Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 10

Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen

Nach allem, was ich über meine Verletzung erfahren habe, ist die aktuelle Phase die schwerste – die Fortschritte fühlen sich minimal an, obwohl sich im Alltag vieles geändert hat. Die wenigen Grad der Beugung, die ich brauche, um meine Toilette wieder normal nutzen zu können, kann ich mit den Krücken überbrücken. D.h. ich lasse mich nicht auf die Keramik fallen, sondern beuge die Knie so weit ich kann, rutsche mit den Beinen nach vorne und stütze mich gleichzeitig auf eine Krücke, deren Länge ich entsprechend verkürzt habe. Nächste Woche lasse ich den Toilettenstuhl vom Sanitätshaus abholen.

Auch das Einstiegen in die Badewanne geht wieder. Meine Badewanne ist ja auch gleichzeitig meine Dusche. Man muss dabei natürlich besonders aufpassen, nicht auszurutschen, aber es geht wieder. Und ich kann eine Treppe ganz normal aufwärts gehen. Abwärts jedoch geht es nur mit dem Nachziehen des hinteren Beines zum Standbein – ich gehe Stufe für Stufe mit zwei Beinen hinunter. Aber eigentlich ist jetzt fast alles wieder normal, nur verlangsamt und sehr anstrengend.

Den Ausfallschritt üben – die Belastung der Kniegelenke muss trainiert werden … .

Reine Kopfsache

Im Geräteraum der Physiopraxis üben wir jetzt verstärkt die Koordination von Bewegungen. Dazu wird eine einfache Stufe aufgestellt. Auf die Stufe hinaufzugehen ist kein Problem. Aber ohne Hilfsmittel hinunterzugehen, wobei die Therapeutin vehement darauf besteht, dass ich die Kniegelenke dazu beuge und nicht die Streckung der Beine nutze – das ist richtig schwer. Die Gewichtsverlagerung fühlt sich im Knie zentnerschwer an und die Balance zu halten, ist fast unmöglich. Aber ich muss das immer wieder üben. In Zeitlupe. Keine schnelle Bewegung, um von der Stufe herunterzukommen, sondern langsam und bewusst koordiniert.

Auch wenn diese Übung viel Kraft erfordert – das Problem ist nicht die Kraft, sondern etwas Unbewusstes im Kopf. Wochenlang war absolut jede Bewegung darauf ausgerichtet, die Beugebewegung im Knie zu vermeiden. Jetzt muss ich so oft das Knie beugen, wie möglich und nur aufpassen, dass ich den Grad der möglichen Belastung nicht überschreite. Ich soll also meinen seit Wochen instabilen Kniegelenken vertrauen und die selbst auferlegte Konditionierung von eigentlich unbewusst ablaufenden Prozessen wieder umkehren – das ist nicht einfach.

Ganz fies wird es dann auch dem Wackelbrett. Das ist eine Vorrichtung, bei der der Untergrund in Bewegung gerät. Dazu werfe ich einen Ball in die Luft, fange ihn auf und während ich das mache, tritt die Therapeutin gegen das Wackelbrett und ich muss das Gleichgewicht koordinieren und das Fangen des Balls. Das sieht ganz lustig aus und hilft tatsächlich, den Gleichgewichtssinn zurückzubekommen.

Die Tage der Orthesen sind gezählt

Anfang kommender Woche bin ich wieder bei der Orthopädin. Ich bin sicher, dass der nächste Schritt die komplette Entfernung der Orthesen ist. Seit drei Wochen trage ich die Orthesen eh nur noch außerhalb der Wohnung – jetzt wird es langsam Zeit, diese komplett loszuwerden. Damit muss ich zwangsläufig auch in der freien Wildbahn meinen Kniegelenken wieder vertrauen. Ich denke, dass ich aber für die ersten Gehversuche die Krücken noch weiter im Anschlag mitführe. So ganz ohne Hilfsmittel ist doch ein echtes Wagnis. Aber auch das ist vermutlich eine reine Kopfsache. In den letzten zwei Wochen wären alle meine Ausflüge nach draußen problemlos ohne Krücken und Orthesen möglich gewesen. Es ist drei Wochen her, als ich beim Aussteigen aus dem Bus eine Situation erlebt habe, in der das Standbein instabil wurde und ich ohne Hilfsmittel auf der Nase gelandet wäre. Nun, mal abwarten, wozu mir die Ärztin rät.

Verhärtungen der Gelenke weiterhin ein Problem

Es ist nach wie vor so, dass kurz nach dem Aufstehen morgens meine Kniegelenke verhärten. Direkt über der Kniescheibe bildet sich ein harter Knubbel, der mit jeder Beugung eine Art Fremdkörpergefühl auslöst. Man kann diese Verhärtungen mit unangenehmer, fester Narbenmassage wegbekommen. Auch die täglich notwendigen Streckübungen sind dann eine echte Wohltat. Aber immer wieder kommt diese Verhärtung zurück. Ich würde sagen, dass sie genau an den Stellen auftritt, an denen sich noch nicht wieder ausreichend Muskeln gebildet haben.

Wenn ich vor dem Spiegel des Geräteraumes der Physiopraxis die Ausfallschritte und die Belastung der Kniegelenke übe, dann sieht es so aus, als würden die Oberschenkelmuskeln eine wabbelige Puddingmasse direkt über dem Knie nach oben ziehen. Da, wo eigentlich Muskeln sein sollten, ist eine wabbelige Masse im Bein, die sich über diese Verhärtungen zieht.

Es ist aber schon so, dass jeden Tag kleine Verbesserungen zu bemerken sind. Mit leicht geknickten Beinen auf dem Sofa und nach den Übungen, fühlt sich alles sehr weich an – fast kommt man in die Versuchung, ganz normal in die Hocke gehen zu wollen. Und diese Phasen scheinen auch länger anzudauern. Andererseits macht sich eine echte Müdigkeit in den Beinen breit, wenn ich bei der Physiotherapie war und dann den Weg nach Hause gegangen bin – das wären für gesunde Menschen keine erwähnenswerten Anstrengungen – für mich ist das Tagespensum dann aber bereits gegen Mittag erreicht.

Der große Sprung

Ich hoffe, dass bald der Zeitpunkt kommt, an dem das Gefühl der Entspannung in den Gelenken die Oberhand gewinnt. Es klingt paradox, aber es ist so, dass wenn ich nach meinen Übungen – Ausfallschritte, Dehnübungen, Hometrainer – die Beine gegen das Flexband durchdrücke, dort ein Schmerz und eine Entspannung zu derselben Zeit entsteht. Die Kniegelenke sind irgendwie dankbar für genau diese anstrengende Bewegung. Ich glaube, dass der Schmerz nur noch durch die Verhärtung entsteht. Ein großer Sprung nach vorne wäre es daher, die Verhärtung endlich loszuwerden. Und ich glaube, dass dieser Zeitpunkt in den kommenden Wochen da ist.