Das große Ganze – Im Einklang mit dem Gottesteilchen

Die Philosophie und die theoretische Physik haben mehr gemeinsam, als die Vertreter beider wahrhaben wollen. Hat das Gottesteilchen das Potenzial, die Widersprüche zwischen Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften aufzuheben?
 
Von Peter Killert.
 
Die rationalen Denker, die Naturwissenschaftler – sie haben eine bittere Niederlage hinnehmen müssen. Der vielleicht größte Physiker unserer Zeit, Stephen W. Hawking etwa, hatte gegen die Existenz des sogenannten »Gottesteilchens« gewettet. Damit lag er falsch. Und das ist beinahe so, als läge jetzt ein Schatten auf dem großen Ganzen. Es ist wie ein Angriff auf das Dogma der Logik, welches den Naturwissenschaften innewohnt. Sind es jetzt vielleicht die Geisteswissenschaften, allen voran die Philosophie, die eine Renaissance erfahren? 
 
Die Philosophie hat zu Beginn der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts eine Pause eingelegt. Das hat zum einen etwas mit den historischen Entwicklungen zu tun, andererseits mit dem Siegeszug der Psychologie als maßgebliche Geisteswissenschaft des 20. Jahrhunderts. Man kann sogar sagen, dass ohne die tiefe Verankerung des Individuums im geisteswissenschaftlichen Denken, die einzige große philosophische Strömung zu dieser Zeit – die Existenzphilosophie und seine Sonderform des französischen Existentialismus – gar nicht denkbar gewesen wäre. Heidegger, Sartre und Camus müssen Sigmund Freud also dankbar sein. Wittgenstein oder Hilary Putnam hingegen scheinen nur Phänomene zu sein, außerhalb eines Kontextes, der für einige Jahrzehnte seinen roten Faden verloren hatte. 
 
Ansätze zur tiefen Verbindung zwischen Naturwissenschaften und Philosophie gab es schon immer. Immanuel Kant selbst ist die Verkörperung des Einklangs von Physik und Metaphysik. Seine ersten Schriften haben ausschließlich die Naturwissenschaften zum Thema – es ist alles andere als ein Zufall, dass Kant seine Verstandeskategorien zu Beginn der »Kritik der Reinen Vernunft« aus Raum und Zeit ableitet und sie als Bausteine a priori seiner Elementarlehre zur Erkenntnisfähigkeit des Menschen definiert. 
 
Aber die Pause der Philosophie ist wahrhaftig vorbei. Die Philosophie blickt nicht mehr nur auf das Individuum, sondern wieder auf das große Ganze. Die Menschen erkennen, nicht erst seit Edward Snowden, dass die Folgen der tiefen Individualisierung mit Egoismus, Werteverfall und Komplexität einhergehen. Komplexität ist dabei vielleicht am wichtigsten, denn der Wunsch nach ihrer Auflösung ist nicht nur individuell, er ist konsensfähig. Diese Welt giert nach Transparenz und nach Wahrhaftigkeit. Die Welt will die Berechenbarkeit der Naturwissenschaft auf das Miteinander, auf die Geisteswissenschaften übertragen. Nur so wird es Ideen und normative Ansprüchen geben können, die die Welt ordnen. So wie Naturgesetze und die Mathematik die Natur selbst ordnen.
 
Der Bestseller, »Warum es die Welt nicht gibt« des Bonner Philosophieprofessors Markus Gabriel ist ein gutes Beispiel dafür, dass die Philosophie wieder erwacht ist. Sein Buch ist nichts anderes als eine Transkription von Wittgensteins »Tractatus«. Wittgenstein hat nach einem sprachlichen Instrumentarium gesucht, um Erkenntnis zu beschreiben. Eine Art Mathematik der Abstraktion. Dieser Ansatz ist bis heute nicht zu Ende gedacht worden. Dieser Bestseller ist ein Statement, es ist ein Pamphlet dessen, was Philosophen »Dualismus« nennen.
 
Der sogenannte Eigenschafts-Dualismus ist die Annahme, dass es neben einem rational erklärbaren Teil der Welt auch einen metaphysischen Teil gibt, der nicht mit der Logik der Mathematik beschrieben werden kann. Ein einfaches Beispiel ist die Frage »Warum gibt es Schmerzen?« : Ein Naturwissenschaftler, insbesondere ein Neurologe, würde hier eine lückenlose Erklärung abliefern – vom Auslöser des Schmerzes hin zu den Regionen des Hirns, den Botenstoffen, ja vielleicht lässt sich sogar ein biologischer Zweck des Schmerzes an sich erklären. Aber das ist keine hinreichende Antwort für den Dualisten. Er wird hinter die Antwort blicken wollen. Damit die Welt funktioniert, muss es keine Schmerzen geben. Ein krankes Tier könnte sich vom Löwenrudel auch einfach so fressen lassen. Ein Mensch könnte auch ohne Schmerzen ein halbes Jahr im Bett liegen und sterben. Es fehlt der metaphysische Sinn. So scheint es.
 
Eine zu strikte Trennung zwischen Körper und Geist – wie etwa bei Leibniz – kann jedoch einen tiefen Trugschluss in sich bergen. Der Körper ist diesseits, der Geist jenseits, gekoppelt an höhere Mächte. Dieses Denken öffnet die Horizonte für das, was nicht mehr logisch ist. Anstelle des Dogmas der Logik tritt das Dogma des Glaubens oder der esoterischen Einfältigkeit. Irrationale Schlussfolgerungen die in Denkweisen wie dem Kreationismus, bei dem tiefgläubige Menschen jegliche Form naturwissenschaftlicher Erkenntnisse ablehnen, gewinnen womöglich die Oberhand. Metaphysik aber ist kein Ersatz für Religion oder gar ihr Gegenstück. Die Metaphysik nutzt ebenso wie die Naturwissenschaften ausschließlich die Logik als Methode. Alles andere ist nur Geschwätz. Wo also sind nun die Verbindungen zwischen den Naturwissenschaftlern und den Metaphysikern?
 
Die Verbindung liegt im Gottesteilchen. In dem, was Masse verleiht. Leibniz ging in seinem Weltbild – also bereits vor über vierhundert Jahren – von der Existenz eines solchen Teilchens aus. Allerdings mit einem metaphysischen Ansatz. Er nannte es »Monade« und es war dasjenige Element, dass einem Objekt seine Form gab. Denn schaut man in den Kosmos der Elementarteilchen, dann gibt es keine Abgrenzungen zwischen diesen Teilchen. Es gibt nur die Elementarteilchen. Es gibt nichts, was einen bestimmten Gegenstand zu diesem Gegenstand macht. Es kann ein einfacher Stein sein, der auf dem Schreibtisch liegt. Mit einem Brief wird er zu einem Briefbeschwerer. Es braucht also etwas, was dem Gegenstand eine Form verleiht. In der Physik, im sogenannten »Higgs-Feld« ist es dieses »Gottesteilchen«, welches einem Gegenstand die Masse verleiht. In der Metaphysik bei Leibniz ist es die Monade, der Stempel, die Signatur, die a priori dem Gegenstand anhaftet. Ein Begriff, der sich auch in der Informatik und der Mathematik durchgesetzt hat. Monaden sind die Träger von Substanz oder es sind abstrakte Datentypen. Wie klein ist doch der Brückenschlag dieser vorhandenen Definitionen zu einer Materialisierung dieses theoretischen Konstrukts? Ist der Träger von Substanz nicht genau das, was Masse verleiht? Und die Wortspiele liegen so nahe! So kann man dem »Gottesteilchen« das Gewicht verleihen und es in Einklang von Physik und Metaphysik setzen.
 
Und was kann so eine Erkenntnis anderes sein, als eine Herausforderung an die betroffenen Wissenschaftler? Wo bleiben die Abhandlungen, die Leibniz und Higgs, Kant und Einstein, Wittgenstein und Hawking in Einklang bringen? Im Einklang mit dem »Gottesteilchen«. Schon in seinem Namen versucht es, Metaphysisches mit purer Logik zu verbinden. Und überhaupt, wann und warum ist dieser Einklang überhaupt verloren gegangen? Werden da nicht Widersprüche konstruiert, die es gar nicht geben sollte? Warum sollte es keine rationale Erklärung für Gott geben? Warum nicht eine ebenso rationale für den puren Zufall? Man muss gar nicht alles neu denken. Alle wichtigen Fragen der Philosophie sind bereits gestellt. Die Antworten finden sich vielleicht, wenn diese Fragen des Geistes mit der richtigen Mathematik gestellt werden und die Fragen der Mathematik mit der Logik der Metaphysik beantwortet werden.
 
 
 

 

Papier vs. Bits – Der Unterschied zwischen Fortschritt und Bequemlichkeit

Wir wissen es doch alle schon längst. Das Buch ist tot. Aber die Zeiten ändern sich so schnell – Nostalgie ist nicht mehr schwarz/weiß. Vergänglichkeit wird nicht mal mehr in Jahrzehnten gemessen. Die Folge sind Irritationen und Polemik. Und über allem schwebt der Garant des Schwarzsehens: die menschliche Bequemlichkeit.

– Von Peter Killert –

Also wenn der Besitzer eines guten eReaders diesen einem Buchliebhaber ausleiht, damit dieser mal sehen kann, wie sich elektronische Bücher anfühlen … und wenn dieser Buchliebhaber ganz ehrlich ist … dann wird er dem eReader etwas abgewinnen können.
Die Haptik eines Buches, der Geruch des Papiers – das sind Pseudoargumente. Mit einem guten eReader hat jeder das gleiche Leseerlebnis, wie mit einem normalen Buch.
Und wenn andererseits der Besitzer des eReaders ganz ehrlich ist, dann wird es auch für ihn nichts geben, was die Gemütlichkeit eines Raumes mit Büchern oder das Wiederlesen eines Buches, welches 20 Jahre im Regal stand und wo die Seiten leicht vergilbt sind, als sinnliches Erlebnis übertrifft.

Aber beide Befindlichkeiten sind irrelevant.

Das eBook wird weiter auf dem Vormarsch sein. Es wird sein, wie einst mit den Schallplatten. Natürlich hat das Vinyl der Schallplatte etwas ganz besonderes. Aber einen Plattenspieler kann ich nicht zum Joggen mitnehmen. Ich kann auch niemals meine ganze Plattensammlung in den Urlaub mitnehmen.
Das eBook ist in allen Belangen dem gewöhnlichen Buch überlegen. Seine Alltagstauglichkeit jenseits des gemütlichen Wohnzimmersessels, wo das gigantomanische Bücherregal dem Speicher des eReader gegenübersteht, ist unschlagbar.
Als Germanist haben sie alle Klassiker immer dabei, können eine bestimmte Stelle per Volltextsuche mal eben aufrufen, können Notizen am Text anbringen, diese in der Cloud speichern und teilen. Wer Platz braucht, mobil sein will, Hausstaub hasst, die Natur schonen will (wobei ich mich bei der CO2 Bilanz von eReadern nicht so ohne weitere Recherche festlegen möchte) – der muss zum eReader greifen.

Aber zurück zu dem eigentlichen Problem: Vinyl und MP3 existieren mittlerweile friedlich nebeneinander. Die Schallplatte hat mittlerweile viele neue Freunde – die meisten Labels bringen eine Neuerscheinung auch als Vinyl heraus. Weil es sich immer noch lohnt. Als der Siegeszug von MP3 begann, standen sich herkömmliche Labels und neue Musikportale unversöhnlich gegenüber. Das ist mittlerweile anders. Das hat auch etwas mit den Preisen zu tun. Ein eBook zu demselben Preis wie ein gedrucktes Buch, ist schlichtweg eine Schweinerei. Als sich die Preise für Musik zum Download geändert hatten, waren auf einmal auch die vernünftigen Geschäftsmodelle da – es dauert eben seine Zeit, bis nicht nur ein Individuum, sondern auch eine ganze Branche die Bequemlichkeit ablegt.

So wird es auch mit den Büchern sein. Warum sollte ein Anhänger eines eBooks gegen den klassischen Bücherliebhaber polemisieren? – Weil aufgrund der Schnelllebigkeit unserer Zeit jeder Vergleich eine Polemik sein muss. Wir glauben, das eBook ersetzt das Buch. Ja, das ist so. Die Reclam-Heftchen sind alle im Altpapier. Die vergilbten Taschenbuchausgaben der anderen Klassiker ebenfalls. Aber entsorgen wir deshalb den Bildband von New York oder die Illustrierte Weltgeschichte? Sicher nicht – und warum nicht?
Das Buch ist eine Komposition, das eBook eine Kompilation. Kunstwerk und Zusammenstellung. Natürlich kann auch eine Zusammenstellung ein Kunstwerk sein. Aber dazu gibt es im Bereich eBook noch keine wirklichen Standards. Wenn das in naher Zukunft geschieht, dann wird das eBook mit Videos und Tondokumenten angereichert sein. Damit grenzt es sich vom herkömmlichen Buch schließlich ab. Das eBook dann noch als Buch zu bezeichnen oder mit ihm zu vergleichen, ist absurd.
Durch diese Abgrenzung wird das Buch als solches erhalten bleiben. Es wird ebenso wie die Schallplatte mehr als nur ein Nischendasein fristen.

Woher aber kommt die Polemik? Vordergründig weil alles Neue immer auf Widerstand stößt. Das betrifft alle Lebensbereiche – in unserer Zeit noch beschleunigt. Diese Widerstände haben in der Regel aber nur eine rationale Begründung: die Bequemlichkeit, einen so zentralen, so wichtigen Vorgang wie die Aneignung von Wissen durch das Lesen fundamental zu ändern. Es ist wie das Erlernen von 10-Finger Technik beim Schreiben. Man kann es üben, verfällt aber in den alten Trott. Für manche ist es vielleicht einfacher, wenn sie die Vorteile erkennen. Was der Bauer nicht kennt, dass sucht er erst gar nicht – weder auf dem Feld noch im Stall.

Ein weiteres Argument, dass mit neuen Medien im Allgemeinen verbunden wird, ist ihre angeblich begrenzte Lebensdauer. Ein absurdes Argument, ist sich die Industrie dieses Umstandes ja schon lange bewusst. Man kann sicher nur schwer manche Dateiformate aus den 80er Jahren öffnen – aktuelle Medien folgen aber MarkUp-Prinzipien, d.h. der Inhalt und die Darstellung des Inhaltes sind voneinander getrennt. Man wird also auch in 50 Jahren ein eBook von heute noch öffnen können. Außerdem ist die Vergänglichkeit von Information kein Argument. In jeder Bibliothek kann ein Feuer ausbrechen, jedes Papyrus wird irgendwann zerfallen. Ja sogar an Steintafeln nagt der Zahn der Zeit. Es kommt darauf an, Informationen auf ein neues Medium zu transportieren. Dieser Vorgang ist ein wesentlicher Bestandteil von kultureller Identität einer Gesellschaft. Er eignet sich nur sehr bedingt für Polemik.

Der dümmste Grund für die Polemik aber ist die Gleichsetzung von neuen Medien und ihrem Konsum mit dem Verlust von Werten. Sicher gibt es in unserer Gesellschaft den Verlust von Werten zu bemängeln. Warum sollte aber der Austausch eines Mediums daran schuld sein oder dies befördern? Ob ich Goethe, Schiller oder Shakespeare auf Papier oder digital lese – wie können in einem Medium Werte verloren gehen? Das Gegenteil ist der Fall – werden Inhalte vernünftig transportiert, dann auch ihre Werte. Sie werden so für neue Generationen erschließbar. Vielleicht ist das der Sinn und Zweck von Fortschritt überhaupt. Aber das erreicht man nicht, in dem man alten Medien nachtrauert. Ich würde sogar noch weiter gehen: Jemand der gegen ein neues Medium polemisiert hat den wahren Gehalt der Werte des »Originals« noch gar nicht verstanden.
Was also ist der Unterschied zwischen Fortschritt und Bequemlichkeit? Die einen lesen eBooks, weil es bequem ist. Weil es bequem ist, hunderte Bücher immer dabei zu haben. Die anderen lesen herkömmliche Bücher, weil sie zu bequem sind, sich mit etwas Neuem zu befassen oder sogar zu arrangieren. Fortschritt ist also dann gegeben, wenn die Bequemlichkeit mit Neugier kombiniert wird.

Ich bin neugierig. Sehr neugierig. Und wenn ein Blogger auf der Internetseite eines großen klassischen Verlages gegen eBooks polemisiert, dann frage ich mich, warum dieser Verlag der Vergangenheit nachtrauert, anstatt selbst neugierig in die Zukunft zu sehen. Aber der Suhrkamp-Verlag als iTunes der eBooks? – Ich möchte meinen Text jetzt nicht in Polemik enden lassen … .

(Dieser Artikel ist eine Antwort auf diesen Artikel von Friedrich Forssman – „abgedruckt“ im Blog des Suhrkamp-Verlages.)

Varianten des Imperativs

Ist der kategorische Imperativ von Immanuel Kant noch aktuell?

Nachfolgender Text ist ein Auszug aus einem größeren Text, an dem ich noch einige Zeit werde arbeiten müssen. Mein Anliegen ist der Brückenschlag zwischen dem Idealismus eines Immanuel Kant und aktuell disktutierten Themen namhafter Philosophen. Die Hintergründe beziehe ich aus diversen Zeitschriften zum Thema und eigenen Recherchen.
Dieser Text ist als Einstieg in das Thema gedacht. Es handelt von Kants kategorischem Imperativ und seinen Varianten. Zwei bedeutende Philosophen unserer Zeit, Derek Parfit und Thomas Scanlon, lieferten Varianten dieses Imperativs und transpotieren ihn damt in unsere Zeit.
 
Von Peter Killert.
 
Wir kennen ihn alle. Aus der “Grundlegung zur Metaphysik der Sitten” 😉 Genau. Das sind die Bücher, die wir alle nebenbei in den Werbepausen des Privatfernsehens lesen 😉
 
Dort schreibt Immanuel Kant:
 
“Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.”
 
Kant selbst hat diesen Satz mehrfach variiert.
 
“Handle nach der Maxime, die sich selbst zugleich zum allgemeinen Gesetze machen kann.”
 
oder
 
“Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”
 
Eine ganz einfache Variante lernt man in einem guten Kindergarten. Ab einem bestimmten Alter ist ein Mensch in der Lage folgende Vereinfachung des kategorischen Imperativs zu verstehen:
 
“Was Du nicht willst, das man Dir tut, das füg´ auch niemand anderem zu!”
 
Oder, wenn es dann in die weiterführende Schule geht.
 
“Meine Freiheit endet dort, wo die Freiheit des anderen anfängt.”
 
Jetzt gibt es zwei Varianten, die sich führende Philosophen ausgedacht haben und die Folge einer langen Auseinandersetzung mit dem Thema ist.
 
“Jeder sollte Prinzipien folgen, die niemand vernünftigerweise zurückweisen kann.” (Thomas Scanlon)
 
“Ein normatives Prinzip muss nicht durch etwas anderes verifiziert werden.” (Derek Parfit)
 
Thomas Scanlon
Diese Sätze sind augenscheinlich kürzer als das Original, auf der einen Seite etwas weniger »sperrig«, auf der anderen aber ragt ein Wort heraus, das Kant nicht verwendet hat. Das »Prinzip«. Parfit fügt noch das Prädikat »normativ« hinzu.

 

Gehen wir aber zunächst auf das „verifiziert“ ein. Die Philosophen sprechen von „Verifikation“ also dem direkten logischen Beweis und von „Falsifikation“, das ist der indirekte Beweis durch logische Darlegung, dass das Gegenteil nicht zutreffen kann. Parfit sagt, dass ein normatives Prinzip (eine sehr klug in die Gegenwart transportierte Definition des „Kategorischen Imperativs“) durch nichts anderes verifiziert werden muss. Das bedeutet: das normative Prinzip hat eine Allgemeingültigkeit, die aus sich selbst heraus rechtfertigt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ beispielsweise ist so ein Prinzip. Es ist völlig einleuchtend, dass die Verletzung menschlicher Würde dem menschlichen Dasein entgegenstrebt. Jederzeit. Ein Gebot wie „Du sollst nicht töten“ hingegen steht da schon auf einer nicht ganz so soliden Grundlage, wenn man Verfechter der aktiven Sterbehilfe fragen würde.
Interessant wird es, wenn man solche Gebote, die als Prinzip gebraucht oder auch missbraucht werden, hinterfragt. Dieses Hinterfragen ist der Prozess der Normierung des Gebots. Es ist so, als würde der Anspruch unzähliger Individuen zu einer Formel finden, die diese Allgemeingültigkeit besitzt.
 
Derek Parfit
Aber jetzt zu dem eigentlich spannenden Begriff: „Das Prinzip“ – Was ist so besonders daran? Ob und wie Kant das Wort »Prinzip« verwendet hat oder verwendet hätte – das wäre eine eigene Diskussion wert. Das »Prinzip« – im allgemeinen Sprachgebrauch oft mit der Phrase »... es geht mir um das Prinzip …« genutzt – dürfte für Kant noch gar nicht relevant sein. Denn das Zeitalter der Aufklärung hatte sich ja zum Ziel gesetzt, dass Menschen Maximen verinnerlichen. Eine verinnerlichte, individuelle Maxime ist ein Prinzip. Genauer: zu Zeit Immanuel Kants hatten die Menschen noch keine individuellen Prinzipien. Es gab also keinen Anlass, so einen Begriff zu verwenden. Der individuelle Imperativ war noch gar nicht geboren.
 
Daraus ergibt sich aber wiederum ein anderes Problem: ist ein Prinzip individuell, wie kann es dann allgemeingültig sein? Die Antwort hat Derek Parfit und eröffnet damit einen neuen Ansatz auf den uralten kategorischen Imperativ: er ist normativ, d.h. er birgt in sich einen Anspruch. Parfit definiert diesen Anspruch auch gleich – er ist gültig und braucht durch nichts anderes verifiziert zu werden. Er ist sozusagen das abstractum atomar – eine nicht zerlegbare Abstraktion. Das Prinzip muss von allen Menschen als ein Prinzip verstanden sein.
 
Die spannende Frage ist nun: Gibt es das wirklich? Ja, aber nur im Kontext der Vernunft. Wer das Prinzip »rechts vor links« im Straßenverkehr nicht beachtet, hat ein Problem. Eine aus einem normativen Anspruch abgeleitete Regel ist ein Prinzip.

 

Was ist aber, wenn es an die wirklichen Abstraktionen geht? – »Wahrheit« oder »Freiheit«. Gibt es dort auch eine »shared vision« für alle Menschen, die nur eine Interpretation zulässt? Gibt es von der Perspektive unabhängige Abstraktionen?
 
(Und genau darum geht es in den dieser Einleitung folgenden Ausführungen. In Kürze mehr dazu …)

Weitere Infos zu Thomas Scanlon und Derek Parfit.