Montage of Heck

Es sind in den vergangenen Monaten mehrere Dokumentationen zu einem der wichtigsten Musiker der letzten Jahrzehnte erschienen: Kurt Cobain. Eine Dokumentation ragt dabei heraus – „Montage Of Heck“. In dieser HBO Doku von Brett Morgan wird ein hochinteressantes Bild dieses Ausnahmemusikers gezeichnet. Es ist ein sehr intimes Portait von Cobain, mit Filmen aus dem Familienarchiv und Interviews mit den Eltern von Cobain, der Schwester, Chris Novoselic und natürlich Courtney Love.

Von Peter Killert
 
MontageOfHeck

Für das Wort „Heck“ gibt es keine eindeutige Übersetzung. Am ehesten passt vielleicht noch „Hölle auf Erden“. Diese Bezeichnung findet sich in den Tagebüchern Kurt Cobains und lieferte den Titel für diese einmalige Dokumentation. Sehenswert für alle, die die Explosion von Grunge Anfang der 90er Jahre miterlebt haben und noch einmal nachempfinden wollen.

Kurt Cobain war eine hochsensible, verletzliche Persönlichkeit. Das kann man erahnen, wenn man die Texte seiner Songs aufmerksam liest oder sich mit seinem Tagebuch – eine lose Sammlung vollgekritzelter Ringheft – beschäftigt. Vieles davon ist Müll, vieles hat nur einen dokumentarischen Wert. Aus dieser Fülle an Informationen das herauszupicken, was letztendlich essentiell ist, ist Brett Morgen extrem gut gelungen. Diverse Künstler lösen die Zeichnungen Cobains aus seinen Notizen heraus und haben daraus Animationen gemacht. Sie illustrieren die Zerrissenheit dieses Menschen nachdrücklich. Und es sind nicht nur Cobains Eltern, seine Stiefmutter oder seine Schwester, die diese Zerrissenheit erläutern. Es ist vor allem auch sein Freund Chris Novoselic, der Bassist von Nirvana, von dem man in den letzten zwanzig Jahren nur sporadisch etwas gehört hat – er hat Tränen in den Augen, wenn er von diesem sensiblen Charakter spricht. Negative Kritik, Ungerechtigkeit und ganz besonders die Angst davor, abgewiesen zu werden, so wie es der kleine Kurt so oft erlebt hat – das ist die Wurzel dieser wütenden Kreativität, die ein ganz eigenes musikalisches Genre hervorgebracht hat.

Schlüsselfigur ist – wie könnte es anders sein – Kurt´s Frau Courtney Love. Brett Morgan geht aber nicht der Frage nach, ob Courtney Love eine Mörderin ist. Das machen andere Filme. Das Ende Cobains wird auch gar nicht thematisiert. Vielmehr wird gezeigt, wie sehr Cobain darunter gelitten hat, als sämtliche Medien seine Heroinsucht und die seiner Frau, offenkundig auch während der Schwangerschaft, ausgeschlachtet haben. „In Utero“, der Name des zweiten Nirvana Albums, macht Sinn, wenn man begreift, dass seine Texte genau in diese Zeit fallen. Cobain begreift nicht, dass Behörden und Regenbogenpresse aus seiner Sucht ableiten, dass er ein schlechter Mensch ist, ein schlechter Vater sein muss. Der Song „I Hate Myself And I Want To Die“ fliegt schließlich von dem Album „In Utero“. Wie könnte so ein Mensch jemals Verantwortung für einen anderen Menschen übernehmen?

Intime Aufnahmen aus dem Privatleben von Cobain und Love und der kleinen Francis Bean, die vollkommen gesund zur Welt kommt, zeigen diese Abgründe. Cobain, völlig high und apathisch, spielt mit seiner Tochter. Da ist viel Liebe zu sehen und genauso viel Selbstzerstörung. Ein bizarres Bild – das Ende kennen wir und es erscheint zwangsläufig. Francis Bean Cobain ist übrigens als Co-Produzentin an dieser Dokumentation entscheidend beteiligt.

Der ganze Film ist nicht untertitelt. Man sollte schon recht gut Englisch können, um dem Film und seiner Intention folgen zu können. Neben der eigentlichen Dokumentation kommt die Musik nicht zu kurz. Es existieren beeindruckende Aufnahmen, besonders auch aus der Zeit vor „Smells Like Teen Spirit“. Die Fans kennen diese Aufnahmen bereits aus der DVD der grandiosen Werkschau „With The Lights Out“. Man kann über diese Zeit sagen, was man will. Man kann die Weltanschauung Cobains im Nachhinein zu Kotzen finden (so geht es mir) – die Musik ist zeitlos und genial.

Eine Person scheint in dieser Dokumentation komplett zu fehlen: Dave Grohl, der Schlagzeuger von Nirvana. Brett Morgan erklärt in einem Interview den Grund dafür. Dave Grohl, der nach Nirvana als Sänger und Gitarrist der Foo Fighters eine zweite große Karriere erlebt, stand erst zu einem Zeitpunkt für Interviews bereit, als die Deadline für den fertigen Film schon abgelaufen war. Es gibt also keine tiefergehen Erklärung für das Fehlen seiner Statements.

Bemerkenswert ist auch, dass Brett Morgan während seiner Recherchen auf Audiomaterial gestossen ist, dass in absehbarer Zeit als eine Art Solo-Album von Cobain veröffentlicht wird. Die Fans wird es freuen, die objektive Beurteilung dürfte so etwas wie „Leichenfledderei“ vermuten. Egal, denn wenn diese Leichenfledderei einen so hohen dokumentarischen Wert hat, wie „Montage Of Heck“, dann dürfen sich alle Kinder des Grunge darauf freuen.

Der Blinde Fleck

Wenn die Recherchen des Journalisten Ulrich Chaussy korrekt sind – und es gibt keinen vernünftigen Grund, dies anzuzweifeln – dann sollten kritische Menschen nach einem rechtsradikalen Mann Ausschau halten, der heute so Mitte 50 sein müsste. Wichtigstes Merkmal: Ihm fehlt eine Hand. Die hat er am 26.09.1980 am Haupteingang zum Münchner Oktoberfest verloren. Und angenommen, diesen Mann gibt es irgendwo und ferner angenommen, dieser Mann würde seine Erkenntnisse preisgeben – ein nie dagewesenes politisches, ja gesellschaftliches Erdbeben wäre die Folge.

Von Peter Killert.
Der blinde Fleck 2013 DE Poster
Der blinde Fleck (2013)

Franz Josef Strauß hat noch am Abend des Attentates den wohl folgenschwersten Fehler seiner politischen Laufbahn begangen – er hat das Oktoberfest-Attentat den „Linken“ angedichtet und den Rücktritt des damaligen Innenministers Baum gefordert. Dann aber kamen die Fakten ans Licht. Der vermeintliche Einzeltäter Gundolf Köhler war Mitglied der rechtsradikalen Wehrsportgruppe Hoffmann, deren Verbot Strauß abgelehnt hatte. Der Schuss ging für Strauß nach hinten los. Wie viele Stimmen Strauß dann eine Woche später bei der Bundestagswahl mit ihm als Kanzlerkandidaten deswegen abhandengekommen sind – darüber kann man nur spekulieren. Es ist aber dennoch wahrscheinlich, dass diese Aussage Strauß die Kanzlerschaft gekostet hat.

Beim Oktoberfestattentat am 26.09.1980 starben 13 Menschen. Unter ihnen drei Kinder und der Attentäter selbst. Über 200 wurden zum Teil schwerverletzt. Das Oktoberfest-Attentat war der bis heute folgenschwerste terroristische Anschlag in Deutschland. Aber war Gundolf Köhler wirklich ein Einzeltäter?

Der Journalist und Autor Ulrich Chaussy recheriert seit mehr als drei Jahrzehnten und hat ein unbestreitbares Netz aus Vertuschung, Lügen und Ungereimtheiten aufgedeckt. Ein Buch zu dem Attentat aus dem Jahr 1985 wurde 2012 neu aufgelegt und im Kontext der NSU Morde mit dem Untertitel „Wie die Verdrängung des Rechtsterrors begann“ versehen. Justiz und Verfassungsschutz haben nicht erst bei den NSU-Morden versagt – alles begann am 26.09.1980.

Der Spielfilm „Der blinde Fleck“ aus dem Jahr 2013 erzählt von Chaussys Recherchen. In der Hauptrolle Benno Führmann, der den Journalisten Ulrich Chaussy spielt. Chaussy ist Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks und kommt mit dem Hinterbliebenen-Anwalt der Oktoberfest-Opfer Werner Dietrich (gespielt von Jörg Hartmann) in Kontakt. Als er immer mehr Anhaltspunkte findet, die die These der Alleintäterschaft des Gundolf Köhler unhaltbar machen, beginnt er weitergehend zu recherchieren. Unterstützung erhält er aus Kreisen des Staatsschutzes von einem Referenten, der Chaussy aber offensichtlich ausnutzen will, um selbst Karriere zu machen. Dieser Referent weiß von Praktiken des Staatsschutzes, bei denen gezielt Informationen an Journalisten weitergegeben werden. Chef des Referenten ist Dr. Hans Langemann (Heiner Lauterbach), seines Zeichens Leiter des bayerischen Landesamtes für den Staatsschutz und – nach eigenen Aussagen – einflussreichste Persönlichkeit nach dem Ministerpräsidenten. Für einen ähnlichen Vorfall – die Weitergabe von Informationen an Journalisten – wurde Langemann Anfang der 90er Jahre auch tatsächlich rechtskräftig verurteilt.

Die Recherchen von Chaussy fördern immer mehr Ungereimtheiten zutage. Warum schließt ein angeblicher Einzelgänger, vom Leben frustrierter junger Mensch eine Woche vor seinem Selbstmord einen Bausparvertrag ab, gründet eine Band und fährt mit einem Interrail-Ticket durch ganz Europa? Woher kennt dieser junge Mann die Feinheiten im Umgang mit nachweislich militärischem Sprengstoff? Und wo sind die beiden Männer, mit denen Köhler kurz vor dem Attentat am Papierkorb, in dem die Bombe versteckt war, gestritten hatte? Zeugenaussagen, die die Existenz dieser Männer belegen, werden nicht berücksichtigt. Der wichtigste Augenzeuge, ein Homosexueller, der Köhler aus Interesse sehr lange beobachtet hatte, stirbt sogar den plötzlichen Herztod. Warum beginnt bei den Menschen, die über die Herkunft des Sprengstoffes Bescheid wissen, die „Wolfszeit“ – eine Serie von Selbstmorden? Die Spekulationen gehen immer weiter. Gab es Kontakte zwischen der Wehrsportgruppe Hoffmann und dem rechtsradikalen Netzwerk „Gladio“, verantwortlich für ähnliche Anschläge in anderen europäischen Ländern?

Der Titel des Films ist dabei sehr geschickt gewählt, denn der „Blinde Fleck“ ist sowohl ein Begriff aus der Psychologie (als Synonym für „kognitive Dissonanzen“) als auch aus der Medizin und bezeichnet eine Sehschwäche. Ich tendiere dazu, die medizinische Bedeutung hier heranzuziehen. „Der blinde Fleck“ als Synonym für eine Justiz, die auf einem Auge blind zu sein scheint.

Die große Frage, die der Film aufwirft: „Will die Justiz auf einem Auge blind sein oder ist es nur komplettes Versagen Einzelner?“  – Besondere Relevanz bekommt diese Schlüsselfrage vor dem Hintergrund des NSU Terrors, mehr als zwanzig Jahre nach dem Oktoberfestattentat. Kann es möglich sein, das Justiz und Staatsschutz gleich zweimal so eklatant versagen? Im Spielfilm wird diese Frage dadurch aufgeworfen, dass Chaussy seine Recherchen längst abgeschlossen und sich – vor allem auch wegen der Gefahr, in die er sich selbst und seine Familie brachte – von dem Thema abgewendet hatte. Der NSU Terror hat die alten Fragen wieder in das Zentrum gerückt. Chaussy beginnt wieder zu recherchieren.

Jetzt sind wir wieder bei der mysteriösen, abgerissenen Hand. Diese wurde am Tatort gefunden, konnte weder Köhler noch einem der Opfer zugeordnet werden und lag seit dem Attentat in der Asservatenkammer. Die Fingerabdrücke dieser Hand waren im Keller von Gundolf Köhler gefunden worden. Jetzt, über dreißig Jahre nach dem Attentat, wäre ein DNA Abgleich möglich gewesen. Chaussys Anfrage beim Genrealbundesanwalt erhält eine unglaubliche Antwort: alle Asservate seien aus Platzmangel Anfang der 90er Jahre vernichtet worden – nicht irgendwelche Asservate, sondern die des schlimmsten Terroranschlages der Deutschen Geschichte.

Der Film hat eine besondere Stärke. Er könnte die dramatischen Ereignisse sehr viel actionreicher darstellen. Das macht der Film nicht und unterstreicht damit seinen dokumentarischen Charakter. Der Film wirft sehr viel mehr Fragen auf, als er beantwortet. Er hat kein Happy End. Er hat überhaupt kein richtiges Ende. Überhaupt sind wir erst ganz am Anfang.

Letzten Monat hat der bayerische Landtag über die Wiederaufnahme der Ermittlungen beraten. Offizieller Grund: nicht ausgewertete Akten und eine neue Zeugenaussage: eine Frau hat bei einem Freund von Köhler einen verfassten Nachruf gelesen. Zu einem Zeitpunkt, an dem niemand den Namen Köhler kannte … .

Interaktives Dossier des Bayerischen Rundfunks mit vielen Hintergründen und Interviews.

Wikipedia Hintergründe zum Attentat.

Lieber Stan …

Das Schlimmste überhaupt ist, dass man Stan Laurel keine Briefe mehr schreiben kann. Man kann natürlich schon. Aber da, wo er jetzt ist, gibt es vermutlich keine Zustellung. Es geht ja auch gar nicht um den Brief. Es geht um die Möglichkeit und die sehr große Wahrscheinlichkeit, dass Stan diesen Brief auch beantwortet hätte.

Lieber Stan,

es gibt da eine Szene, da muss ich jedes Mal, wenn ich sie sehe, Tränen lachen. Ich habe keine Ahnung, worum es in der Szene geht und welche Rolle die Frau an dem Nebentisch spielt. Ich kann auch den allerletzten Satz nicht genau verstehen, aber das ist auch ganz egal. Wenn es mir schlecht geht und ich Lachen möchte, dann schaue ich mir diese Szene an:

   


Die wirklich wichtigen Dinge, lieber Stan, sind zeitlos. Sie können schwarz/weiß sein, sie stehen für sich, ohne Kontext, sie können stumm sein – ach, wem schreibe ich das! Wenn das einer weiß, dann ja wohl Du.

Buster Keaton soll auf Deiner Beerdigung geweint haben. Ein Jahr später, ist er Dir in den Himmel gefolgt. Dort ist auch Dein genialer Partner Oliver Hardy. Euch – und allen anderen, die wissen, was wirklich wichtig ist, sei schlicht und einfach gesagt, dass Eure Message heute noch ankommt. Ihr seid nicht mehr da und dennoch kommt Eure Botschaft bei mir an. Als Kind habe ich „Dick & Doof“ geguckt und konnte mich nie entscheiden, wer der Bessere war. Ich habe mich – eher unbewusst, aber bestimmt – dazu entschieden, beide Eigenschaften in mir selbst zu vereinen. Wer mich „dick & doof“ nennt, macht mir ein Kompliment und weiß es nicht 😉

Das Geheimnis der Zeitlosigkeit liegt darin, dass niemand die Zeitlosigkeit erkennt, wenn sie in diese Welt Einzug hält. Oder hast Du gewusst, dass ca. 80 Jahre, nach dem ihr diese Szene gedreht habt ein Mensch diese Video nutzt, um einfach nur mal Tränen zu lachen, völlig grundlos, einfach, um sich besser zu fühlen? Mehr noch – er verbreitet dieses Video auch noch und kann sich sicher sein, dass es allen anderen Menschen, die dieses Video anschauen, genauso gehen wird. Zeitlosigkeit ist die Vereinigung von Gewissheit und Beständigkeit. Was Du geschaffen hast, lieber Stan, ist zeitlos, weil es gewiss beständig ist. Und dafür braucht es manchmal nur ein ansteckendes Lachen.

www.lettersfromstan.com

Und weißt Du, was an dieser Zeitlosigkeit ganz besonders ist? Wäre ich einige Jahrzehnte früher geboren, dann hätte ich Dir diesen Brief ganz konventionell geschrieben. Es gäbe dann zu diesem Brief keinen Blog-Eintrag und kein passendes Video – weil es schlicht noch kein Internet gab – aber es würde ganz sicher eine Antwort von Dir geben. Eine von Tausenden, die Du an Deine Fans geschrieben hast. Und diese Antwort, die wäre sicher irgendwo im Internet zu finden. Das Medium, in dem sich die Zeitlosigkeit offenbart, ist zweitrangig. Zeitlosigkeit, die erkannt wird, hat ihren Gehalt in der Erkenntnis selbst. Das lernt jeder Mensch, dem Du das Lachen gezeigt hast.

Herzliche Grüße
P.

Für den nahezu unmöglichen Fall, dass jemand Stan Laurel nicht kennen sollte:

http://www.laurel-and-hardy.com/

Stan Laurel hat akribisch Kontakt zu seinen Fans gehalten. Er hat in seinem Leben wohl Tausende Fan-Briefe beantwortet. Alle mit derselben Schreibmaschine in Kalifornien geschrieben. Die Seite www.lettersfromstan.com sammelt diese Briefe. Sie sind der Fundus der Zeitlosigkeit. Mit freundlicher Genehmigung der Macher dieser Seite, habe ich auch das obige Bild in diesem Eintrag eingefügt.

www.lettersfromstan.com – The Stan Laurel Correspondence Archive Project.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch auf die in Kürze beginnenden Stummfilmtage in Bonn aufmerksam machen. Weitere Infos dazu finden Sie hier:

http://www.foerderverein-filmkultur.de/inhalt/stummfilmtage/aktuelles-stummfilmtage/

„JOBS“ – Oder: Kann Ashton Kutcher wirklich schauspielern?

Ich schaue mir ja diese ganzen SitComs grundsätzlich nicht an. Kutcher soll ja jetzt bei „Two and a Half Men“ diesen Charlie Sheen ersetzt haben – egal, das lässt mich kalt. Als ich aber gehört habe, dass Kutcher Steve Jobs in einer Verfilmung seiner Biographie spielen würde, war ich skeptisch. Allerdings waren die ersten Fotos, die ihn in der Rolle zeigten durchaus vielversprechend. Jetzt, wo ich den Film gesehen habe, fällt das Urteil eindeutig aus: Kutcher kann schauspielern. Sehr gut sogar.

Von Peter Killert.

Man kann über Apple denken, was man will. Fakt ist, dass Steve Jobs und Steve Wozniak den Heimcomputer erfunden haben. Es gab viele andere Pioniere, viele andere Ansätze – aber das Technik-Genie Wozniak und der Visionär Jobs haben eine Entwicklung in Gang gesetzt, die bis heute anhält.

Man kann darüber streiten, auf welchen Sockel man Jobs hebt. Diesem Film und auch der ihm zugrunde liegenden Biographie von Isaacson zu unterstellen, Jobs werde hier zum unantastbaren iGOD stilisiert, ist Unsinn. Sowohl die geschriebene Biographie als auch die Verfilmung zeigen ein sehr differenziertes Bild von Jobs.

Auf dem Campus läuft er barfuss herum, ist für seine fehlende Körperpflege berüchtigt. Ein Frauenheld, der seine Freundin sitzen lässt, als sie schwanger ist und mit Freunden kurzen Prozess macht, wenn sie nicht seinen Vorstellungen entsprechen.

Dann wieder wird er zum Sensibelchen – weinend kehrt er in die Garage zurück, dort wo alles anfing – kurz zuvor hat man ihn aus seiner eigenen Firma rausgemobbt. Jobs war keinesfalls ein unfehlbares Genie – menschlich eher schwierig, trotz Reifeprozess. Jedenfalls hat er den Heimcomputer erfunden und mit dem Macintosh 1984 die unfreiwillige Blaupause für Microsoft geliefert. Die Erfindung des iPods und die damit verbundenen Paradigmenwechsel der Medienlandschaft gehören ebenfalls zu seinem Vermächtnis. Und zumindest hat er einen großen Anteil an dem, was wir Smartphone nennen.

Der Film beginnt mit einem Auftritt von Jobs im Jahr 2001, bei dem er den ersten iPod vorstellt. Das war vier Jahre nach seiner Rückkehr zu Apple. Dann geht der Film zurück in das Jahr 1974. Jobs gelingt es, zusammen mit seinem Kumpel Steve Wozniak, das Spiel „Breakout“ in Rekordzeit für Atari zu produzieren. Nach einer spirituellen Reise nach Indien treffen sich „Woz“ und Jobs erneut. Als Wozniak dann das erste Computerboard für einen Fernseher demonstriert, erkennt Jobs das Potenzial. Der Apple 1 wird als Bausatz verkauft – wer heute einen solchen besitzt und ihn verkauft, hat ausgesorgt.

Der Apple 2 wird dann der erste maschinell produzierte Heimcomputer und nimmt das vorweg, was später Commodore und Atari kopieren. Der Film zeigt dann den Niedergang und den großen Fehler von Jobs, als er 1983 John Sculley, Chef bei Pepsi, zu Apple holte. Die Marketing-Strategie von Sculley führte Apple in die Versenkung.

In der letzten Phase des Films wird die Rückkehr von Jobs zu Apple gezeigt, seine erste Begegnung mit dem Designer Jonanthan Ive und sein stiller, aber konsequenter Rachfeldzug an denen, die nicht loyal zu im gestanden haben.

Die letzte Phase des Lebens von Jobs wird nicht gezeigt. Das ist auch ein Kritikpunkt, der den Film bei den Kritikern durchfallen liess. Er zeigt viele wichtige Ereignisse nicht. Die Krankheit, sein Clinch mit Bill Gates (der wird nur angedeutet) oder seine Selbstfindungsphase bei seiner Firma NeXt.
Wussten sie, dass Tim Berners-Lee das Internetprotokoll HTTP und die ersten Varianten von HTML auf einer NeXt-Workstation aus der Taufe gehoben hat? Das alles fehlt und das darf man kritisieren – aber zwei Stunden können unmöglich den Anspruch von Vollständigkeit der Biographie ins Zentrum stellen. Es mussten Abstriche gemacht werden.

In zwei Stunden eines biographischen Spielfilms wirken die Veränderungen eines Menschen wie eine Metamorphose im Zeitraffer. Kutcher spielt seine Rolle in jeder dieser Phasen sehr glaubwürdig. Der schlacksige Gang von Jobs, seine Unplatziertheit in feinen Anzügen und seine Gestik, die bei den vielen Keynotes von Apple bekannt sein dürfte. Das macht die Qualität eines Schauspielers aus – das Erkennen individueller Eigenheiten und ihre bestmögliche Darstellung. Da zeigt Kutcher echtes Talent. Andere Kritiken, die das bemängeln, kann ich nur schwer nachvollziehen.

In diesem Jahr beginnen die Dreharbeiten an einer weiteren Verfilmung des Lebens von Steve Jobs. Aaron Sorkin schreibt das Drehbuch („Social Network“, „The Newsroom“) und was man so hört, soll Leonardo Di Caprio in die Hauptrolle schlüpfen. Da fehlt es mir im Moment etwas an Phantasie, aber ich lasse mich gerne eines Besseren belehren.

Diese Verfilmung mit Ashton Kutcher ist jedenfalls gelungen. Wenn man zu Beginn der Handlung die Fernseher mit „Pong!“ und „Breakout“ sieht, fühlt man sich an die Kindheit erinnert. Ich kann mich noch erinnern, wie unser Nachbar seine Enkel mit den ersten Telespielen am Fernseher bei Laune hielt und ich mitspielen durfte. Dieser Film holt uns bei diesen Erinnerungen ab und zeigt im Zeitraffer, was in den letzten 30 Jahren alles passiert ist. Selbst wenn man Apple und Steve Jobs nicht mag – allein das macht den Film sehr sehenswert.