Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 2

Ein Königreich für eine Zeitmaschine

Wie gerne würde ich doch die Zeit vorspulen. Jetzt, drei Wochen nach meinem Unfall, bin ich noch viele Wochen von einem Punkt entfernt, an dem so etwas wie ein normales Leben beginnen kann. Wenn ich beide Beine irgendwann um wenigsten 45° knicken und nachts die Orthesen ablegen kann, dann sind viele alltägliche Dinge mit einer gewissen Sicherheit bereits wieder möglich. Aber erst in mehr als drei Wochen kann eine Therapie überhaupt erst beginnen. Und es werden sicher weitere Wochen vergehen, bevor sich erste Erfolge einstellen.
Mit tut alles weh – außer den Knieen. Das liegt daran, dass ich sämtliche andere Muskelregionen jetzt beanspruchen muss. Muskeln, von denen ein Couchpotatoe wie meiner einer bisher gar nicht gewusst hatte, dass sie überhaupt existieren. Das Schwingen aus dem Bett, die permanenten gelenkigen „Übungen“, wenn einem beim Kochen mal wieder eine Nudel runterfällt oder der Kampf mit Hosen, Socken und dem Bettbeziehen. Aber das sind keine wirklichen Schmerzen, sondern Muskelkater, den man besonders am Morgen, wenn die tägliche Grundprozedur beginnt, schlicht ignorieren muss.

Narbe
Das rechte Bein sieht ganz manierlich aus – linkes Bein sieht sehr viel matschiger aus … daher kein Foto

Bezaubernde Frauenpower

Seit meiner Rückkehr war ich 2x bei meinem Hausarzt. Ja, ich habe jetzt einen Hausarzt. Den hatte ich bisher nicht, denn ich war nie wirklich krank gewesen. Die ein oder andere Grippe hatte ich immer so überstanden. Mehr Gebrechen war bisher nicht.
Zu den Ärzten kommt man mit einem Krankenbeförderungsschein. Obwohl mein Hausarzt nur einen Steinwurf weit entfernt ist, habe ich mir bei meinen beiden Besuchen einen Weg dorthin nicht alleine zu Fuss zugetraut. Obwohl dies, wie sich herausstellte, machbar gewesen wäre.
Also ruft man, auf Grundlage des vom Arzt ausgestellten Beförderungsscheins, einen Krankentransport an. Die Johanniter haben dafür eine Leitstelle. Da ich meine Beweglichkeit nicht wirklich einschätzen konnte, habe ich die Möglichkeit eines Liegendtransportes in Anspruch genommen. Da standen dann zwei junge bezaubernde Mädels vor meiner Tür mit einem Tragestuhl. Mein unglaubliches Staunen, wie die beiden es schaffen wollen, mich herunterzutragen, quittierten sie mit einer Selbstverständlichkeit, die mir höchste Achtung einflöste. Einfach toll, was diese Frauen leisten.
Aber, ich wollte meine Beweglichkeit erstmal sebst testen und schlug vor, dass ich es mit Krücken die Treppe hinunter versuchen möchte. Lange Rede, kurzer Sinn: es ging. Die beiden Damen gingen vor mir, so daß ich die Treppe nicht sehen musste und mit konzentrierten Schritten ging ich die Treppe runter – rechts ans Geländer gekrallt, links die Krücke zum Ausbalancieren der Roboterschritte. Das hat mich sehr erleichtert.
Auch in den Transportwagen konnte ich mit eingezogenem Kopf einsteigen. Es war alles viel einfacher, als gedacht.

Setup zu Hause
Mein Setup zu Hause

Pizzataxi statt BTW?

Netflix vom Bett
Mit Tablethalterung am Toillettenstuhl Netflix, Prime oder DAZN schauen …

Mein zweiter Besuch beim Arzt einige Tage später war dann aber wirklich abenteuerlich. Ich brauchte ja keinen Liegendtransport, sondern lediglich ein „BTW“ (Behinderten-Transport-Wagen). Ich stand bei mir zu Hause am Fenster und wartete – zur vereinbarten Uhrzeit hielt ein alter VW Golf aus den 90er Jahren. Ich dachte mir „OK, das ist ein Pizzataxi – wo bleibt mein BTW?“. Man kann es bereits ahnen – das Pizzataxi war für den dicken Pitter gedacht.
Ich habe das mit Humor genommen und auch jetzt wieder mit der eigenen Vorgabe, das einzig Sinnvolle aus der Situation zu machen. Und auch das ging. Mit einem gestreckten Bein bin ich eingestiegen, dann auf den Fahrersitz rübergerobbt, um das andere Bein nachzuziehen. Was zunächst wie ein Krankentransport aus einer Bananenrepublik wirkte, war letztendlich eine sinnvolle Erfahrung: ich passe auf den Beifahrersitz eines normalen PKW. Das ist gut zu wissen.

 

Weitere Herausforderungen

Das Entfernen der Klammern beim Arzt war dann kein Problem. Die OP war jetzt 15 Tage her – der Zeitpunkt war also richtig. Allerdings ist in der Narbe im linken Bein eine kleine offene Stelle entstanden, die erst langsam zuwächst. Das hängt mit dem derzeit größten Problem zusammen, mit dem ich zu kämpfen habe. Nach wenigen Stunden Bewegung – wobei vor allem das Sitzen ein Problem ist – schwellen die Beine extrem an. Anscheinend produzieren die Wunden immer noch Lymphflüssigkeit, die nicht sofort abfließt. Lege ich die Beine dann hoch, kann man fast zusehen, wie sie wieder zusammenfallen. Aber diese ständige Prozedur ist sehr mühselig. So liege ich also oft im Bett und schreibe an einem Laptop, obwohl ich viel lieber andere Dinge machen würde. Und durch die ständige Spannung beim Anschwellen dehnt sich auch die OP Narbe immer wieder. Aber auch hier merke ich Fortschritte. Die Schwellungen sind nicht mehr so extrem und die offene Stelle ist kaum noch erkennbar.

Hilfsmittel und Freunde

Neben dem Laptop am Bett mit einer stabilen Unterlage habe ich mehrere Hilfsmittel erworben, die mir den Alltag erheblich erleichtern. Eine Greifzange, ein Plastikgestell zum Anziehen von Socken und eine Halterung für einen Tabletcomputer machen vieles einfacher. Auch eine faltbare Waschschüssel und lange Bürsten mit Aufsätzen machen die lange Zeit ohne richtiges Bad oder Dusche erträglicher. Ich komme an alle wichtigen Stellen ran und bin kein ungewaschenes Ferkel.
Auch den Zustellservice eines namhaften Supermarktes habe ich mittlerweile mal getestet – klappt wunderbar, kann ich nur empfehlen.
Und es ist natürlich eine große Erleichterung, wenn Freunde Hilfe anbieten. Post abholen, Müll mit rausnehmen oder einfach nur als Begleitung zu Terminen beim Orthopäden mit dabei sein – das hilft ungemein. Man ist natürlich bestrebt, möglichst viel alleine zu bewerkstelligen. Nicht, weil einem das Annehmen von Hilfe unangenehm wäre, sondern weil die Selbstständigkeit einem auch eine gewisse Sicherheit gibt. Aber zu wissen, dass Hilfe da ist, ist sehr beruhigend. Es wird alles einfacher mit der Zeit. Mittlerweile kann ich mich sogar aus meinem Sofa hochstemmen, aus dem Bett schwinge ich mich jetzt fast ohne Hilfsmittel und wenn man entsprechend Zeit für die Dinge einkalkuliert, die halt einfach länger dauern, dann ist der Alltag zu bewältigen.

Sockenanzieher
Sockenanziehen mit steifen Beinen? – Gar kein Problem …

Inspiration durch Leidensgenossen

Eine Person muss ich aber noch erwähnen, da sie in den letzten Tagen im Krankenhaus eine echte Inspirationsquelle war. Es war mein letzter Bettnachbar dessen Leidensweg eigentlich noch viel schwieriger ist, als meiner. Er kam drei Tage nach meiner OP in das Zimmer und lief auf Krücken zu seinem Bett. Er hatte schon vor vielen Jahren bei einem Unfall ein Bein verloren – jetzt stand eine OP in der Schulter an. Ähnlich wie bei mir wurde auch hier eine Sehne operiert, was eine Ruhigstellung über sechs Wochen bedeutet. Wer auf Krücken angewiesen ist, hat dann natürlich sechs Wochen Höchststrafe durchzuhalten. Bei ihm kam noch hinzu, dass er schon zwei Herzinfarkte hatte – die Angst vor einer OP und einer Vollnarkose war also besonders groß.
Nach seiner OP hatte er starke Schmerzen, konnte im Bett kaum eine vernünftige Position zum Schlafen finden – ich war richtig erleichert als ihn nachts schnarchen hörte. Denn Schlaf bedeutet, die Zeit zu überbrücken und eben nicht von Schmerzen und Gedanken geplagt zu sein.
Meinem Zimmernachbarn zu zuschauen, wie er nach wenigen Tagen seinen Alltag mit nur einem Bein und einer kaputten Schulter meisterte, war wie eine Verhöhnung für alle Weicheier. Er setzte sich fast mühelos in den Rollstuhl, nutzte eine Krücke um sich mit dem Rollstuhl laut scheppernd durch das Zimmer zu navigieren und konnte fast alles alleine machen. Das ging mit jedem Ausflug besser und besser. Dagegen ist meine Behinderung – Gehen möglich, wenn auch eingeschränkt und zwei gesunde Arme – ein Witz. „Es gibt immer einen zweiten Weg“, sagte er immer und dieser schlichte Satz half mir, mich auf Strategien zur Alltagsbewältigung zu konzentrieren, statt über Selbstmitleid auch nur nachzudenken. Ich habe mir überlegt, was ich benötige und wie ich am besten die Schwierigkeiten bewältige. Zuhause angekommen, habe ich diese Strategien dann ausprobiert und umgesetzt. Klappt die erste Variante nicht, dann die Alternative. Es geht immer irgendwie weiter.
Jetzt schreiben wir uns und stellen fest, dass zwei Wochen bei ihm und drei bei mir der sechswöchigen Hölle schon rum sind. Ein erster kleiner Lichtblick am Horizont kündigt sich an. Es sind die ersten Vorboten der Wiedergeburt 🙂