Muskelaufbau

Die schlimmen Zeiten sind ja vorbei. Aber es ist längst nicht alles so, wie es vorher war. Offiziell bin ich jetzt nicht mehr krankgeschrieben, ich kann wieder mit dem Fahrrad fahren (sehr viel früher als gedacht) und es ist nach wie vor jeden Tag ein Fortschritt zu spüren.

Aber ich kann nicht bedenkenlos einfach loslaufen. Es ist immer noch so, dass ich in verschiedenen Situationen, etwa bei Fussgängerampeln, Panik bekomme und mich echt zusammenreissen muss. Es gibt keinen vernünftigen Grund für diese Panik – nur das Vertrauen in das Gleichgewichtsgefühl ist noch nicht wieder da. In einer Studie, publiziert im Internet, habe ich gelesen, wie schnell Menschen Muskelmasse verlieren, wenn der Muskel stillgelegt wurde. Wendet man das auf meine Situation an und schaue ich morgens auf meine Oberschenkel, dann habe ich vielleicht 40% der Muskelmasse, die ich vor dem Unfall hatte. Kein Wunder also, dass ich nach wie vor unsicher bin.

Es geht also jetzt und in den nächsten Wochen vornehmlich um Muskelaufbau. Dazu mache ich weiterhin meine Übungen, habe noch bis kurz vor den Feiertagen einige Physiotermine und muss dann weiterhin geduldig sein. Auch wenn mich diese Übungen langsam ankotzen. Immer zur vollen Stunde schnappe ich ein Flexband und mache mit jedem Bein 50-60 mal Streckübungen. In nahezu voller Beugung des Knies und unter Schmerzen. Dabei ärgert mich immer, dass nach diesen Übungen die Knie butterweich sind und kurze Zeit später sind sie wieder sehr viel unbeweglicher. Man wünscht sich einfach, dass diese Situation nach den Übungen erhalten bleibt. Aber ich muss weiter fleissig trainieren.

Wenn ich die Muskeln im Oberschenkel anspanne, dann sehe ich deutlich, wie sich Kniescheibe nach oben zieht. Dort wo das Narbengewebe ist, ist nach wie vor eine kleine Lücke. Hier bildet sich der Muskel wahrscheinlich ganz zuletzt wieder neu. Es ist immer noch so, als seien über die Knie Drähte gespannt, die für ein Fremdkörpergefühl sorgen. Sich also den Heilungsprozess so vorzustellen, dass innerhalb weniger Tage alle Einschränkungen nicht mehr spürbar sind, war grundlegend falsch. Ich werde die Auswirkungen noch lange spüren, auch wenn sie mich immer weniger behindern.

QuadrizepsKnie
Es fehlt noch die Kraft in den Oberschenkeln. Man sieht deutlich, dass die Muskel das Knie noch nicht erreicht haben.

Endlich wieder mit dem Fahrrad fahren zu können ist natürlich ein wichtiger Schritt. Es ersetzt eine der Trainingseinheiten auf dem Hometrainer und gibt Mobilität zurück. Statt durch die Stadt zu torkeln, kann ich jetzt wieder zur Physio oder zum Einkauf fahren. Es trainiert außerdem die Beugung für einen Winkel im Knie weit über 90°. Ich spüre also die Spannung in den Gelenken sehr stark, aber es stellt kein Risiko dar. Laut der Orthopädin ist alles im grünen Bereich.

In knapp 2 1/2 Wochen geht es wieder auf die Insel. Und diesmal hoffentlich ohne so ein übles Ereignis und ohne Zwischenfälle.

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