„Toxisch“ – Evolution einer Irreführung
2. Dezember 2021
Toxisch - Evolution einer Irreführung

TOXISCH – Dieser Begriff scheint allgegenwärtig zu sein. „Toxische Männlichkeit“ oder „Toxische Beziehungen“ sind seit einigen Jahren für immer wieder auftretende Leitartikel, nicht nur in Frauenzeitschriften gut – ein naturwissenschaftlicher Begriff, der zum feuilletonistischen Alltags-Jargon avanciert ist und das „Soziale“ parameterisiert. Aber dahinter steckt nur eine linguistische Mogelpackung. Allerdings mit bahnbrechendem, materiellen Durchschlag und einer Intention, bei der Feminist*Innen an die Decke gehen müssten. Tun sie aber nicht.

Es wird eigentlich ständig versucht, Begriffe, Modewörter, aber auch scheinbar komplex klingende Betitelungen an den Mann und besonders an die Frau zu bringen:

Feuchtigkeitscreme mit Hyaloron und Parabenen. Dermatologisch getestet.

Hört sich gut an. Die Dame von Welt weiß, was ein Dermatologe ist und braucht etwas, um den stetig voranschreitenden Alterungsprozess aufzuhalten. Das ist die Grundvoraussetzung, damit dieser linguistische Kunstgriff gelingt. Da kommt Wasser in Geleeform (Hyaloron) und ein tatsächlich toxischer Konservierungsstoff (Paraben) mit hormonellen Nebeneffekten gerade richtig. Nur so lässt sich den Falten beikommen. Das ist die Suggestion.

Und das alles ist Bullshit. Das ist einfach nur Bullshit.

Dahinter steckt eine Marketingstrategie und die Idee, eines Universalbegriffs mit wissenschaftlichem Anspruch. So eine Strategie ist übrigens schon mindestens einmal sehr erfolgreich umgesetzt worden. Und zwar so nachhaltig, dass wir es heute noch jeden Tag wahrnehmen. Jeder von uns …

Anfang/Mitte der 80er Jahre etablierte sich eine Begrifflichkeit, die bis heute einen Milliardenmarkt nährt und die im Kern völlig haltlos ist. Wir erleben die Wirkung dieser Strategie, wenn wir in die Auslage eines Bäckers schauen. Denn damals wurde vom „Vollkorn-Produkt“ marketingtechnisch die Brücke zum „Vollwert-Produkt“ geschlagen. Lanciert wurde das Ganze mit der angeblichen Tatsache, dass Vollkornkost ballaststoffreich ist und folglich pauschal immer gesünder als das billigere, daneben liegende normale Brötchen, aus dessen Kruste keine Vollkornkörner sprießen und dem damit etwas „vollwertiges“ in seinem blassen Dasein zu fehlen schien. Nun, diese Annahme ist ein Geniestreich des Marketing, denn das Vollwertige ist eben nicht gesünder. Es gibt keinerlei pauschale Tatsachen, die diese Annahme belegen würden. Im Gegenteil – ballaststoffreiche Kost kann für einige Menschen sogar eher schädlich sein (Quelle).

Jedenfalls entstand der Eindruck, dass ein weißes Brötchen, ein weißes Brot oder weißer Reis nicht vollwertig ist. Damit also ungesünder und nur die zweite Wahl. Aber noch viel wichtiger war die Schlussfolgerung: die Vollwertigkeit des Vollkornproduktes rechtfertigt auch den höheren Preis, obwohl der Herstellungsaufwand derselbe ist. Ein Milliardenmarkt eben und die Etablierung eines Zusammenhangs in den Köpfen von Millionen Menschen, der wissenschaftlich eher fragwürdig ist. So schauen wir in die Auslage des Bäckers und sehen das Gesunde und das vermeintlich Ungesunde – wir schließen einen inneren Kompromiss und wählen dann das Laugenbrötchen. Die teuerste aller möglichen Varianten. Das ist ziemlich genial und wie es scheint vollkommen zeitlos.

Jetzt aber zum „Toxischen“. Auch hier zeichnet sich ab, was für eine geniale Strategie hier zum roten Faden von Frauenzeitschriften und Feuilleton mutiert ist. Wer gegen diesen Begriff argumentiert hat als Mann das „Toxische“ wohl noch nicht erkannt. Es muss zum guten qualifizierten Ton gehören, sich diesen Begriff zu eigen zu machen. „Toxisch“ ist ein bio-chemischer Begriff – eigentlich gar nicht so dumm, ihn auf menschliches Fehlverhalten anzuwenden. Aber auch hier ist wieder der pauschale Ansatz das, was den Begriff eigentlich zum Wanken bringen müsste. Ein Mann kann toxisch sein. Die Männlichkeit pauschal so zu sehen … nun das ist Wasser auf die Mühlen derjenigen, die nicht divers denken, sondern in schwarz und weiß. Und wehe, Mann stellt sich gegen diese Konsens – wir tanzen dann auf dem Rande des Fettnapfes der Cancel-Culture.

Und das ist alles Quatsch. Es ist alles viel einfacher.

Laurie Penny

Die Feministin Laury Penny legt in Ihrem grandiosen Buch „Fleischmarkt“ dar, dass der Kapitalismus ohne die Unterdrückung der Frau und im Besonderen ohne die Unterdrückung des weiblichen Körpers gar nicht funktionieren würde. Die Unterdrückung der Frau ist die Grundlage für den Kapitalismus. Das ist eine sehr einfache Schlussfolgerung. Kapitalismus ist das Gegenteil von Gleichheit. Würden wir die Hälfte der Menschheit, die eben nicht die gleichen Rechte und Möglichkeiten hat wie die andere Hälfte – die Ausnahmen, die es hier geben mag, bestätigen die Regel – tatsächlich die gleichen Möglichkeiten und Chancen geben, der Kapitalismus würde ohne die Inszenierung der Frau und ihres Körpers als Projektionsfläche für kapitalistische Produkte, zusammenbrechen.

Das einzig „Toxische“ ist also die Ungleichheit. Also die Relation der Individuen. Es ist nicht die Summe der Individuen, es ist nicht die abstrakte Masse einer normativen Relation wie „Männlichkeit“ oder „Freundschaften“. Das sind Worthülsen. Das wäre so, als würde ich sagen, Raucher sind toxisch. Das ist nicht korrekt. Zigaretten sind toxisch – genauer: die in ihnen enthaltenen Giftstoffe.

Vereinfachen wir das mal und verwenden statt „toxisch“ den Begriff „schädlich“, dann ist doch klar, dass der Mann, der eine Frau diskriminiert oder sogar schlägt, schädlich für diese Frau, ja für die gesamte Gesellschaft ist. Zu sagen, die „Männlichkeit“ des Mannes sei schädlich würde – wenn man diesen Gedanken fortführt – eben zu pauschalen, abstrakten Spaltungen führen.

Es mag ja durchaus sein, dass sich die Männer in Gänze mal an die eigene Nase fassen sollten (das ist noch niedlich formuliert). Alltags-Sexismus und berufliche Diskreditierung gibt es zweifellos. Mir geht es nur darum, die Begrifflichkeit zu entlarven, denn das „Toxische“ kaschiert immer die individuelle Verantwortlichkeit des Einzelnen. Wir stellen nicht den einzelnen, konkreten Mann an den Pranger und werfen ihm seine Verfehlungen vor – wir machen schlicht das „Toxische“ als abstrakte, pauschale Diskreditierung aus. Sein Vater hat ihm schließlich das „Toxische“ schon vorgelebt, dann die ganzen sozialen Umstände, die vielen anderen „toxischen“ Beziehungen. Es sei ja kein Wunder, dass so etwas aus dem Mann geworden ist.

Das Wort „toxisch“ ist eine ganz schlimme Irreführung, denn es untermauert mit naturwissenschaftlichem Impetus eine Abstraktion als Universalerklärung. Ein universeller Parameter für Sündenböckigkeit, die sich nicht konkretisieren muss. „Toxisch“ spaltet, denn das Gegenstück, das „Untoxische“ oder wie auch immer man es nennen würde, wäre die Gleichheit. Und die gibt es nicht. Abstrakte Begriffe, die das Gegenteil eines Ideals bedeuten, sind spaltende Begriffe und bewirken das Gegenteil von dem, was wir brauchen. Und das ist das konkrete Auseinandersetzen mit Männern (nicht pauschal mit Männlichkeit) und deren Verhalten irgendwo zwischen Diskriminierung und Menschenverachtung. Sie bemerken vielleicht, dass ich nicht „Frauenverachtung“ schreibe, denn das eigentlich Toxische ist ja genau diese Spaltung. Ein toxischer Mann ist ein Mann, der Menschen verachtet. Alle Menschen. Eine toxische Männlichkeit aber gibt es nur, wenn man diese Spaltung weiterhin aufrechterhalten will.

Das genau ist die eingangs beschriebene linguistische Mogelpackung. Es gibt es einen Sinn, warum das Wort „toxisch“ dieses Zugang gefunden hat. Das hat einen rein materiellen Hintergrund. Wer diese Schlussfolgerung anzweifelt, dem kann ich nur raten bei YouTube die Suchbegriffe „Detox“ und „Haul“ einzugeben. Sie werden tausende Videos finden, die meine These bestätigen – stellen sie sich einfach die Frage, ob an der Notwendigkeit dieser kapitalistischen Detox-Maschinerie wirklich die „toxische“ Männlichkeit schuld sein kann?

Schauen Sie selbst und sie finden massenhaft Belege dafür, warum das Wort „toxisch“ für gesellschaftliche Diskussionen etabliert wurde. Es geht nur um einen weiteren, neuen Milliardenmarkt, den junge Frauen täglich füttern – solange das nicht klar ist, wird es keine Gleichheit geben:

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