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Bedeutung der „Information“: Nichtwissen ist keine Option mehr

Eine Analyse über die Bedeutung der „Information“ in unserer Gesellschaft.

Es ist nur ein paar Wochen her, da saß einer von der Piratenpartei in Jesus-Sandalen bei einer großen deutschen Fernsehtalkshow und twitterte, während er in Redebeiträgen seine Meinung kundtat. Was zunächst auf den Zuschauer eher lächerlich wirken musste, offenbarte sich während der Diskussion – die Piraten waren politisch zu diesem Zeitpunkt erfolgreich – als Botschaft, die über das Politische hinausgeht. Diejenigen, die den immateriellen Strukturwandel richtig einschätzen müssten, also die etablierten Politiker, sind nicht in der Materie verankert. Und diejenigen, die Ahnung haben, die Piraten, wirken so unstrukturiert, dass man sie nicht ernst nehmen kann. Beides muss sich dringend ändern.

Von Peter Killert

Damit sind auch die Kernprobleme definiert: Unwissenheit und fehlende Struktur. Obwohl das ja gar nicht so einfach ist. Das Zeitalter der Information ist ein Zeitalter des Undefinierten. Für den Begriff „Information“ gibt es unzählige Definitionen – ich konzentriere mich auf eine bestimmte Definition.

Die philosophische Definition der Information

Information ist eine semantische Form von Energie – diese Definition ist recht schlicht. Das Prädikat „semantisch“ ist hierbei entscheidend. Es impliziert ein Sender -> Empfänger Verhältnis, wird aber nicht genauer definiert. Das ist nämlich auch gleichzeitig der Knackpunkt. Konzentriert sich die Semantik auf den Umstand, dass eine Information von jemandem empfangen sein muss, um als solche zu gelten, so blende ich diesen Schritt in meiner Interpretation dieser Definition komplett aus.

Eine Information ist nämlich auch dann vorhanden, wenn niemand sie ausliest. Stellen sie sich vor, es gäbe keine Festplatten, auf denen Informationen auch dann erhalten bleiben, wenn keine Energie anliegt. Oder klassischer: als man die ägyptischen Hieroglyphen fand, war wohl jedem klar, dass dies Information ist. Nur ihren Gehalt kannte man nicht.

Information existiert also unabhängig von ihrem Gehalt und vom Verständnis eines Rezipienten. Natürlich kann man jetzt argumentieren, welchen Sinn Information ohne Gehalt und ohne Verständnis macht. Dieses Argument ist sicher sehr wichtig, aber eine Wissenschaft für sich. Für die pure Definition von Information sind Verständnis und Gehalt unwichtig.

Was ist mit „Form“ gemeint? Nun, die Form der Information ist wichtig, denn sie macht die Information sichtbar. Bleiben wir bei dem Beispiel mit den Hieroglyphen. Es ist klar, dass die Symbolform die Information selbst sichtbar macht. Eine Wahrnehmung der Information läuft über ihre Form.

Damit dann verbunden der dritte Begriff in der Definition: „Energie“ bedeutet, dass die Information einen beliebigen Träger haben kann. Information ist immer gespeicherte Energie, die direkt als Energie sichtbar sein kann, zum Beispiel durch Lichtsignale oder die festgeschrieben ist und damit von der Zeit unabhängig ist.

Und die nächste Schlussfolgerung: Information braucht einen Träger, der als zeitunabhängiges Speichermedium fungiert. Dieser Träger kann mit der Form der Information identisch sein, muss er aber nicht. Beispiel hierfür ist ein Morsecode, der transcodiert erst verständlich wird. Eine Information, die von ihrer Form separiert werden kann, ist eine kodierte Information. Eine Information existiert so lange, wie ihr Träger existiert.

Noch mal zusammengefasst:

Information ist eine Form von Energie.

Der semantische Kontext, der die Energie zu einer Information macht, wird durch Codierung hergestellt.

Die Definition einer Information ist unabhängig von Verständnis oder ihrem Gehalt.

Eine Information ist zeitunabhängig und existiert so lange, wie ihr Träger existiert.

Der Träger einer Information ist das, was der Information eine Form verleiht.

Eine Information wird nur über ihre Form erkannt – niemals als Energie selbst.

Und noch ein wichtiger Aspekt: Information ist überall. Die Information ist Beweis für die Existenz einer immateriellen Substanz. Dafür spricht auch ein weiterer Gedanke – Rezipient einer Information muss kein menschliches Hirn sein. Auch ein Algorithmus eines Computerprogramms kann eine Information aufnehmen. Schlimmer noch: wir sind bei der Transcodierung von Information den Computern mittlerweile ausgeliefert. Konnte früher ein Postbeamter einen Morsecode noch mit seinem Kopf verarbeiten, so sind elementare Informationen, die uns umgeben, ohne Computer gar nicht mehr zu transcodieren. Die Gefahr lauert also immer bei dem Übergang von Energie als Form in einen semantischen Kontext, also bei der Sichtbarwerdung der Information für einen Menschen.

Sicher muss das alles noch viel gründlicher dargestellt werden, aber für den Moment soll das reichen.

Was hat diese Definition nun mit einer eher praktischen Überlegung wie die Schaffung eines Informationsministeriums zu tun?

Die politische Bedeutung der Information

Ministerien werden geschaffen, um politische Leitlinien für fundamentale gesellschaftliche Elemente zu koordinieren. Diese Leitlinien orientieren sich an abstrakten Normen wie Bildung, Gesundheit, Verteidigung, Diplomatie usw. – meine These ist, dass die Information ebenso ein fundamentales gesellschaftliches Element ist. Mit „Element“ meine ich einen normativen Baustein, ohne den ein soziales Miteinander nur erschwert, vielleicht gar nicht, möglich ist.

Es gibt aber noch ein weiteres Kennzeichen eines solchen Elementes: die Vernetzung. Diese fundamentalen Strukturen erstrecken sich auf alle möglichen Bereiche der Gesellschaft. Energie, Bildung, Gesundheit – das alles spielt überall eine primäre oder sekundäre Rolle im ständigen Miteinander. Die “Information” ist nicht mehr länger nur durch einen Datenschutzbeauftragten oder eine Behörde abgedeckt. Das entspricht der Erkenntnis in den 80er Jahren, dass Umwelt nicht nur Landwirtschaft bedeutet, sondern viel weitreichender ist, als man es lange Zeit wahrhaben wollte. Vernetzung bedeutet auch Wechselwirkung. Umweltschutz beispielsweise wirkt sich auf Ökonomie aus, auf Gesundheit sowieso und wird auch Teil von Bildung sein. Also wurde ein Umweltministerium geschaffen.

 



 

Die Information ist überall. Sie vernetzt uns, hat eine Wechselwirkung zu allen Teilbereichen der Gesellschaft – sie bringt auch politische Strömungen hervor. In den 80er Jahren waren es “Die Grünen”, heute sind es die “Piraten”. Die Frage drängt sich auf, ob sich beide politischen Strömungen miteiander vergleichen lassen. Die “Piraten” sind Chaoten. “Die Grünen” waren sicher auch Chaoten, aber sie hatten klare Ziele.

So stellt sich die naheliegende Frage – was hat die philosophische Definition von Information mit Politik zu tun? Sie ist schlicht notwendig, damit Ziele formuliert werden können. Waren die 68er in der Formulierung von politischen Zielen noch geübt (ich lasse bewusst offen, ob diese Ziele gänzlich erstrebenswert waren) so ist die Generation der Piraten eine, die aus der „Null-Bock-Generation“ hin zur „Generation X“ offensichtlich notwendige Veränderungen nicht mit der Formulierung konkreter Ziele verknüpft. Stattdessen – so wirken Menschen mit Jesus-Latschen in TalkShows – dominiert eine ambitionierte, weitestgehende Willkür.

Zur Verteidigung der Piraten muss aber gesagt werden: die etablierte politische Klasse zeichnet sich nicht durch Willkür aus, sondern durch schlichtes Nicht-Wissen. Einen Shitstorm zu twittern ist immer noch besser, als gar nicht zu wissen, was Twitter überhaupt ist. Leider ist es häufig so, dass sich Menschen trotz fundamentalem Nicht-Wissen dazu befähigt sehen, Politik zu machen. Aber das ist kein Problem, dass auf den Themenkomplex „Information“ beschränkt ist.

Wir brauchen also schlaue Köpfe, die sich mit dem Thema „Information“ auseinandersetzen, die Leitlinien definieren, diese in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext setzen können. Es gibt diese Köpfe – und sie tragen nicht nur Jesus-Latschen.

Marina Weisband (Piraten), Constanze Kurz (Chaos-Computer-Club) oder Kathrin Passig (Bloggerin, Bachmanpreisträgerin) fallen mir spontan ein. Es gibt auch eine ganze Reihe von Professoren, die sinnvolle Dinge zu sagen haben. Aufgabe eines Informationsministeriums wäre, neben dem Datenschutz, die Einordnung politischer Aktivitäten jeglicher Art in einen gesellschaftlichen Prozess. Viele dringend notwendige Leitlinien brauchen gesetzliche Strukturen oder sind noch gar nicht definiert.

Information ist der Rohstoff, der eine Gesellschaft als abstraktes Moment zu einem Verbund greifbarer Individuen macht. Information ist nicht mehr nur Wissen, Information formt unsere Gesellschaft. Sie bringt Individuen in Formation. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts war das Waldsterben Anlass zur Befürchtung, dass wir alle, jeder Einzelne, irgendwann keine saubere Lauft mehr atmen. Heute sind die Offenbarungen der letzten Wochen und Monate Anlass, die Information, die die normativen Werte einer Gesellschaft formt, zu schützen, zu definieren und ihr einen Rahmen zu geben.

Das Einrahmen normativer Ansprüche ist nur durch ethische Instanzen (die Kirche) oder durch die Politik möglich. Da wir nicht ins Mittelalter zurück wollen und die Information zum Kulturgut der Religion machen wollen – man stelle sich Server in Klöstern vor, die von Nonnen und Mönchen bewacht werden – muss es Aufgabe der Politik sein, diesen Anforderungen des Informationszeitalters nachzukommen.

Globalisierung bedeutet Individualisierung. Und Nicht-Wissen ist keine Option mehr.

Never Ending Story – Schluss mit dem Amazon-Bashing in der Buchbranche

Die Buchbranche und ihre Darstellung in den Medien wird derzeit vom Amazon-Bashing beherrscht. Amazon ist Schuld an allem. Am Niedergang der kleinen schnuckeligen Buchhandlung um die Ecke, am Hartz IV-Antrag des Zwischenhändlers, dem Verlust von Einfluss und Macht der bisher ach so humanen großen Verlagsketten und am Niedergang der Lese-Kultur im Allgemeinen. Kann man das auch anders sehen? Man kann … .

Wenn Günther Wallraff die sozialen Zustände beim Konzern Amazon anprangert und wie so oft der Gesellschaft vor Augen hält, dass die Geizgeilheit wieder keinen Halt vor der Menschenwürde gemacht hat (ganz schlimm ist es zur Weihnachtszeit, der Zeit der Nächstenliebe und des logistischen Overkills), dann glaube ich ihm das. Wenn Menschen allein aus diesem Grund Amazon konsequent boykottieren und nicht zeitgleich ihr Smartphone von Hersteller X, Sportschuhe von Y und Kaffeepadmaschine von Z verwenden, dann haben diese Menschen meine Hochachtung. Und diesen konsequenten Idealisten, Veganer, Fahrradfahrer und passionierten Mülltrenner gibt es. In aller Konsequenz gibt es ihn – Einen unter einer Million. Alle anderen sind Heuchler. Ich bin kein Heuchler. Weil ich Amazon nicht boykottiere.

Ich glaube nicht an das Märchen, dass es einen Bösen gibt und der Rest der Welt besteht aus Idealisten, die nur das Beste wollen und schon immer wollten. Ich glaube nicht, dass bei anderen Versandhäusern bisher Mindestlöhne oder mehr gezahlt wurden. Ich glaube, dass jedes Unternehmen aggressiv und menschenverachtend auf Profit ausgerichtet ist. Es mag Ausnahmen geben. Die sind so lobenswert wie die Boykotteure – aber sie sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Und eine Sache glaube ich schon mal gar nicht. Amazon ist nicht Auslöser eines gigantischen Paradigmenwechsel. Sie sind Nutznießer dieser Entwicklung und Vorreiter, weil sie eine zwangsläufige Entwicklung nicht nur nicht künstlich zurückhalten wollen, sondern diese sogar noch beschleunigen.

2009 bis 2010 wurden in Deutschland 1,5 Millionen eBooks verkauft. Für die Jahre 2014 bis 2015 werden es ca. 60 Millionen sein (Quelle). Jeder dritte Deutsche im lesefähigen Alter wird dann statistisch gesehen im Jahr ein eBook gekauft haben. Ich kann mich an Aussagen aus 2009 erinnern, wo „Fachleute“ von einem eBook-Anteil von unter 20% bis zum Jahr 2020 ausgegangen sind. (finde leider keinen Beleg für diese Aussage) – die aktuelle Entwicklung weitergedacht wäre selbst eine Invertierung dieser 20% auf 80% noch zu verhalten geschätzt. 2020 werden sie nur noch Menschen mit mobilen Devices sehen. Diese Devices werden auch zum Lesen benutzt. Sehen sie 2020 im Park einen Menschen, der ein Buch liest, dann ist dieser Mensch ein Exot.

Das Argument, dass die Screens von Tablets und eBook-Readern nicht den Lesekomfort wie ein Buch bieten würden, ist obsolet. Dank hochauflösender Displays, die sich innerhalb weniger Monate zum Standard entwickelt haben. Und als mir neulich ein Verlag ein Buch, ein dickes gebundenes Buch zur Rezension geschickt hat, hat mich das richtig genervt. Wo schreibe ich meine Notizen hin? Wie soll ich dieses Buch mitschleppen? Wo kann ich eine Stelle per Volltextsuche wiederfinden und per Copy/Paste an Wikipedia verweisen? Geht nicht. Noch bin ich nicht so weit, dass ich die Rezension gänzlich aufgegeben habe. Aber ich war nahe dran. Kein herkömmliches Buch wird mich je wieder auf eine Reise begleiten. Und ich werde nie wieder etwas auf Papier publizieren. Der Paradigmenwechel, der Austausch des Mediums ist in mir schon komplett vollzogen. Wie mag das bei Menschen sein, die jünger sind? Die Geschwindigkeit, mit der dieser Paradigmenwechsel erfolgt, ist enorm. Und sie wird nach wie vor unterschätzt.



Das Ergebnis eines künstlichen Aufrechterhaltens von profitablen Strukturen erkennen sie, wenn sie die Preise vergleichen. Manchmal ist es so, dass ein eBook genauso viel kostet, wie das gedruckte Buch. Und wer profitiert davon? Der Leser? Sicher nicht. Der muss genauso viel zahlen. Das Argument, dass auch ein eBook ein Lektorat und Marketing benötigt, ist zu kurz gedacht. Fragen sie doch mal in einem Verlag nach, wie die Löhne bei Lektoren gestiegen sind. Gar nicht? Aha. OK, weil die Verlage weniger Umsatz machen? Stimmt nicht. Die Aktionäre und die Manager in den oberen Etagen der alles kontrolierenden Verlagsgruppen wie Barnes and Nobles, Randomhouse (Bertelsmann) verdienen ohne Ende und greifen immer wieder nach den etablierten Buchhändlern – Bertelsmann strebt schon lange eine Kooperation mit Thalia oder der Mayerschen Buchhandlung an. Teilweise ist diese Kooperation bereits in trockenen Tüchern. (Quelle). Daran gehen die kleinen unabhängigen Buchhandlungen kaputt und eben nicht nur an Amazon. Und bevor Amazon aus dem Hintergrund heraus immer mächtiger wurde, waren auch genau diese Riesen die größten Feinde der unabhängigen Buchhändler. Wie schnell sich doch die Feindbilder ändern, wenn sich eine Branche auf einen Bösen einschiesst. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass etablierte Buchläden diesen Braten längst gerochen haben.

Von dem Profit, der sich aus den völlig überhöhten eBook Preisen ergibt, kommt bei den Autoren erst recht nichts an. Weil das Spiel seit Jahren so läuft. Echte Macher, Programmverantwortliche eines Verlages, werden gefeuert. Da kann das Programm, die Substanz noch so gut sein – der Profit ist entscheidend. Solche Instanzen, die Chefmanager in den großen Verlagskonsortien als Hüter der Lesekultur zu sehen ist schon gar nicht mehr naiv. Es ist schlicht Blödsinn. Wer es nicht glaubt – bitte hier nachlesen.

Es wird sein, wie mit den Schallplatten. Läden, die sich spezialisieren, werden die Vinyl-Liebhaber für Jahrzehnte als Kunden haben. Die Argumente, die für Vinyl sprechen, sind unerheblich. Ich kann jeden verstehen, der Schallplattem sammelt und sich auch über aktuelle Neuerscheinungen auf Vinyl freut. Es ist ein Zeichen des guten Geschmacks. Dennoch ist das Vinyl schon lange nicht mehr das Medium erster Wahl für Tonträger. Bei den Schriftträgern ist dieser Umbruch in vollem Gange. Bücher wird es immer auch in Papierform geben. Aber allein schon das Wort „Papier“ der „Form“ voranstellen zu müssen, stellt das Medium in eine Nische. Das ist eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt. Ob der Dämon, der diese Kultur überollt Amazon oder Apple oder Google oder sonstwie heißt.

Man kann also weiter herumreden. Meine Auffassung zum eBook an sich habe ich bereits kundgetan. Halten wir die Fakten fest:

  • Der Umsatz mit eBooks in Deutschland hat sich innerhalb von fünf Jahren um das 60fache erhöht.
  • Die großen Verlagshäuser und Buchhandelsketten fangen jetzt erst damit an, ihre Strategie darauf auszurichten. Fakt ist, dass es tatsächlich nur einen alternativen vom Buchhandel subventionierten eBook-Reader in Konkurrenz zum Kindle gibt (nannte sich früher OYO, heißt heute Tolino).
  • Fakt ist ferner, dass durch die Aufrechterhaltung der Buchpreisbindung auch bei eBooks nichts bei Autoren, Lesern oder den Mitarbeitern im etablierten Buchhandel ankommt. Der Profit geht in die übergeordneten Großkonzerne, die genauso stark sind, wie Amazon.
  • Fakt ist, dass Amazon eine Publishing-Plattform anbietet, die etablierte Verlage in ihrer Nachhaltigkeit noch nicht mal ansatzweise begreifen. Die glauben tatsächlich immer noch, dass ihr Auswahlverfahren, ihr Lektorat, ihr Marketing noch gebraucht wird und Garant von Qualität ist. Wie damals, als die Brockhaus Redaktion die Menschen von Wikipedia kleinreden wollten. Es gibt aber keine Menschen, die allein aufgrund von etablierten Strukturen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten- Darin sehe ich ganz persönlich das größte Problem überhaupt. Wenn Amazon sich mit dem nächsten Schritt, dem KDP-Select (eine Flatrate von 10$ im Monaten zum Lesen beliebig vieler Bücher der eigenen Publishing-Plattform) etabliert, dann besteht tatsächlich eine Gefahr für die Kultur. Denn dann steht nur noch der Leser im Fokus und die Autoren müssen ihre Werke zu Ramschpreisen anbieten. Eine mögliche Lösung dafür wäre eine Kultur-Flatrate (ich höre den Aufschrei des kritischen Lesers bei diesem Wort). Dazu aber gibt es eigenen Essay.

Um abschließend noch mal eines klarzustellen: ich mache hier keine Werbung für Amazon. Amazon als profitgeiler Konzern, der Menschen ausbeutet, ist widerwärtig. Ich bin auch kein Zyniker, der Idealisten, die diese Zustände verändern wollen, durch den Kakao zieht. Idealisten – und nur Idealisten – verändern die Welt zum Positiven. Ich plädiere lediglich dafür, wieder mehr den Tatsachen ins Auge zu sehen, die Dinge anzupacken, die vor Jahren hätten angepackt werden müssen und mit dem Gejammer aufzuhören, dass der Teufel Amazon die traditionelle Buchkultur kaputtmacht. An jeder Art von Veränderung werden die profitieren, die skrupellos sind. Das war so und das wird immer so sein. Die Frage ist nur, warum diese never ending story immer wieder neu erzählt werden muss und Menschen sie erst am Ende begreifen. Wenn es zu spät ist. Nicht zu spät im Sinne von Weltuntergang, aber zu spät im Sinne von „hätte ich doch mal … als noch Zeit war …“. Die Moral der never ending story: Menschen werden nie aus Schaden klug, sondern immer erst hinterher. Wenn die Geschichte schon erzählt ist. Erzählt hat sie immer ein anderer. Warum bin ich nicht der Erzähler?

Varianten des Imperativs – Ist der kategorische Imperativ von Kant noch aktuell?

Nachfolgender Text ist ein Auszug aus einem größeren Text, an dem ich noch einige Zeit werde arbeiten müssen. Mein Anliegen ist der Brückenschlag zwischen dem Idealismus eines Immanuel Kant und aktuell diskutierten Themen namhafter Philosophen. Die Hintergründe beziehe ich aus diversen Zeitschriften zum Thema und eigenen Recherchen.

Dieser Text ist als Einstieg in das Thema gedacht. Es handelt von Kants kategorischem Imperativ und seinen Varianten. Zwei bedeutende Philosophen unserer Zeit, Derek Parfit und Thomas Scanlon, lieferten Varianten dieses Imperativs und transportieren ihn damit in unsere Zeit.

Immanuel Kant

Wir kennen ihn alle. Aus der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” 😉 Genau. Das sind die Bücher, die wir alle nebenbei in den Werbepausen des Privatfernsehens lesen 😉

Dort schreibt Immanuel Kant:

“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”

Kant selbst hat diesen Satz mehrfach variiert.

“Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann.”

oder

“Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”

Eine ganz einfache Variante lernt man in einem guten Kindergarten. Ab einem bestimmten Alter ist ein Mensch in der Lage folgende Vereinfachung des kategorischen Imperativs zu verstehen:

“Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg´ auch niemand anderem zu!”

Oder, wenn es dann in die weiterführende Schule geht.

“Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.”

Jetzt gibt es zwei Varianten, die sich führende Philosophen ausgedacht haben und die Folge einer langen Auseinandersetzung mit dem Thema ist.

“Jeder sollte Prinzipien folgen, die niemand vernünftigerweise zurückweisen kann.” (Thomas Scanlon)

“Ein normatives Prinzip muss nicht durch etwas anderes verifiziert werden.”(Derek Parfit)

Thomas Scanlon

Diese Sätze sind augenscheinlich kürzer als das Original, auf der einen Seite etwas weniger »sperrig«, auf der anderen aber ragt ein Wort heraus, das Kant nicht verwendet hat. Das »Prinzip«. Parfit fügt noch das Prädikat »normativ« hinzu.

Gehen wir aber zunächst auf das “verifiziert” ein. Die Philosophen sprechen von “Verifikation” also dem direkten logischen Beweis und von “Falsifikation”, das ist der indirekte Beweis durch logische Darlegung, dass das Gegenteil nicht zutreffen kann. Parfit sagt, dass ein normatives Prinzip (eine sehr klug in die Gegenwart transportierte Definition des “Kategorischen Imperativs”) durch nichts anderes verifiziert werden muss. Das bedeutet: das normative Prinzip hat eine Allgemeingültigkeit, die aus sich selbst heraus rechtfertigt. “Die Würde des Menschen ist unantastbar” beispielsweise ist so ein Prinzip. Es ist völlig einleuchtend, dass die Verletzung menschlicher Würde dem menschlichen Dasein entgegenstrebt. Jederzeit. Ein Gebot wie “Du sollst nicht töten” hingegen steht da schon auf einer nicht ganz so soliden Grundlage, wenn man Verfechter der aktiven Sterbehilfe fragen würde.

Interessant wird es, wenn man solche Gebote, die als Prinzip gebraucht oder auch missbraucht werden, hinterfragt. Dieses Hinterfragen ist der Prozess der Normierung des Gebots. Es ist so, als würde der Anspruch unzähliger Individuen zu einer Formel finden, die diese Allgemeingültigkeit besitzt.

Derek Parfit

Aber jetzt zu dem eigentlich spannenden Begriff: “Das Prinzip” — Was ist so besonders daran? Ob und wie Kant das Wort »Prinzip« verwendet hat oder verwendet hätte — das wäre eine eigene Diskussion wert. Das »Prinzip« — im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit der Phrase »… es geht mir um das Prinzip …« genutzt — dürfte für Kant noch gar nicht relevant sein. Denn das Zeitalter der Aufklärung hatte sich ja zum Ziel gesetzt, dass Menschen Maximen verinnerlichen. Eine verinnerlichte, individuelle Maxime ist ein Prinzip. Genauer: zu Zeit Immanuel Kants hatten die Menschen noch keine individuellen Prinzipien. Es gab also keinen Anlass, so einen Begriff zu verwenden. Der individuelle Imperativ war noch gar nicht geboren.

Daraus ergibt sich aber wiederum ein anderes Problem: ist ein Prinzip individuell, wie kann es dann allgemeingültig sein? Die Antwort hat Derek Parfit und eröffnet damit einen neuen Ansatz auf den uralten kategorischen Imperativ: er ist normativ, d.h. er birgt in sich einen Anspruch. Parfit definiert diesen Anspruch auch gleich — er ist gültig und braucht durch nichts anderes verifiziert zu werden. Er ist sozusagen das abstractum atomar — eine nicht zerlegbare Abstraktion. Das Prinzip muss von allen Menschen als ein Prinzip verstanden sein.

Die spannende Frage ist nun: Gibt es das wirklich? Ja, aber nur im Kontext der Vernunft. Wer das Prinzip »rechts vor links« im Straßenverkehr nicht beachtet, hat ein Problem. Eine aus einem normativen Anspruch abgeleitete Regel ist ein Prinzip.

Was ist aber, wenn es an die wirklichen Abstraktionen geht? — »Wahrheit« oder »Freiheit«. Gibt es dort auch eine »shared vision« für alle Menschen, die nur eine Interpretation zulässt? Gibt es von der Perspektive unabhängige Abstraktionen?

Weitere Infos zu Thomas Scanlon und Derek Parfit. Derek Parfit ist am 1. Januar 2017 verstorben.

Mathematik der Abstraktion : Imperatives Schweigen

Zwei Zitate als Hinweis auf eine „Mathematik der Abstraktion“?

Es gibt zwei Zitate von zwei wichtigen Philosophen. Beide Zitate sollten von jedem, der sich zum Denken berufen fühlt, zutiefst verinnerlicht werden. Diese Auffassung zu vertreten, prägt mein Schreiben, mein Ich, mein denkendes Ich seit geraumer Zeit. Auf meiner Insel — Aufenthalte dort sind pure Horizonterweiterung — habe ich beide Zitate jetzt sehr viel näher zusammengebracht. Ich bin verblüfft. Ich bin seit langem sicher, dass es eine Art von Mathematik in der Abstraktion gibt, eine Art Inventar von noch unentdeckten Formeln, versteckt in unserer Sprache. Aber dass zwei auf den ersten Blick und in jahrelanger Verinnerlichung gänzlich verschiedene Zitate auf den gleichen substantiellen, kaum beschreibbaren Kern abzielen, hat mich überrascht. Hier der Versuch, meine Erkenntnis zu erklären.

In meinem Essay „Varianten des Imperativs“ bin ich auf die universelle Bedeutung des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant eingegangen und habe ihn mit Varianten der großen aktuellen Philosophen Thomas Scarlon und Derek Parfit verknüpft. Diese Verknüpfung war sehr einleuchtend, da beide ihre Texte natürlich auch zu Kant in Relation setzen. Ein anderer wichtiger Satz stammt jedoch aus dem Werk „Tractatus logico-philosophicus“. In diesem Werk stehen viele sehr gute Sätze. Einer ragt heraus. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Meine These ist nun ganz einfach. Ich behaupte, dass eine Erfüllung der Forderung Wittgensteins, eine perfekte Umsetzung des kategorischen Imperativs von Kant ist. Beide Sätze führen zu demselben Ziel: zu einem kategorischen, normativen Anspruch. Mehr noch: die Beherzigung der Forderung Wittgensteins ist ein ganz einfacher Anlass, dem kategorischen Imperativ von Kant eine praktische Anwendung abzugewinnen: das imperative Schweigen. Man kann noch weiter gehen. Schweigen zu etwas, zu dem man nichts sagen kann, ist das ´Wollen-Können´ einer Maxime, aus der ein allgemeines Gesetz werden kann. Man stelle sich das vor: Menschen reden nur noch über das, worüber sie auch wirklich etwas sagen können. Natürlich kommt dabei direkt das Berufsbild des Politikers in den Sinn. Man stelle sich vor, Politiker reden und entscheiden nur über Dinge, über die sie etwas sagen können. Es würde sich wieder lohnen, den Redebeiträgen des Parlamentes zu folgen oder Talkshows anzusehen. Natürlich ist mir bewusst, dass ich polemisiere. Weder Politiker, noch gewöhnliche Menschen, reden ausschließlich über Dinge, von denen sie nichts sagen können. Fassen wir den Begriff ´reden´ ein wenig weiter und nehmen ´Kommunkation´ im Allgemeinen hinzu. Am besten noch die Kommunikation, die im vermeindlichen Schutzmantel der Anonymität der globalisierten Welt nicht nach Wissen oder Nicht-Wissen fragt. Das ´teilen´ von Unwissen ist nicht anderes, als das Reden statt eines angebrachten Schweigens. Gefährlich. Das ist sehr gefährlich, besonders in der Photoshopped Reality. Da wird die Kippa eines Juden wegretuschiert und schon wird aus dem Opfer der einen Partei, ein Argument für eine nicht existente Realität. Da werden Inhalte geteilt, die man ausblenden, über die man schweigen sollte. Denn niemand kann wirklich etwas über diese Art der Realität sagen. So entstehen unsäglich interessante Zusammenhänge:

  • Wenn ich nicht schweige, wo ich schweigen müsste und jemand schenkt dieser Oberflächlichkeit Glauben, trage ich dazu bei, dass die Welt falsch gesehen wird.
  • Ein falscher Blick auf die Welt ist wie die Orientierung an falschen Maximen.
  • Realität wird nicht nur durch Handeln bestimmt, sondern auch durch Worte.
  • Realität wird nicht nur durch Worte oder Handeln bestimmt, sondern auch durch Schweigen.
  • Schweigen birgt in sich das Potential einer Maxime für ein allgemeines Gesetz.
  • Schweigen ist vielleicht nicht immer richtig oder angebracht; Schweigen aber ist immer imperativ.
  • Handeln aus Unwissen oder Reden trotz Unwissen hat dieselben Folgen; es dient der Erbauung falscher Maximen.



Aber zurück zu Wittgenstein und Kant. Hat der Satz von Wittgenstein die gleiche Kraft wie der kategorische Imperativ? Ist der Satz von Wittgenstein nicht viel zu einfach? Genau diese Frage und ihre Antwort ist so überraschend für mich. Darüber zu schweigen, wozu man nichts sagen kann, ist tatsächlich die einzig mir bekannte praktische Anwendung des kategorischen Imperativs. Ist das nicht unglaublich faszinierend? Die Maxime, die zu einem Allgemeinen Gesetz werden kann, ist das Schweigen. Das Handeln, das Kant meint, ist das Schweigen. Das imperative Schweigen. Ein Nicht-Handeln der besonderen Art. Ein Nicht-Handeln, das auf dem Bewusstsein von Nicht-Wissen, der stärksten Form von Mündigkeit basiert. Mein Pläydoyer ist also ganz klar: Reden wir, wir alle, ab sofort nur noch über Dinge, über die wir wirklich etwas zu sagen haben. Und wenn wir etwas zu sagen haben, dann wollten wir auch die Mühe aufbringen, die richtigen Worte zu finden. Schweigen aber ist Nicht-Handeln. Reden wir über etwas, was andere mit ihrer Mündigkeit uns in den Mund legen wollen, Bilder, Nachrichten, Eindrücke, die wir anonym teilen sollen, dann werden wir dies ab sofort nur noch tun, wenn der Gegenstand über den wir reden und den wir mit unseren Worten in unsere Welt einordnen, so stark in unser eigenes, individuelles Wissen und unsere Mündigkeit eingebracht ist, dass es sich lohnt, das Schweigen zu brechen. Wir brechen die Maxime des Schweigens bewusst auf und stellen fest, wie banal das richtige Handeln doch ist: wir reden nur noch dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben.

Persönliche Anmerkung: Sie kennen jetzt den Grund, warum nur so sporadisch Artikel im Kultur-Magazin erscheinen. Ich schreibe nur dann, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich schreibe niemals über ungelesene Bücher, ungehörte Musik oder ungesehene Filme. Ich schreibe überhaupt nur dann, wenn mich ein Gedanke über eine längere Zeit beschäftigt und zum Durchdenken bewogen hat.