5. Februar 2022

Dieses Thema ruft viele Meinungen und viele Vorstellungen auf den Plan: Gibt es eine Notwendigkeit, zu „gendern“, also weibliche Ausdrücke nicht nur mitzudenken, sondern auch auszusprechen und wenn ja, ist das Gendern, das sich mehr und mehr durchsetzt, auch wirklich praktikabel?

Ist das Gendern notwendig?

Ich beginne mit der ersten Frage – ist Gendern notwendig? Oder: Impliziert das „Nicht-Gendern“ das Vorhandensein einer fehlenden Gleichberechtigung? Oder: Trägt das Gendern in der Sprache zu einer Aufhebung von Geschlechterungerechtigkeiten bei?

Die Antwort ist eindeutig JA. Ich komme nicht deswegen darauf, weil ich besonders en vogue sein will oder dem Zeitgeist hinterherjage – ich bemerke das in den letzten Jahren ganz konkret bei dem Schreiben meiner Dokumentationen zu meinem Dienstplaner CONSILIUM. Ich schreibe ständig Texte, in denen ich den Nutzer (es geht schon los 🙂 ) anleiten möchte, wie die Software zu nutzen ist. Dabei kommen ständig nachfolgende Satzkonstrukte vor – ich lasse sie bewusst hier in der männlichen Form stehen:

  • Damit ihre Mitarbeiter Zugang zu … bekommen …
  • Sie können bei all Ihren Mitarbeitern einstellen, dass …
  • Um diese Funktionen nutzen zu können, müssen Sie bei Ihren Mitarbeitern
  • usw.

Ich habe das Problem des fehlenden Gendern süffisant umgangen, in dem ich in einem Handbuch geschrieben habe, dass wir bewusst nur die männlichen Bezeichnungen in dem Handbuch der Lesbarkeit wegen verwendet haben und keinerlei Intention einer Diskriminierung vorliegt …. blabla … . Das funktioniert vielleicht mit Wohlwollen wenn man tatsächlich das Handbuch und diese Anmerkung gelesen hat.

Aber die Software wird online durch ein kontextsensitives Hilfesystem erklärt – d.h. die Erklärungen werden überall in kleinen Pop-Up Fenstern angezeigt. Ein Gender-Statement wäre hier umfangreicher als die eigentliche Erklärung.

Also habe ich angefangen, diese einzelnen Texte zu gendern. Es heisst jetzt nahezu überall “ … ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter …“ oder „Mitarbeiter/In„. Das hat zu einem interessanten Effekt bei mir geführt. Die Personen, die diese Texte lesen sollen, wurden „weiblicher“ und vor meinem geistigen Auge entstand eine Abteilung, die mit CONSILIUM geplant wird, in der Männer und Frauen arbeiten. Der Kontext ändert sich gewaltig. Die Grundannahme, dass männliche Formen die Norm sind und weibliche die Abweichungen, ist prinzipiell korrekt. Die Notwendigkeit zu gendern ist klar erkennbar und sollte konsequent angewandt werden.

Wie weit soll das Gendern gehen?

Die deutsche Sprache hat grammatische Geschlechter, definiert durch bestimmte („der“, „die“, „das“) und unbestimmte („ein“, „eine“) Artikel. Wendet man das Gendern auf alle Substantive an, dann wird es aber schnell lächerlich.

Ist es am Frühstückstisch notwendig, nach der „Salzstreuerin“ zu fragen? Habe ich nach dem Toillettengang die „Hosenställin“ zugemacht? Oder sitze ich bequem auf der „Stühlin“? Und was ist mit weiblichen Substantiven? Müssten diese dann nicht auch eine männliche Form bekommen? Was wird aus „die Tür?“

Es geht aber auch weniger albern – es gibt zahllose Begriffe, die das konsequente Gendern problematisch machen:

„Der König schickte die Wache vor die Tore der Stadt um diese zu verteidigen …“

Ich nehme stark an, das wir alle bei „die Wache“ ausschließlich weibliche Soldatinnen vor Augen haben, oder? 🙂 Schließlich ist „die Wache“ weiblich … . Außerdem ist zu bedenken, dass der Plural aller Substantive im Deutschen immer weiblich ist.

Und wenn „die Putzfrau“ dispektierlich und erniedrigend ist, dann war es „der Müllmann“ erst recht. Ganz schlimm wird es dann bei einer fast schon militanten Bekämpfung dieser grammatischen Geschlechter. Da ja die Diskriminierung schon bei den Kleinsten beginne, dürfe es nicht mehr „der Säugling“ heissen – bestenfalls „das Gesäugte“.

Gendern muss kontextsensitiv sein

Die Schlussfolgerung ist klar – ihre Anwendung vielleicht nicht immer praktikabel. Das Gendern muss kontextsensitiv sein. Wenn also die Dokumentation einer Software die weiblichen Formen vermissen lässt, was zu einer einseitigen, normierten, männlichen Vorstellung des Kontextes führt, dann ist Gendern zwingend notwendig. Wird gegendert um des Gendern Willens als Effekt, nach dem Motto, der Gast könnte auch eine „Gästin“ sein, dann wird die Sprache maltretiert und der Effekt allein hat keinen Mehrwert.

Kreativität ist gefragt. Kontextsensitiv impliziert Sensibilität – damit ist nicht der „sensible“ Umgang mit dem vermeintlich schwachen Geschlecht gemeint, sondern der Nerv dafür, die Kontexte, in denen Gendern notwendig ist, zu erkennen und jeder spachlichen Diskriminierung Einhalt zu gebieten. Wir sollten uns alle also darin üben, diese Kontexte zu erkennen und nicht die Sprache zu verbiegen.

Darüber hinaus gilt es natürlich immer wieder der wichtige Grunsatz, diese Kontexte in frage zu stellen. Immer nach dem Motto: „Als Gott den Mann schuf, übte sie nur …“ 🙂