28. November 2021

Den Jahresurlaub und den freien Kopf, der sich nach einigen Tagen auf meiner Insel einstellt, nutze ich, um Horizonte zu erweitern. Ausgaben diverser Zeitschriften, für die sich im Alltag kaum Raum und Zeit ergeben, aber vor allem auch neue Musik und Literatur. Hier zwei Ausblicke auf diese neuen Horizonte.

Aurora

Anfang der 90er Jahre hätte ich mir das liebliche Antlitz von BJÖRK auf ihrem Cover “Debut” vermutlich auf eine Arschbacke tätowieren lassen. Björk ist ein zuckersüße nordische Elfe, die Musik machen konnte, die noch heute richtig futuristisch klingt. Für mich ist BJÖRK die Singer/Songwriterin par excellence. Bis heute unvergleichlich. Beinahe.

Denn es schickt sich eine junge Dame an, das Erbe von Björk anzutreten. BJÖRK gefällt mir zwar immer noch sehr gut, aber sie ist schon sehr speziell geworden. Wenn man die Cover ihrer Werke aneinandereiht, auf denen immer nur ihr Gesicht zu sehen ist, sieht man eine Transformation – neben der natürlichen Alterung. Diese Transformation muss man mitgehen und verstehen. Da sich BJÖRK aber eher dem Experiment als der eingängigen Elektronik, wie im meiner Meinung nach besten Song aller Zeiten (“Army Of Me”) verschrieben hat, ist das etwas anstrengend.

Ihre potenzielle Nachfolgerin als nordische Nymphe ist erst 25 Jahre alt und heißt wie das Nordlicht. “Aurora” ist richtig talentiert und läuft hier auf meiner Insel über Spotify und meinem kleinen Bluetooth Lautsprecher. Ihre Musik ist noch etwas poppiger als Björk. So ein bisschen eine Mischung aus besagter BJÖRK, Agnes Obel und Aimee Mann.

Anfang kommenden Jahres erscheint ihr bereits drittes Album “The Gods We Can Touch” – und es soll ein bisschen düsterer und schwermütiger sein, als alles, was bisher erschienen ist. Auf die Kombination zartes nordisches Wesen und Schwermut kann man sich freuen. Die Vorabsingle “Giving In To The Love” gefällt mir schon mal richtig gut.

Der ORF hat die junge Dame interviewt und zeigt ein paar schöne Einblicke.


John Fante – 1933 war ein schlimmes Jahr

“Fante ist Gott” – hat Charles Bukowski einmal über den Schriftsteller John Fante (1909 – 1983) gesagt. Bukowski hatte sich persönlich um Fante in seinen letzten Lebensjahren gekümmert. Es ist sicher nicht übertrieben, Fante als den Mentor von Bukowski zu bezeichnen. Allerdings sind die Autoren gänzlich unterschiedlich – so weit ich das nach der Lektüre eines einzelnen Buches von Fante im Vergleich zu meiner Lektüre von Bukowski beurteilen darf und kann.

Mit 1933 assoziert man sicher die Machtergreifung Hitlers oder ein weltbewegendes Ereignis. Aber diese Geschichte hat damit nichts zu tun. In einer kleinen Stadt in der Nähe der Rocky Mountains hat der 17-jährige Dominic Molise nur einen Traum: er möchte Profi-Baseballspieler werden und der Welt nicht länger seinen begnadeten Wurfarm vorenthalten. Den Plan seines Vaters, ein im Winter arbeitsloser Maurer, der ihn, seine Mutter, seine Großmutter und den jüngeren Bruder mit Billardspielen ernährt, lehnt er strikt ab – der sieht sich mit seinem Sohn schon in einem handwerklichen Familienbetrieb. Aber Dominic ist sicher, dass er dazu bestimmt ist, ein großer Stern am Baseball-Himmel zu sein. Bestärkt wird er nur von seinem besten Freund, dem Sohn aus superreichem Haus, in dessen unerreichbarer Schwester er sich auch noch verliebt hat.

Das Besondere an der Geschichte ist ihre Geradlinigkeit, ihre Oberflächlichkeit und das große Talent von Fante, alles Wesentliche im Grunde komplett auszusparen. Er vertraut auf seine Erzählung und den Intellekt seiner Leser. Das macht die Klischees der Geschichte zu Aufhängern, über die man als Leser nachdenken muss, wofür es genug Raum gibt, denn Fante labert nicht. Es ist eine stringente, unterhaltsame Geschichte. Entlarvt man aber für sich selbst all die offensichtlich vom Autor angelegten Stereotypen (die religiös-fanatische Mutter, die fatalistische Großmutter usw.), dann wird die Geschichte zu einer einzigen großen Parabel, die existienzielle Fragen leichtfüssig als Beiläufigkeit transportiert. Ich glaube, diese Fähigkeit wünscht sich jeder Autor – Fante hatte sie.