aus dem Ereignis vor 100 Jahren gelernt haben. Die dann  doch fehlende Erkenntnis einiger Menschen basiert auf einem sogenannten „Präventionsparadox„.

1% – das wären weltweit 85 Millionen Opfer. In Deutschland 800.000 oder in den USA 2 Millionen Menschen … .

Work in Progress – Noch mehr Recherche

Schon vor Jahren hatte ich angekündigt, dass ich mit meinem zweiten Roman in den letzten Zügen liege. Das ist auch so, aber es fehlt nicht nur Feinschliff – es fehlt auch eine Abgrenzung zum Zeitgeist.

Opus Magnum - Coming soon

Korrekturen und das Finden von einem Abschluss …

Mein Buch mit dem Titel „Opus Magnum“ ist eine chronologische Darstellung der Geschichte Nachkriegsdeutschlands aus der Sicht eines jungen Deutsch-Amerikaners, der kurz nach dem 2. Weltkrieg nach Deutschland kommt, Koordinator des westdeutschen Verfassungsschutzes wird und sich mit der Stasi ein Katz und Maus Spiel liefert. Aus dieser Perspektive kann ich die vielen Ungereimtheiten, insbesondere in Bezug auf den Terror der RAF beleuchten und aus der Sicht des Protagonisten schildern. Grundlage für meine Geschichte sind endlose Recherchen – hier aufgelistet unter der Rubrik „Work in Progress – Aktuelle Recherche“. Mittlerweile habe ich mich damit abgefunden, dass mich dieses Thema nicht mehr in Ruhe lassen wird. Dafür gibt es neben Sachbüchern und Filmen viel zu viele Quellen, die immer wieder neue Aspekte liefern. So ist es schwer, einen Abschluss zu finden.



Neben diesem Suchen nach einem finalen Schnitt ist vor allem auch ein Aspekt in den Vordergrund gerückt, der mich zunächst gar nicht so sehr interessiert hat, der aber aufgrund der Entwicklungen in 2020 jetzt enorm wichtig geworden ist. Mit „Abgrenzung vom Zeitgeist“ meine ich eine Abgrenzung des von mir geschriebenen zu allen nur erdenklichen Verschwörungstheorien. Denn der fiktive Protagonist meines Buches baut die Widersprüchlichkeiten vieler historischer Begebenheiten auf die für ihn einzig mögliche und auch sehr naheliegend logische Art und Weise zusammen. Die Gefahr, sich dabei so weit von der Spekulation zu entfernen, dass man der Fährte einer Verschwörungstheorie folgt – und gerade zu diesen Themen gibt es massenhaft Verschwörungstheorien, die auch noch sehr plausibel klingen – ist gegeben. Das ist etwas, das ich unbedingt vermeiden möchte, zumal einfache, logische Schlussfolgerungen auch zu einem literarisch besseren Ergebnis führen müssen.

 

Michael Buback – „Der General muss weg!“

Michael und Elisabeth Buback - Der General muss weg!Am Anfang meiner Recherchen stand die Lektüre des Buches „Der zweite Tod meines Vaters“ von Michael Buback, der als Naturwissenschaftler sachlich fundiert die Details zum Attentat auf seinen Vater und seine beiden Begleiter 1977 zusammengetragen hat. Das geschah nach einem Hinweis eines ehemaligen RAF Mitglieds und es hat dazu geführt, dass eine Terroristin – Verena Becker – vor Gericht gestellt und angeklagt wurde. Ich hatte über dieses Buch schon geschrieben und dann die Berichterstattung bei 3sat verfolgt. Dieser Lektüre folgte die Lektüre vieler weiterer Bücher zu dem Thema.

Jetzt gibt es ein zweites Buch von Buback mit dem Titel „Der General muss weg“ und er dokumentiert den mittlerweile abgeschlossenen Prozess gegen Becker. Viele der von Buback recherchierten Details waren Gegenstand dieses Prozesses. Das Buch ist für jemanden wie mich, der so viel zu diesen Themen gelesen hat, besonders interessant, denn viele der Namen – und Buback setzt voraus, dass die Leser Personen wie Herold, Kraushaar oder Boock kennen – kenne ich natürlich aus den bisherigen Recherchen.

Außerdem war die gesamte Führungsriege der 2. RAF Generation vorgeladen worden. Und sie hüllt sich in gewissenloses, peinliches Schweigen. Verkommene, asoziale Biografien. Punkt. Aber Michael Buback und seine Frau, die als Nebenkläger auftreten und als einzige den Prozess protokollieren (kein Scherz, es gibt keine Protokolle zu den Verhandlungen), bleiben so gut es geht sachlich.

Ich sage es mal klipp und klar – der Autor würde das nie so sagen, weil der objektive, letztgültige Beweis fehlt – wer annimmt, dass jemand anderes als Verena Becker das Attentat auf den Generalbundesanwalt Buback verübt hat, ist kein Freund der Logik. Selbst wenn man unterstellt, dass einige Zeugen durch die Recherchen von Buback beeinflusst sein könnten, selbst wenn man viele Zufälle und Ungereimtheiten einfach so hinnimmt – Dutzende Zeugen haben schon 1977 eine Frau auf dem Motorrad als Täterin identifiziert. Und diese Aussagen von damals haben nie Zugang in die Ermittlungen gefunden. In einem Motorradhelm, der den Tätern zugeordnet wird, finden sich Haare von Becker, sowie bei ihrer Verhaftung die Tatwaffe und Werkzeug des Tatmotorrads. Und führende Beamte von 1977 u.a. BKA Chef Horst Herold oder Winfried Ridder vom Verfassungsschutz (wobei dieser je nach Situation die Meinung und die Einschätzung von Tatsachen ändert – quasi das Pendant zu Peter Jürgen Boock) teilen diese Ansicht.

Die Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen hat den Prozess begleitet und liefert mit ihrer Berichterstattung ein anderes Bild. Sie zeichnet das Bild von Michael Buback als einen fast schon pedantischen Rentner, der sich als neue Lebensaufgabe die Darstellung eines Hobby-Juristen auferlegt hat und das Trauma des Verlustes seines Vaters nun aufarbeitet – zahlreiche ihrer Berichte können Sie in dieser Artikel Sammlung zu Verena Becker beim SPIEGEL nachlesen.

Nun, ich bin nur ein einfacher Leser dieses Buches von Michael Buback und kann mir eine eigene Meinung bilden. Auch bei diesem zweiten großen Rundumschlag zum April 1977 setzt sich bei mir der genau gegenteilige Eindruck fest. Wieder zeigt sich Buback extrem sachlich, detailfokussiert und – ja- vielleicht auch pedantisch, wenn man seine Schilderungen vor dem geistigen Auge Revue passieren lässt. Aber nichts anderes ist angebracht. Die Akribie, mit der Buback Zusammenhänge herstellt, rückt nicht nur die offensichtlichen Fragen in den Vordergrund – sie macht vor allem deutlich, dass genau diese Akribie 1977 bei den Ermittlungen gefehlt hat. Der Umgang mit dem Attentat 1977 wirkt auf den Außenstehenden, den im höchsten Maße interessierten Nachgeborenen, wie eine Farce, wie eine Stümperei, es sei denn … ja und da kommen wir wieder auf den schmalen Pfad zwischen Widerspruch und Verschwörungstheorie … genau das war alles so gewollt. Wie sonst ist es möglich, dass entscheidende Akten verschwunden und wichtige Asservate vernichtet worden sind?

Das Fatale in der Reflexion der Arbeit des Wahrheitssuchenden ist der Leitsatz „cui bono“ – denn dies ist auch der Leitsatz des Motivsuchenden der Verschwörungstheoretiker. So bleibt ohne Fakten der Naturwissenschaftler Buback in einem Dunstkreis gefangen, der es ihm unmöglich macht, das, was man ihm entgegenhält, entkräften zu können. Solange Menschen ihr Gewissen nicht erleichtern oder nach wie vor geheime Akten des Verfassungsschutzes mit Gutheißen aktueller, weisungsbefugter Politiker geschwärzt bleiben, wird nicht ersichtlich werden, was den Wahrheitssuchenden vom Verschwörungstheoretiker unterscheidet – egal wie sehr Logik und Akribie auch die Wahrhaftigkeit untermauern mögen. Besonders unverständlich sind dann die Aussagen, dass die geschwärzten Akten keine wesentlichen neuen Informationen enthalten – warum bleiben diese Akten dann unter Verschluss?

So hat also auch diese Lektüre bei mir ihre Wirkung hinterlassen. Die Intention der Frage nach dem „cui bono“ mit Wahrhaftigkeit zu untermauern wird eine der entscheidenden Fragen sein, der sich unsere Gesellschaft stellen muss. Auch ganz unabhängig von diesem konkreten Fall. Folglich auch jeder literarische Versuch, der diese Frage letztendlich zum Leitmotiv erhebt. Ich hadere nicht mit dieser Aufgabe. Ich suche nur nach richtigen Weg. Und wie diese Lektüre zeigt, kann dieser Weg extrem frustrierend sein.