Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 8

Heiße Phase

Orthesenabgewöhnung

Heute ist der erste Tag, an dem ich mich in meiner Wohnung komplett ohne Orthesen bewege. Das erste Tag nach über neun Wochen, an dem ich mal keine Einschränkungen um die Beine gewickelt sehe – eine echte Wohltat. Ich hatte die Maßnahme mit der Orthopädin vor einer Woche abgesprochen. Nach einer Woche mit 90° soll jetzt langsam die Abgewöhnung dieser Orthesen beginnen. Und, damit automatisch verbunden, passive Beugungen, die über die 90° hinausgehen und an die ich mich langsam gewöhnen muss.
Es fühlt sich nach wie vor so an, als sei über die Knie eine Art Draht gespannt, der mich daran hindert, die Beine komplett zu beugen. Besonders im linken Knie stellt sich immer noch ein stetiges „Fremdkörpergefühl“ ein – immer noch spannt das Narbengewebe und verursacht leichtes Ziehen beim Gehen. Das rechte Bein hingegen ist immer noch dicker. Das ist mein Standbein und braucht für alles etwas länger. Ich würde sagen, dass ich rechts eine Woche weiter zurück bin, verglichen mit dem linken Bein.
Im Alltag bedeutet dies zunächst keine weitere Verbesserung. Nach draußen gehe ich nach wie vor mit Orthesen und habe auch immer noch zur Sicherheit die Krücken dabei. Und auch das Aufstehen aus tieferen Sitzgelegenheiten oder der Toilette ist noch nicht greifbar.

Die elenden, verschissenen, völlig verhassten Orthesen – müssen jetzt häufiger ohne meine Beine auskommen

Der schwierigste Teil

Das war aber auch abzusehen – alle vernünftigen Erfahrungsberichte zu diesem Thema sagen, dass die Steigerung von 90° auf mehr als 110° Belastung der schwierigste Teil ist. Es ist der Teil, der den rechten Winkel ausdehnt und der dann beim Aufstehen oder Treppesteigen die Belastung komplett in das Knie verlegt. Das Problem sind dabei nicht die Sehnen, sondern die fehlenden Muskeln und die Trägheit der nahezu versteinerten Kniegelenke.
Ich muss also Geduld haben und weiterhin mein Training verfolgen. Einen Schwerpunkt soll ich dabei laut Physio auf die Streckung der Beine legen. Das ist die Gegenbewegung zur Beugung und für eine Stabilität genauso wichtig. Wenn ich das konsequent anwende und mit einem Bein und aller Kraft die Kniekehle nach unten drücke, dann fängt der obere Quadrizepsmuskel richtig zu zittern an. Er wird also langsam wieder reaktiviert und kann dann in der Beugebewegung für die notwendige Stabilität sorgen. Diese Streckbewegungen mache ich im Liegen und im Sitzen. Dafür war es immer notwendig, die Orthese abzunehmen – da ich jetzt generell ohne Orthesen herumlaufe, kann ich diese Übungen relativ häufig machen.
Die schmerzhafteste Übung besteht darin, ohne sich abzustoßen aus einer Sitzposition aufzustehen. Da dies nur aus einer erhöhten Position überhaupt möglich ist, mache ich dies, in dem ich mich auf den Rand eines Sofas setze. Das ist in dem Moment des Aufstehens immer etwas schmerzhaft und man spürt die nach wie vor die viel zu harten Kniegelenke. Aber auch das wird immer besser. Auf der Liege der Physiopraxis klappt dies besser, da man diese perfekt einstellen kann. Der Rand des Sofas lässt eine richtige Position der Füße nicht zu, was die Übungen zu Hause zusätzlich erschwert.

Hometrainer

Meine Schwester hat mir leihweise ihren Hometrainer vermacht und das ist natürlich ein wunderbares Gerät, um Muskeln und Kraft in die Beugung zu bekommen. Das Gerät hat etliche Funktionen, die mich aber alle gar nicht interessieren. Ich muss nur sehen können, wie weit ich fahre und wie ich eine Steigung einstellen kann, so dass ich die Kraft richtig dosieren kann. Bei meinen zwei täglichen Trainingseinheiten habe ich mich im Moment dafür entschieden, 1x 3 km mit richtig heftiger Steigung zu fahren und 1x 5km mit normalem Widerstand. Eine Übung morgens, eine abends.
Die Distanzen sind natürlich für einen gesunden Menschen lächerlich – für mich ist das sehr schweißtreibend, anstrengend, aber eine Wohltat für die Gelenke. Ich kann sagen, dass der Grundsatz, man müsse sich bewegen sobald Schmerzen auftauchen völlig richtig ist. Keine Schmerztablette, keine Ruhephase schafft das, was 15 Minuten Hometrainer können. Der Stoffwechsel in den Gelenken wird angestoßen und setzt damit die weitere Heilung in Gang.

Sehr hilfreiches Gerät – es geht in die heiße Phase