Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 9

Minimale Fortschritte und ein Ratgeber in der Pipeline

Der Weg ist noch lang. Das merke ich jeden Tag, nach dem Aufstehen. Die Beine sind weich wie Pudding, die Kniegelenke fühlen sich normal an – bin ich dann aber ein paar Schritte gegangen, dann scheinen sich die Gelenke wieder mit Zement zu füllen und sie sind fest und unflexibel. Nach ein paar Streckübungen und einer ersten einfachen Tour auf dem Hometrainer, gibt sich das etwas, aber die Fortschritte sind letztendlich kaum zu bemerken. Diese ständig wiederkehrende Versteifung der Gelenke ist besonders lästig und wird mich noch eine ganze Weile begleiten. Es ist wie ein ständiges Fremdkörpergefühl um die Narben herum. Festes Massieren des Narbengewebes hilft ganz gut, aber ich habe den Eindruck, dass meine Beine nicht begreifen wollen, dass sie dort kein weiteres Narbengewebe ablagern sollen.

Roboter auf dem Weg zum ALDI

Habe ich an einem Tag in der Woche keinen Termin in der Physioproaxis, dann gehe ich einmal pro Tag raus und gehe Einkaufen. Entweder zum lokalen Discounter oder einmal durch die Fußgängerzone. Dabei trage ich nach wie vor die Orthesen unter der Hose und habe auch immer noch die Krücken dabei. Es passiert immer noch – zwar selten, aber doch regelmäßig – dass die Kniegelenke „durchsacken“ und dieser Verlust an Balance aufgefangen werden muss. Ich versuche bei meinen Ausflügen bewusst „rund“ zu laufen, so als wären die Beine in Ordnung und ich versuche, möglichst viel Kraft in die Waden zu legen – die Krücken dienen nicht mehr länger zur Kompensation von fehlender Kraft in den Beinen, sondern nur noch dem Beibehalt der Balance. Die meiste Zeit trage ich die Krücken in den Händen, stets bereit sie auf den Boden zu setzen, als wäre ich ein Revolverheld mit zwei automatischen Pumpguns im ständigen Anschlag. Dürfte ziemlich bescheuert aussehen und viele, die mich sehen, fragen sich vermutlich, warum der Typ die Krücken überhaupt noch dabei hat. Es ist nur noch für den Fall der Fälle – „Fall“ ist hier wörtlich zu nehmen.
Heute war meine Tour so unproblematisch, dass ich ohne Orthesen und ohne Krücken problemlos den Weg zum Discounter hätte meistern können. Auch wenn ich mich trotzdem bei vielen Schritten noch unsicher gefühlt habe. Es ist so, dass immer mehr Bewegungen wieder unbewusst erfolgen. 99% aller Bewegungen macht der Mensch unbewusst – die große tägliche Belastung für den Kopf und das allgemeine Befinden, auf jeden einzelnen Schritt, jede noch so kleine Unebenheit achten zu müssen, wird im gleichen Maße weniger, wie die Kraft wieder zunimmt. Aber das Maß ist sehr klein.
Für das Post-Orthetische Zeitalter habe ich mir übrigens ein Hilfsmittel zugelegt. Das hat mehr einen psychologischen Effekt, als einen wirklich substanziellen Effekt beim Fallen. Zwei Knieschoner, wie sie im Volleyball oder Handball verwendet werden, werde ich nach Absprache an meinem nächsten Orthopädietermin bis auf Weiteres tragen. Aber erst, wenn die komplette Sicherheit beim Laufen ohne Orthesen außerhalb meiner vier Wände gegeben ist.

Statt Orthesen – solche Knieschoner tragen auch diverse Sportler

Schweres Gerät

In der Physiopraxis sind wir jetzt von der Einzelbehandlung auf einer Liege in den Geräteraum gewechselt. Dort ist eine schwere Maschine, in die ich mich reinsetze, um dann einen zuvor eingestellten Widerstand mit den gebeugten Beinen nach vorne zu stemmen. Das ist ein gezielte Quadrizepsübung. Zur Eingewöhnung hat meine Physiotherapeutin das Gerät sehr moderat eingestellt – es ging zunächst nicht so sehr um schwere Übungen sondern darum, die Wirkungsweise zu verstehen. Man muss sich bei jedem Durchgang Zeit lassen – die Dehnung und die Kraft wird erst im Weg zurück wirklich ausgelöst und das muss man „geniessen“ bzw. richtig bei sich in den Beinen bemerken.
Eine zweite Übung ist ungemein hilfreich – meine Therapeutin hat einen kleinen Parkour aus „Wabbelkissen“ ausgelegt. Wenn man diese betritt, verliert jemand mit meinen Wabbelbeinen leicht die Balance. Ein Stellen auf die Zehenspitzen bei gleichzeitigem leichten Einknicken des Standbeines (was schon ein gehöriger Kraftakt ist) und einen Stock, den man waagerecht hält, helfen beim erneuten Lernen der Balance. Es ist wahrlich keine Floskel – ich muss das Laufen neu lernen.
Meine Physiopraxis bietet außerdem eine „TherapiePlus“ – das ist ein Training 1x pro Woche für 2 Stunden in einer kleinen Gruppe. Da mache ich in jedem Fall mit, wenn ab ca. Mitte November meine individuelle Therapie zu einem Ende kommt.

Bald bei Amazon erhältlich

Nach Ende meiner Leidensphase auf Amazon erhältlich

Es gibt im Internet nur wenige Informationsquellen zu meiner Verletzung. Sie ist halt sehr selten und noch seltener bei Menschen, die noch relativ jung sind und keine Vorerkrankungen haben (Diabetes, Rheuma). Der einzige mir bekannte Erfahrungbericht in Buchform existiert auf englisch bei Amazon und wurde von meinem „Leidensgenossen“ Steven Gartner verfasst. Der arme Kerl hat diese Verletzung zweimal erleiden müssen – einmal auf einem Jet-Ski im Wasser, dann einige Jahre später beim Skifahren. Es gibt darüber hinaus noch einige Blogs, auch in englischer Sprache und viele Fachberichte von Medizinern. Selten sind diese Berichte auf deutsch. Als Dorfpoet sehe ich hier eine Marktlücke und habe – parallel zu diesen Blogeinträgen – meine Erfahrungen aufgeschrieben. Das ist natürlich keine medizinisches oder orthopädisches Fachbuch, aber es kann Hilfestellungen geben. Ich hätte mir jedenfalls bei meinem Krankenhausaufenthalt so eine Lektüre gewünscht – einfach nur zu wissen, wie es überhaupt weitergeht und was auf mich als Betroffenen zukommt.
Natürlich ist das Buch noch nicht fertig, denn meine Leidenszeit ist ja noch noch nicht vorbei. Ich habe mir vorgenommen das Buch zu derselben Zeit bei Amazon als eBook erscheinen zu lassen, wenn ich mit meinem richtigen Fahrrad mehr als eine Stunde am Stück in freier Wildbahn gefahren bin und wenn ich meine Tour zum Ort des Geschehens, die Treppe im Hauptgebäude der Universität in Bonn, gemacht habe. Das dürfte im Dezember/Januar der Fall sein – so zumindest mein Zeitplan, den ich jeden morgen meinen Kniegelenken einflüstere 🙂