Die schlimmste Zeit meines Lebens – Teil 1

Statt eines Inseltagebuches …

Es mag sicher noch schlimmere Dinge geben – Schicksalsschläge, noch schlimmere gesundheitliche Probleme, aber auch wenn „schlimmer geht immer“ eine richtige Aussage ist, so kann ich dennoch sagen, dass ich mich derzeit vermutlich in der schlimmsten Zeit meines Lebens befinde, mit den entsprechenden Herausforderungen. Eigentlich wäre ich jetzt auf meiner Insel. Aus dem „Auf meiner Insel“ – Tagebuch wird daher eine Schilderung davon, wie ich das Laufen wieder lernen muss.

Das kann jedem passieren, auch wenn Menschen mit Übergewicht und Bürojob wohl eher dafür prädestiniert sind. Und es kommt aus heiterem Himmel. Danach ist nichts mehr, wie es war. Ich sitze gerade in gebeugter Haltung an einem Tisch, in einem Rollstuhl. Auf dem Sitz ein riesiges Kissen, damit ein ausreichender Winkel zum Boden besteht. Beide Beine sind steif. Sie werden im 180° Winkel durch sogenannte „Orthesen“ gerade gehalten. Ich bin seit ein paar Tagen wieder zu Hause, habe heute morgen locker zweieinhalb Stunden gebraucht, um aus dem Bett zu kommen, das große Geschäft auf einem Toilettenstuhl zu verrichten, mich zu waschen, mit einem Greifarm eine Unterhose um die Zehen zu friemeln, um diese dann irgendwie nach oben über diese Orthesen drüber zu bekommen. Und dann muss im langsamen Wackelgang das Chaos beseitigt werden. Man beschäftigt sich mit seiner eigenen Scheiße. Im wahrsten Sinne des Wortes.

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Mein Blick aus dem Krankenhausbett

Nur vier Stufen

Es geschah am 17. August 2019, abends. Ein schöner Abend. Ich möchte gar nicht so sehr auf das Ereignis eingehen. Das ist zweitrangig. Fakt ist, dass ich gegen 20:20 Uhr auf einer alten Steintreppe in Bonn an der Kante einer Stufe mit beiden Beinen gleichzeitig nach unten gerutscht bin. Es waren nur vier Stufen und ich bin auf dem Rücken gelandet. Hätte alles gut gehen können, aber die Folge war eine der langwierigsten Verletzungen, die es gibt. Ich habe sofort gemerkt, dass ich nicht aufstehen konnte, habe mich auf den Bauch gedreht, um auf allen Vieren aufzustehen – da habe ich gemerkt, dass die Kniescheiben nicht mehr da sind, wo sie hingehören. Mir war sofort klar, dass ich nicht mehr laufen kann. Ich drehte mich auf den Rücken  und sah, wie die Kniescheiben aus der Jeans hervorragten – meine Begleitung holte Hilfe. Der Kreislauf ging in den Keller, aber nach einer Flasche Wasser ging es wieder. Ich konnte meine Beine bewegen – es war also nichts gebrochen. Und es waren auch keine Bänder gerissen, denn dann hätte sehr viel stärkere Schmerzen gehabt.

Zum Glück war ich an diesem Abend nicht alleine. Eine Freundin und ihr Lebensgefährte waren schon den ganzen Abend mit mir unterwegs und waren zur Stelle. Meine anfängliche Hoffnung, es sei nur irgend etwas ausgerenkt und ich kann wieder gehen, war leider völlig daneben. Ein Krankenwagen kam und ich wurde in das nächstgelegene Krankenhaus gebracht (Das Petrus-Krankenhaus in Bonn).

Quadrizepssehnenruptur beidseitig

In der Notfall Ambulanz habe ich geschildert, was passiert war. Die Ärztin dort hatte sofort einen Verdacht. Der hat sich dann mit Ultraschall und Röntgen bestätigt: In beiden Beinen war die Quadrizeps-Sehne gerissen. Das ist eine der größten Sehnen im menschlichen Körper und sie bewirkt, dass sich ein gebeugtes Knie wieder erhebt (klassisches Beispiel: Hinsetzen, Aufstehen) und dass man in der Waagerechten sein Bein gerade ausgestreckt nach oben bewegen kann. Beides war nicht mehr möglich. Einzige mögliche Fortbewegung: Im Stand mit Krücken wie ein Roboter. Dazu wurden mir Schienen mit Klett-Verschlüssen angelegt, die unbedingt eine Knick-Bewegung verhindern sollten.

Ich wurde stationär aufgenommen, habe auf Krücken – Gegenstände, die ich an diesem Abend zum ersten Mal wirklich benutzt habe – ein kleines Geschäft im Bad meines Krankenzimmers verrichten können. Meine Freunde waren zwischenzeitlich in meine Wohnung gefahren und haben mir die wichtigsten Sachen gebracht.
Im Krankenzimmer – ein Drei-Bett-Zimmer in dem inklusive mir zwei Personen schliefen – begrüsste mich M., mein Bettnachbar freundlich. Im Zimmer ein beißender Urin-Geruch. Entweder war eine Urinflasche nicht verschlossen oder sie war sogar ausgelaufen. Dieser Geruch war allerdings nur einer von vielen Gründen, die mich nicht schlafen ließen.
Bis maximal 1 Uhr nachts sollte ich etwas trinken und nüchtern bleiben. Man müsse so eine Verletzung sofort operieren, da sich die Sehnenstümpfe sehr schnell zurückbilden. Jede Stunde, die vergeht, macht die anschließende Wiederkehr ins Leben schwerer. Und mir stünde eine lange Zeit bevor. Sechs Woche komplette 0° Beugung der Beine, danach beginnt eine Physiophase, die mehrere Monate dauern wird. Das Ergebnis ungewiss. Es kann starke Einschränkungen in der Belastbarkeit der Beine geben oder die Beine bleiben ganz oder zu einem gewissen Grad steif. Auf keinen Fall dürfen Knickbewegungen gemacht werden. Das hatte mir die Ärztin in der Ambulanz gesagt, die von einer weiteren Ärztin abgelöst wurde, die mit mir schon alles für die OP durchgegangen war. Ich weiß gar nicht mehr, wie viele Dokumente ich an diesem Tag unterschrieben und wie viele Waschmaschinen ich bestellt habe.

In der Nacht habe ich kein Auge zugetan. Mein Bettnachbar hatte mir seine Leidensgeschichte erzählt – ein ordinärer Kreuzbandriss. Dafür hatte ich kein Ohr. Dann versuchten wir zu schlafen. Mein Bettnachbar rief öfter die Nachtschwester. Er hatte Schmerzen und bekam entsprechend mehr Medikamente. Schnell hat man die Abstufungen bei den Schmerzmedikationen raus: Ibuprofen – Novalgin – Tillidin – und dann alles, was Morphium enthält. Bei mir war bei Novalgin Schluss. Dazu später mehr. Ich musste mich außerdem für eine Vollnarkose oder eine Rückenmarksnarkose entscheiden. Vollnarkosen haben natürlich das übliche Risiko – die lokale Betäubung bedeutet ein Rumfummeln an der Wirbelsäule mit Nadeln und der Möglichkeit, einen Harnkatheder bekommen zu müssen. Eine der unappetitlichsten Vorstellungen überhaupt. Aber es galt alles abzuwägen.
Die Gedanken kreisten darum, wie man es zur Toilette schafft. Auch ich hatte eine Urinflasche am Bett. Für Männer sei das ja praktisch. Könnte man denken. Also ich habe es nicht hinbekommen, in der Horizontalen zu pinkeln. Ich hatte auch nie die Gelegenheit, das mal zu üben. Durst zu stillen ist ein Luxus den man sich nicht erlauben kann, wenn man am nächsten morgen operiert werden sollte. Man würde mich, auch wenn es ein Sonntag ist, direkt operieren.

Am nächsten Morgen half mir eine Schwester auf die Beine und ich konnte ein kleines Geschäft auf der Toilette verrichten. Wie man fast horizontal auf einer Toilette liegend mit zusammen gekniffenen Arschbacken ein großes Geschäft verrichten soll – das durfte ich üben und es gelang mir erst drei Tage später. Die Schwester half mir, mich mit ausgestreckten Beinen in einen Rollstuhl zu setzen und schob mich quer vor ein Waschbecken. Was für eine Wohltat einen Waschlappen mit Seife im Gesicht und am Oberkörper zu spüren. Ich bekam direkt eine Netzhose mit Einlage und mein Operationshemd angezogen. Dann ging es wieder ins Bett zurück. Nichts essen, nichts trinken.

Die OP

Ich lag den ganzen Vormittag im Bett. Der Narkosearzt kam kurz rein und fragte mich nach meiner Entscheidung: Vollnarkose. Ich müsste allerdings noch warten. Es war ein Notfall dazwischen gekommen. Gegen 12:30 Uhr ging es dann los. Ich wurde im Bett liegend in den OP gefahren.
Die Vorbereitungen zur OP waren ziemlich aufwendig. Man bekommt mehrere Zugänge gelegt. Einen in der Hand und jeweils einen in die beiden Leisten, die aber nach der OP direkt wieder entfernt wurden. Mit diesen Zugängen wurden meine Beine extra betäubt. Dann bekam ich ein Schmerzmittel über den Zugang in der Hand. Das Schmerzmittel habe ich sofort im ganzen Körper gespürt. Dann sagte der Arzt, dass jetzt das Narkosemittel komme. Er hatte den Satz noch gar nicht ausgesprochen, da war ich auch schon weg. Einige Stunden später – in jedem Bein die Sehnen neu zu vernähen dauert ca. 1-1,5 Stunden – bin ich in einem Aufwachraum erwacht. Ich weiß noch, wie mich das Gepiepe von meinem Herzschlag fast bekloppt gemacht hat. Nach einer weiteren halben Stunde wurde ich dann auf mein Zimmer zurückgebracht. Meine Freunde vom Vorabend waren wieder da und haben mich in Empfang genommen. Das Wichtigste: erstmal etwas Wasser trinken. Und dann später konnte ich auch eine Scheibe Brot zum Abendessen essen. Bis zum kommenden Morgen bin ich vor mich hingedämmert. Die Beine weiterhin taub – nur ganz allmählich kam ein Gefühl zurück. Ich weiß noch, dass mein Zimmernachbar Besuch von gefühlt drei Dutzend Freunden bekommen hat, die dann alle zusammen Monopoly gespielt haben. Vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet. Kann auch sein.

Nachts kam dann ein weiterer Zimmergenosse. Das Zimmer war jetzt voll belegt. Der arme Kerl hatte fünf Rippen angebrochen und einen Lungenflügel verletzt. Das blubbernde Geräusch des Sauerstoffs, den er über eine Maske einatmete, der nach wie vor beißende Uringeruch und das über Tag bei mehr als 30° aufgeheizte Zimmer machten den Schlaf unmöglich.

Wie ausgekotzt

Am kommenden Morgen war dann wieder Gefühl in den Beinen. Die Schwester vom Vortag half mir erneut ins Bad und ich setzte mich auf die Toilette. Wobei „sitzen“ das falsche Wort ist. Es war mehr ein „liegen“. Die Schwester merkte, wie ich weiß im Gesicht wurde. Der Kreislauf spielte nicht mit. Mit einem Kraftakt, bei dem ich nur sporadisch mithelfen konnte, legte sie mich zurück in das Bett. Sie hatte Angst, dass ich komplett zusammenklappe. Mich dann wieder auf die Beine zu kriegen wäre eine echte Herausforderung geworden. Ich sollte es nach dem Frühstück nochmal versuchen. Ich fühlte mich wie ausgekotzt.

Kurz nach dem Frühstück kam dann ein stämmiger Deutsch-Russe von der Physioabteilung in mein Zimmer. Ohne große Vorwarnung zog ich die Bettdecke zurück und es folgte eine Mischung aus Lachen und „Ach Du Scheiße – wie macht man den sowas? Ein Bein mit der Verletzung ist ja schon eine Herausforderung. Aber beide Beine?“. Ich schilderte ihm das Problem des Toilettengangs und er spielte es mit passenden Gesten nach. „Herausforderung – Es gibt keine Probleme, es gibt nur Herausforderungen“ – Dieser dämliche BWL Erst-Semester Spruch geht mir besonders auf den Sack, denn jemanden in meiner Lage muss man nicht daran erinnern, dass er mit einer „Herausforderungen“ konfrontiert ist. Diese Herausforderung beginnt bei selbstverständlichen Alltäglichkeiten und gipfelt in dem eigenen Ärger über sich selbst. Immer wieder hatte ich mir vorgenommen, mal schwimmen zu gehen, ein paar Kilos abzuspecken, mir einen höhenverstellbaren Schreibtisch zu zulegen, überhaupt aktiver und mobiler zu werden – ich habe es immer wieder auf die lange Bank geschoben und letztendlich nichts gemacht. Das rächt sich jetzt.
Mein Physiomensch hat mich dann aufgefordert, aus dem Bett herauszukommen. Trotz noch wackeliger Beine durch die Narkose. Der Umgang mit den Krücken war die erste Lektion. Die habe ich bis heute nicht drauf. Es ist unmöglich mit zwei Krücken aus einer normalen Sitzhöhe mit gestreckten Beinen in den Stand zu kommen. Ich brauche immer eine Sitzmöglichkeit mit Armlehnen, die so stabil sind, dass ich mich hochstemmen kann. Das ging also nur am Fussende des Krankenhausbettes. Allerdings waren meine Beine wie Pudding. Die erste Physio-Session war also nach wenigen Metern auf dem Flur beendet.
Allerdings hat das zu einer wichtigen Sache geführt: ich war in der Lage, alleine aufzustehen und damit auch alleine auf die Toilette zu gehen. Ich konnte also jetzt andere, wesentliche Dinge üben. Das gelang und war der erste große Lichtblick. Eine echte Erleichterung. Der Tag verging schnell. Kein Fernsehen. Ab und an WhatsApp Nachrichten.

Halluzinationen

Dann die zweite Nacht. Die Temperatur draußen war weiter angestiegen. Wieder lag ich in meinem eigenen Schweiß. Diesmal hatte die Betäubung tatsächlich nachgelassen und gegen 3:00 Uhr nachts klingelte ich nach der lieben Schwester Anna und bat um mehr Schmerzmittel. Ich bin kein Weichei, aber das war nicht zum aushalten. Ich bekam zwei Schmerzmittel – ein flüssiges, das sofort wirkte und zwei dicke Pillen Novalgin. Die Schmerzen ließen sehr langsam nach, aber ich glitt in einer Art Trance Zustand und hatte zum ersten Mal in meinem Leben Halluzinationen. Ich lag wieder auf der Treppe, in einem Bett, links und rechts von mir ebenfalls ein Bett. Alle Gedanken kreisten darum, dass ich in der Mitte lag und nicht wie im Krankenzimmer auf der linken Seite. Das Nachtlicht im Zimmer und Gelächter draußen vom Bonner Nachtleben, Schreie aus der Entbindungsstation, ließen den Raum mit der Treppe in eine Art Rinnsaal neben einer Straße abgleiten. Als würde ich irgendwo in einer Gosse in Chinatown liegen. Total abgefahren.
Die Ursache für diese Halluzinationen konnte nur dieses Novalgin sein. Das wurde dann reduziert und Mitte der Woche wieder rausgenommen. Das war auch OK. Mit Kühlpacks auf den Knieen und normalem Ibuprofen ließ es sich aushalten. Die Halluzinationen verschwanden, aber richtig geschlafen habe ich in keiner Nacht im Krankenhaus.

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Ground Zero – Mein Bett kurz vor der Entlassung nach Hause

Das Treppentrauma

Schon am zweiten Tag habe ich alles alleine gemacht. Ich habe mir auf dem Klo liegend beigebracht, wie ich mir eine neue Unterhose anziehe und wie ich mich halbwegs sicher bewegen konnte. An zweiten Tag nach der OP war wieder eine Physio-Lektion angesagt. Diesmal brachte der Physiomensch Verstärkung in Form einer Kollegin mit. Die Lektion heute – unglaublich aber wahr – keine 48 Stunden nach der OP: Treppesteigen. Wir gingen in den Flur und die Tür zum Treppenhaus zeigte eine flache, normale Treppe, ähnlich der Treppe, die ich zu Hause zu bewältigen hatte. Die beiden Physiomenschen waren nahe bei mir. Trepp-Auf ging es sehr gut. Eine Krücke, dann roboterhafter Ausfallschritt. Ich habe das fast alleine geschafft. Runter ist das größere Problem, denn das Bein, mit dem man sich auf die nächste Stufe tastet, neigt automatisch zur Knickbewegung. Man muss also ganz genau die Abstimmung der Gewichtsverlagerung koordinieren. Das gelang nur mit Hilfe der beiden Physiomenschen. Schweißgebadet habe ich mich nach der Session wieder ins Bett gelegt. Es wurde schnell klar, dass die Bauchmuskeln und die Rückenmuskulatur wichtig sind. Ohne Bauchmuskeln würde ich nicht an die Verschlüsse der Orthesen herankommen. So habe ich Pseudo-Sit-Ups mit Hilfe eines Flex-Bandes, befestigt am Ende des Bettes gemacht. Muskelkater im Rücken und im Bauch ist seit diesem Tag mein stetiger Begleiter.

Hilf Dir selbst …

Angespornt durch das Treppensteigen habe ich mein Bett dann sehr häufig verlassen. Erst über den Flur der Station gewandert, dann durch andere Stationen, schließlich bis raus vor den Haupteingang und zur Bushaltestelle vor dem Krankenhaus. Am liebsten wäre ich einen Bus eingestiegen und weg gefahren. Meine Ausflüge fielen einigen Leuten auf und eine Physiotherapeutin sagte mir, dass ich mit den Schienen – ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Orthesen – eigentlich gar nicht rumlaufen dürfe. Diese Dinger seien nur zur Fixierung im Bett geeignet.
Das hat mir sehr zu denken gegeben und mich extrem verunsichert. Ich durfte auf keinen Fall eine falsche Bewegung machen und da war es leichtsinnig, mit diesen Dingern rumzurennen. Noch weniger habe ich verstanden, dass man mich mit diesen Dinger rumlaufen ließ. Das hat mich enttäuscht und mich sehr beschäftigt. Den halben Tag habe ich recherchiert und bin auf die Bezeichnung „Orthesen“ das erste Mal gestoßen. Ich habe das den Schwestern erzählt, auch einem der Ärzte – aber es tat sich nichts. Also ich habe selbst beim Sanitätshaus angerufen und um eine Beratung gebeten. Es gab keinen vernünftigen Grund dafür, nicht bereits jetzt diese Orthesen zu verordnen und anzulegen. Nachdem ich mir die Experten selbst bestellt hatte, ging es dann auf einmal: ein sehr kompetenter Mensch kam vorbei, maß den Beinumfang aus und wenige Stunden später bekam ich sichere Gehhilfen, ohne Klettverschlüsse, mit Stahlstreben die auch mal Luft an die Beine ließen. Eine echte Wohltat und der erste Lichtblick seit langem. Nachteil: die Dinger haben eine extrem hohen Kosteneigenanteil. Mehrere hundert Euro pro Bein. Aber das war mir egal. Ich muss mit diesen Dingern monatelang rumlaufen und wollte die bestmögliche Option haben.

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Terminator Cyborg – Stufe 1

Gedanken an Zuhause

Die nächsten Tage verliefen alle gleich. Im Krankenhaus geben die Mahlzeiten den Rhythmus vor. Der Physiomensch zeigte mir noch einige Übungen, aber irgendwie hatte er resigniert. Nicht weil ich nicht mitmachen würde, sondern weil die Zeit für eine wirkliche Arbeit mit mir einfach zu kurz war. Als ihn fragte, ob er mir zutraue, dass ich meinen Alltag bewältigen könne, wirkte er zuversichtlich. Und das war ehrlich gemeint.
Aber genau darum kreisten meine Gedanken. In den ersten Tagen nach der OP habe ich ernsthaft daran gedacht, in ein Hotel zu ziehen. Ein Arzt, der ein Gespräch dazu mit einem Besuch bei mir mitbekommen hatte, riet mir davon ab: „Darüber werden Sie sich ärgern – sie müssen bedenken, dass die dritte Woche einfacher sein wird, als die erste“. Er hatte recht. Ich bin jetzt in der dritten Woche, seit mehr als einer Woche zu Hause und ich bin in der Lage alles zu bewältigen.
Zwei Tage vor meiner Entlassung wurde ich vom sozialen Dienst gefragt, was ich bräuchte. Da ich in den ersten Tagen nichts konstruktives sagen konnte, blieb jetzt eigentlich nur eine Sache übrig: ein Toilettenstuhl. In meinem Bad wäre es unmöglich gewesen, sich zu setzen und wieder aufzustehen. Der Toilettenstuhl ist außerdem extrem nützlich, denn er dient als Brücke vom Bett in den aufrechten Stand. Da ich ein sehr niedriges Bett zu Hause habe, muss eine recht hohe Distanz überwunden werden. Ich kann ja die Beine nicht knicken. Das gelingt mir mit den großen Kissen, aus denen meine Couch besteht. Ich lege zwei übereinander, lasse mich sanft mit gestreckten Beine darauf gleiten und liege dann im Bett. Das Aufstehen funktioniert so, dass ich mir eines dieser großen Kissen unter den Hintern schiebe und mich dann auf den an Regal und Couch fixierten Toilettenstuhl, bei dem man die Armlehnen herunterklappen kann, rüberschwinge. Von dort aus kann ich dann mit Krücken in den aufrechten Stand kommen. Das ist immer sehr mühselig, aber es funktioniert.
Wer jetzt denkt, ob das Grübeln über solche Gewohnheiten im Vorfeld sinnlos ist – nicht unbedingt. Wenn man sich diverse Strategien zurechtlegt und diese dann zu Hause ausprobiert, dann ist man sehr froh, wenn eine dieser Ideen so funktioniert, wie man sich das vorgestellt hat.

(Im nächsten Teil erzähle ich noch mehr von meinen Erfahrungen im Alltag, von einem inspirierenden Zimmergenossen im Krankenhaus und von den Perspektiven, die auf mich warten.)