Auf meiner Insel – 25.05.2017

Und wieder ist es der Wind, der mich von meinen wichtigsten Foto-Experimenten abhält. Auch heute musste ich auf der großen Terrasse die beiden Sonnenliegen in Sicherheit bringen. Die machen sich bei einem starken Nordostwind sonst selbstständig und drohen in Nachbarsgarten zu landen.

Bei einem Weitwinkelobjektiv mit Blende und Verschlusszeiten zu experimentieren führt zu ganz neuen Erkenntnissen. Wo andere Objektive mit dunkleren Lichtverhältnissen noch problemlos ohne Stativ auskommen und man zum Beispiel 1:20 sec noch aus der Hand fotografieren kann, da bestraft das Weitwinkelobjektiv den Fotografen schon mit nicht mehr zu korrigierender Unschärfe. Die beiden nachfolgenden Bilder, bei denen ich jeweils nur eine Blendenstufe unterschiedlich eingestellt habe, zeigen das:

Auf meiner Insel – 25.05.2017 (Anekdote)

Heute, aus gegebenem Anlass, eine Geschichte, eine Anekdote. So ein Urlaub ist ja dazu da, die Gedanken ein wenig schweifen zu lassen. Jetzt, nach vier Tagen auf der Insel, beginnt die Hochphase des kreativen Dorfpoeten. Da reicht es nicht, ein Ereignis einfach nur zu beschreiben. Nein, das reicht wirklich nicht … 😉

Zwischen den Stühlen

Manchmal macht es Sinn, sich die Ungewissheit zu vergegenwärtigen. Die Ungewissheit hat nämlich eine ganz besondere Funktion: Sie vertreibt den ein oder anderen Gedanken. Das ist manchmal notwendig.

Ich sage fremden Menschen selten, wenn sie etwas falsch machen. Ich hasse diese Klugscheißer des Alltags. Bei mir im Haus wohnt so einer. Konfrontation mit jedem. Seit 17 Jahren wohne ich in dem Haus, niemals ein „Guten Morgen“ oder ein „Guten Tag“. Und dann Klugscheißerei im Alltag. Ein Mensch, der nachts am Fenster steht und feststellt, ob sich jemand auf dem Parkplatz abgestellt hat, der dafür nicht autorisiert ist. Jemand, der den Müll der Nachbarn kontrolliert, durch die Gitter von Kellertüren spingst, jemand, der genau weiß, wer die Käseblättchen nicht ins Altpapier wirft. Ekelhaft. So will ich nicht sein. So darf ich nicht sein.

Die Ungewissheit ist dafür da, uns Ruhe zu geben. Manche Menschen, sollten die Ungewissheit akzeptieren. Sie sind für sich und andere dann erträglicher. Die akzeptierte Ungewissheit reduziert das Maß der eigenen Selbstverlogenheit auf ein erträgliches Level.

Heute, an der Südspitze meiner Insel, saß ich zwischen den Stühlen. Das Austernfischerpaar samt Nachwuchs, schien nicht mehr da zu sein. Jedes Jahr kehrt das Paar dorthin zurück, letztes Jahr habe ich das kleine Nest gesehen und gestern noch den kleinen Nachwuchs. Jetzt waren sie weg.

Austernfischer gehören neben Hunden zu meinen Lieblingstieren. Das sind Tiere, bei denen alles stimmt. Ihr Fiepen sagt mir, dass ich auf meiner Insel bin. Und nur wegen diesem Fiepen beim ablaufendem Wasser, lasse ich nachts das Fenster und die Balkontür auf. Sonst, in meinem Alltag, da kann ich die Klugscheißerei und die Ungewissheit nur mit einem geräuschreduzierenden Kopfhörer ertragen. Oder ich lausche den Austernfischern. Egal, wie laut sie auch sein mögen. Austernfischer sind Wegweiser.

Man erkennt sie unter anderen Vögeln hier auf der Insel. Silbermöwe, Mantelmöwe, normale Möwe … Der Austernfischer ist autark. Sein roter Rand um die Augen, sein langer roter Schnabel, sein schwarz-weißes Gefieder und die sensiblen Füße, mit denen er die Bewegung der Würmer unter ihm ertasten kann. Man kommt auf eine Insel, lernt den Austernfischer kennen und alle andere Vögel sind Vögel, die man zur Sicherheit immer in einem Vogelkundebuch nachschlagen sollte.

Und während ich noch darüber nachdachte, kam mir eine junge Frau entgegen. Ihr Hund, ein kleiner Mischling mit dem Namen „Jule“, schnüffelte an mir. Eigentlich mag ich Hunde. Sehr sogar. Aber jetzt saß ich zwischen den Stühlen. Überall sind Schilder, dass Hunde anzuleinen sind. Gerade jetzt im Mai, bei vielen Brutgelegen und Jungvögeln. So ein Austernfischerküken wäre doch nur ein Spielzeug für „Jule“. Und vielleicht war genau das passiert.

Zwischen den Stühlen. Die Ungewissheit so zu lassen, wie sie ist. Oder Klugscheißer werden. Wann beginnt man zu dem Menschen zu werden, der man niemals sein möchte?

„Sie wissen, dass sie ihren Hund hier anleinen müssen“ – es lag mir auf der Zunge. Aber ich sagte es nicht. Statt zwischen den Stühlen zu sitzen, sollte man sich für einen entscheiden. Etwas nicht zu sagen, wäre feige. Aber ich dachte einen Moment nach. Ich bin nicht feige. Als ich neulich auf dem Friedhof gesehen habe, wie Menschen über die Wiese mit Urnengräbern ihre Fahrrädern schuben, da habe ich von Weitem gerufen, dass sie sich vom Acker machen sollen. OK, „vom Acker“ habe ich, glaube ich, nicht gesagt. Aber ich habe sofort reagiert. Ich habe begriffen, dass ich in diesem Moment kein Klugscheißer gewesen bin.

Das Austernfischerpaar ist sicher längst mit seinen Küken weitergezogen. Nein, da war sicher kein Hund an dem Nest. Das habe ich mir gesagt. Die Ungewissheit hat ihren Zweck. Und doch habe ich mich gefragt, ob ich etwas in dieser Welt besser gemacht hätte, wenn ich etwas gesagt hätte. Wir sitzen immer zwischen den Stühlen. Leben und leben lassen – und mit seinen Füßen spürt der Austernfischer die Würmer im Sand auf. Wir müssen ständig entscheiden, zu dem ein oder anderen Menschen zu werden. Austernfischer sind Wegweiser.

Ich ging den Weg wieder zurück, schaute nochmal nach, fand keine Austernfischer mehr an dem erwarteten Platz in den Steinen, aber dann …