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Toxisch - Evolution einer Irreführung

„Toxisch“ – Evolution einer Irreführung

Toxisch - Evolution einer Irreführung

TOXISCH – Dieser Begriff scheint allgegenwärtig zu sein. „Toxische Männlichkeit“ oder „Toxische Beziehungen“ sind seit einigen Jahren für immer wieder auftretende Leitartikel, nicht nur in Frauenzeitschriften gut – ein naturwissenschaftlicher Begriff, der zum feuilletonistischen Alltags-Jargon avanciert ist und das „Soziale“ parameterisiert. Aber dahinter steckt nur eine linguistische Mogelpackung. Allerdings mit bahnbrechendem, materiellen Durchschlag und einer Intention, bei der Feminist*Innen an die Decke gehen müssten. Tun sie aber nicht.

Es wird eigentlich ständig versucht, Begriffe, Modewörter, aber auch scheinbar komplex klingende Betitelungen an den Mann und besonders an die Frau zu bringen:

Feuchtigkeitscreme mit Hyaloron und Parabenen. Dermatologisch getestet.

Hört sich gut an. Die Dame von Welt weiß, was ein Dermatologe ist und braucht etwas, um den stetig voranschreitenden Alterungsprozess aufzuhalten. Das ist die Grundvoraussetzung, damit dieser linguistische Kunstgriff gelingt. Da kommt Wasser in Geleeform (Hyaloron) und ein tatsächlich toxischer Konservierungsstoff (Paraben) mit hormonellen Nebeneffekten gerade richtig. Nur so lässt sich den Falten beikommen. Das ist die Suggestion.

Und das alles ist Bullshit. Das ist einfach nur Bullshit.

Dahinter steckt eine Marketingstrategie und die Idee, eines Universalbegriffs mit wissenschaftlichem Anspruch. So eine Strategie ist übrigens schon mindestens einmal sehr erfolgreich umgesetzt worden. Und zwar so nachhaltig, dass wir es heute noch jeden Tag wahrnehmen. Jeder von uns …

Anfang/Mitte der 80er Jahre etablierte sich eine Begrifflichkeit, die bis heute einen Milliardenmarkt nährt und die im Kern völlig haltlos ist. Wir erleben die Wirkung dieser Strategie, wenn wir in die Auslage eines Bäckers schauen. Denn damals wurde vom „Vollkorn-Produkt“ marketingtechnisch die Brücke zum „Vollwert-Produkt“ geschlagen. Lanciert wurde das Ganze mit der angeblichen Tatsache, dass Vollkornkost ballaststoffreich ist und folglich pauschal immer gesünder als das billigere, daneben liegende normale Brötchen, aus dessen Kruste keine Vollkornkörner sprießen und dem damit etwas „vollwertiges“ in seinem blassen Dasein zu fehlen schien. Nun, diese Annahme ist ein Geniestreich des Marketing, denn das Vollwertige ist eben nicht gesünder. Es gibt keinerlei pauschale Tatsachen, die diese Annahme belegen würden. Im Gegenteil – ballaststoffreiche Kost kann für einige Menschen sogar eher schädlich sein (Quelle).

Jedenfalls entstand der Eindruck, dass ein weißes Brötchen, ein weißes Brot oder weißer Reis nicht vollwertig ist. Damit also ungesünder und nur die zweite Wahl. Aber noch viel wichtiger war die Schlussfolgerung: die Vollwertigkeit des Vollkornproduktes rechtfertigt auch den höheren Preis, obwohl der Herstellungsaufwand derselbe ist. Ein Milliardenmarkt eben und die Etablierung eines Zusammenhangs in den Köpfen von Millionen Menschen, der wissenschaftlich eher fragwürdig ist. So schauen wir in die Auslage des Bäckers und sehen das Gesunde und das vermeintlich Ungesunde – wir schließen einen inneren Kompromiss und wählen dann das Laugenbrötchen. Die teuerste aller möglichen Varianten. Das ist ziemlich genial und wie es scheint vollkommen zeitlos.

Jetzt aber zum „Toxischen“. Auch hier zeichnet sich ab, was für eine geniale Strategie hier zum roten Faden von Frauenzeitschriften und Feuilleton mutiert ist. Wer gegen diesen Begriff argumentiert hat als Mann das „Toxische“ wohl noch nicht erkannt. Es muss zum guten qualifizierten Ton gehören, sich diesen Begriff zu eigen zu machen. „Toxisch“ ist ein bio-chemischer Begriff – eigentlich gar nicht so dumm, ihn auf menschliches Fehlverhalten anzuwenden. Aber auch hier ist wieder der pauschale Ansatz das, was den Begriff eigentlich zum Wanken bringen müsste. Ein Mann kann toxisch sein. Die Männlichkeit pauschal so zu sehen … nun das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die nicht divers denken, sondern in schwarz und weiß. Und wehe, Mann stellt sich gegen diese Konsens – wir tanzen dann auf dem Rande des Fettnapfes der Cancel-Culture.

Und das ist alles Quatsch. Es ist alles viel einfacher.

Laurie Penny

Die Feministin Laury Penny legt in Ihrem grandiosen Buch „Fleischmarkt“ dar, dass der Kapitalismus ohne die Unterdrückung der Frau und im Besonderen ohne die Unterdrückung des weiblichen Körpers gar nicht funktionieren würde. Die Unterdrückung der Frau ist die Grundlage für den Kapitalismus. Das ist eine sehr einfache Schlussfolgerung. Kapitalismus ist das Gegenteil von Gleichheit. Würden wir die Hälfte der Menschheit, die eben nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten hat wie die andere Hälfte – die Ausnahmen, die es hier geben mag, bestätigen die Regel – tatsächlich die gleichen Möglichkeiten und Chancen geben, der Kapitalismus würde ohne die Inszenierung der Frau und ihres Körpers als Projektionsfläche für kapitalistische Produkte, zusammenbrechen.

Das einzig „Toxische“ ist also die Ungleichheit. Also die Relation der Individuen. Es ist nicht die Summe der Individuen, es ist nicht die abstrakte Masse einer normativen Relation wie „Männlichkeit“ oder „Freundschaften“. Das sind Worthülsen. Das wäre so, als würde ich sagen, Raucher sind toxisch. Das ist nicht korrekt. Zigaretten sind toxisch – genauer: die in ihnen enthaltenen Giftstoffe.

Vereinfachen wir das mal und verwenden statt „toxisch“ den Begriff „schädlich“, dann ist doch klar, dass der Mann, der eine Frau diskriminiert oder sogar schlägt, schädlich für diese Frau, ja für die gesamte Gesellschaft ist. Zu sagen, die „Männlichkeit“ des Mannes sei schädlich würde – wenn man diesen Gedanken fortführt – eben zu pauschalen, abstrakten Spaltungen führen.

Es mag ja durchaus sein, dass sich die Männer in Gänze mal an die eigene Nase fassen sollten (das ist noch niedlich formuliert). Alltags-Sexismus und berufliche Diskreditierung gibt es zweifellos. Mir geht es nur darum, die Begrifflichkeit zu entlarven, denn das „Toxische“ kaschiert immer die individuelle Verantwortlichkeit des Einzelnen. Wir stellen nicht den einzelnen, konkreten Mann an den Pranger und werfen ihm seine Verfehlungen vor – wir machen schlicht das „Toxische“ als abstrakte, pauschale Diskreditierung aus. Sein Vater hat ihm schließlich das „Toxische“ schon vorgelebt, dann die ganzen sozialen Umstände, die vielen anderen „toxischen“ Beziehungen. Es sei ja kein Wunder, dass so etwas aus dem Mann geworden ist.

Das Wort „toxisch“ ist eine ganz schlimme Irreführung, denn es untermauert mit naturwissenschaftlichem Impetus eine Abstraktion als Universalerklärung. Ein universeller Parameter für Sündenböckigkeit, die sich nicht konkretisieren muss. „Toxisch“ spaltet, denn das Gegenstück, das „Untoxische“ oder wie auch immer man es nennen würde, wäre die Gleichheit. Und die gibt es nicht. Abstrakte Begriffe, die das Gegenteil eines Ideals bedeuten, sind spaltende Begriffe und bewirken das Gegenteil von dem, was wir brauchen. Und das ist das konkrete Auseinandersetzen mit Männern (nicht pauschal mit Männlichkeit) und deren Verhalten irgendwo zwischen Diskriminierung und Menschenverachtung. Sie bemerken vielleicht, dass ich nicht „Frauenverachtung“ schreibe, denn das eigentlich Toxische ist ja genau diese Spaltung. Ein toxischer Mann ist ein Mann, der Menschen verachtet. Alle Menschen. Eine toxische Männlichkeit aber gibt es nur, wenn man diese Spaltung weiterhin aufrechterhalten will.

Das genau ist die eingangs beschriebene linguistische Mogelpackung. Es gibt es einen Sinn, warum das Wort „toxisch“ dieses Zugang gefunden hat. Das hat einen rein materiellen Hintergrund. Wer diese Schlussfolgerung anzweifelt, dem kann ich nur raten bei YouTube die Suchbegriffe „Detox“ und „Haul“ einzugeben. Sie werden tausende Videos finden, die meine These bestätigen – stellen sie sich einfach die Frage, ob an der Notwendigkeit dieser kapitalistischen Detox-Maschinerie wirklich die „toxische“ Männlichkeit schuld sein kann?

Schauen Sie selbst und sie finden massenhaft Belege dafür, warum das Wort „toxisch“ für gesellschaftliche Diskussionen etabliert wurde. Es geht nur um einen weiteren, neuen Milliardenmarkt, den junge Frauen täglich füttern – solange das nicht klar ist, wird es keine Gleichheit geben:

Liste von Videos auf YouTube

 

Ansichten eines Nerds

Einige Dinge, die in naher Zukunft aufgrund technologischer Weiterentwicklung passieren werden, sind absehbar. Für andere brauchen Sie Autoren wie mich — stets am Puls der Zeit und nerdig-philosophisch einen noch weiteren Ausblick wagend. Kurz: Was sie hier tun, einen Text lesen, Buchstaben linear aneinandergereiht, ist bald völlig oldschool. Die Schrift wird in wenigen Jahrzehnten als Kommunikationsform völlig verschwinden … .

Es werden nur noch die Software-Entwickler sein, die in semiotischer Hinsicht so etwas wie Schriftzeichen brauchen werden. Und selbst das werden keine Buchstaben sein. Es werden Low-Code Makros sein, erzeugt von einer Handvoll Spezialisten, die Hardware mit Editoren codieren, deren Zeichen sich in Binärcode übersetzen lassen. Das Coding wird kein Tastaturanschlag mehr sein — mittels Sprachsteuerung und Touchscreens werden komplexe oder weniger komplexe Elemente zusammengefügt.

Aber zunächst erst einen Blick in die nahe Zukunft: 5G wird kommen. Und es wird flächendeckend kommen. Damit werden erstmals Bandbreiten möglich, die keine Redundanzen mehr verursachen, selbststeuernde Autos, Drohnen, Fluggeräte, U-Bahnen, Züge werden in zwei Jahrzehnten Alltag sein und allmählich unser derzeitiges Weltbild verändern. Da bin ich ganz sicher. Der Individualverkehr geht auf in einem effizient organisierten, von Gefahren größtenteils freien Mobilitätsfluss, der uns viele Freiheiten geben wird.

Die Medien verschmelzen

Mit dieser Bandbreite wird es keine Notwendigkeiten mehr für lokale, periphere Datenträger mehr geben. Alles wird in der Cloud sein. Alles wird von dort in Echtzeit gestreamt und bearbeitet werden, egal von welchem Ort aus. Musik, Videos, Computerspiele. Google hat das bereits mit seiner neuen Streamingplattform angekündigt. Schon die Playstation 5 wird ihr eigener Anachronismus sein. Es gibt keine Notwendigkeit mehr für lokale Geräte wie PCs mit Grafikkarten oder Festplatten. Es wird pro Individuum nur wird ein Device geben — wir nennen es heute noch Smartphone — das in einheitlichen Dockingstationen in alle Monitor integriert werden kann. Über das Smartphone identifizieren wir uns, über dieses Device partizipieren wir sozial, politisch, ökonomisch. Über eine Blockchain (die kontrolliert sein muss, da sie sonst ungeniert und katastrophal die verkommene menschliche Natur widerspiegeln würde — aber das ist ein eigenes Thema) — wird unsere Existenz quantifizierbar sein. Bits, heute noch mit dem Zusatz “Coin” versehen als Währung, genährt durch den Lohn, der beim Einchecken am Eingang des Arbeitgebers mit dem Smartphone bis zum Auschecken oder im Homeoffice über ein virtuelles Netzwerk in Echtzeit ausgezahlt, ersetzt das, was wir heute “Konto” nennen.

Wir lesen nicht mehr, denn literarische Motive werden nicht mehr zeitaufwendig getippt, sondern gesprochen. Je nerdiger der Autor desto verquickter die mediale Umsetzung seiner Idee. Eine Serie, ein Podcast, ein Hörbuch — die Grenzen sind fließend, qualitativ und quantitativ. Größere Konglomerate stehen zur Finanzierung größerer Projekte mit größerem Aufwand bereit, wenn dieses auf den Smartdevices große Chancen zum Abgreifen von Bits hat. Ja, je mehr Bits wir verdienen, desto mehr können wir in virtuelle Inhalte investieren. Noch ist das alles jenseits der Vorstellung, denn der Wert dessen, was das Leben ausmacht, wird derzeit noch als Konsum kapitalistisch verklärt. Die Bits werden aber so massig allseits präsent sein, dass sie wie kleine Spiegelbilder gefüllter Hirnzellen genauso ungreifbar und genauso elementar unseren Alltag bestimmen werden.

Polarisierung und Eigenverantwortlichkeit

Vielleicht ist die derzeit aufbrechende Polarisierung der Weltbilder und der Beginn einer Vereinfachung der Ausdruck eines Wunsches nach Standardisierung. Genau das wird passieren. Es wird völlig egal sein, welche Computersprache der Nerd zum Programmieren nutzt, da jede Logik identische Kontrollstrukturen einschließt. Es wird egal sein, in welcher Sprache Menschen kommunizieren werden, worin kulturelle Unterschiede bestehen, denn der Google Translator und die mit der Individualisierung einhergehende Abstraktion, werden eine Vereinheitlichung bedeuten. Ja, wir werden gar nicht mehr wissen, was ein Translator ist. Wir werden nicht mal mehr wahrnehmen, dass es unterschiedliche Sprachen und Kulturen gibt.

Hier verschwimmen dann Ursache und Wirkung. Glauben die einen, dass hinter dieser Vereinheitlichung der Gleichschaltung der Kulturen ein Plan steckt, die Individualität abzuschaffen und dem Deutschen Wesen zu schaden (hier könnte man beliebig jede Form von Nationalismus einfügen, diese Tendenz ist ja nicht nur in Deutschland zu erkennen) — so haben andere die Entwicklungen unserer Zeit und ihre Rückkopplung auf die Kultur verstanden. Man kann einen Artikel schreiben und ihn in einem Kultur-Magazin publizieren — egal, wie viele Menschen ihn lesen, man wird Teil der Kultur.

Oder man schaut anderen Menschen bei der Kakerlakenfresserei im Dschungelcamp zu. Wie man die knapp bemessene freie Lebenszeit verwendet, ist individuelle Verantwortung. Globalisierung ist Individualisierung und die eigene Nase ist immer näher, als die des Anderen. Wenn es etwas gibt, was in Zeiten wie diesen besonders hervortritt, dann ist es die Eigenverantwortlichkeit, die sich auch nicht mit dem Fingerzeig auf das Andere verflüchtigt. Wir steuern auf eine Zeit zu, in der die inneren Widersprüche nach außen treten.

Brot und Spiele – Warum der Fussball Identitäten erschafft

Im Jahr 2004, exakt 50 Jahre nach dem Gewinn der ersten deutschen Fußballweltmeisterschaft in Bern, erschien in der Süddeutschen Zeitung ein Leitartikel über die historische Bedeutung dieses Ereignisses. Die Deutschen waren und sind sich einig: diese Weltmeisterschaft war wichtiger, als die Einführung des Grundgesetzes, die Währungsreform oder der Mauerfall. 2014 fiebert nun ganz Deutschland einem weiteren Titel entgegen. Am anderen Ende der Welt vertreten 23 Spieler und ein Trainerteam eine Nation, die wie kaum eine andere ihre Identität über das runde Leder definiert.

Deswegen gibt es quasi 80 Millionen Bundestrainer, die sich über die Position eines Schlüsselspielers wie Philipp Lahm echauffieren. Deswegen glauben wir alle, mitreden zu wollen. Fußball ist nicht sinnstiftend – Fußball schafft Identität. Besonders in Deutschland.

Es ist ohne Frage besser, wenn sich Nationen auf dem Rasen bekämpfen und ihren Stellenwert durch das Nachjagen hinter einen Lederball unter Beweis stellen. Denn es ist erst etwas mehr als siebzig Jahre her, wo dies auf den Schlachtfeldern ausgetragen wurde. Die Erbfeindschaft zwischen Frankreich und Deutschland gibt es nicht mehr. Auf England und Deutschland wartet irgendwann bei den kommenden Turnieren wieder ein Elfmeterschießen.

Das Fußballfeld also hat das Schlachtfeld ersetzt. Und dafür gibt es einen einfachen Grund: Fußball ist deswegen identitätsstiftend, weil es Emotionen binden und äußern kann. Emotionen wiederum sind – bei unterschiedlicher Kultur und Sprache der Nationen über verschiedene Kontinente hinweg – eine universelle Sprache. Die stärksten Emotionen entstehen durch Gewinn und Verlust. Ein zyklischer Prozess, der für die Erneuerung von Identität unerlässlich ist. Alle vier Jahre wird dieser Zyklus neu initiiert – und er ist für einige Wochen allgegenwärtig. Das Fußballspiel und seine Stadien sind die Container einer primitivsten, aber alles vereinenden Kommunikation in Form von Emotionen. Das Gefühl des Verlierens, das Gefühl des Gewinnens, des Glück-Habens, des Betrogenseins vom Schiedsrichter – das Fußballspiel impliziert die einfachen Facetten von tiefer Emotion.

Es gibt nur eine Sache, außer dem Spiel, was dies ebenfalls leisten kann: der Kampf auf Leben und Tod. Brot und Spiele und den Gladiatoren zusehen. Oder einen Krieg erleben. Beim Fußball geht es nicht um Leben und Tod. In vier Jahren kann eine Nation wieder auferstehen. Das Blut, die Endgültigkeit, wurde durch den Vier-Jahres-Zyklus der Fußballweltmeisterschaften ersetzt.

Die im Vergleich zum Krieg und Gladiatorenkämpfen nicht existenzielle Komponente des Fußballspiels hat noch einen weiteren positiven Nebeneffekt: anstatt die Schlachtfelder von blutigen Leibern zu befreien und Geld für Waffen auszugeben, wird in Infrastruktur investiert. Und in die Tempel der Emotionen, den Fußballstadien.

Dass dies zu Lasten von ausgebeuteten Menschen und den Verlierern einer Gesellschaft passiert, kann jedoch nicht dem Fußball angelastet werden. Das passiert sowieso täglich. Menschen in Asien werden in Textilfabriken ausgebeutet, nebenan werden von ausgebeuteten Arbeitern Smartphones zusammengesetzt, hierzulande bedeutet einmal Hartz IV, immer Hartz IV. Und ob die Menschen in den Favelas in Rio einen besonderen Nutzen von der Fußball WM haben werden – eben auch nach dem 13. Juli – ist mehr als fragwürdig.



Im Gegensatz zu anderen Ungerechtigkeiten hat der Fußball jedoch eben genau diese übergeordnete Ebene, in der sich der Rest der Welt tatsächlich vereint wiederfinden kann. Der Gegensatz zwischen dieser Ebene und der Realität lässt sich darauf zurückführen, dass wir eigentlich noch am Anfang der Globalisierung stehen. Die gemeinsame Sprache kennt noch keine Worte, eben nur Emotionen. Sie braucht aber Worte, um sich definieren und damit ändern zu können. Oder anders formuliert: ein Fußballspiel hat global gültige Regeln – die Globalisierung bisher nicht. Der Prozess der Betrachtung einer Notwendigkeit solcher Regeln ist im vollen Gange. Dabei helfen natürlich auch die Nachrichten aus dem Nicht-Fußball Kontext rund um Brasilien. Frei nach dem großen Philosophen Henri Bergson: „Bewusstsein von Etwas zu haben heißt, dieses Etwas in Kenntnis des Vergangenen zu betrachten.“ Die viel belächelten Parolen von UEFA und FIFA haben so wirklich einen tieferen Sinn. Und wer „No To Racism“ belächelt, darf trotzdem konstatieren: Schaden tut es nicht, normative Ansprüche vom Kapitän einer Nationalmannschaft zu hören. Wir müssen wenigstens den Anspruch formulieren, in einer Welt ohne rassistischer oder sozialer Unterdrückung leben zu wollen. Die UEFA beispielsweise beendet eine Werbepause in der Champions-League immer mit einem passenden Spot zu diesem Thema und zwingt Fernsehanstalten in ganz Europa dazu, auf ein bis zwei Minuten lukrativster Werbezeit zu verzichten. Denken wir weiter: Der Schritt, die FIFA von ihrem zwielichtigen Patriarchat zu befreien, ist zwangsläufig. Worte werden immer von Taten begleitet. Es dauert nur manchmal etwas.

Wer auch immer in das Finale einziehen wird und am 13. Juli 2014 den Weltpokal in den Himmel von Rio de Jainero halten wird – die Welt hat wieder ein bisschen mehr Identität gewonnen. Und ein bisschen mehr Bewusstsein dafür, dass es nicht allein auf Brot und Spiele ankommt. Denn selbst wenn wir Deutschen nicht gewinnen sollten – in Kenntnis vergangener Bilder über die Freude von Menschen aus Costa Rica, Algerien oder Kolumbien, die stolz sind, obwohl sie verloren haben, erhalten wir Couchpotatoes und Rudelgucker eine Ahnung von dem, was uns Menschen vereint.

Zukunft der Buchbranche: Das Buch ist tot.

Oder: Der Unterschied zwischen Fortschritt und Bequemlichkeit

Wir wissen es doch alle schon längst. Das Buch ist tot. Aber die Zeiten ändern sich so schnell — Nostalgie ist nicht mehr schwarz/weiß. Vergänglichkeit wird nicht mal mehr in Jahrzehnten gemessen. Die Folge sind Irritationen und Polemik. Und über allem schwebt der Garant des Schwarzsehens: die menschliche Bequemlichkeit.

Also wenn der Besitzer eines guten eReaders diesen einem Buchliebhaber ausleiht, damit dieser mal sehen kann, wie sich elektronische Bücher anfühlen … und wenn dieser Buchliebhaber ganz ehrlich ist … dann wird er dem eReader etwas abgewinnen können.

Die Haptik eines Buches, der Geruch des Papiers — das sind Pseudoargumente. Mit einem guten eReader hat jeder das gleiche Leseerlebnis, wie mit einem normalen Buch. Und wenn andererseits der Besitzer des eReaders ganz ehrlich ist, dann wird es auch für ihn nichts geben, was die Gemütlichkeit eines Raumes mit Büchern oder das Wiederlesen eines Buches, welches 20 Jahre im Regal stand und wo die Seiten leicht vergilbt sind, als sinnliches Erlebnis übertrifft. Aber beide Befindlichkeiten sind irrelevant. Das eBook wird weiter auf dem Vormarsch sein. Es wird sein, wie einst mit den Schallplatten. Natürlich hat das Vinyl der Schallplatte etwas ganz besonderes. Aber einen Plattenspieler kann ich nicht zum Joggen mitnehmen. Ich kann auch niemals meine ganze Plattensammlung in den Urlaub mitnehmen. Das eBook ist in allen Belangen dem gewöhnlichen Buch überlegen. Seine Alltagstauglichkeit jenseits des gemütlichen Wohnzimmersessels, wo das gigantomanische Bücherregal dem Speicher des eReader gegenübersteht, ist unschlagbar. Als Germanist haben sie alle Klassiker immer dabei, können eine bestimmte Stelle per Volltextsuche mal eben aufrufen, können Notizen am Text anbringen, diese in der Cloud speichern und teilen. Wer Platz braucht, mobil sein will, Hausstaub hasst, die Natur schonen will (wobei ich mich bei der CO2 Bilanz von eReadern nicht so ohne weitere Recherche festlegen möchte) — der muss zum eReader greifen.

Aber zurück zu dem eigentlichen Problem: Vinyl und MP3 existieren mittlerweile friedlich nebeneinander. Die Schallplatte hat mittlerweile viele neue Freunde — die meisten Labels bringen eine Neuerscheinung auch als Vinyl heraus. Weil es sich immer noch lohnt. Als der Siegeszug von MP3 begann, standen sich herkömmliche Labels und neue Musikportale unversöhnlich gegenüber. Das ist mittlerweile anders. Das hat auch etwas mit den Preisen zu tun. Ein eBook zu demselben Preis wie ein gedrucktes Buch, ist schlichtweg eine Schweinerei. Als sich die Preise für Musik zum Download geändert hatten, waren auf einmal auch die vernünftigen Geschäftsmodelle da — es dauert eben seine Zeit, bis nicht nur ein Individuum, sondern auch eine ganze Branche die Bequemlichkeit ablegt. So wird es auch mit den Büchern sein. Warum sollte ein Anhänger eines eBooks gegen den klassischen Bücherliebhaber polemisieren? — Weil aufgrund der Schnelllebigkeit unserer Zeit jeder Vergleich eine Polemik sein muss. Wir glauben, das eBook ersetzt das Buch. Ja, das ist so. Die Reclam-Heftchen sind alle im Altpapier. Die vergilbten Taschenbuchausgaben der anderen Klassiker ebenfalls. Aber entsorgen wir deshalb den Bildband von New York oder die Illustrierte Weltgeschichte? Sicher nicht — und warum nicht? Das Buch ist eine Komposition, das eBook eine Kompilation. Kunstwerk und Zusammenstellung. Natürlich kann auch eine Zusammenstellung ein Kunstwerk sein. Aber dazu gibt es im Bereich eBook noch keine wirklichen Standards. Wenn das in naher Zukunft geschieht, dann wird das eBook mit Videos und Tondokumenten angereichert sein.



Damit grenzt es sich vom herkömmlichen Buch schließlich ab. Das eBook dann noch als Buch zu bezeichnen oder mit ihm zu vergleichen, ist absurd. Durch diese Abgrenzung wird das Buch als solches erhalten bleiben. Es wird ebenso wie die Schallplatte mehr als nur ein Nischendasein fristen. Woher aber kommt die Polemik? Vordergründig weil alles Neue immer auf Widerstand stößt. Das betrifft alle Lebensbereiche — in unserer Zeit noch beschleunigt. Diese Widerstände haben in der Regel aber nur eine rationale Begründung: die Bequemlichkeit, einen so zentralen, so wichtigen Vorgang wie die Aneignung von Wissen durch das Lesen fundamental zu ändern. Es ist wie das Erlernen von 10-Finger Technik beim Schreiben. Man kann es üben, verfällt aber in den alten Trott. Für manche ist es vielleicht einfacher, wenn sie die Vorteile erkennen. Was der Bauer nicht kennt, dass sucht er erst gar nicht — weder auf dem Feld noch im Stall. Ein weiteres Argument, dass mit neuen Medien im Allgemeinen verbunden wird, ist ihre angeblich begrenzte Lebensdauer. Ein absurdes Argument, ist sich die Industrie dieses Umstandes ja schon lange bewusst. Man kann sicher nur schwer manche Dateiformate aus den 80er Jahren öffnen — aktuelle Medien folgen aber MarkUp-Prinzipien, d.h. der Inhalt und die Darstellung des Inhaltes sind voneinander getrennt. Man wird also auch in 50 Jahren ein eBook von heute noch öffnen können. Außerdem ist die Vergänglichkeit von Information kein Argument. In jeder Bibliothek kann ein Feuer ausbrechen, jedes Papyrus wird irgendwann zerfallen. Ja sogar an Steintafeln nagt der Zahn der Zeit. Es kommt darauf an, Informationen auf ein neues Medium zu transportieren. Dieser Vorgang ist ein wesentlicher Bestandteil von kultureller Identität einer Gesellschaft. Er eignet sich nur sehr bedingt für Polemik. Der dümmste Grund für die Polemik aber ist die Gleichsetzung von neuen Medien und ihrem Konsum mit dem Verlust von Werten. Sicher gibt es in unserer Gesellschaft den Verlust von Werten zu bemängeln. Warum sollte aber der Austausch eines Mediums daran schuld sein oder dies befördern? Ob ich Goethe, Schiller oder Shakespeare auf Papier oder digital lese — wie können in einem Medium Werte verloren gehen? Das Gegenteil ist der Fall — werden Inhalte vernünftig transportiert, dann auch ihre Werte. Sie werden so für neue Generationen erschließbar. Vielleicht ist das der Sinn und Zweck von Fortschritt überhaupt. Aber das erreicht man nicht, in dem man alten Medien nachtrauert. Ich würde sogar noch weiter gehen: Jemand der gegen ein neues Medium polemisiert hat den wahren Gehalt der Werte des »Originals« noch gar nicht verstanden. Was also ist der Unterschied zwischen Fortschritt und Bequemlichkeit? Die einen lesen eBooks, weil es bequem ist. Weil es bequem ist, hunderte Bücher immer dabei zu haben. Die anderen lesen herkömmliche Bücher, weil sie zu bequem sind, sich mit etwas Neuem zu befassen oder sogar zu arrangieren. Fortschritt ist also dann gegeben, wenn die Bequemlichkeit mit Neugier kombiniert wird. Ich bin neugierig. Sehr neugierig. Und wenn ein Blogger auf der Internetseite eines großen klassischen Verlages gegen eBooks polemisiert, dann frage ich mich, warum dieser Verlag der Vergangenheit nachtrauert, anstatt selbst neugierig in die Zukunft zu sehen. Aber der Suhrkamp-Verlag als iTunes der eBooks? — Ich möchte meinen Text jetzt nicht in Polemik enden lassen … .

(Dieser Artikel ist eine Antwort auf diesen Artikel von Friedrich Forssman — “abgedruckt” im Blog des Suhrkamp-Verlages.)