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Never Ending Story – Schluss mit dem Amazon-Bashing in der Buchbranche

Die Buchbranche und ihre Darstellung in den Medien wird derzeit vom Amazon-Bashing beherrscht. Amazon ist Schuld an allem. Am Niedergang der kleinen schnuckeligen Buchhandlung um die Ecke, am Hartz IV-Antrag des Zwischenhändlers, dem Verlust von Einfluss und Macht der bisher ach so humanen großen Verlagsketten und am Niedergang der Lese-Kultur im Allgemeinen. Kann man das auch anders sehen? Man kann … .

Wenn Günther Wallraff die sozialen Zustände beim Konzern Amazon anprangert und wie so oft der Gesellschaft vor Augen hält, dass die Geizgeilheit wieder keinen Halt vor der Menschenwürde gemacht hat (ganz schlimm ist es zur Weihnachtszeit, der Zeit der Nächstenliebe und des logistischen Overkills), dann glaube ich ihm das. Wenn Menschen allein aus diesem Grund Amazon konsequent boykottieren und nicht zeitgleich ihr Smartphone von Hersteller X, Sportschuhe von Y und Kaffeepadmaschine von Z verwenden, dann haben diese Menschen meine Hochachtung. Und diesen konsequenten Idealisten, Veganer, Fahrradfahrer und passionierten Mülltrenner gibt es. In aller Konsequenz gibt es ihn – Einen unter einer Million. Alle anderen sind Heuchler. Ich bin kein Heuchler. Weil ich Amazon nicht boykottiere.

Ich glaube nicht an das Märchen, dass es einen Bösen gibt und der Rest der Welt besteht aus Idealisten, die nur das Beste wollen und schon immer wollten. Ich glaube nicht, dass bei anderen Versandhäusern bisher Mindestlöhne oder mehr gezahlt wurden. Ich glaube, dass jedes Unternehmen aggressiv und menschenverachtend auf Profit ausgerichtet ist. Es mag Ausnahmen geben. Die sind so lobenswert wie die Boykotteure – aber sie sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.

Und eine Sache glaube ich schon mal gar nicht. Amazon ist nicht Auslöser eines gigantischen Paradigmenwechsel. Sie sind Nutznießer dieser Entwicklung und Vorreiter, weil sie eine zwangsläufige Entwicklung nicht nur nicht künstlich zurückhalten wollen, sondern diese sogar noch beschleunigen.

2009 bis 2010 wurden in Deutschland 1,5 Millionen eBooks verkauft. Für die Jahre 2014 bis 2015 werden es ca. 60 Millionen sein (Quelle). Jeder dritte Deutsche im lesefähigen Alter wird dann statistisch gesehen im Jahr ein eBook gekauft haben. Ich kann mich an Aussagen aus 2009 erinnern, wo „Fachleute“ von einem eBook-Anteil von unter 20% bis zum Jahr 2020 ausgegangen sind. (finde leider keinen Beleg für diese Aussage) – die aktuelle Entwicklung weitergedacht wäre selbst eine Invertierung dieser 20% auf 80% noch zu verhalten geschätzt. 2020 werden sie nur noch Menschen mit mobilen Devices sehen. Diese Devices werden auch zum Lesen benutzt. Sehen sie 2020 im Park einen Menschen, der ein Buch liest, dann ist dieser Mensch ein Exot.

Das Argument, dass die Screens von Tablets und eBook-Readern nicht den Lesekomfort wie ein Buch bieten würden, ist obsolet. Dank hochauflösender Displays, die sich innerhalb weniger Monate zum Standard entwickelt haben. Und als mir neulich ein Verlag ein Buch, ein dickes gebundenes Buch zur Rezension geschickt hat, hat mich das richtig genervt. Wo schreibe ich meine Notizen hin? Wie soll ich dieses Buch mitschleppen? Wo kann ich eine Stelle per Volltextsuche wiederfinden und per Copy/Paste an Wikipedia verweisen? Geht nicht. Noch bin ich nicht so weit, dass ich die Rezension gänzlich aufgegeben habe. Aber ich war nahe dran. Kein herkömmliches Buch wird mich je wieder auf eine Reise begleiten. Und ich werde nie wieder etwas auf Papier publizieren. Der Paradigmenwechel, der Austausch des Mediums ist in mir schon komplett vollzogen. Wie mag das bei Menschen sein, die jünger sind? Die Geschwindigkeit, mit der dieser Paradigmenwechsel erfolgt, ist enorm. Und sie wird nach wie vor unterschätzt.



Das Ergebnis eines künstlichen Aufrechterhaltens von profitablen Strukturen erkennen sie, wenn sie die Preise vergleichen. Manchmal ist es so, dass ein eBook genauso viel kostet, wie das gedruckte Buch. Und wer profitiert davon? Der Leser? Sicher nicht. Der muss genauso viel zahlen. Das Argument, dass auch ein eBook ein Lektorat und Marketing benötigt, ist zu kurz gedacht. Fragen sie doch mal in einem Verlag nach, wie die Löhne bei Lektoren gestiegen sind. Gar nicht? Aha. OK, weil die Verlage weniger Umsatz machen? Stimmt nicht. Die Aktionäre und die Manager in den oberen Etagen der alles kontrolierenden Verlagsgruppen wie Barnes and Nobles, Randomhouse (Bertelsmann) verdienen ohne Ende und greifen immer wieder nach den etablierten Buchhändlern – Bertelsmann strebt schon lange eine Kooperation mit Thalia oder der Mayerschen Buchhandlung an. Teilweise ist diese Kooperation bereits in trockenen Tüchern. (Quelle). Daran gehen die kleinen unabhängigen Buchhandlungen kaputt und eben nicht nur an Amazon. Und bevor Amazon aus dem Hintergrund heraus immer mächtiger wurde, waren auch genau diese Riesen die größten Feinde der unabhängigen Buchhändler. Wie schnell sich doch die Feindbilder ändern, wenn sich eine Branche auf einen Bösen einschiesst. Ich würde fast so weit gehen zu sagen, dass etablierte Buchläden diesen Braten längst gerochen haben.

Von dem Profit, der sich aus den völlig überhöhten eBook Preisen ergibt, kommt bei den Autoren erst recht nichts an. Weil das Spiel seit Jahren so läuft. Echte Macher, Programmverantwortliche eines Verlages, werden gefeuert. Da kann das Programm, die Substanz noch so gut sein – der Profit ist entscheidend. Solche Instanzen, die Chefmanager in den großen Verlagskonsortien als Hüter der Lesekultur zu sehen ist schon gar nicht mehr naiv. Es ist schlicht Blödsinn. Wer es nicht glaubt – bitte hier nachlesen.

Es wird sein, wie mit den Schallplatten. Läden, die sich spezialisieren, werden die Vinyl-Liebhaber für Jahrzehnte als Kunden haben. Die Argumente, die für Vinyl sprechen, sind unerheblich. Ich kann jeden verstehen, der Schallplattem sammelt und sich auch über aktuelle Neuerscheinungen auf Vinyl freut. Es ist ein Zeichen des guten Geschmacks. Dennoch ist das Vinyl schon lange nicht mehr das Medium erster Wahl für Tonträger. Bei den Schriftträgern ist dieser Umbruch in vollem Gange. Bücher wird es immer auch in Papierform geben. Aber allein schon das Wort „Papier“ der „Form“ voranstellen zu müssen, stellt das Medium in eine Nische. Das ist eine Entwicklung, die sich nicht aufhalten lässt. Ob der Dämon, der diese Kultur überollt Amazon oder Apple oder Google oder sonstwie heißt.

Man kann also weiter herumreden. Meine Auffassung zum eBook an sich habe ich bereits kundgetan. Halten wir die Fakten fest:

  • Der Umsatz mit eBooks in Deutschland hat sich innerhalb von fünf Jahren um das 60fache erhöht.
  • Die großen Verlagshäuser und Buchhandelsketten fangen jetzt erst damit an, ihre Strategie darauf auszurichten. Fakt ist, dass es tatsächlich nur einen alternativen vom Buchhandel subventionierten eBook-Reader in Konkurrenz zum Kindle gibt (nannte sich früher OYO, heißt heute Tolino).
  • Fakt ist ferner, dass durch die Aufrechterhaltung der Buchpreisbindung auch bei eBooks nichts bei Autoren, Lesern oder den Mitarbeitern im etablierten Buchhandel ankommt. Der Profit geht in die übergeordneten Großkonzerne, die genauso stark sind, wie Amazon.
  • Fakt ist, dass Amazon eine Publishing-Plattform anbietet, die etablierte Verlage in ihrer Nachhaltigkeit noch nicht mal ansatzweise begreifen. Die glauben tatsächlich immer noch, dass ihr Auswahlverfahren, ihr Lektorat, ihr Marketing noch gebraucht wird und Garant von Qualität ist. Wie damals, als die Brockhaus Redaktion die Menschen von Wikipedia kleinreden wollten. Es gibt aber keine Menschen, die allein aufgrund von etablierten Strukturen die Weisheit mit Löffeln gefressen hätten- Darin sehe ich ganz persönlich das größte Problem überhaupt. Wenn Amazon sich mit dem nächsten Schritt, dem KDP-Select (eine Flatrate von 10$ im Monaten zum Lesen beliebig vieler Bücher der eigenen Publishing-Plattform) etabliert, dann besteht tatsächlich eine Gefahr für die Kultur. Denn dann steht nur noch der Leser im Fokus und die Autoren müssen ihre Werke zu Ramschpreisen anbieten. Eine mögliche Lösung dafür wäre eine Kultur-Flatrate (ich höre den Aufschrei des kritischen Lesers bei diesem Wort). Dazu aber gibt es eigenen Essay.

Um abschließend noch mal eines klarzustellen: ich mache hier keine Werbung für Amazon. Amazon als profitgeiler Konzern, der Menschen ausbeutet, ist widerwärtig. Ich bin auch kein Zyniker, der Idealisten, die diese Zustände verändern wollen, durch den Kakao zieht. Idealisten – und nur Idealisten – verändern die Welt zum Positiven. Ich plädiere lediglich dafür, wieder mehr den Tatsachen ins Auge zu sehen, die Dinge anzupacken, die vor Jahren hätten angepackt werden müssen und mit dem Gejammer aufzuhören, dass der Teufel Amazon die traditionelle Buchkultur kaputtmacht. An jeder Art von Veränderung werden die profitieren, die skrupellos sind. Das war so und das wird immer so sein. Die Frage ist nur, warum diese never ending story immer wieder neu erzählt werden muss und Menschen sie erst am Ende begreifen. Wenn es zu spät ist. Nicht zu spät im Sinne von Weltuntergang, aber zu spät im Sinne von „hätte ich doch mal … als noch Zeit war …“. Die Moral der never ending story: Menschen werden nie aus Schaden klug, sondern immer erst hinterher. Wenn die Geschichte schon erzählt ist. Erzählt hat sie immer ein anderer. Warum bin ich nicht der Erzähler?

Varianten des Imperativs – Ist der kategorische Imperativ von Kant noch aktuell?

Nachfolgender Text ist ein Auszug aus einem größeren Text, an dem ich noch einige Zeit werde arbeiten müssen. Mein Anliegen ist der Brückenschlag zwischen dem Idealismus eines Immanuel Kant und aktuell diskutierten Themen namhafter Philosophen. Die Hintergründe beziehe ich aus diversen Zeitschriften zum Thema und eigenen Recherchen.

Dieser Text ist als Einstieg in das Thema gedacht. Es handelt von Kants kategorischem Imperativ und seinen Varianten. Zwei bedeutende Philosophen unserer Zeit, Derek Parfit und Thomas Scanlon, lieferten Varianten dieses Imperativs und transportieren ihn damit in unsere Zeit.

Immanuel Kant

Wir kennen ihn alle. Aus der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” 😉 Genau. Das sind die Bücher, die wir alle nebenbei in den Werbepausen des Privatfernsehens lesen 😉

Dort schreibt Immanuel Kant:

“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”

Kant selbst hat diesen Satz mehrfach variiert.

“Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann.”

oder

“Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”

Eine ganz einfache Variante lernt man in einem guten Kindergarten. Ab einem bestimmten Alter ist ein Mensch in der Lage folgende Vereinfachung des kategorischen Imperativs zu verstehen:

“Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg´ auch niemand anderem zu!”

Oder, wenn es dann in die weiterführende Schule geht.

“Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.”

Jetzt gibt es zwei Varianten, die sich führende Philosophen ausgedacht haben und die Folge einer langen Auseinandersetzung mit dem Thema ist.

“Jeder sollte Prinzipien folgen, die niemand vernünftigerweise zurückweisen kann.” (Thomas Scanlon)

“Ein normatives Prinzip muss nicht durch etwas anderes verifiziert werden.”(Derek Parfit)

Thomas Scanlon

Diese Sätze sind augenscheinlich kürzer als das Original, auf der einen Seite etwas weniger »sperrig«, auf der anderen aber ragt ein Wort heraus, das Kant nicht verwendet hat. Das »Prinzip«. Parfit fügt noch das Prädikat »normativ« hinzu.

Gehen wir aber zunächst auf das “verifiziert” ein. Die Philosophen sprechen von “Verifikation” also dem direkten logischen Beweis und von “Falsifikation”, das ist der indirekte Beweis durch logische Darlegung, dass das Gegenteil nicht zutreffen kann. Parfit sagt, dass ein normatives Prinzip (eine sehr klug in die Gegenwart transportierte Definition des “Kategorischen Imperativs”) durch nichts anderes verifiziert werden muss. Das bedeutet: das normative Prinzip hat eine Allgemeingültigkeit, die aus sich selbst heraus rechtfertigt. “Die Würde des Menschen ist unantastbar” beispielsweise ist so ein Prinzip. Es ist völlig einleuchtend, dass die Verletzung menschlicher Würde dem menschlichen Dasein entgegenstrebt. Jederzeit. Ein Gebot wie “Du sollst nicht töten” hingegen steht da schon auf einer nicht ganz so soliden Grundlage, wenn man Verfechter der aktiven Sterbehilfe fragen würde.

Interessant wird es, wenn man solche Gebote, die als Prinzip gebraucht oder auch missbraucht werden, hinterfragt. Dieses Hinterfragen ist der Prozess der Normierung des Gebots. Es ist so, als würde der Anspruch unzähliger Individuen zu einer Formel finden, die diese Allgemeingültigkeit besitzt.

Derek Parfit

Aber jetzt zu dem eigentlich spannenden Begriff: “Das Prinzip” — Was ist so besonders daran? Ob und wie Kant das Wort »Prinzip« verwendet hat oder verwendet hätte — das wäre eine eigene Diskussion wert. Das »Prinzip« — im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit der Phrase »… es geht mir um das Prinzip …« genutzt — dürfte für Kant noch gar nicht relevant sein. Denn das Zeitalter der Aufklärung hatte sich ja zum Ziel gesetzt, dass Menschen Maximen verinnerlichen. Eine verinnerlichte, individuelle Maxime ist ein Prinzip. Genauer: zu Zeit Immanuel Kants hatten die Menschen noch keine individuellen Prinzipien. Es gab also keinen Anlass, so einen Begriff zu verwenden. Der individuelle Imperativ war noch gar nicht geboren.

Daraus ergibt sich aber wiederum ein anderes Problem: ist ein Prinzip individuell, wie kann es dann allgemeingültig sein? Die Antwort hat Derek Parfit und eröffnet damit einen neuen Ansatz auf den uralten kategorischen Imperativ: er ist normativ, d.h. er birgt in sich einen Anspruch. Parfit definiert diesen Anspruch auch gleich — er ist gültig und braucht durch nichts anderes verifiziert zu werden. Er ist sozusagen das abstractum atomar — eine nicht zerlegbare Abstraktion. Das Prinzip muss von allen Menschen als ein Prinzip verstanden sein.

Die spannende Frage ist nun: Gibt es das wirklich? Ja, aber nur im Kontext der Vernunft. Wer das Prinzip »rechts vor links« im Straßenverkehr nicht beachtet, hat ein Problem. Eine aus einem normativen Anspruch abgeleitete Regel ist ein Prinzip.

Was ist aber, wenn es an die wirklichen Abstraktionen geht? — »Wahrheit« oder »Freiheit«. Gibt es dort auch eine »shared vision« für alle Menschen, die nur eine Interpretation zulässt? Gibt es von der Perspektive unabhängige Abstraktionen?

Weitere Infos zu Thomas Scanlon und Derek Parfit. Derek Parfit ist am 1. Januar 2017 verstorben.

Mathematik der Abstraktion : Imperatives Schweigen

Zwei Zitate als Hinweis auf eine „Mathematik der Abstraktion“?

Es gibt zwei Zitate von zwei wichtigen Philosophen. Beide Zitate sollten von jedem, der sich zum Denken berufen fühlt, zutiefst verinnerlicht werden. Diese Auffassung zu vertreten, prägt mein Schreiben, mein Ich, mein denkendes Ich seit geraumer Zeit. Auf meiner Insel — Aufenthalte dort sind pure Horizonterweiterung — habe ich beide Zitate jetzt sehr viel näher zusammengebracht. Ich bin verblüfft. Ich bin seit langem sicher, dass es eine Art von Mathematik in der Abstraktion gibt, eine Art Inventar von noch unentdeckten Formeln, versteckt in unserer Sprache. Aber dass zwei auf den ersten Blick und in jahrelanger Verinnerlichung gänzlich verschiedene Zitate auf den gleichen substantiellen, kaum beschreibbaren Kern abzielen, hat mich überrascht. Hier der Versuch, meine Erkenntnis zu erklären.

In meinem Essay „Varianten des Imperativs“ bin ich auf die universelle Bedeutung des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant eingegangen und habe ihn mit Varianten der großen aktuellen Philosophen Thomas Scarlon und Derek Parfit verknüpft. Diese Verknüpfung war sehr einleuchtend, da beide ihre Texte natürlich auch zu Kant in Relation setzen. Ein anderer wichtiger Satz stammt jedoch aus dem Werk „Tractatus logico-philosophicus“. In diesem Werk stehen viele sehr gute Sätze. Einer ragt heraus. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Meine These ist nun ganz einfach. Ich behaupte, dass eine Erfüllung der Forderung Wittgensteins, eine perfekte Umsetzung des kategorischen Imperativs von Kant ist. Beide Sätze führen zu demselben Ziel: zu einem kategorischen, normativen Anspruch. Mehr noch: die Beherzigung der Forderung Wittgensteins ist ein ganz einfacher Anlass, dem kategorischen Imperativ von Kant eine praktische Anwendung abzugewinnen: das imperative Schweigen. Man kann noch weiter gehen. Schweigen zu etwas, zu dem man nichts sagen kann, ist das ´Wollen-Können´ einer Maxime, aus der ein allgemeines Gesetz werden kann. Man stelle sich das vor: Menschen reden nur noch über das, worüber sie auch wirklich etwas sagen können. Natürlich kommt dabei direkt das Berufsbild des Politikers in den Sinn. Man stelle sich vor, Politiker reden und entscheiden nur über Dinge, über die sie etwas sagen können. Es würde sich wieder lohnen, den Redebeiträgen des Parlamentes zu folgen oder Talkshows anzusehen. Natürlich ist mir bewusst, dass ich polemisiere. Weder Politiker, noch gewöhnliche Menschen, reden ausschließlich über Dinge, von denen sie nichts sagen können. Fassen wir den Begriff ´reden´ ein wenig weiter und nehmen ´Kommunkation´ im Allgemeinen hinzu. Am besten noch die Kommunikation, die im vermeindlichen Schutzmantel der Anonymität der globalisierten Welt nicht nach Wissen oder Nicht-Wissen fragt. Das ´teilen´ von Unwissen ist nicht anderes, als das Reden statt eines angebrachten Schweigens. Gefährlich. Das ist sehr gefährlich, besonders in der Photoshopped Reality. Da wird die Kippa eines Juden wegretuschiert und schon wird aus dem Opfer der einen Partei, ein Argument für eine nicht existente Realität. Da werden Inhalte geteilt, die man ausblenden, über die man schweigen sollte. Denn niemand kann wirklich etwas über diese Art der Realität sagen. So entstehen unsäglich interessante Zusammenhänge:

  • Wenn ich nicht schweige, wo ich schweigen müsste und jemand schenkt dieser Oberflächlichkeit Glauben, trage ich dazu bei, dass die Welt falsch gesehen wird.
  • Ein falscher Blick auf die Welt ist wie die Orientierung an falschen Maximen.
  • Realität wird nicht nur durch Handeln bestimmt, sondern auch durch Worte.
  • Realität wird nicht nur durch Worte oder Handeln bestimmt, sondern auch durch Schweigen.
  • Schweigen birgt in sich das Potential einer Maxime für ein allgemeines Gesetz.
  • Schweigen ist vielleicht nicht immer richtig oder angebracht; Schweigen aber ist immer imperativ.
  • Handeln aus Unwissen oder Reden trotz Unwissen hat dieselben Folgen; es dient der Erbauung falscher Maximen.



Aber zurück zu Wittgenstein und Kant. Hat der Satz von Wittgenstein die gleiche Kraft wie der kategorische Imperativ? Ist der Satz von Wittgenstein nicht viel zu einfach? Genau diese Frage und ihre Antwort ist so überraschend für mich. Darüber zu schweigen, wozu man nichts sagen kann, ist tatsächlich die einzig mir bekannte praktische Anwendung des kategorischen Imperativs. Ist das nicht unglaublich faszinierend? Die Maxime, die zu einem Allgemeinen Gesetz werden kann, ist das Schweigen. Das Handeln, das Kant meint, ist das Schweigen. Das imperative Schweigen. Ein Nicht-Handeln der besonderen Art. Ein Nicht-Handeln, das auf dem Bewusstsein von Nicht-Wissen, der stärksten Form von Mündigkeit basiert. Mein Pläydoyer ist also ganz klar: Reden wir, wir alle, ab sofort nur noch über Dinge, über die wir wirklich etwas zu sagen haben. Und wenn wir etwas zu sagen haben, dann wollten wir auch die Mühe aufbringen, die richtigen Worte zu finden. Schweigen aber ist Nicht-Handeln. Reden wir über etwas, was andere mit ihrer Mündigkeit uns in den Mund legen wollen, Bilder, Nachrichten, Eindrücke, die wir anonym teilen sollen, dann werden wir dies ab sofort nur noch tun, wenn der Gegenstand über den wir reden und den wir mit unseren Worten in unsere Welt einordnen, so stark in unser eigenes, individuelles Wissen und unsere Mündigkeit eingebracht ist, dass es sich lohnt, das Schweigen zu brechen. Wir brechen die Maxime des Schweigens bewusst auf und stellen fest, wie banal das richtige Handeln doch ist: wir reden nur noch dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben.

Persönliche Anmerkung: Sie kennen jetzt den Grund, warum nur so sporadisch Artikel im Kultur-Magazin erscheinen. Ich schreibe nur dann, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich schreibe niemals über ungelesene Bücher, ungehörte Musik oder ungesehene Filme. Ich schreibe überhaupt nur dann, wenn mich ein Gedanke über eine längere Zeit beschäftigt und zum Durchdenken bewogen hat.

Immaterieller Strukturwandel – Warum wir eine Kultur-Flatrate brauchen

Den Anfang machte Napster 1999. Der Download von Musik im MP3 Format war der Anfang einer Umwälzung vom konventionellen Musikvertrieb hin zu Online-Vertriebs-Modellen. 2001 folgte dann Wikipedia. Wissen wurde von der Gemeinschaft in einer Enzyklopädie verfasst und stand nicht mehr unter der Obhut der Redaktionen von Brockhaus oder Britannica. In demselben Jahr erschien ITunes. Beginnend 2007 erreicht der Verkauf von eBooks dank des Kindle eine kritische Masse. Das sind kleine Revolutionen. Jetzt sind wir an einem Punkt angelangt der sich als “immaterieller Strukturwandel” beschreiben lässt.

KulturflatrateDie einzige etablierte Partei, die vor der Bundestagswahl dieses Thema in ihre Agenda mit aufgenommen hat, waren DIE GRÜNEN. Sie haben ausrechnen lassen, wie viel – je nach Umfang – eine Kultur-Flatrate kosten würde. Nun, da dieses Thema so gar nicht auf der Agenda steht, wird es auch vorläufig noch keine breiten Diskussionen zu dem Thema geben. Dazu muss noch mehr passieren.

Was Ende der 90er Jahre bei Napster begann und sich bis heute zu einer halbwegs etablierten marktwirtschaftlichen Struktur im Musikmarkt entwickelt hat, wiederholt sich derzeit beim Medium Buch. Der eBook Anteil, der dieses Jahr vermutlich deutlich über 10% des Buchmarktes ausmachen wird, hat eine Masse erreicht, wie Ende der 90er der Anteil über MP3 konsumierte Musik. Jetzt treten Portale auf den Plan, die sich in eine gesetzliche Grauzone begeben und eBooks kopierbar machen. Schließlich könne man ja auch Bücher in einer Bibliothek ausleihen oder Musik aus dem Radio mitschneiden.

Mit Napster wurde das Problem “gelöst”, in dem kommerzielle Musik-Portale geschaffen wurden. Und – ganz entscheidend – der Preis wurde angepasst. Elektronische Medien haben keine konventionellen Produktionskosten oder Vertriebswege mehr. Sie dennoch zu konventionellen Preisen anzubieten ist eine Frechheit.

Beim eBook passiert dies aber derzeit immer noch. Die Preise der konventionellen Verlage für die eBook Ausgabe eines neuen Buches liegen nur unwesentlich unter denen eines Buches auf Papier. Bekommen die Autoren mehr Geld? Sicher nicht. Dieses “Skimming” wird die Verlage auf lange Sicht teuer zu stehen kommen.

Die Zeiten, in denen Verlage Autoren aufgebaut und sie betreut haben, sind vorbei. Verlage schaffen keine Kultur mehr, sondern sind profitorientierte Unternehmen. Wie Hohn kommt es dann sicher den Self-Publishern vor, wenn ihnen Masse statt Klasse vorgeworfen wird. Und das in Zeiten der bereits 2. Autobiographie eines Boris Beckers (wie viele werden da noch kommen?) dem gefühlt hundertsten “Shades Of Grey” Abklatsches oder den dummen Weisheiten einer Frau Kubitschek.

Es tun sich Nischen auf. In die Grauzone fehlender Qualität rücken von übergeordneten Institutionen vorgeschlagene Werke vor. Die Autoren des Bachmannpreises oder des Deutschen Buchpreises verirren sich durchaus zwischendurch auf die Bestsellerlisten. Und es entstehen die kleineren Verlage, die ePublisher, die es derzeit noch schwer haben, sich zu etablieren. Ihnen gehört die Zukunft.

Was meine ich aber nun mit “immaterieller Strukturwandel”?

Die Musik oder das Buch entwickeln sich von einem materiellen zu einem immateriellen Medium. In wenigen Jahren werden wir Musik bereits nicht mehr downloaden, sondern “streamen”. Musik, so viel man will, gegen eine monatliche Gebühr. So etwas gibt es schon längst und wird sich mit steigenden Mobilfunkdatenraten weiter etablieren. Da ist das Streaming dann Teil des Handy-Vertrages. Auch die Verlage müssen eine Flatrate für das Lesen von Büchern einführen. Ich suche mir aus dem gesamten Angebot des Buchhandels beispielweise 20 Bücher aus, die ich gegen eine Gebühr lesen kann. Auch hier gibt es nicht Materielles mehr. Nicht mal mehr eine Datei, die ich physisch herunterladen muss.



Aber es geht noch weiter. Erinnern sie sich noch, wie Wikipedia einst belächelt wurde? Die Redaktion von Brockhaus unterstellte mangelnde Qualität, pauschal. Das hat sich als grundsätzlich falsch erwiesen, denn welche Qualitäten eines Brockhaus-Redakteurs sollen denn denen eines Wikipedia-Users, der zu ganz speziellen Fachthemen schreibt, überlegener sein? Und außerdem – wer hat denn überlebt? Der gedruckte Brockhaus oder das immaterielle Wikipedia?

Immateriell bezieht sich also auf das Medium selbst. Aber auch auf den Antrieb, der dahinter steckt. Viele Autoren schreiben für pure Aufmerksamkeit und nicht für eine monetäre Entlohnung. Das hat etwas mit den sich verändernden Paradigmen unserer Gesellschaft zu tun. Jeder, der ein bisschen Verstand hat, wird merken, dass materielle Zielsetzungen ganz schnell ihren Reiz verlieren. Eine satte Generation sieht in der Selbstverwirklichung nicht mehr länger ein prall gefülltes Bankkonto. Ausnahmen bestätigen sicher die Regel. Abr ausnahmslos erklärt sich so der Erfolg eines Mediums wie die Huffingtonpost, bei der Blogger und Kommentatoren unentgeltlich Artikel veröffentlichen. Es ist in den USA das wichtigste Alternativmedium und gleichzeitig Kontrapunkt für etablierte Journalisten – die FAZ schrieb zum Deutschlandstart der Huffingtonpost sogar: Hier schreiben Unbezahlte für Gelangweilte. Dabei ist ganz anders. Der Lohn ist die Aufmerksamkeit und damit die Bestätigung von individueller Berufung.

Damit wäre die Bezeichnung “immateriell” geklärt. Was aber sind die Sturkturen, die sich ändern müssen? Nun, diese Schlußfolgerung ist zwangsläufig. Niemand kann auf Dauer hauptberuflich für lau Kultur produzieren. Weder als Autor, noch als Verleger. Von irgend etwas müssen die Kulturschaffenden leben. Und das funktioniert nur über eine Kultur-Flatrate im Sinne einer allumfassenden GEMA und GEZ kombinierenden Institution. Die Portale, in denen die Medien angeboten werden, verdienen mit Kleinstbeträgen – ein Großteil des Preises besteht in einer Abgabe an diese Institution. Die Entlohnung selbst erfolgt über – und das ist der schwierige Teil – eine Struktur der Aufteillung gemessen an “Impressions”. Das Interesse an Kultur ist messbar. Bekommt ein Autor Aufmerksamkeit, durch Klicks, Verlinkungen, Darstellungen seiner Person und seines Werkes in verschiedenen Medien, dann bekommt er einen entsprechenden Anteil.

Diese Kulturflatrate ist also kein planwirtschaftlicher Schwachsinn – sie ist die Übertragung tief-kapitalistischer Prinzipien auf die Kultur. Der Kulturschaffende mit Aufmerksamkeit bekommt einen größeren Anteil als der, dessen Kunst gar keine Kunst ist oder der verkannt bleibt. Schicksal. Am Schicksal ändert eine Kultur-Flatrate nichts.

Wofür dann überhaupt eine Kultur-Flatrate? Um schlicht die immaterielle Struktur dessen, was in Zukunft mehr und mehr Sinn geben wird, in unserem Leben greifbar machen zu können. Es ist eine von einem Medium unabhängige Vergütungs-Instanz, um kulturelle Vielfalt in der Zukunft zu gewährleisten.