Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 6

Phase 2 hat begonnen

Die Krücken sind (fast) nur noch Staffage

Man kann meine Genesung in drei Phasen zu je sechs Wochen einteilen. Die erste Phase mit der kompletten Ruhigstellung ist jetzt vorbei. Das erste positive Ergebnis: die Orthesen sind jetzt auf 60° eingestellt. Ein erhebliche Erleichterung! Die völlige Steifheit zuvor hat bewirkt, das überall an den Verschlüssen der Orthesen Druckstellen entstanden sind. Mein Beine sind übersät von kleinen blutigen Stellen, die nur schwer verheilen, da ich die Verschlüsse ausreichend fest ziehen muss. Mit den 60° bewegen sich die Orthesen jetzt mit – das ist erheblich angenehmer.
Ich habe jedoch feststellen müssen, dass in der Box für das Zubehör der Orthesen das Scharnier für 90° fehlt. Ich vermute, dass der Techniker, der mir vor sechs Wochen die Orthesen angelegt hat, dieses Scharnier benutzt hatte, um mir die Einstellungen zu demonstrieren. Da müssen diese Scharniere verloren gegangen sein. Ich habe daher heute den Hersteller gebeten, mir Ersatz zu schicken. Ich hoffe, dass dieser in zwei Wochen da ist, denn dann steht dieser Schritt der Einstellung für mich an.

Jetzt wird es schmerzhaft

Die Übungen, die bisher nur simpel waren und nur aus einem leichten Anziehen der Beines im Liegen bestanden, werden jetzt konkreter, anstrengender und auch schmerzhafter. Eine Übung besteht unter anderem darin, an einer Wand zu stehen und mit einer Kniebeuge zu beginnen. Ich bin natürlich weit davon entfernt, eine echte Kniebeuge machen zu können, aber schon der Ansatz ist extrem schwer. Knickt man das Bein zu tief, dann knickt es weg und die Kraft geht in die Orthese. Ich mache also nur eine Fünftel-Kniebeuge und das ist schon anstrengend genug. Man spürt eine starke Spannung im Oberschenkel und die Kniee tun dabei richtig weh. Denn die Narben und das darunter liegende Gewebe geben eine enorme Spannung zurück. Aber genau das Auszuhalten ist das Entscheidende in den nächsten Wochen. Genau diese Bewegungen müssen gemacht werden. Wie sieht das praktisch aus? Immer wenn ich an meiner Wohnzimmertür vorbeigehe, stelle ich mich davor und mache diese Kniebeugung 8-10x hintereinander. Im Hintergrund stützt mich die Tür – der Oberkörper muss gerade sein. Jedes Mal fühlt es sich an, als seien die Kniee in Zement gegossen. Gleichzeitg merke ich aber, dass sich auch hier das Knie über die Bewegung freut. Vor allem nach diesen Übungen fühlt sich alles ein wenig „weicher“ an.
Verantwortlich für diese Verhärtungen ist ein natürlicher Prozess, der einem Stoff namens „Fibrin“ geschuldet ist. Der bildet sich bei großflächigen Wunden und ist äußerlich immer als eine Art weiße Verkrustung in der Narbe erkennbar. Unterhalb der Haut gibt es diesen Stoff jedoch auch und er verhärtet alle Bereiche, die zum Beispiel nach einer OP nicht in Bewegung sind. Wie eben auch meine Beine, bzw. deren Kniee, die sechs Wochen lang völlig ruhig gestellt waren. Diese Kruste immer wieder mit Übungen aufzubrechen ist das, was Schmerzen erzeugt und die Bewegungen so schwierig macht. Dabei ist das ein sehr natürlicher Prozess. Gäbe es keinen Chirurgen, dann würde der Körper das unnütze Kniegelenk versteifen. Gegen dieses natürlichen Prozess muss man nun angehen. Im Moment sind die Entzündungen und diese natürlichen Prozesse noch dominierend. Je mehr Bewegung hinzukommt, desto mehr verlangsamt man diesen Teufelskreis und kehrt ihn schließlich nach einer gewissen Zeit um.
Obwohl ich diese Übungen jetzt noch nicht so lange mache, ist bereits ein kleiner Fortschritt zu spüren. Die ersten paar Zentimeter der Beugung gehen einfacher und bei einem langsamen Zurückstrecken des Beines ist nicht mehr nur ein unkontrolliertes Zucken im Oberschenkel zu spüren – in ganz kleinem Umfang kann ich die Kraft schon wieder ein wenig kontrollieren.
Die zweite tägliche Übung, morgens und abends mit abgelegten Orthesen im Bett liegend, ist noch ein wenig anstrengender. Mit Hilfe eines FlexBandes, dass ich um den Fuß gelegt habe, ziehe ich ein Bein nach oben, spanne das Band und drücke das Bein gegen die Spannung. Je höher das Bein, desto einfacher, aber auch für diese Streckung brauche ich schon die Quadrizepssehne. Das ist sehr anstrengend und ich schaffe vielleicht fünf bis acht kontrollierte Bewegungen pro Bein, bevor ich eine Pause machen muss. Aber auch hier wird schnell klar, dass diese Übungen genau die sind, die die verkümmerten bzw. verkrusteten Regionen im Knie reaktivieren. Das sind kleine Schritte, die mich in zwei Wochen zu einer Beugung von 90° führen und damit einen Treppenaufgang mit Kniebeugung ermöglichen werden. Ist dafür genug Kraft vorhanden, dann wartet kurze Zeit später der Heimtrainer.

Anstrengend und schmerzhaft – Übungen zum Strecken des Beines

Nachtrag dazu: es ist nicht leicht, die Übungen richtig zu dosieren. Gestern ist meiner Physiotherapeutin aufgefallen, dass die Knie sehr heiß waren, was auf eine leichte Entzündung hindeutet. Ich muss tatsächlich sagen, dass ich an dem Tag zuvor sehr oft die beschriebene Beugeübung gemacht habe und auch sonst sehr aktiv war. Ich war an diesem Tag zweimal mit Krücken in der Stadt und bin jeweils durch die komplette Fußgängerzone gelaufen. Man muß also unterscheiden zwischen einer körperlichen Erschöpfung, die ich erst am Abend gespürt habe und einer Erschöpfung der Gelenke. Auch wenn man glaubt, man könne noch weiter aktiv sein – die Gelenke haben irgendwann genug und kommen mit dem Abbau der Abfallstoffe nach den Übungen gar nicht hinterher. Meine Schlussfolgerung daraus: man sollte die Übungen nicht permanent bei jeder Gelegenheit machen, sondern nach festen Zeiten und die wichtigen Ruhepausen einhalten.