Fordert das Glück!

Er war zuständig für die Abzocke. Grinsend saß er in seinem Ledersessel und hörte über ein Headset ein ausgehendes Gespräch eines seiner Mitarbeiter mit.
Mitarbeiter: „Sitzen Sie gut?“
Alter Mann: „Wer ist da bitte?“
Mitarbeiter: „Frederick Schneider – ich habe die Aufgabe Sie über einen Gewinn zu unterrichten …“
Alter Mann: „Aha …“
Mitarbeiter: „Ja, Herr XXXXXXX – sie haben gewonnen.“
Für einen fünfstelligen Betrag hatte er vor wenigen Wochen eine CD mit Adressdaten und Telefonnummern von Lottospielern einem korrupten Angestellten einer staatlichen Lottogesellschaft abgekauft. Darunter auch die Kontaktdaten des alten Mannes. Diese Telefonnummern verteilte er an seine Mitarbeiter, die diese Menschen anrufen und von ihrem Glück überzeugen sollten. Die ganze Konversation behielt sich im Hintergrund die Mitteilung eines Lottogewinns vor, den der alte Mann vielleicht übersehen hatte. 12.000,- EUR habe er angeblich gewonnen.
Mitarbeiter: „Nein, ich bin nur der Sachbearbeiter. Ich kann Ihnen gar keine Details nennen. Ich weiß gar nicht, bei welcher Auslosung sie konkret gewonnen haben. Ich bin nur der Glücksbote und derjenige, der die Auszahlung veranlasst. – Ein schöner Job? Ja, in der Tat. Lieber Herr XXXXXXX – für die Auszahlung ihres Gewinns bräuchte ich dann ihre Kontonummer.“
Auch die Rückfragen des alten Mannes wurden geschickt umgangen.
Mitarbeiter: „Natürlich bekommen Sie alles auch noch einmal schriftlich bestätigt. Ich nehme an, Sie wollen auch weiterhin ihr Glück versuchen? Ich meine, sie sind doch Profi. Warum sollten sie nicht auch weiterhin Glück haben? Das Glück lässt sich durchaus fordern.
(Das „Ja“ des alten Mannes bezog sich auf die zweite Frage, nicht auf die erste – aber es war eine Antwort, die der Mitarbeiter und sein Chef als Vertragsabschluss verbuchten.)
Er trieb es auf die Spitze.
Mitarbeiter: „Also unter dem Strich wird das dann sogar günstiger für sie. Ich nehme an, sie haben nicht dagegen an einer Gruppenauslosung teilzunehmen, bei der sich ihre Chancen vervierfachen? “
Er lebt heute in seinem Bungalow auf Ibiza. Für den alten Mann gab es keinen Gewinn – den Abbuchungen von seinem Konto hat er zum Glück rechtzeitig widersprochen. Es ist nur ärgerlich, dass jetzt beinahe täglich das Telefon klingelt. Überall warten Menschen, die das Glück verkaufen wollen, um sich selbst schamlos zu bereichern. Sie bereichern sich an der scheinbaren Naivität des Gutmütigen.
Ich bin da ein wenig anders. Mein Idealismus unterscheidet sich nach Außen hin nicht von der Naivität. Mein Idealismus schließt aber auch nichts aus. Idealismus durchschaut die Hinterhältigkeit.

Meine Kampfansage ist klar: Irgendwo gibt es einen Raum. Mit ihm, mit mir und dem Glück. Sonst niemand. Für ihn wird es alles Glück der Welt bedeuten, wenn er meinem Zorn ausweichen kann. Irgendwann wird Ibiza mal mein Urlaubsziel sein.

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