Die schlimmste Zeit meines Lebens – Letzter Teil

Vorbei, die schlimmen Zeiten

So, dies ist mein letzter Eintrag mit der Überschrift „Die schlimmste Zeit meines Lebens“. Denn diese Zeit erkläre ich für beendet. Das hat etwas mit den Entwicklungen in dieser Woche zu tun, die eindeutig darauf hindeuten, dass sich meine Leidenszeit dem Ende nähert. Auch wenn es nicht danach aussieht, dass alles so sein wird, wie vorher.

Treppesteigen? Herausforderung? Lächerlich …

Das war gestern am frühen Nachmittag wirklich das größte Highlight der letzten Wochen. Und es fing richtig lustig an. Wenn ich meine Physiopraxis besuche, dann bin ich immer ein paar Minuten früher da. Ich muss mich umziehen, die Orthesen ablegen und mich mental vorbereiten 🙂 Da ich seit zwei Wochen direkt in den Geräteraum gehe, habe ich nicht mitbekommen, dass am Empfang Schichtwechsel war. Da ich einen Termin außer der Reihe hatte, war nicht meine gewohnte Physiotherapeutin da, sondern eine andere. Und die Dame kannte mich noch nicht – sie wusste also nicht, dass der Typ, der schon mal angefangen hat, sich in der „Beinpresse“ abzurackern, ihr aktueller Patient ist. Und während ich da ein paar hundert Kilo nach vorne drückte, vibrierte meine Fitnessuhr (ja ich habe eine Fitnessuhr!), die mit dem Smartphone gekoppelt ist – ein Anruf der Physiopraxis, die sich nach meinem Verbleib erkundigte. Das hat für einiges Gelächter gesorgt, als ich dann telefonierend zum Empfang ging 🙂
Nach so viel Lachen ging es dann wieder an die schwierige Übung der letzten Tage. Auf eine Stufe steigen, Knie beugen, Gewicht verlagern und runtergehen. Diese Übung funktionierte so gut, dass wir jetzt den entscheidenden Schritt gewagt haben: eine richtige Treppe und zwar die, die beim Therapeuten in das Untergeschoss führt. Und das war ein echtes Highlight. Treppauf und Treppab hat beides sehr gut funktioniert. Beim letzten Versuch sogar ohne Festhalten und ohne auf die Stufen zu schauen. Wie eben ein normaler Mensch eine Treppe nutzt. Das Ganze natürlich komplett ohne Orthesen.
Das ist ein echter Meilenstein, aber es hört sich einfacher an, als es ist. Mir lief der Schweiß in Strömen, es ist immer noch viel Pudding in den Beinen, aber es ist natürlich ein Durchbruch.

Termin für die öffentliche Orthesenverbrennung 🙂

Heute dann mein vermutlich vorletzter Termin bei der Orthopädin. Sie hat mir das gesagt, was ich schon vermutet hatte. Ab sofort keine Orthesen und keine Gehhilfen mehr! Natürlich steht es mir frei, weiterhin Krücken mitzunehmen oder mir irgendeinen Orthesenersatz um die Knie zu wickeln – grundsätzlich aber gilt, dass ich möglichst alles so normal wie möglich machen soll. Das bedeutet, dass ich morgen das erste Mal das Haus wie ein normaler Mensch verlassen werde.
Das wird nicht ganz einfach werden, da diese Metallgerippe um die Beine bisher einen großen Teil der Stabilität ausmachen. Andererseits laufe ich seit Wochen zu Hause und während der Physiotherapie ohne Orthesen herum. Es gibt außerdem keinen richtigen oder falschen Zeitpunkt für diese Maßnahme. Es ist jetzt wichtig, dass die bisher von der Orthese stabilisierten Bereiche im Alltag wieder gestärkt werden. Ich sehe diesen Schritt also nicht als potenzielle Gefahr, sondern als Befreiung und als Grundlage für den im letzten Eintrag beschriebenen „großen Sprung“.

Mein Klo – Der einzige Ort, an dem ab sofort die Krücken noch eine Bedeutung haben 🙂

Alltag

HomeOffice ist jetzt auf vier Stunden pro Tag ausgedehnt, so dass ich jetzt auch mal ein paar umfangreichere Sachen angehen kann, die bisher nur flickwerkartig von mir bearbeitet werden konnten. Ich möchte auch möglichst bald wieder Fahrrad fahren, was aber im Moment daran scheitert, dass ich einen Zugang zu unserer Tiefgarage benötige, die mit unserem Keller verbunden ist. Bisher habe ich mein Fahrrad eine Seitentreppe an der Tiefgarage herunter getragen – das werde ich aber nicht machen (können). Ich habe daher unsere Hausverwaltung angeschrieben und um einen der Sender gebeten, den normalerweise nur die Stellplatzbesitzer haben. Damit kann ich dann die Garage von außen öffnen, was ohne Sender nicht möglich ist. Sobald das geregelt ist, werde ich auch mal die ersten Runden auf dem Fahrrad drehen.

Bend The Knee

Das Einzige, was mit Sorgen bereitet, ist die nach wie vor sehr schwache Beugung der Kniegelenke. Sie ist kaum größer als 90°, d.h. ich kann von tieferen Sitzpositionen nicht ohne Hilfsmittel (Armlehne oder Krücke) aufstehen. Auch aus höheren Sitzpositionen ist das Aufstehen immer noch sehr schmerzhaft. Natürlich ist der Heilungsprozess noch nicht ganz abgeschlossen, aber theoretisch müsste ich schon weiter sein. Momentan spricht einiges dafür, dass die Beugung nicht im vollen Umfang zurückkommt. Es ist undenkbar, tief in die Hocke zu gehen oder sich hinzuknien. Und vielleicht wird das tatsächlich nie wieder möglich sein. Bei den vielen Übungen müsste die Beugung stärker ausgeprägt sein und man kann schon Zweifel haben, ob die restliche Kraft, die jetzt noch hinzukommt, so viel Unterschied ausmachen wird. Daher konzentriere ich mich derzeit auf die Übungen, die die Beugung zurückbringen und hoffe doch sehr, dass sich meine Befürchtungen nicht bewahrheiten.
Es steht jedenfalls fest, dass ich Ende Dezember zum Jahreswechsel nach Amrum fahre. Bis dahin werde ich so fit sein, dass das möglich sein wird.

Dies war der letzte Eintrag unter dem Titel „Schlimmste Zeit meines Lebens“. Diese Zeit ist vorbei. Ab sofort wird meine Verletzung nur noch ein Thema unter vielen sein – sie bestimmt ab sofort nicht mehr jeden einzelnen Schritt. Ich werde sicher noch weiter über die Entwicklung berichten, aber ab sofort in einem anderen Licht. Das Licht am Ende des Tunnels blendet mich jetzt schon, so daß ich sage: „Tunnel? Welcher Tunnel?“ 🙂