Ausweitung des Sichtfeldes zur Wahrnehmung des Beuteschemas oder …

… die tägliche Sichtung der blonden Maus

Wenn ich von der Arbeit nach Hause komme, dann fahre ich einen kleinen Umweg. Ich biege nicht dort von der Hauptstrasse ab, was der kürzeste Weg wäre, sondern ich fahre einmal um das Gebäude an der Hauptstrasse herum. Dort ist ein Laden. Dort gehe ich immer Einkaufen. Und wenn ich einmal um das Gebäude herumfahre, dann sehe ich, ob die blonde Maus an der Kasse sitzt und auf mich wartet. Sie weiß natürlich nicht, dass Sie nur dort sitzt, um auf mich zu warten. Mein Umweg sagt mir, das ich mich auf den Einkauf freuen kann.
Auch wenn sie nicht an der Kasse sitzt – sie ist vielleicht irgendwo in dem Laden und räumt Regale ein. Oder bestellt fehlende Ware. Oder macht eine Pause. Oder lächelt Menschen an, die an ihr vorbeigehen. Vielleicht hat sie auch an dem Tag frei. Dann wird der Einkauf Routine sein. “Nabend – in bar, nein doch mit Karte – Danke – Schönen Abend noch.”
Wenn sie da ist, dann richtig. Das kann sie gut. Das Lächeln. Auch das Vorbeigehen. Sie schwebt. Sie fliegt. Sie engelt sich durch den Tag.
Seltsam – ich werde gar nicht nervös. Ich bin oft nervös, wie ein kleiner Junge. Es mag an der Situation liegen. Ist nur Einkaufen. Man kann rumlaufen und gucken. Das machen alle in dem Laden so.
Jedenfalls, bevor ich sie im Laden suchen gehe, gehe ich kurz in meine Wohnung, achte darauf, einen frischen Atem zu haben. Mache mich frisch. Nicht übertreiben, aber vorbereitet sein. Kann ja sein, dass ich während ich unauffällig nach ihr im Laden suche und um die Ecke gehe, sie vielleicht plötzlich umrenne, ihr nahe komme. Oder vielleicht an ihr vorbeigehe. Mehrmals, aber nicht übertrieben oft. Ich bin kein Stalker oder so – nein, die blonde Maus habe ich jetzt erst entdeckt. Sie arbeitet zwar schon länger da, aber meine innere Mausefalle war sozusagen nicht aufgestellt.
Mein Umweg, wenn ich von der Arbeit komme, ist ein kleiner Umweg. Den werde ich nicht oft machen. Ich werde sie schon ansprechen oder die Situation suchen, in der ich bei ihr bin.
Ja ich werde mir einen Barcode auf die Stirn malen und mich auf das Band ihrer Kasse legen. Ich werde mir ein knackiges Höschen aus den Plastiktüten des Ladens basteln und posen. Ich werde mich auf die Motorhaube ihres Autos legen und kühn machiös lächeln, wenn sie Feierabend hat. Ich werde ihr ein Lied singen, ihr ein Epos dichten und auch sonst noch Dinge tun, die ich ganz gut kann.

Am Ende aber, werde ich das tun, was ich am besten kann. Mir denken, wie hübsch sie ist. Sie ein Teil meines Traumes sein lassen. Ihr Zugang geben, zu meinen geschriebenen Worten. Denn sie werden es sein, die mich überleben. Sie wird in meinen Worten überleben. Sie wird es niemals erfahren. Ich werde es ihr niemals sagen. Ich werde ihr niemals sagen, dass sie mir schönste Träume schenkt.

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