Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 3

Status Quo

Das derzeit größte Handicap

Seit gestern bin ich in einer Situation, in der ich jetzt viele Woche verbleiben werde. Ich war gestern zum ersten Mal bei den Physiotherapeuten, bei denen ich in nächster Zeit sehr viel Zeit verbringen werde. Heute ging es noch nicht mit der Physiotherapie los – dafür ist es nach wie vor viel zu früh – aber ich habe eine Lymphdrainage bekommen. Das kannte ich schon aus dem Krankenhaus und habe das heute noch viel professioneller erhalten. Diese Behandlung zielt auf mein derzeit größtes Handicap ab. Denn wer glaubt, dass ich meine Zeit zu Hause lässig absitzen kann, der irrt. Sitzen ist nach kurzer Zeit eine Qual. Schlimmer als langes Stehen, Laufen oder Liegen. Durch das Sitzen staut sich die Lymphflüssigkeit in den starren Beinen und in den Orthesen hat man schnell das Gefühl, die Beine würden platzen. Das tut zwar nicht weh, ist aber extrem unangenehm. Ich selbst kann dann nur die Beine hochlegen. Hochlegen bedeutet, dass die Oberschenkel weit höher liegen müssen, als der Oberkörper. Wenn ich das mache, dann kann ich sehen, wie innerhalb kürzester Zeit, die Beine wieder zusammenfallen.
Eine Lymphdrainage ist eine gezielte Massage und Aktivierung, die das Lymphsystem wieder in Gang setzt. Die Physiotherapeutin heute hat davon echt Ahnung. Mit wenigen Handgriffen erreicht sie das, was ich sonst in zwei Stunden Liegen erreiche.

Unterwegs auf Krücken

Nachdem ich festgestellt habe, dass ich Treppen alleine bewältigen kann, gab es eigentlich keinen Grund mehr dafür, einen Krankentransport zu bestellen oder jemanden zu bitten, mich zu begleiten. Der vielleicht wichtigste Schritt hin zur weiteren Selbständigkeit in den kommenden Wochen, ist gelungen: eine Krücke auf die kleinste Größe zusammengedrückt in den Rucksack, mit der anderen und mit Hilfe des Treppengeländers wieder raus in die Freiheit. Dann mit den Krücken zur Bushaltestelle und vier Stationen in die Innenstadt. Dann zehn Minuten weiterdackeln und schon bin ich in der Physiopraxis. Beim Rückweg habe ich dann auf den Bus verzichtet. Eine Stecke von sonst fünf Minuten zu Fuß zieht sich dann auf knapp 25 Minuten langsamen und vorsichtigen Laufens. Aber es geht. Es ist anstrengend, aber auch gleichzeitig befreiend, sich mal wieder alleine draußen längere Zeit zu bewegen.

Vertrauen in die nächsten Wochen

Diese Ausflüge werden sich jetzt häufen. Die Physio-Praxis wird mich zwischendurch rannehmen, wann immer jemand einen Termin absagt. Ich stehe also auf Abruf bereit und baue meinen Alltag um diese Termine herum. Auch die ersten Stunden im Home-Office Anfang und Mitte Oktober, werde ich an diesen Terminen ausrichten.
Ich bin da sehr froh, denn diese Physio-Praxis war die einzige, die sich auf mich als Notfall eingelassen hat. Termine sind normalerweise nur über eine Vorlaufzeit von mehreren Wochen zu bekommen. Noch mehr bin ich über den Eindruck, den die Praxis macht, erleichtert. Alles dort wirkt gut strukturiert, meine Therapeutin hat es sofort geschafft, eine lockere, freundliche Atmosphäre aufzubauen. Die fachliche Kompetenz nach einer Sitzung zu beurteilen wäre sicher zu früh, aber der erste Eindruck ist sehr positiv. Das bedeutet, ich habe ein großes Vertrauen in die kommenden Wochen. Ich bin dort, glaube ich, sehr gut aufgehoben.
Einige der kommenden Tage, haben es in sich. Ich muss an einigen Tagen bis zu drei Termine wahrnehmen, inklusive Termine bei Orthopäden und Hausarzt. Also nicht nur einmal am Tag die Wohnung verlassen, sondern morgens, mittags und nachmittags. Das werden Tage, die an die Substanz gehen werden.

Zeitliche Perspektiven

Google ist nicht immer Dein Freund. Ich habe jetzt vermutlich alle wichtigen Seiten zu „Quadrizepsruptur“ bzw. „quadriceps rupture“ durch – die Perspektiven sind doch ernüchternd und passen auch zu dem, was die Orthopädin und die Physiotherapeutin sagen. Nach ca. drei Monaten ist ein normales Leben eingeschränkt möglich. Frühestens nach sechs Monaten hat man den Stand von vor der OP erreicht. Das bedeutet, ich werde ganz sicher dieses Jahr kein Fahrrad mehr fahren und muss dafür kämpfen, dass ich wenigstens im Dezember auf die Insel fahren kann. Mein aktueller Urlaub fiel ja flach. Die Artikel im Internet sind da aber noch kritischer zu lesen. Eine Abhandlung mit Erfahrungsauswertungen besagt, dass nur knapp 53% aller Betroffenen überhaupt die alte Mobilität erlangt. Rupturen in beiden Beinen machen den Kampf um ein positives Ergebnis entsprechend schwerer. Zwar hängt vieles vom eigenen Willen ab, aber die Tatsache, dass ich auch jetzt im Alltag niemals ein betroffenes Bein komplett ruhigstellen kann – irgendwie muss ich ja aufstehen und erzeuge ständig grenzwertige Bewegungen, auch wenn ich noch so seht achtgebe – wird die Perspektive zeitlich weiter ausdehnen. Wäre nur ein Bein betroffen, wäre eine Abgrenzung besser möglich. Bestes Beispiel hierfür ist das Aufstehen in den Stand mit gestreckten Beinen. Das rechte Bein hat eine tadellos verheilte OP Narbe. Im linken Knie ist eine Spannung in der Wunde, die ich mit Bepanthen behandele. Diese Spannung entsteht aber bei jedem Aufstehen, bei jedem Hochstemmen in den Stand. Auch jetzt noch fühlt es sich so an, als würde etwas unter den Wunde leicht „einreissen“. Das wird zwar von Tag zu Tag besser, da ich solche Bewegungen zu vermeiden versuche. Aber das geht eben nicht zu 100% und macht alles etwas langwieriger.

Ursachen

Ich denke natürlich viel darüber nach, wie es überhaupt zu diesem Sturz kommen konnte und ob meine Unsportlichkeit als Couchpotatoe auch ursächlich war. Auch da geben viele Texte im Internet Auskunft. Neben dem Alter können degenerative Erkrankungen ein Faktor sein, der die Sehnen schwächt und der so einen Unfall begünstigt. Das ich aber mit 45 Jahren noch nicht in die Altersklasse falle, wo das eine Rolle spielt und auch keine Vorerkrankungen vorliegen, bleibt nur der Teil übrig, den mal als unglückliche Verkettung von Umständen bezeichnen würde. Es ist tatsächlich die Art und Weise wie ich gestürzt bin, der Hauptfaktor, der zu dieser seltenen Verletzung geführt hat. In einer Abhandlung auf einer der vielen Seiten zum Thema heißt es: „Nur durch eine falsche Belastung – etwa einer spontanen Bewegung, die im Rahmen einer plötzlichen Abbrems-Bewegung erfolgt – kann eine derartige Verletzung eintreten.“
Genau das ist mir passiert. Ich bin mit den Beinen voran vier Stufen runtergerutscht, hatte keinen festen Stand und dann kam das ganze Gewicht hinterher. Nur so können Kräfte entstehen, die eine solche Sehne reißen lassen. Die einzigen Sportler, die diese Verletzung bekommen können, sind Gewichtheber. Meistens bedeutet diese Verletzung dann deren Karriereende. Meine Sportlerkarriere beginnt erst 🙂 Ich bin nach wie vor hochmotiviert, mir für mein Couchpotatoe-Dasein den ein oder anderen Ausgleich zu suchen … .