Simulierte Realität
23. Juni 2022

Ich schreibe ja eher die guten Rezensionen und eher selten über schlechtere Serien in den diversen Streaming Diensten. Bei dieser Serie gibt es aber mal einen echten Verriss. Dennoch versuche ich, konstruktiv zu bleiben. Ist aber sehr schwierig, das sage ich gleich … .

Bei Amazon Prime sind sechs Staffeln von dieser Serie aufgeführt. Jede mit ca. 20 Folgen. Die Serie lief von 2014 bis 2019 und war in den USA ein Dauerbrenner bei CBS. Die Serie wird ausgesprochen gut bewertet. Für mich überhaupt nicht nachvollziehbar.

Die Serie erzählt von den täglichen Herausforderungen der fiktiven amerikanischen Außenministerin Elizabeth McCord, ihrer Familie und die vielen Figuren rund um die amerikanische Administration des „Secretary Of State“. Hauptdarstellerin ist Tea Leoni, ihr Sidekick ist der Schauspieler Tim Daly, der ihren Ehemann spielt und der mit Tea Leoni auch privat liiert ist. Das Ehepaar hat in der Serie drei Kinder – zwei Töchter, einen Sohn.

Die Serie beginnt, als auf der Pferderanch der ehemaligen CIA Spionin und jetzigen Hochschullehrerin Elizabeth McCord eine Wagenkolonne vorfährt. Darin der Präsident der USA, der einst bei der CIA McCords Vorgesetzter war. Der bisherige Außenminister ist bei einem noch ungeklärten Flugzeugabsturz ums Leben gekommen und der Präsident braucht Ersatz. Hört sich eigentlich interessant an, aber damit beginnt auch direkt die unerträgliche Phrasendrescherei in dieser Serie. „Ich brauche jemandem, dem ich vertrauen kann.“ – „Ich bitte Sie, mir zu vertrauen“ – „Das wichtigste ist Vertrauen“ – Man kann mit diesen Sätzen in absolut jeder Folge ein Phrasen-Bingo spielen.

Natürlich nimmt McCord die Herausforderung an und muss sich mit dem misstrauischen Team ihres Vorgängers herumschlagen. Es dauert eine Weile, bis sie Vertrauen aufbaut. Ihr Mann wird als Professor für „Militärethik“ (!) an die Universität Georgetown versetzt. Damit wird er zum bereits erwähnten Sidekick und kann den in allen Varianten durchexerzierten moralisch-politischen Konstellationen in den einzelnen Folgen einen intellektuellen Anstrich verpassen. Ab und zu arbeitet der Ehemann dann aber auch als CIA-Agent und muss absolutes Stillschweigen wahren – sogar vor seiner eigenen Ehefrau, der Außenministerin. Eine völlig unrealistische und unglaubwürdige Konstellation.

MadameSecretary

Dann gibt es da noch die Mitarbeiter/Innen im Stab der Außenministerin. Auch hier das Übliche in solchen Serien – Beziehungen, die es nicht geben dürfte, individuelle moralische Konflikte und die vielen kleinen Problemchen zwischendurch. Mittendrin aber die Außenministerin, die alle Probleme bewältigen kann und immer eine Lösung findet. Da das auf Dauer langweilig wird, begibt sie sich auch mal ganz unkonventionell ins eigenverantwortliche Abenteuer und fliegt mal eben in den Irak, wo ein Umsturz geplant wird. Sie kommt traumatisiert zurück, denn unter der Leiche ihres erschossenen Bodyguards musste sie mit ansehen, wie der irakische Außenminister, der ihr gerade seine liebliche Familie präsentiert hat, ums Leben kommt. Wieder Zuhause ist sie sich zu fein, die Heldin zu spielen. Ja, natürlich ist auch die starke Beth nur ein Mensch und beginnt zu leiden – die unvermeidliche Panikattacke war dann eben doch kein Herzinfarkt. Die schlichte puppige Mimik der Tea Leoni bekommt dann ihre einzige Variation.

Die Serie ist ein Zwitter aus „The Good Wife“, „Designated Survivor“ und „House Of Cards“, kann aber keiner dieser Serien auch nur ansatzweise das Wasser reichen. Lea Teoni erinnert mich immer an diesen komischen Sheriff aus „Walking Dead“, dessen eintönige Mimik ab und an mal durch ein bisschen Tränchenverdrücken variiert – mit gutem Schauspiel hat das nichts zu tun. Keith Carradine, der den US-Präsidenten spielt und nur ab und an auftaucht, um seiner „Beth“ zu sagen, dass er ihr vertraut und dass er erwartet, dass sie gefälligst ihren Job zum machen und die Sache zu regeln hat – ist ebenfalls wie eine Karikatur platziert.

Jede Folge läuft nach demselben Schema ab. Abends oder früh am Morgen, bemüht sich die Außenministerin als Ehefrau und Mutter ihren Pflichten nachzukommen und inszeniert sich in plakativer Selbstreflexion während sie die Spülmaschine ausräumt. Und ihm Spagat von politischer Moral, Ehrgeiz und völlig unglaubwürdiger Überzeichnung der jeweiligen Gesamtsituation, stellen sich alle permanent die Frage, ob sie noch gute Menschen sind, noch gute Eltern und ob es nicht doch besser gewesen wäre, wenn man den Job ausgeschlagen hätte. Und irgendwie muss man die pubertierenden und abtrünnigen eigenen Kinder nebenbei auch noch erziehen. Aber dann wird es fast immer grotesk: Eines abends meldet sich, mitten in dieser vom Ehemann mit Fussmassage und Frozen Joghurt überkandierten Georgetown-Idylle, der Sicherheitsdienst, der draußen vor dem Haus patrouilliert. Der sowjetische Außenminister ist gerade zufällig vor dem Reihenhaus der McCords und bittet um Audienz. Die Außenministerin möge sich doch bitte um seine in Harvard studierende Tochter kümmern, falls in einer Stunde der sowjetische Präsident nicht mehr im Amt sein sollte und er in Ungnade fallen könnte. Aber selbstverständlich – wenn der Putsch in Russland scheitert, wird die amerikanische Außenministerin zur Ersatzmami des Kindes ihres russischen Kollegen. So verspricht sie es ihm eine Stunde vor dem Putsch, angekündigt im Wohnzimmer der Elizabeth McCord und ihrem Ehemann, der die Situation natürlich sofort militär-ethisch bewertet. Was für ein Schwachsinn. Das war im Anfang der 2. Staffel. Da war dann Schluss für mich. Diese Serie ist wirklich Vergeudung von Lebenszeit.

Am schlimmsten ist jedoch die latente Selbstinszenierung und die offensichtliche Sichtweise der Autoren darauf, wie man Politik scheinbar realistisch darstellen möchte und doch irgendwie so rüberkommen möchte, als hätte man sich das Setting der Bill-Cosby Show ausgeborgt. Immer wird wie selbstverständlich versucht, den Brückenschlag der Moral zu inszenieren. Natürlich sind die Amerikaner stets bemüht, auch den armen Afghanen zu helfen, natürlich sind die USA führend in allen Dingen, die das bewerkstelligen könnten. Eine Kultur voller Überlegenheit, die die Moral und die Auseinandersetzung mit ihr erst erschaffen hat. Wenn alle anderen zu dumm sind, zu egoistisch, zu fanatisch, dann richtet es Elizabeth McCord und badet sich im Ruhm der Lösung von Konflikten, die es de facto ohne fehlgeleitete amerikanische Außenpolitik gar nicht geben würde. Oder besser noch: sie delegiert den Triumph gönnerisch und weltgewandt, uneigennützig und weitsichtig.

Aber immer wird gegen Ende einer Folge eine Variante einer Lösung herbeigezaubert – Diplomatie in Perfektion. Sind andere Serien da wenigstens noch ein wenig selbstkritisch, so versucht diese Serie das zu umgehen, in dem sie Realismus über eine Art verzerrten Kollateralschaden darstellt. Um Realismus zu simulieren – schließlich kann selbst diese Überfrau Elizabeth McCord nicht ständig die ganze Welt retten – wird es dann sehr plakativ. Da wird dann halt mal ein homosexueller Iraker zugunsten des Atom-Abkommens gesteinigt und da ist dann die deutsche Bundeskanzlerin nicht mehr als eine Anhäufung von Klischees.

Ganz ehrlich: wer diese Serie anschaut, darf sich nicht wundern, dass es Nationen gibt, die die westliche Lebensweise widerwärtig finden. Wenn das realitätsnahe Unterhaltung sein soll – eine weltgewandte, in amerikanischer Idylle verhafte amerikanische Leitkultur, die sich in Madam Secretary personifiziert und auf der anderen Seite die dumme, fanatische Welt, die Führung von dieser Person braucht – dann ist das ein echter, Tiefpunkt unserer Unterhaltungskultur.

Mag sein dass ich – der ich nur die erste Staffel ertragen habe – voreingenommen bin und vielleicht wird die Serie mit den folgenden Staffeln besser. Aber das möge man mir verzeihen. Das ist kein Vorurteil, sondern Zwangsläufigkeit. Das Niveau kann sich nach dieser missratenen ersten Staffel nur verbessern. Aber nicht so sehr, dass mich das interessieren würde.