Lustiger provinzieller Schafscheiß – Eine Anekdote

In meinen Texten habe ich schon einige Male Eindrücke aus meiner Kindheit und Jugend eingebracht. Genauer: Das Leben in einer einfachen Genossenschaftssiedlung / einem Arbeiterviertel in tiefster rheinischer Provinz. Unter anderem in meiner Geschichte „Kleiner Geist im toten Winkel“ heißt es : „Die Mehrfamilienhäuser, zweistöckig oder dreistöckig, mit vier oder sechs Familien, drei Zimmer, Küche und Bad, alle abgehend von einem Flur, alles genormt. Heute ist diese Genossenschaftssiedlung immer kurz davor, Sinnbild einer Gettoisierung zu werden.“

Es war ganz sicher nicht alles schlecht. Es gab sowas wie eine Gemeinschaft, eine völlig aufgelöste Anonymität. Ich kann heute noch sagen, in welchem Hauseingang welche Kinder gelebt haben – irgendjemand war immer da, um die Teppichklopfstangen als Fußballtore zu missbrauchen.

1995 – ich hatte gerade meine erste eigene Wohnung bezogen und habe das nicht mehr ´live´ erlebt – muss diese Hausgemeinschaft, in der meine Eltern fast 50 Jahre verbracht haben, einen Knacks bekommen haben. Eine junge, zugezogene Familie wurde Zielscheibe der Gemeinschaft. Nach diversen Beschwerden (die Schrauben an der Papiertonne, von denen sie gleich lesen werden, kann ich nicht erklären) wollte die Genossenschaft eine Stellungnahme des Beschuldigten (nachfolgend Familie „K“) zu den Begebenheiten, maßgeblich vorgetragen durch Familie „L“, einem älteren Ehepaar in direkter Nachbarschaft. Zwar leben viele der Protagonisten nicht mehr – ich mache die Namen dennoch unkenntlich.

Zunächst die Anfrage der Genossenschaft:

Anekdote Oberlar

Vermutlich hat „K“ meinen Vater um Unterstützung gebeten. Wahrscheinlich, weil er sich bisher neutral verhalten hatte und sich erhofft hatte, einen Verbündeten zu finden. So hat mein Vater die Stellungnahme  übernommen. Und das ist wirklich witzig:

AnekdoteOberlarAnekdoteOberlar

Für mich hat diese Anekdote einen Mehrwert – ich kannte die Menschen, die sich hier in der Wolle hatten. Die lauten Arien von „L“ waren tatsächlich durch das ganze Haus zu hören. Und dieser kleinkarierte Scheiß – Fenster auf, Fenster zu – ist so typisch für manche Menschen. Es wirkt aber wie lustiger Weckruf aus längst vergangenen Zeiten.

Wenn ich das mit der weniger offenen Art und Weise vergleiche, in der manche Menschen heute ihre Konflikte führen, mit dieser gehässigen Art, deren tiefe Verachtung erst zum Vorschein kommt, wenn man darüber nachdenkt, welche Gedanken manche Menschen haben müssen, um zu so einem Verhalten, zu solchen Äußerungen fähig zu sein – nun, dann wirkt diese Anekdote nicht mehr lächerlich, sondern lässt einen wünschen, alsbald wieder solche Problemchen haben zu wollen. Nicht wahr?