Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 5

Lichtblicke und ein neuer Arbeitsplatz

Als ich Anfang der Woche in meiner Pysio-Praxis war, hat mich einer der Praxisinhaber mal richtig „rangenommen“. Abseits der sanften Lymphdrainage hat er beide Beine richtig durchgeknetet und zwar genau an den verhärteten Stellen und den Narben. Das verursacht keine Schmerzen, ist aber unangenehm und deutet auf das momentan aktuelle Problem hin: durch die sechs Wochen komplette Ruhe des Gelenks sind Kniescheiben und Muskeln regelrecht verhärtet und verklebt. Durch die Nicht-Nutzung des Gelenks findet dort auch kein Stoffwechsel statt. Nach Meinung dieses Physio-Thearapeuten ist die Vorgabe des Operateurs, das Gelenk gar nicht zu beugen, falsch – eine passive Beugung ab der zweiten Woche hätte einiges vereinfacht.

Die Narben sehen auf diesem Foto martialisch aus – sind aber sehr gut verheilt. Man sieht deutlich die Lücke über den Knien und die Druckstellen der Orthesen.

Als würde man eine Suppe mit einer Gabel essen

Ich kann das natürlich nicht exakt beurteilen kann aber sagen, dass nach fast sechs Wochen Ruhe eine Beugung der Kniee richtig gut tut. Es ist ein entspannendes Gefühl, befreiend, aber eben nichts substanzielles. Auch wenn ich ein Knie um 60° passiv beugen kann – es hält keinerlei Belastung ohne Orthese aus. Zwischen dem Knie und dem Oberschenkel, genau dort, wo die Quadrizeps-Sehne liegt, ist eine Lücke. Es sind keine Muskeln mehr dort vorhanden und es ist einleuchtend und ernüchternd zugleich. Da liegt noch ein richtig weiter Weg vor mir.
Die ersten Übungen sind nur möglich, weil mir ein wenig die Angst genommen wurde. Ich habe die letzten Wochen gedacht, dass jede Knickbewegung schädlich ist und unbedingt vermieden werden muss. Wenn ich einen Druck und einen Widerstand im Knie spüre, dann seien das die vernähten Fiberglassfasern und das zu spüren sei nicht gut – alles Blödsinn. Was ich da spüre sind die Verklebungen und Verhärtungen. Mit diesem Wissen traue ich mich jetzt, im Bett liegend die Orthesen komplett abzunehmen. Auf dem Toilettenstuhl neben dem Bett eine Schüssel Wasser, was zum Eincremen, Duschgel und einen Lappen. Da die Orthesen auch allmählich zu müffeln beginnen, mache ich diese nach meiner Eigenmassage immer sauber. Und dann beginne ich meine Übungen, die nur aus der „Fusspumpe“ (= vor und zurück eines Fußes mit dem Sprunggelenk) und einem ganz leichten Beugen des Knies durch Anziehen der Fersen an den Körper besteht. Das ist eine minimale, wohltuende Belastung der Kniegelenke und initiiert einen minimalen Muskelaufbau. Das ist andererseits auch langweilig und langatmig. Schaue ich morgens bei diesen Übungen auf meine Beine, dann sind sie wie Strohhalme, mit dieser riesigen Lücke über dem Knie. Aus diesen Übungen Muskeln aufbauen zu lassen – das ist als würde man eine Suppe mit einer Gabel essen. Einer kleinen, mickrigen Kuchengabel. Was für ein zähes, langwieriges Unterfangen! Ich kann mir derzeit gar nicht vorstellen, wie in diesem Tempo irgendwann einmal der Punkt erreicht werden kann, sich auf einen Hometrainer zu setzen. Aber ich bin ja auch erst ganz am Anfang.

Zu den Terminen fahre ich nach wie vor mit dem Bus, zu dem ich auf Krücken gehe. Zurück gehe ich dann immer zu Fuß. Heute musste ich diese Tour zweimal machen, da ich morgens beim Hausarzt gewesen bin – meine Blutwerte wurden geprüft, insbesondere auf Thrombozyten (alles optimal) – und nachmittags dann zur Physio-Praxis. Diese beiden Touren machen zusammen ca. 2 km Laufweg aus und das ist echt anstrengend. Zusammen mit den Übungen und dem Physio-Training geht das an die Substanz. Ich bin abends richtig müde und schlafe wie ein Stein. Schlafen kann ich also sehr gut, was auch daran liegt, dass ich jetzt weiß, dass der Druck im Knie nichts mit den Nähten in der Sehne zu tun hat, sondern Teil des Heilungsprozesses ist. Mit einem Kissen zwischen den Beinen kann ich jetzt auch ganz gut seitlich schlafen.

Neuer Arbeitsplatz

Wie schon angekündigt habe ich zu Hause meinen Schreibtisch und meinen Arbeitsstuhl gegen ein neues Setup eingetauscht. Dank zweier lieber Freunde war ich nicht alleine beim Aufbau dieses neuen Arbeitsplatzes (Herzlichen Dank an Franky & Papa!). Diese Sätze sind übrigens die ersten, die ich mit diesem Setup schreibe – der erste Eindruck ist der positiv.

YoYoDesk

Das ist kein höhenverstellbarer Schreibtisch, sondern ein höhenverstellbarer Aufsatz auf einen vorhandenen Schreibtisch. Das gibt mehr Flexibilität und ist weniger aufwändig als ein komplett neuer Schreibtisch. Allerdings nicht unbedingt günstiger. Zunächst war ich etwas enttäuscht, denn es wurde der falsche Aufsatz geliefert. Allerdings stellte sich das nach kurzer Überlegung als Glücksgriff heraus – auf meinem Modell des Aufsatzes konnte ich meinen vorhandenen Monitorarm anbringen und und so weiterhin zwei Monitore gleichzeitig nutzen. Das ursprünglich angedachte Modell sollte für große Menschen besser geeignet sein – ich bin jedoch mit diesem Modell zufrieden. Ich kann im Stehen arbeiten, aber eben auch mit meiner neuen Sitz- bzw. Stehhilfe.

Aeris Muvman

Diese neue Stehhilfe ist zunächst ziemlich gewöhnungsbedürftig. Es ist kein klassischer Hocker, aber auch kein Stuhl. Es ist wie ein „Stock im Arsch“ mit Polsterung 🙂 Man „sitzt“ damit aufrecht und es kommt meinen zu streckenden Beinen entgegen. Er ist so konstruiert, dass er eben nicht zum Draufsitzen verleitet. Zum Aufstehen brauche ich derzeit die Krücken und das ist im Moment noch etwas unsicher, da ich die Gegenbewegung zum Abfedern noch nicht machen kann. Da der Tisch sich aber auch noch höher einstellen lässt, kann ich auch sehr gut im Stehen arbeiten. So hat es übrigens auch der bisher letzte deutsche Literaturnobelpreisträger gemacht. Günter Grass hat alles seine Bücher, seine Zeichnungen und Skulpturen im Stehen erschaffen. Ein gutes Vorbild 🙂

Mehr Beinfreiheit – ein erster echter Lichtblick

Am Ende dieser Woche habe ich mich auf eine Sache im Besonderen gefreut: meine Orthesen habe ich nach Anweisung der Orthopädin jetzt von 0° Beugung auf 30° Beugung eingestellt. Und wenn ich damit gut klarkomme, dann kann ich bereits in zwei Tagen auf 60° erhöhen. Ich habe heute die 30° eingestellt und es ist eine Wohltat. Ein erster richtiger Lichtblick! Endlich gibt es keine fiesen Druckstellen mehr an den Beinen, da die Orthesen jetzt natürliche Bewegungen mitmachen. Wenn ich am Sonntag 60° einstelle, dann werde ich vermutlich heulen vor Glück. Das bedeutet schon eine enorme Verbesserung. Es ändert zwar nicht so viel im Alltag – für richtige Verbesserungen braucht es mehr als 90° – aber die Bewegungen werden dadurch sicherer. Bei meinem nächsten Weg in die Stadt werde ich die Krücken nur noch für den Notfall im Rucksack mitnehmen. Ich kann mich jetzt sicher ohne Krücken bewegen.
Technisch ist das übrigens sehr raffiniert gelöst. Die Orthesen haben jeweils links und rechts ein Scharnier mit einem Sicherheitsverschluss. Darin können Bolzen mit einer entsprechenden Gradzahl eingelegt werden. Ist das gemacht und man hält die Orthese fest, dann erkennt man sofort, dass das Scharnier mehr Spiel hat. Legt man die Orthesen wieder an, dann zeigt sich dieser Spielraum sofort in mehr Beinfreiheit.


Ich kann gar nicht beschreiben, wie angenehm es sich anfühlt, das Knie jetzt wieder ein wenig zu bewegen. Es ist, als würden die Beine mit jeder Bewegung ein „Danke“ an mein Gehirn senden. Obwohl man Muskeln wieder anspannt ist es ein entspannendes Gefühl. Auch das Sitzen ist jetzt wieder angenehmer. Nächstes Ziel sind Mitte Oktober 90° und dann geht es an den entscheidenden Teil und richtig massiven Muskelaufbau. Irgendwann jenseits der 90° wartet dann der Hometrainer. Und meine altbekannte Kloschüssel hat sicher auch schon Sehnsucht nach meinem Hintern 🙂