5. Juni 2022

Vor einiger Zeit habe ich mal einen Text geschrieben (und auch vertont) bei dem es um ein fiktives Treffen von Franz Kafka und HP Lovecraft geht. Ausgehend von der doch sehr kafkaesken Kurzgeschichte Lovecrafts mit dem Titel “Die Musik des Erich Zann” sehe ich Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden grundverschiedenen Autoren. Jedoch ist das kafkaeske eine Art schleichender, latenter, introvertierter Horror, wohingegen Lovecraft die Urgestalt des modernen, extrovertierten Horrors und Grusels darstellt.

Als ich mir dann in den letzten Wochen zwei Serien angeschaut habe, ist mir genau diese Aufteilung wieder aufgefallen. “Severance” ist die erste Serie, die ich als “kafkaesk” bezeichnen würde. “Shining Girls” ist bizarrer Horror, der sich einer höheren Logik verschrieben hat und an die Wurzeln des Horrors anlehnt.

Hier zwei Rezensionen zu diesen beiden Serien, die derzeit bei einem bekannten Streaming-Dienst zu sehen sind.

Severance

Marc Scout scheint ein typisches Rädchen im Getriebe eines großen geordneten Unternehmens zu sein. Als ZuschauerIn fragen wir uns direkt zu Beginn: warum weint Marc im Auto auf dem Parkplatz seiner Firma am Morgen vor der Arbeit? Und überhaupt, dieser Parkplatz, diese geometrische Glätte, diese sterile, monumentale Architektur – absolut beklemmend, vom ersten Moment an. Marc Scout, gespielt von Adam Scott, der durchaus auch die Rolle eines Anthony Perkins in der Verfilmung von Kafkas Prozess von Orson Welles hätte einnehmen können, ist eine Ratte in einem stringenten Labyrinth. Aber wir haben noch keine Ahnung, welchen Zweck dieses Labyrinth hat – übrigens auch nicht ansatzweise am Ende der ersten Staffel.

Als Marc dann irgendwo, vermutlich unterirdisch seinen Arbeitsplatz betritt und im Fahrstuhl auf dem Weg dorthin die Augen zwinkern, da wird das Labyrinth zu einem Irrgarten aus weißen Wänden. Mehrere Minuten lang folgen wir Marc zu seinem Arbeitsplatz. Durch die endlosen grellen Gänge, an leeren Bürokomplexen vorbei und kommen schließlich in seinem Büro an. Ein riesiges Büro mit diesen hellen Wänden, ein grüner Teppich, überall steriles, unnatürliches Neonlicht und mitten drin vier kleine Schreibtische. Marc ist zusammen mit drei weiteren Personen für das “Macrodata Refining” zuständig. Diese bizarre Arbeit besteht darin, einstellige Zahlen, die auf einem altertümlichen Monitor als wabernde Matrizen angeordnet sind, auszusortieren, wenn sie irgendwie bedrohlich wirken. Eine Logik, die anscheinend nur diese Abteilung versteht. Es geht um seltsame Quartalsziele, deren Erfüllung mit Bürospielzeug belohnt wird. Die Hintergründe bleiben völlig unaufgeklärt.

An diesem Tag ist jedoch alles ein wenig anders. Marc und sein Kollege Irving müssen nämlich einen Ersatz für ihren nicht mehr zur Arbeit erschienenen Kollegen Pete rekrutieren. Die Kandidatin als neue Kollegin liegt bewusstlos mitten auf einem Konferenztisch und wird von den beiden durch Kameras beobachtet. Die Kommunikation mit der Frau findet über einen knisternden Lautsprecher statt, der auf diesem Tisch steht und über den Marc mit der jungen Dame kommuniziert, nachdem diese langsam erwacht.

Schnell wird klar, dass die Frau keine Ahnung hat, wer sie ist und ebenfalls in diesem Labyrinth gefangen ist. Was diese Frau durchmacht, haben Marc und Irving und grundsätzlich alle, die dort bei “Lumon Industries” arbeiten, ebenfalls durchlaufen. Sie wurden “gesevered”, was bedeutet, dass ihre Erinnerungen ortsabhängig gemacht wurden. Die Person in der Firma hat keine Ahnung, wer sie nach Feierabend ist – und umgekehrt. Immer, wenn der Arbeitsplatz verlassen oder erreicht wird, dann wird die Person zum “Ini” und arbeitet oder sie verlässt die Firma und wird zum “Outi”. Alle Personen, die das machen, haben sich freiwillig dazu entschieden. Bei Marc war es ein Schicksalsschlag, den er mit der Severance-Procedure gerne vergessen machen möchte.

“Severance” – Offizieller Trailer

Es kommt, wie es kommen muss – Pete, der verschwundene Kollege, ist gar nicht verschwunden, sondern er hat sich re-integriert. Ein Vorgang, der eigentlich gar nicht möglich sein sollte. Pete nimmt Kontakt mit dem “Outi” von Marc auf. Aber der hat keine Ahnung, worum es geht, denn er kennt in diesem Leben den verrückten Pete gar nicht. Aber er wird in ein manisches, beklemmendes Spiel hineingezogen.

Mehr verrate ich nicht. Aber das Attribut “kafkaesk” passt hier sehr gut. Und auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch keine zweite Staffel angekündigt ist: eine Fortsetzung muss es geben, denn das grandiose Ende der ersten Staffel umreist so viele offene Fragen, die nicht unbeantwortet bleiben können. Wann immer Serien, die mit Parallelwelten spielen (z.B. “Fringe”) solche Türen aufgestossen haben, wird es lange dauern bis eine reichhaltige, kalte klaustrophobische Welt auserzählt sein wird. Diese Serie hat das Potenzial die spannenden Antworten hinauszuzögern.

Shining Girls

“Shining Girls” hingegen ist vermutlich auserzählt, da sie die literarische Vorlage von Lauren Beukes voll ausschöpft. Sie findet mit dem Ende der ersten Staffel auch einen würdigen Abschluss. Auch hier geht es um eine Verrückung von Realität, aber gleich auf mehreren Ebenen, verbunden mit der Jagd nach einem Serienmörder. Es sind keine introvertierten Horror-Motive, die man als “kafkaesk” definieren könnte, sondern die Welt selbst ist der Horror.

Die Protagonistin Kirby Mazrachi, gespielt von Elisabeth Moss, arbeitet als Archivarin bei der Chicago Sun-Times. Sie wirkt immer sehr abwesend und letargisch. Sie führt ein Notizbuch, in dem sie immer wieder völlig selbstverständliche Dinge aufschreibt. Wo sie wohnt, welches Haustier sie hat, mit wem sie befreundet ist – denn irgendetwas stimmt nicht mit ihr. Seitdem sie von einem Mann angegriffen und mit einem Messer aufgeschlitzt wurde, scheint ihr Verstand in Unordnung geraten zu sein. Immer wieder, ganz plötzlich, verändern sich für sie all diese alltäglichen Dinge. Sie und alle Menschen um sie herum glauben, dass dies ein psychiches Trauma sein muss.

Dann erfährt sie bei ihrer Arbeit, dass ihr Kollege Dan Velasquez (Wagner Moura), ein Reporter bei der Sun-Times, einen mysteriösen Mordfall untersucht, der starke Ähnlichkeit mit dem Angriff auf sie selbst aufweist. Der Täter hinterlässt in seinen Opfern Gegenstände und nutzt immer das gleiche Schema. Velasquez, der selbst ziemlich labil ist – jedoch aus eher weltlichen Gründen – wird neugierig. Die beiden kommen einem Serienmörder auf die Spur. Kirby scheint das einzige Opfer zu sein, dass die Attacke des Mörders bisher überlebt hat. Damit wird sie zur Gefahr für den Mörder und sein Geheimnis.

“Shining Girls” – Offizieller Trailer

Der Horror beginnt dann, als die beiden damit konfrontiert sind, dass die Gegenstände in den Frauen zu jeweils anderen Mordfällen passen – einige davon sind noch gar nicht geschehen. Als Kirby dem Mörder immer näher kommt, beginnt die nächste Stufe des Dramas. Telefonanrufe, in denen Ereignisse zu hören sind, die erst wenige Momente später passieren, immer mehr Opfer werden gefunden und die Brüche der Realität sind für Kirby kaum noch zu bewältigen.

Die Serie verfolgt dabei einen interessanten Erzählmechanismus. Wir kennen von Beginn an den Mörder und genauso bruchstückhaft, wie sich für Kirby das Rätsel entwirrt, werden Passagen aus der Vergangenheit des Mörders erzählt. Das schafft von Folge zu Folge Cliffhanger und baut Spannung auf.