Auf meiner Insel – 05.09.2017

Wenn ich nicht draußen in meinem Strandkorb sitze oder gerade irgendwo in Wittdün unterwegs bin, dann sitze ich an dem großen Tisch in meinem Strandhaus und bringe die letzten noch nicht im Detail ausgearbeiteten Ideen zu meinem aktuellen Buch zusammen. Dabei steuere ich auf die Schlüsselkapitel in der Mitte des Buches zu, die ich bisher ausgespart habe und die eine besondere Konzentration erfordern. Es ist nämlich so, dass der zeitliche Ablauf durch die Nachkriegsgeschichte im Detail vorgegeben ist – ich brauche mich nicht um den roten Faden zu kümmern.

Der Lockvogel

Das im Zentrum stehende Ereignis ist nicht der Tod von Benno Ohnesorg und es ist auch nicht der Deutsche Herbst 1977 – das wichtigste Jahr ist das Jahr 1974 und der dokumentierte, unfassbare Sündenfall des westdeutschen Verfassungsschutzes. Dazu lese ich derzeit als letzte und vielleicht wichtigste Lektüre das erste wichtige Buch des Journalisten Stefan Aust, der als Autor von „Der Baader Meinhof Komplex“ und als langjähriger Chef der SPIEGEL-Redaktion bekannt geworden ist. Es ist die wichtigste Publikation von Aust und sie heißt „Der Lockvogel“. Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Mannes namens Ulrich Schmücker, der als junger Idealist die Welt verändern will, zum Kern der „Bewegung 2. Juni“ stößt, vom Verfassungsschutz angeworben und missbraucht wird und schließlich – vermutlich in Anwesenheit des Verfassungsschutzes selbst – in Berlin als Verräter von seinen ehemaligen Mitstreitern als Verräter hingerichtet wird.

Die Vertuschungen des Westberliner Verfassungsschutzes sind so umfassend, dass selbst Jahrzehnte nach der Tat diese nicht aufgeklärt werden kann. Die Tatwaffe wurde vom Verfassungsschutz beiseitegeschafft, der Kronzeuge, nach dessen Aussage im ersten Prozess die falschen Beschuldigten verurteilt wurden, bekommt vom Verfassungsschutz in der Südsee ein neues Leben finanziert und über allem die Tragik dieses jungen Mannes, allein gelassen, als Opfer für den Versuch des Staates, Terroristen steuern zu können. Die Ironie dabei: Schmücker war nur ein erster Versuch – der zweite Versuch von der Hauptperson, dem Verfassungsschutzbeamten Michael Grünhagen, alias Peter Rühl – die bis heute nicht mehr auffindbare Schlüsselperson wesentlicher Entwicklungen im Nachkriegsdeutschland – dieser zweite Versuch gelingt. Es ist die Anwerbung der Mentorin des jungen Ulrich Schmücker. Ihr Name: Verena Becker. Verena Becker ist die mutmaßliche Mörderin von Generalbundesanwalt Siegfried Buback im Jahr 1977.

Die unaussprechbare Konsequenz ist dann die Schlussfolgerung, dass der Verfassungsschutz des Mord an einem der höchsten Repräsentanten des Justizapparates gebilligt, ja sogar bewusst gesteuert hat. Die Frage, warum das einen perfiden Sinn macht, ist das, was mich umtreibt.

Die Lektüre von „Der Lockvogel“ ist spannend wie ein Krimi. Passend dazu gibt es auch eine Dokumentation – es schaudert, wenn man dieses Schlüsselereignis mit allen anderen bei Recherchen auftauchenden Widrigkeiten nahezu mühelos in Einklang bringen kann. Ich verstehe die ganzen Verschwörungstheoretiker nicht. Es hat nichts mit Verschwörung zu tun, wenn man sagt, dass die Macht hinter Macht die Demokratie als Illusion braucht, das Volk als eingerichtete Rezipienten einer einfachen Wahrheit und den Widerspruch als Hinweis auf Ungereimtheiten.

Ein solcher Widerspruch ist ein Kanzlerduell – eine glatte großkoalitionäre Farce. Aber das sei nur nebenbei bemerkt.

Hier die sehenswerte Dokumentation zum Mord an Ulrich Schmücker: