Robert Harris – „Konklave“
25. Januar 2022

Wer ein Buch von Robert Harris liest, macht eigentlich nichts falsch. Und seine Zielgruppe dürfte vielschichtig sein: Historisch interessierte Menschen, Krimi und Thrillerfreunde, auch durchaus Menschen, die etwas anspruchsvolleres Lesen möchten. Letztere kommen besonders auf ihre Kosten, wenn Harris kunstvoll Historie und Fiktion miteinander verwebt. Wie in seinem Klassiker „Vaterland“ – eine Geschichte in einem fiktiven Deutschland, welches den 2. Weltkrieg gewonnen hat, über ganz Europa herrscht und sich im Jahr 1964 auf den 75. Geburtstag des Führers vorbereitet. Als Besucher wird der amerikanische Präsident Joseph Kennedy erwartet, der mit dem ganz Europa beherrschenden Deutschland Friedensverhandlungen führen will.

Aber das ist nur der große Klassiker von Harris, der seit dem 11 Weltbestseller veröffentlicht, u.a. „Ghost“ (verfilmt mit Pierce Brosnan und Ewan McGregor) oder „München“ dessen Verfilmung heißer Anwärter auf den diesjährigen Oscar ist.

Ich möchte hier „Konklave“ vorstellen, erschienen im Jahr 2016. Das Buch verbindet auch hier wieder Realität und Fiktion. In der Fiktion heisst der Nachfolger von Benedikt XVI. anders, nicht Franziskus – es ist eine alternative Realität, in der dieser Nachfolger plötzlich verstirbt und die Kardinäle gezwungen sind, sich in Rom zum Konklave einzufinden.

Es beginnt ein beinahe klaustrophobisches Intrigenspiel, denn die Kardinäle werden für die Zeit des Konklaves von der Außenwelt abgeschottet. Erzählt wird aus der Sicht von Kardinal Lomeli, der das Konklave leitet und den Alltag moderiert. Er muß letztendlich Entscheidungen treffen, die einen Favoriten nach dem anderen zu Fall bringen – wobei sich die Kardinäle eigentlich selbst zu Fall bringen. Da taucht plötzlich diese eine Nonne auf, die mit dem nach dem ersten Wahlgang in Führung liegenden Kardinal vor vielen Jahren ein Verhältnis hatte – der Kandidat wird untragbar. Und dann stellt sich heraus, dass der Kardinal, der nun Favorit ist, diese unliebsame Begegnung eingefädelt hatte und eigentlich schon als gewählt gilt. Aber Schwarzer Rauch steigt auf, denn der vestorbene Papst hat die Konten der Kardinäle geprüft und diesen korrupten Geistlichen längst seiner Aufgaben entbunden. Er wäre gar nicht mehr anwesend, wenn nicht praktischerweise der Tod des Papstes genau ihm in die Karten gespielt hätte.

Vieles entwickelt sich vorhersehbar – der unscheinbare, bis dato völlig unbekannte Kardinal aus dem Nahen Osten, einer, der die Katholiken vereinen könnte, rückt in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Aber ein weltweit koordinierter Terroranschlag und eine gekonnte Wendung am Schluss, die die gesamte Geschichte noch einmal in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt, führen die Story zu einer besonderen Intention des Autors – die man einer solchen Rezension nicht verraten darf.

Robert Harris kann man so „runterlesen“. 30, 40 Seiten am Stück, vor dem Einschlafen – nach gut einer Woche ist man durch. Ein Schmöker, der die Handlung parkt. Man findet mit jeder Lese-Session schnell wieder rein. Auch wenn nicht nur Kardinal Lomeli mit den vielen Kardinälen, deren Herkunft und deren Absichten, überfordert ist – gerade am Anfang ist es nicht leicht, den Konstellationen zu folgen.

Und Harris hat wie immer brillant recherchiert. Zusammen mit den uns bekannten Fernsehbildern aus jüngerer Vergangenheit finden sich auch nicht Katholiken gut in Rom zurecht. Der Weg vom Gästehaus der heiligen Martha zur Sixtinischen Kapelle ist nicht weit. Gegen Ende des Buches nimmt die Handlung mehr und mehr an Fahrt auf, die Ergebnisse der Auszählungen werden knapper und spitzen sich zu. Die Ahnungen der Leserinnen und Leser bewahrheiten sich – teilweise … .

Wie gesagt: Wer ein Buch von Robert Harris liest, macht eigentlich nichts falsch – spannende Unterhaltungsliteratur mit historisch fundierten Anspruch. Wie immer eine perfekt Symbiose aus Historie und Fiktion.