Naivität ist die natürlichste Form der Neugier

Über den Lyriker Hans Abele.

Als großer Amrum-Fan schaue ich natürlich immer nach Büchern, Filmen oder sonstigen Medien zu meiner Lieblingsinsel. Dabei fällt bei einer einfachen Suche das Buch „Romanze auf Amrum – Eine Reiseerzählung mit Gedichten“ von Hans Abele ins Auge. Gefunden, gekauft, gelesen. Das Buch ist einzigartig. Nicht, weil es eine besonders spannende Handlung hätte, sondern weil es eine Liebeserklärung an Amrum, an das Leben und die Liebe selbst ist.

Von Peter Killert.

Hans Abele hat dieses Buch veröffentlicht, als er 85 Jahre alt war. Die romantische Begegnung zwischen Clemens und Anneliese, in einem IC auf dem Weg zur Fähre nach Amrum ist auch keine Jugenderinnerung. Beide sind bereits in ihrem letzten Lebensabschnitt angekommen und genießen drei Wochen lang ihre Romanze auf der Nordseeinsel Amrum. Schlüsselelement sind dabei die Gedichte von Hans Abele. Meist mit dem Vermerk „Geschrieben auf meinem Dichterbänkle“ versehen.

Würde man einem Literaturkritiker diese Gedichte vorlesen, dann würde er sie für hoffnungsvolle Gehversuche eines naiven Jünglings halten. Sprachlich mit Anspruch, aber viel zu naiv, viel zu romantisch. Da spricht noch kaum Lebenserfahrung aus den Zeilen.

Falsch, ganz falsch. Es sind die Gedichte eines alten Mannes, mit sehr viel Lebenserfahrung (unter anderem in Kriegsgefangenschaft), geschrieben mit der Naivität eines jungen Mannes. Die Frage, wie man sich im hohen Alten diese Naivität bewahren konnte, ist die Schlüsselfrage. Nicht zum Verständnis dieses Buches, sondern zum Verständnis für innere Erfüllung. Es geht dabei nicht um erfüllte Liebe, sondern um die Bewahrung der Neugier auf das Leben selbst, das sich immer wieder Begeistern für die scheinbar banalen Dinge. Alles das, was in der Tretmühle des Alltags durchfällt. Abele findet einfache, naive Verse – es sind schließlich die einzigen Verse, die zu seinen Empfindungen passen. Sie sind treffend und jenseits jeder altklugen Bewertung. Würde man das Alter des Autors einem Literaturkritiker verraten, dann würde diese Naivität zu Neugier führen: entweder hat der Autor gar keine Lebenserfahrung gesammelt oder es ist ihm gelungen, seine natürliche Begeisterungsfähigkeit zu bewahren. Geht man am Strand von Amrum spazieren, gibt es für einen Provinzmenschen wie mich Anflüge dieser Naivität. Mir, als kreativem Menschen, gelingt es vielleicht noch, diese Anflüge zu bändigen und kreativ zu kanalisieren. Wie viele Menschen sind dazu gar nicht mehr in der Lage und sitzen abends vor dem TV und lassen sich mit Stumpfsinn berieseln? Schlimmer noch – die meisten dieser Menschen würden die Gedichte eines Hans Abele als Lächerlichkeit abtun.

Abeles Gedichte sind Referenzwerke zu den wesentlichen Eindrücken, wie sie ein Mensch überhaupt nur haben kann. Es wirkt ein bisschen wie in der Fernsehserie „Jakob und Adele“ aus den 80er Jahren. Nur noch einfacher, noch reiner. Ist ein Mensch im hohen Alter zu solchen Zeilen fähig, dann ist im Leben einiges richtig gelaufen. Vielleicht ist es auch so, dass diese Reinheit ab einem bestimmten Alter wieder kommt. Egal. Ich plädiere also für die Abschaffung aller negativer Intonation, die beim Wort „Naivität“ mitschwingt. Naivität ist auch nicht kindlich. Naivität ist die natürlichste Form der Neugier. Eine naive Liebe ist daher die reinste Form von Liebe. Fragen wir uns also, wieviel Naivität wir uns bewahrt haben.

Oder, um es mit den Worten von Hans Abele zu sagen: „Wollen wir es dabei belassen, dass wir uns lieben und das unsere Herzen, solange wir auf dieser schönen Welt verweilen, sich immer in Liebe begegnen.“

Ich gehe jetzt das „Dichterbänkle“ suchen und versuche mich an naiven, schönen Versen.

Das Gedicht „Der Atem des Meeres“ von Hans Abele.

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