Schatten der Vergangenheit

Im Februar 2014 habe ich eine interessante Entdeckung gemacht. Bei meiner Suche nach dem Name „Franz KIllat“ bin ich im PDF des „Ostpreussenblattes“ auf eine Anzeige gestoßen, in der der Name meines Großvaters, Franz Killat, auftauchte. Franz Killat galt 1945 als verschollen und wurde 1956 für tot erklärt. Diese Anzeige offenbarte die Möglichkeit, dass Franz Killat den Krieg vielleicht doch überlebt haben könnte. In drei Blog-Einträgen habe ich darüber berichtet, bis sich schließlich jemand bei mir gemeldet hat, der diese Vermutung ausräumen konnte … . Lesen Sie hier diese drei Blogeinträge:

 

Schatten der Vergangenheit – Teil 1, 22. Februar 2014:

Im Zuge meiner Recherchen über die Vergangenheit der Familie „Killert“ habe ich vor einigen Tagen mal nach der alten Schreibweise „Killat“ gegoogelt. In den 40er Jahren hatten die Nazis bestimmt, dass der Name „Killat“, der angeblich slawisch klingen würde (ziemlicher Unsinn, aber soll hier jetzt nicht Thema sein) in „Killert“ geändert werden müsse. Mein Großvater Franz Killat hat dies minutiös, samt Arier-Nachweis, dokumentiert.

Was also lässt sich zu Franz Killat finden? Neben den mit schon bekannten Einträgen (Adress-Register von Memel) habe ich zwei Hinweise gefunden, die unglaublich interessant sind und denen ich weiter nachgehen werde:

In diesem Leserbrief sind  zwei Dinge festgehalten, die mir komplett neu waren:
– Franz Killat war Träger der „Goldenen Verdienstkreuzes“ für Unteroffiziere im Ersten Weltkrieg.
– Franz Killat ist im April 1945 in Königsberg gefallen.

Bisher galt mein Großvater lediglich als verschollen und wurde 1956 für tot erklärt. Der Schreiber dieses Leserbriefes scheint mehr gewusst zu haben … . Die letzte Nachricht von Franz Killat kam jedenfalls nicht aus Königsberg, sondern aus Pillau (heutiges „Baltijsk“), was aber ganz in der Nähe ist. Auch der Hinweis auf die Witwe und die drei Söhne sind korrekt – keine Verwechselung möglich.
Mein bisheriger Kenntnisstand war, dass Franz Killat ein einfacher Polizei-Wachtmeister gewesen war. Das stimmt wohl gar nicht.
Jetzt ist es natürlich naheliegend anzunehmen, dass es einen zweiten Franz Killat gegeben hat, der den zweiten Weltkrieg überlebt hat. Man muss auch immer bedenken, dass es 1934 diese Namensänderung gegeben hat. Aus „Franz Killat“ war „Franz Killert“ geworden. Nach „Killert“ wurde auch gesucht – niemals nach „Killat“.

Außerdem: es mag sein, dass es noch einen zweiten Franz Killat gab – wie groß aber ist die Wahrscheinlichkeit, dass dieser mit Namen wie „Budwill“ und „Bartolitius“in Zusammenhang steht, die laut diversen Archiven beinahe Nachbarn (Tilsit) meines Großvaters gewesen waren?

Hier das komplette PDF des „Ostpreussenblattes“.
Ich möchte an dieser Stelle erklären, dass ich kein Anhänger der ostpreussischen Landsmannschaft bin und die „alten“ Ostgebiete nicht als Teil der Heimat ansehe – allerdings sind solche Publikationen interessante Quellen, die Licht in das Dunkel der eigenen Herkunft bringen.
Welche Schlussfolgerungen sich aus diesen beiden Fundstellen meiner Meinung nach ergeben, schreibe ich hier in Kürze … .

Schatten der Vergangenheit – Teil 2, 23. Februar 2014:

Ich habe mich heute den ganzen Tag mit den alten Dokumenten zu meinem Großvater beschäftigt. Es gab da einen Ordner, der einige Zeugnisse und Urkunden umfasst, den ich nur überflogen hatte. Das sind hauptsächlich Heirats- und Sterbeurkunden. Nichts Aufregendes.

Wehrpass von Franz Killat – Man beachte die Namensänderung
Einige Dokumente waren dann aber doch interessant. Es gibt da einen „Major Fischer“, dem mein Großvater im 1. Weltkrieg wohl das Leben gerettet hat. Möglicherweise steht das im Zusammenhang zu der Auszeichnung, die er im 1. Weltkrieg erhalten hat.

Franz Killat hat an der „Schlacht von Tannenberg“ teilgenommen. Es ist ein Zufall, dass dieses Ereignis im Mittelpunkt meines ersten Romans „Amor Simplex“ steht. Aber vielleicht gibt es wirklich keine Zufälle …?

Ich habe daher eigens eine Seite zur Ahnenforschung eingerichtet, auf der ich auch zur Kontaktaufnahme ermuntere. Die Fragen, die mich beschäftigen, sind dort zusammengefasst:

Aber zurück zu meinem Eintrag von gestern und den beiden Hinweisen, die ich zu Franz Killat gefunden habe: Beide Einträge sind natürlich widersprüchlich. Wenn der Leserbrief korrekt ist, dann ist mein Großvater 1945 in Königsberg ums Leben gekommen. In diesem Fall interessieren mich die genauen Umstände – denn wie schon erwähnt, diese Nachricht ist neu. Zwischen „Verschollen“ und „Verstorben“ liegt die Gewissheit. Gewissheit sind Tatsachen, die ich gerne erfahren würde.

Der zweite Eintrag, der auf einen Franz Killat aus Reutlingen hindeutet, wirft natürlich die Frage auf, ob mein Großvater unter seinem alten Namen weitergelebt hat. Wenn ja, warum hat er das getan? Dafür könnte es zwei Gründe geben:

1.) Er wollte die Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Leben beginnen. Franz Killat war bereits das zweite Mal verheiratet. Vielleicht hat er die Gelegenheit genutzt und ist aus einer vielleicht gescheiterten zweiten Ehe geflohen.

2.) Franz Killat war kein Mitläufer. Von der Oma, also seiner Ehefrau, wurde mir von meinem Vater erzählt, dass sie eine sehr naive, aber glühende Nationalsozialistin war. Angeblich hat sie bis zum Schluss geglaubt, dass „der Führer“ bis zum letzten Atemzug kämpfend für Deutschland gefallen war. Auch von einem ihrer Söhne aus erster Ehe existieren haarsträubende Briefe an meinen Vater, in dem dieser zu dieser „guten alten Zeit“ bekehrt werden soll.
Diese These – und die halte ich für plausibel – stützt sich auch auf die Funktion meines Großvaters. Er hatte einen militärischen Dienstgrad und war darüber hinaus zuletzt „Hauptwachtmeister der Landespolizei“. Diese sogenannte „Schutzpolizei“ war für die Organisation all der Dinge verantwortlich, die der Deutschen Geschichte zurecht wie ein Makel anhaftet. Er wäre mit Sicherheit niemals in Gefangenschaft gegangen – man hätte mit ihm kurzen Prozess gemacht. Taucht dann der Name Anfang der 60er Jahre in einer Todesanzeige auf – wem würde das schon auffallen? Heute fällt es auf, denn das Internet stellt Zusammenhänge her, die jahrzehntelang verborgen waren.

Schatten der Vergangenheit – Teil 3, 25. Februar 2015:

Es gibt eine wesentliche Neuigkeit in Sachen Ahnenforschung. Ich hatte ja vor gut einem Jahr einen Hinweis darauf gefunden, dass mein Großvater, der gegen Ende des Krieges als verschollen galt, möglicherweise unter dem Namen Franz „Killat“ (die ursprüngliche Schreibweise von „Killert“) in Reutlingen nach dem Krieg noch gelebt haben könnte. Ich habe da auch einige Mutmassungen angestellt, warum das so gewesen sein könnte.

Seit gestern ist klar, dass diese Vermutung falsch ist. Ein Verwandter eines Franz Killat aus Reutlingen hat mir per E-Mail einige Hintergrundinfos zukommen lassen – der Franz Killat aus Reutlingen stammte ursprünglich aus Tilsit und ist ca. 15 Jahre nach meinem Großvater geboren worden. Tilsit und Memel liegen nahe beieinander. Auch wenn der Name „Killat“ in den verschiedenen Registern häufiger auftaucht – das ist dennoch ein sehr ungewöhnlicher Zufall.

Damit steht zweifelsfrei fest, dass es zwei Franz Killats gegeben haben muss und dass mein Großvater vermutlich wirklich 1945 in der Nähe von Königsberg umgekommen ist.

Zwischenzeitlich habe ich auch eine Seite gefunden, in der Personenlisten von 1945 aufgeführt sind. Zu Franz Killat gibt es in einem Archiv in Kaliningrad einen Eintrag. Möglicherweise erfahre ich so, wo Franz Killat zuletzt gesehen worden ist. Ich habe einen Auszug aus diesem Archiv angefordert – das kann aber wohl mehrere Wochen dauern, bis ich etwas erhalte. Die Arbeit wird von Ehrenamtlichen gemacht.