1918 – Die Welt im Fieber / Eine Rezension nach einem Jahr Corona

Corona ist das bestimmende Thema der letzten Monate. Viele Biografien wird man einteilen in ein „Vor“ und ein „Nach“ Corona. Dabei ist eine Pandemie in diesem Ausmaß nicht neu. Von 1918 bis 1920 wütete auf der ganzen Welt die sogenannte „Spanische Grippe“ – das vermutlich folgenreichste Ereignis der Menschheitsgeschichte.

Das Buch von Laura Spinney ist bereits 2018 erschienen. Also vor Corona. Und es ist jetzt wieder auf allen Bestsellerlisten zu finden. Sein Untertitel „Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte“ zeigt die Intention der Autorin. Es ist kein Buch, welches die medizinischen Hintergründe beleuchtet, sondern es geht um die Auswirkungen auf die Gesellschaft und ihren Umgang mit so einem Ereignis. Dabei lässt sich schon während der Lektüre – jetzt mit den Erfahrungen von einem Jahr Corona – sehr genau darstellen, was wir gelernt haben und was nicht.

Zunächst muss gesagt werden, dass der Name „Spanische Grippe“ irreführend ist. Der Erreger stammt vermutlich aus Nordamerika – den Namen bekam die Pandemie, weil sie in Spanien das erste Mal in Erscheinung trat. Die Opferzahlen schwanken zwischen 50-100 Millionen Menschen innerhalb von 18 Monaten in drei Wellen. Die erste Welle betraf hauptsächlich ältere Menschen. Nach einer Mutation des Influenza Virus war die zweite Welle extrem tödlich und betraf hauptsächlich Menschen zwischen 20 und 45 Jahren. Wichtig ist anzumerken, dass die Spanische Grippe tatsächlich eine klassische Grippe war, ausgelöst durch den Influenza Virus. Das Corona Virus hat – auch wenn die Symptome ähnlich sind – keine Gemeinsamkeiten mit dem Influenza Virus.

Laura Spinney beschreibt in ihrem Buch zunächst, dass Pandemien kein neuartiges Phänomen sind. Schon in Aufzeichnungen aus dem Altertum wird von Pandemien berichtet, die regelmäßig ganze Regionen beinahe entvölkerten und die sich in ihrem todbringenden Ablauf immer ähnlich waren. In einer vernetzten Welt jedoch, können wir sehenden Auges in eine Pandemie geraten und Maßnahmen treffen. Genau das ist im letzten Jahr passiert.

 

Als ein Blogger in Wuhan im Januar 2020 ein Video veröffentlichte, in dem sich Leichen in sogenannten Bodybags stapelten und nebenan ein großer Saal mit schwerkranken Menschen zu sehen war, da erinnerte diese Szene an Schwarz/Weiß Bilder aus 1918. Kranke Menschen werden in improvisierte Krankenlager angeliefert, vegetieren vor sich hin und werden in Akkordarbeit „entsorgt“, wenn sie den Virus nicht besiegen konnten.

Spanische Grippe - Verlauf in drei Wellen

Spanische Grippe – Verlauf in drei Wellen
Quelle: Courtesy of the National Museum of Health and Medicine

Laura Spinney beschreibt eindrucksvoll – und ich betone nochmal, dass dieses Buch vor Corona 2018 erschienen ist – wie die Konflikte, Gedanken und Maßnahmen in der Gesellschaft schon damals von Leugnern, Skeptikern und Ignoranten untersetzt waren. Die Länder, die keine Maßnahmen einführten, hatten Todeszahlen zu verkraften, die teilweise gar nicht dokumentiert werden konnten. Beispielsweise hat die Regierung des damaligen Brasilien die Grippe als Krankheit von Minderheiten abgetan. Das Ergebnis war, das jeden Morgen tausenden Leichen an den Straßenrändern lagen, von städtischen Pferdekutschen, der damaligen Müllabfuhr, eingeladen und entsorgt, zumeist direkt verbrannt wurden.

Spanische Grippe Krankenlager

Spanische Grippe – Krankenlager
Quelle (Image: courtesy of the National Museum of Health and Medicine, Armed Forces Institute of Pathology, Washington, D.C., United States.) – Pandemic Influenza: The Inside Story. Nicholls H, PLoS Biology Vol. 4/2/2006, e50

Andere Länder hingegen ergriffen radikale Maßnahmen, die wir heute als Lockdown bezeichnen, inklusive Kontaktverboten und Schulschließungen. Und als man beispielsweise in Boston bemerkte, dass eine Verordnung zum Tragen von Alltagsmasken Sinn macht, da sie die Ansteckungen massiv reduzierte, kam diese Einschätzung zu spät. Die zweite Welle hatte bereits tausende Opfer gefordert.

Haben wir also aus diesen Erfahrungen gelernt? Man könnte meinen, dass sei nicht der Fall, da die gleiche Ignoranz bei den sogenannten „Querdenkern“ immer noch vorherrscht. Die Opferzahlen sprechen jedoch eine andere Sprache. Bisher lässt sich Corona mit der Spanischen Grippe in einem Faktor gut vergleichen: der sogenannte „Letalitätsfaktor“ ist ähnlich hoch. Wegen der fehlenden statischen Daten schätzt man ihn bei der Spanischen Grippe auf 5-10%. Bei Corona kann man von einem ähnlichen Wert ausgehen – der Faktor schwankt zwischen 2,5% und bis zu 22% in extrem betroffenen Regionen. Noch befinden wir uns mitten in der Pandemie und wir können diesen Faktor noch nicht abschließend bewerten – aber nehmen wir an, dass dieser Faktor ähnlich ist. Das bedeutet, dass zwischen 5 und 10 Menschen von 100, die an dem Virus erkranken, an diesem sterben. Rechnet man das hoch, dann können solche Pandemien die Todesursache von 1% der Weltbevölkerung sein. Davon sind wir – so schlimm die Todeszahlen bei Corona auch sind – weit entfernt. Und das liegt nicht daran, dass Corona harmlos ist, sondern weil wir irgendwie wohl doch aus dem Ereignis vor 100 Jahren gelernt haben. Die dann  doch fehlende Erkenntnis einiger Menschen basiert auf einem sogenannten „Präventionsparadox„.

1% – das wären weltweit 85 Millionen Opfer. In Deutschland 800.000 oder in den USA 2 Millionen Menschen … .