29. August 2022

Die KRAFTWERK Fans fragen sich immer: Wann gibt es ein neues Album der Düsseldorfer Pioniere? Ich glaube, darauf können wir lange warten. Einmal mehr zeigen KRAFTWERK, dass sie ihre Klassiker so variieren können, dass sie zeitlos und frisch wirken. Beim Konzert im Hofgarten in Bonn haben sie das bewiesen. Ein phänomenales Erlebnis.

Von Peter Killert.

Kraftwerk, Bonn Hofgarten, 28.08.2022
25.000 Menschen im Hofgarten? – Ich bin der Meinung, es waren deutlich mehr

Zweimal wurde das Konzert wegen der Pandemie verschoben. Statt Mai 2020 war es jetzt endlich im August 2022 soweit. KRAFTWERK bei einem ihrer seltenen Konzerte in ihrem Heimatland – direkt vorab: das Konzert war in Performance, Stimmung und Akkustik ein unvergessliches Highlight.

Ich hatte KRAFTWERK in Köln 2004 gesehen. Das war ziemlich am Anfang ihrer Welttour, die seitdem eigentlich immer noch anhält. Unzählige Konzerte haben sie auf der ganzen Welt gespielt und entwickeln ihren KATALOG, der aus acht Studioalben besteht, live stetig weiter. Das fällt sofort auf, wenn man 2004 mit 2022 vergleicht. 2004 bestanden ihre Konzerte aus dem Set, das wir von “MINIMUM-MAXIMUM” kennen. Jetzt gibt es die Show in 3D mit 3D Brille für alle. Die Videosequenzen im Hintergrund der vier Musikarbeiter wurden entsprechend verfeinert. Da konnte es schonmal sein, dass beim Song SPACELAB ein Alexander Gerst live aus der ISS mitmusiziert oder – wie gestern Abend im Hofgarten – ein Raumschiff virtuell im Hofgarten landet. Ein bisschen niedlich, aber eine tolle Idee, die dem Konzert etwas individuelles verleiht.

Kraftwerk, Bonn Hofgarten, 28.08.2022
Die 3D Brille wird am Eingang verteilt

Mir persönlich ist aufgefallen, dass speziell das Album “COMPUTERWELT” im Zentrum zu stehen scheint. Das ist auch naheliegend, da es eines in vielerlei Hinsicht die Zukunft beschrieben und vorweggenommen hat. “IT´S MORE FUN TO COMPUTE” ging rheinaufwärts Richtung Köln, wo die GAMESCOM gerade läuft und wenn ich im Hintergrund bei “COMPUTERLIEBE” einen Kommentar höre “Das haben die von Coldplay geklaut”, dann schaue ich die Person an und stelle fest, dass sie zu jung ist, um die Wahrheit zu kennen. COLDPLAY haben – in Absprache mit KRAFTWERK – die Leitmelodie aus ihrem Welthit TALK bei KRAFTWERK “ausgeliehen“. Und wenn man den Text dieses Songs anhört, dann kann man kaum glauben, dass er lange vor der Einführung von Dating-Portalen entstanden ist.

Höhepunkt sind aber die Klassiker “DIE MENSCH-MASCHINE” und “DIE ROBOTER”. Bei den Songs speziell begeisterte die Akkustik – satte, fette Bässe. Es war unmöglich, ruhig stehen zu bleiben.

Kraftwerk, Bonn Hofgarten, 28.08.2022
Die Mensch-Maschine

“DIE ROBOTER” waren überhaupt das Highlight. KRAFTWERK spielen ja seit einiger Zeit die KATALOG-Version des Songs, bei dem die Synthesizer-Klänge langsam und behäbig beginnen. Die vier Musiker bleiben dann auf der Bühne und die Roboter sind auf dem Bildschirm zu sehen. Das war 2004 noch anders. Da ging der Vorhang zu und öffnete sich wieder – zuvor waren die Musiker durch die Roboter ersetzt worden.

Gestern Abend passiert etwas Ähnliches. Die Musiker verliessen die Bühne, es begann die aktuelle Version des Songs. Dann aber wurde die Bühne verdunkelt und wer genau hinsah konnte vier rote Punkte erkennen, die an die Pulte der Musiker geschoben wurden. Es waren die Roboter im 1978er Outfit – mit der blinkenden Krawatte verziert. Hier eine kleine Kostprobe von gestern Abend:

Kurze Sequenz aus “Die Roboter”

Natürlich gab es auch all die anderen Klassiker. “Trans-Europa-Express”, “Radioaktivität” und “Das Modell” mit den bewährten Mannequin Filmsequenzen aus den 50er Jahren.

Kraftwerk, Bonn Hofgarten, 28.08.2022
Der Klassiker – “Autobahn”, mittlerweile 50 Jahre alt …
Kraftwerk, Bonn Hofgarten, 28.08.2022
Tour de France

Kurzum: Ein perfektes Erlebnis bei dem ich mich auch gefreut habe, mal nicht zur älteren Generation zu gehören. Ich gehörte zur mittlereren Generation – Zeitlosigkeit bedeutet eben auch, dass so eine Musik generationenübergreifend begeistern kann.

Die Tageszeitungen berichten von 25.000 Besuchern. Ich war schon bei Konzerten mit 70.000 Besuchern und ich könnte wetten, dass gestern weit mehr Menschen anwesend waren. Um vom Hofgarten zur U-Bahn Station “Universität/Markt” zu kommen – normalerweise ein Katzensprung – habe ich gestern mindestens 30 Minuten gebraucht. Die Straßenbahn natürlich rappelvoll. Aber das soll kein Gejammer sein. Bei solchen Veranstaltungen ist das immer so. So etwas weiß man vorher. Und bei KRAFTWERK weiß man auch schon vorher, dass sich der Aufwand lohnt.