1. Januar 2023

„Zeitenwende“ ist vermutlich das Wort des Jahres. Es markiert zusammenfassend die tiefen Umwälzungen der vergangenen Monate – insbesondere in Bezug auf die deutsche Haltung zu Krieg und Verteidigung. Hand in Hand mit dem „Sondervermögen“1 ist die Zeitenwende unaufhaltsam angekommen. Nur fragen wir uns – im ausklingenden 2022 und beginnenden 2023 – wohin sich die Zeit nun wendet. Vielleicht gibt uns ein Blick in vergangene Zeitenwenden einen Aufschluss?

Arthur Schopenhauer hat einmal gesagt, die Zeit habe keine Dauer2. Er meinte damit die objektive Betrachtung der Zeit, zu der der Mensch, durch seinen Verstand und durch die in ihm als Alterungsprozess angelegte Entropie nicht in der Lage ist. So wäre alles vorherbestimmt, vielleicht distinktiv religiös oder stringtheoretisch als Möglichkeit von unendlichen Möglichkeiten – wer weiß das schon.

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Aber jetzt mal weniger verkopft … hat es das alles nicht vielleicht schon einmal gegeben? Ist es vielleicht wirklich so, dass mehr als sieben oder acht Jahrzehnte Frieden gar nicht möglich sind, weil dann eine Art Grundreinigung erfolgen muss? Wenn wir mal ziemlich genau 100 Jahre in die Vergangenheit schauen, dann stoßen wir auf ein Ereignis, dass uns Warnung sein sollte. Im Jahr 1922 wurde der damalige deutsche Außenminister Walther Rathenau von Rechtsradikalen auf offener Straße in seinem Auto erschossen. Weil sich dieses Ereignis letztes Jahr jährte, erschienen dazu verschiedene Bücher. Eines davon ragt heraus, weil es sich angenehm herunterlesen lässt, viele Fakten, viele Zusammenhänge vermittelt. Gerade auch jemandem wie mir, der sich für Geschichte interessiert, aber von diesem wichtigen Ereignis nur sehr sporadisch Kenntnis hatte.

Die Ermordung von Walther Rathenau am 24. Juni 1922 war eine Zeitenwende. Allerdings haben damals nur wenige Menschen diese als eine solche erkannt.

Rathenau war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Als Erbe und Vorstandsvorsitzender der AEG war er ein wichtiger Großindustrieller der Kaiserzeit aber auch der Weimarer Republik. Als Schriftsteller war er ein Feingeist und als Politiker ein Pragmatiker. Obwohl er Kriegsgegner war, hielt er die Kriegswirtschaft am Laufen – er war sogar gegen ein Ende des Krieges und plädierte für die Fortführung.

Rathenau war Jude und in vielerlei Hinsicht ein konservativer Nationalist. Der Autor des Buches, Stephan Abarbanell, zeigt jedoch anhand vieler Anekdoten, dass Rathenau niemals dazu gehörte und immer nur ein Deutscher 2. Klasse war. Das Hinausfahren im offenen Wagen ohne Polizeischutz – das war als hätte Rathenau das grausame Ende heraufbeschworen.

Rathenau war als Politiker vor allem eines: ein Pragmatiker. Die Reparationsforderungen akzeptieren und gleichzeitig die Bedeutung eines Deutschlands im Zentrum von Europa hervorheben. Dazu nahm Rathenau auch seine Gegner mit ins Boot und schuf mit der Orientierung nach Russland in dem Vertrag von Rapallo eine Grundlage für ein zukünftiges Austarieren der Kräfte. Wir lesen auch in dem Buch, dass Rathenau die Entlassung Bismarcks, der genau dieses Konzept eines Ausgleichs der Kräfte mit seiner Bündnispolitik verfolgte, für einen Fehler hielt. Aber dieses Konzept hätte mehr Zeit gebraucht. Diese Zeit wurde am 24. Juni 1922 beendet.

Die Folge war das Jahr 1923 mit Hitler-Putsch und Hyper-Inflation. Dass die Weimarer Republik aber noch zehn Jahre weiter bestand lag auch an dem Umgang der Deutschen mit diesem gewaltsamen Tod. Ein gewaltiges Staatsbegräbnis und die Tatsache, dass sich Millionen Deutsche auf die Straße begaben, um gegen die Gewalt von Rechts zu protestieren zeigen, dass die Rechten 1922 noch nicht über den Rückhalt in der Bevölkerung verfügten, den sie vermuteten. Selbst die Tatsache, dass die Rechten bereits Verbündete in den Institutionen hatten, reichte nicht aus für einen Putsch von rechts. 1923 scheitert Hitler noch mit seinem Versuch der Machtübernahme.

Um so wichtiger und interessanter die Frage, was in den Jahren danach geschah. Was hat den Widerstand der Deutschen gegen Antisemitismus und Gewalt von rechts in knapp zehn Jahren ins Gegenteil verkehrt? Vielleicht kann man doch aus der Geschichte lernen?

Diese doch sehr weitgehende Frage stellt sich das Buch nicht. Es bietet Rückblenden, Anekdoten und schwenkt dann immer wieder auf den Schicksalstag ein und den Außenminister, der an diesem Vormittag in sein Auto steigt und darin stirbt. Und diese Anekdoten machen das Buch sehr lesenswert. Es zeigt die vielschichtigen Verbindungen Rathenaus zur Deutschen Kultur oder den Erfinder Edison, der auf der Weltausstellung in Paris seine neueste Idee, die Glühbirne präsentiert und der bei den Rathenaus den jungen Walther Rathenau erlebt. Rathenaus Vater kann den Erfinder überreden, ihm diese Erfindung für die Massenproduktion zu lizensieren. Und es zeigt eben auch den Menschen Rathenau, der eigentlich lieber Künstler gewesen wäre, statt pragmatischer Politiker.

Eines ist sicher: die Weltgeschichte hätte einen gänzlich anderen Verlauf genommen, hätte dieser Pragmatiker seine Ideen weiterverfolgen können. Wir würden alle in einer anderen Welt Leben. Und was ist ein solches Ereignis anderes als eine Zeitenwende?

Zeitenwenden kann man demnach auch vergleichen. Das sollten wir tun. Für den Rückblick auf das schwierige Schicksalsjahr 1923 sind bereits einige Bücher im Handel. Dazu in Kürze mehr und vielleicht auch mit ein paar Antworten auf die gestellten Fragen.


1 Anmerkung: “Sondervermögen” selbst ist wohl auch eines der Wörter des Jahres. Man müsste als Privatmensch mal zu einer Bank gehen und um die Bereitstellung eines “Sondervermögens” bitten … ich finde “Extraschulden” angebrachter. Ob sinnvoll oder nicht wäre eine eigene Diskussion.

2 Quelle: “Die Zeit hat keine Dauer, sondern alle Dauer ist in ihr, und ist das Beharren des Bleibenden, im Gegensatz ihres rastlosen Laufes.”