Der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max FrischVon Peter Killert.

Auf meiner Liste meiner Lieblingsbücher steht „Herzzeit“, der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan, ganz oben. Jetzt gibt es eine Ergänzung zu einer weiteren wichtigen Beziehung im Leben der Ausnahme-Dichterin Ingeborg Bachmann: Der Briefwechsel zwischen ihr und dem Schweizer Schriftsteller Max Frisch, mit dem sie von 1958 bis ca. 1962 eine Beziehung geführt hatte. „Die Zeit“ feiert diese Veröffentlichung als Sensation – und das kann man nur unterstreichen. Ich habe vom Suhrkamp-Verlag ein Rezensionsexemplar als eBook bekommen und freue mich sehr, über dieses Buch etwas schreiben zu dürfen.

Wir haben es nicht gut gemacht

Es gibt nur ein einziges bekanntes Foto, das Max Frisch und Ingeborg Bachmann gemeinsam zeigt. Es ist eine Momentaufnahme, nichts Inniges. Auf diesem Foto schaut Max Frisch, Pfeife rauchend aufmerksam Ingeborg Bachmann an. Sie hat die Arme verschränkt und schaut an Frisch vorbei, so als wäre da noch eine dritte Person im Raum. Vielleicht war das ja auch so – wir wissen es nicht. Aber es zeigt die Lastenverteilung an. Zwei Drittel der Briefe in diesem Buch sind von Max Frisch. Nur ein Drittel von Ingeborg Bachmann. Am Ende der Beziehung und vor allem nach dem tragischen Tod der Dichterin, wird man Max Frisch einiges anlasten. Nach der Lektüre diese Briefe kann man sich nicht sicher sein, ob Max Frisch am Verfall der Dichterin Mitschuld trägt – im Gegenteil. Man könnte meinen, dass jeder andere Mann den gleichen Anteil an der Auflösung der Dichterin hat. Ich bekomme den Eindruck, dass wohl kein Mann dieses Abgleiten in Abhängigkeit von Tabletten und Schmerzmitteln hätte verhindern können. Beinahe dramatisch wird es, wenn die ergänzenden Briefe ebenfalls zu lesen sind, wie etwa die Briefe des Vaters von Ingeborg Bachmann, die Vorwürfe an Frisch artikulieren, denen Frisch sich mit allen sprachlichen Mitteln entgegenstellt.

Nicht nur eine besondere literarische Dimension zweier Sprachgenies wird hier geformt – es ist auch das Aufeinanderprallen zweier Welten. Der „Lebemann“ Max Frisch, Familienvater, getrennt lebend, ein Mann, der sich auf Frauen einstellen kann, trifft diese Frau, die physisch und psychisch zerbrechlich wirkt, ihre Poesie genauso zerbrechlich vorträgt, deren Worte aber so zielsicher und selbstbewusst wirken, dass jeder „Beschützer“ an dieser Mauer in dem Versuch, ein Mann sein zu wollen, abprallen muss.

In der Nacht vom 25. auf den 26. September 1973, also viele Jahre nach dieser Beziehung, kommt es zu einem Brandunfall, eine brennende Zigarette im Bett, bei dem Bachmann den Schmerz des Feuers auf ihrer Haut nicht spürt. Am Morgen ruft sie ihre Haushälterin an und bittet sie, Brandsalbe mitzubringen. Sie öffnet ihrer Haushälterin sogar die Tür – aber diese sieht bereits das Ausmaß der Verbrennungen und ruft den Krankenwagen. Bachmann stirbt einige Wochen später. Und das ist so sinnbildlich, so vernichtend metaphorisch – das innere Feuer gleicht die äußeren Wunden aus. Bis der Mensch verendet.

Martin Walser, der Ingeborg Bachmann als Autorin der „Gruppe 47“ kennengelernt hatte, war damals der Meinung, dass diese Frau „gerettet“ werden müsse. Das berichtet die Autorin Ingeborg Gleichauf in einem ihrem Buch zur Beziehung zwischen Max Frisch und Ingeborg Bachmann – als Begleitlektüre übrigens sehr empfehlenswert. Max Frisch ist diese Aufgabe angegangen. Letztendlich ist er gescheitert, aber die vielen Passagen in den Briefen zeigen, dass er viel zum inneren Gleichgewicht von Ingeborg Bachmann beigetragen hat – bisher beherrschte mehr oder weniger die gegenteilige Einordnung die Einschätzung diese Beziehung. Diese Passagen belegen, dass Frisch eben nicht der Brandbeschleuniger im Niedergang der Dichterin gewesen ist. Max Frisch war der „liebe Bär“ – literarischer Tiefgang kann manchmal fast schon niedlich sein. Und egal, wie labil, vielleicht sogar manisch-depressiv Ingeborg Bachmann gewesen sein mag – sie wusste genau um die beiden Pole ihrer Persönlichkeit und konnte sie zweifellos so einsetzen, dass Männer darin gefangen wurden.

Diese Briefe führen nicht nur zu einer Neubewertung der Beziehung zwischen Frisch und Bachmann – sie setzen auch den Fokus auf viele weitere Aspekte, die sich nicht nur auf die Literatur beziehen. Bachmann und Frisch haben eine „offene Beziehung“ geführt – ein Versuch einer romantisch-prosaischen Abkopplung der Persönlichkeiten in einer Zeit, in der solche Verbindungen noch gar nicht spruchreif waren. Das bedeutet, dass Bachmann und Frisch weitere, vornehmlich körperliche Beziehungen mit anderen Partnern und Partnerinnen hatten. Einen sehr großen Einfluss hatte wohl auch die Beziehung zwischen Hans Magnus Enzensberger und Bachmann – hier lässt sich meiner Meinung nach ein deutlicher Konflikt herauslesen. 1962 scheint Max Frisch nicht zu wollen, dass Bachmann Enzensberger als „seinen Freund“ bezeichnet. Im Juni 1963 gibt es – vier Jahre nach der ersten Begegnung zwischen Enzensberger und Bachmann – einen weiteren Brief von Frisch an Bachmann, in dem er auf die Unstimmigkeiten aus 1959 hinweist. Dieser Brief macht doch sehr deutlich, wie sehr sich Frisch insbesondere mit dieser Nebenbeziehung von Bachmann beschäftigt haben muss. Jahre später scheint es da eine Verletzung gegeben zu haben – offene Beziehungen vertragen keine offenen Wunden.

Man müsste also jetzt auch den bekannten Briefwechsel zwischen Enzensberger und Bachmann heranziehen. Der ist auch publiziert, allerdings mit großen Lücken und einer ähnlichen Einseitigkeit. Im Gegensatz zu Frisch, der der Aufforderung, die von Bachmann verfassten Briefe an ihn an sie zurückzugeben nicht nachgekommen ist (er hat diese Briefe als sein Eigentum betrachtet), ist Enzensberger dieser Bitte zum großen Teil nachgekommen. Auch müsste man den Briefwechsel mit ihrem engen Freund, dem Komponisten Hans Werner Henze studieren und alle bekannten Briefe in der richtigen Chronologie zusammenbringen. Selbstverständlich auch den eingangs erwähnten Briefwechsel mit Paul Celan. Max Frisch verehrte Paul Celan – die Verbindung dieser beiden lyrischen Größen der deutschen Nachkriegsliteratur wird von Frisch völlig akzeptiert. Ihm war klar, wie wichtig diese Verbindung für Bachmann gewesen sein muss.

Nun, es kann und es muss noch einiges über diese Verbindung geschrieben und gesagt werden. Man muss hier eigentlich viele Bücher, viele Briefwechsel parallel lesen. Ich glaube, dass werde ich auch in den kommenden Monaten immer mal wieder tun – ich bin sicher, dass sich dann noch mehr Ansichten und Einsichten ergeben werden.

Wer nach Jahrzehnten solche Briefe liest, ist natürlich ein Voyeur. Ich bin mir nicht sicher, ob die beiden Protagonisten das so gewollt hätten. Aber egal – dieser literarische Schatz ist kein Schlüsselloch. Diese Briefe stoßen die Tür in einen Raum voll längst vergangener, inniger, verletzender Zweisamkeit auf – das Inventar ist Literatur auf höchstem Niveau und schmückt unsere Vorstellungskraft.