Warum es die Welt nicht gibt – Teil 3: Populistische Philosophie


Erster Teil der Rezension / Zweiter Teil der Rezension

„Dadurch, dass so viele Frauen zu den Lesungen von Richard David Precht gehen, 
ist die Philosophie kastriert worden, weil alle Frauen, die ich kenne, 
wissen gar nicht, wie er heißt.“

– Harald Schmidt

Von Peter Killert.

Markus Gabriel - Warum es die Welt nicht gibtSo, jetzt mal weg von diesem Buch. Es soll ja nur Anlass für einen wichtigeren Zusammenhang sein. Viele Argumente habe ich bereits angesprochen – jetzt bringe ich es präzise auf den Punkt. Die Welt gibt es nicht, weil die Philosophie in ihr nicht die Bedeutung hat, die sie haben muss. Ich interpretiere also jetzt den Titel des Buches mal auf eine gewisse moralische Art und Weise – wohlwissend, dass Gabriel den Titel erkenntnistheoretisch meint. Aber, so groß muss der Unterschied gar nicht sein. Ich bringe das reicht einfach in Einklang zueinander.

Ich hatte es im ersten Teil meiner Rezension bereits angedeutet – es ist auffällig, wie viele Menschen wieder nach Gedanken streben, die alles in einen großen Zusammenhang setzen wollen. Die starke Individualisierung, ausgehend von Sigmund Freud und die ihren Höhepunkt im französischen Existentialismus fand, ebbt allmählich ab. Wir sehen, wohin eine zu starke Ich-Bezogenheit führt. Das zügellose Streben nach dem größtmöglichen Profit muss Verlierer hervorbringen. Nein – wir sind bereits einen Schritt weiter. Es gibt diese Verlierer schon, es hat sie schon immer gegeben. Aber die globale Betrachtung zeigt allen ihre Existenz. Sie schreit jeden halbwegs denkenden Menschen förmlich an, einen Zustand ändern wollen zu müssen. Nur – wie soll das gehen?

Alles, was sich an normativen Ansprüchen orientiert, wird in seiner Substanz dem Egoismus entgegen stehen. Normative Ansprüche sind Abstraktionen. Die Philosophie ist die Wissenschaft der Abstraktionen. So abstrakt, dass sie für viele nicht verständlich ist. Dabei meine ich jetzt gar nicht mal „Metaphysik“, sondern es reichen Begriffe wie „Freiheit“, „Bildung“, „Sicherheit“ oder „Gesundheit“. Wann immer man marktwirtschaftliche, egoistische Prinzipien auf diese Begriffe anwendet – die abstrakte Hülle dieser normativen Ansprüche wird in solchen Prinzipien zerfallen. „Freiheit“ und „Sicherheit“ konkurrieren derzeit bei der Ausrichtung eines Blickwinkels auf die Zukunft. Die Gesundheit zeigt sich im Gesundheitssystem, in dem der Profit und nicht der Mensch zählt. Computertomographien bringen mehr Geld als die Pflege von viel zu schlecht bezahlten Pflegekräften. „Bildung“ wird in überfüllten Universitäten zur Farce, zumal wenn angehende Absolventen von Praktikum zu Praktikum hetzen, jung aber erfahren, belastbar und mobil. Pech, wer dann noch Frau ist und Kinder möchte.

(Es ist übrigens ein Zufall, dass ich dies schreibe, kurz nach dem die FDP aus dem Bundestag geflogen ist.)

Was hat das mit dem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ zu tun? Bei einer erkenntnistheoretischen Betrachtung des Titels nichts. Nur, wenn wir den Titel moralisch verstehen. Das war nicht die Intention des Autors, steht aber versteckt hinter der Tatsache, dass dieser Titel auf der Bestsellerliste steht. Das nenne ich „populistisch“ – aber im besten Sinne.

Das Buch eignet sich – bei aller geäußerter Kritik – hervorragend als Grundlage für den Einstieg in die Philosophie. Alle wichtigen Grundfragen werden unterhaltsam gestellt und plausibel abgearbeitet. Es ist also geeignet für jene Menschen, die nach bereits erwähnter Ganzheitlichkeit streben und dafür nach gedanklichem Inventar suchen. Sie suchen nach der Fähigkeit, Vernunft anwenden zu können. Das passt sogar zu dem Erkenntnistheoretiker  Gabriel. Vernunft ist das Einordnen, Abstecken, ja das Sich-Bewegen in einem Sinnfeld. Man könnte es auch den eigenen Horizont nennen, der in auch noch so erfolgreichem Egoismus zur puren Engstirnigkeit verkommen muss. Und was geht der Fähigkeit des vernünftigen Handelns voraus? Die Fähigkeit der korrekten Abstraktion. Also die Fähigkeit zu Philosophieren. Philosophie ist Logik. Mit der Fähigkeit zu Philosophieren meine ich nicht das esoterische Gelaber über den Sinn des Lebens.

Gabriel und Precht sind die Vertreter dieser „Populistischen Philosophie“. Dieser Begriff wurde natürlich verächtlich von ihren Gegner gewählt. Ich lasse diesen Begriff mal so stehen und halte es für wichtig, keinen anderen Begriff zu finden, sondern den Begriff „populistisch“ von seinem negativen Beigeschmack zu befreien. Das funktioniert dann, wenn die Sprache, mit der über philosophische Themen diskutiert wird und der Kontext von praxisorientierter Vernunft zusammenfinden.

Es gibt dafür ein gutes Beispiel das zeigt, wie die nicht gelungen ist. Und eben deswegen eignet sich dieses Beispiel für meine These: Die Tatsache allein, dass es solche Gespräche überhaupt gibt – zwischen einem Philosophen und einem Menschen, der die Theorie praktisch umsetzen können möchte – diese Tatsache ist Zeitgeist pur. In mir als Intellektuellem löst dies Optimismus aus.

Folgendes Gespräch zwischen Richard David Precht und Marina Weisband (sie hat ein präzises Gespür für die Notwendigkeit dieser praxisorientierten Vernunft) geht leider oft ins Leere. Weil der Populist im negativen Sinne bei Precht zu stark im Vordergrund steht. Dieses Gespräch schreit an einigen Stellen nach einem Diskurs und flacht immer wieder ab, weil Precht zu starr seine Themen durchzieht.

Wie wird es sein, wenn mehr Menschen sich mit dem philosophischen Inventar beschäftigen? Der Kommunikationswissenschaftler nennt so etwas eine „Shared Vision“. Was ist die Folge einer „Shared Vision“? – Der Realität wird die Komplexität genommen und vernünftiges, einsichtiges Handeln wird möglich.
Und zum Schluss: Was hat Gabriel mit Precht zu tun? Sie sind beide gemeinsam auf der Bestseller-Liste und sind populistisch. Diesmal meine ich populistisch wieder im besten Sinne. Ich würde die These vertreten, dass ein Interview zwischen Weisband und Gabriel ähnlich abgelaufen wäre … . Man kann an dem kommunikativen Teil sicher noch arbeiten.

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