Augenschein

Er wird kommen, der Moment am Ende aller Tage
Wo wir uns gegenüber stehen im Augenschein
Einer wird sie stellen, die entscheidende Frage
Nach dem Sinn und Zweck von Leben und Sein
Der Augenschein hat uns verleitet
Zu Erstreben die Form, die Gestalt
Welche uns für uns Träume bereitet
Aufzugehen in Norm und Gehalt.
Aufzuschauen uns nicht zu sehen wie wir sind
Sondern jenes was wir zu sein glauben
Ein Trugbild schon gepflanzt ins Kind
Musste uns die Wahrheit rauben
Die Wahrheit ist im Augenschein 
da gibt es keine Frage
Niemand wird Dir Gegenüber sein
Schon gar nicht im Moment am letzten Tage
Sie haben sich verloren an Dir
Im Augenschein sind sie gegangen
Beschäftigt mit der Täuschung selbst an sich
Vergessen haben sie in allen Tagen – Dich.
Im Augenschein bist Du verloren
Weil Ehrlichkeit die gibt es nicht
Die Täuschung hat Dich auserkoren
Nur in Dir da strahlt das Licht
Dein Licht in Dir zeigt nicht das Bild
was andere von Dir Erwarten
So schaue nach und sei gewillt
Im Innern bist Du gut geraten
Den Augenschein zu Ignorieren
Mit jedem Makel nur Du selbst zu sein
Das Auf und Ab zu konjugieren

Wird Dich Erleuchten im Augenschein.

Die Zeit der Störche 3

Simone würde ihn eh erstmal warten lassen. Marcel fand, dank des Internets, jemanden in der Nähe, der sich mit Störchen auskannte. Er beobachtete sie seit Jahren und konnte vielleicht sagen, ob ein kleiner Schwarm weiblicher Störche noch unterwegs war.
„Unwahrscheinlich … „, sagte dieser Experte.
„Aber man kann nie wissen.“
Wenn man wartet, dann stirbt nicht die Hoffnung zuletzt – sie stirbt dann, wenn man sich entschließt, das Warten zu beenden.
„Also wenn in den kommenden fünf Tagen nichts passiert, dann wird der Storchenmann alleine bleiben.“
Vier Tage lang schlief Marcel nicht richtig. Alle paar Minuten wachte er auf und schaute mit einem Nachtsichtgerät, welches ihm sein Großvater vererbt hatte, auf das Dach des Hauses mit dem Storchennest. Dort stand regungslos ein männlicher Storch und wartete. Er wartete.
Am morgen des vierten Tages schlief Marcel während des Unterrichts ein. Der Lehrer bemerkte dies und machte irgendwelche verächtlichen Bemerkungen darüber, dass man nachts besser schlafen sollte. Marcel wurde ausgelacht, als er davon erzählte, dass er ein Storchennest beobachtete und dass er momentan von der Ungewissheit geplagt sei, ob der Storchenmann zum ersten Mal in seinem Leben allein bleiben sollte. Der Lehrer machte noch weitere abfällige Bemerkungen. Der Lehrer mochte es, wenn er Lacher platzieren konnte.
Simone ging in die Parallelklasse und hörte nebenbei, wie man über den Storchen-Spanner Marcel lachte.
„Mit was für einer Scheiße der sich beschäftigt.“
Die, die über Marcel lachten, schickten sich Videos auf ihre Smartphone. Sie zeigten den schlafenden, übermüdeten Marcel, wie er von seinem Mitschülern traktiert wurde. Bespuckt mit Papierkugeln.
Simone sah an diesem Tag, wie Marcel alleine nach Hause ging. Sie wäre ihm am liebsten um den Hals gefallen, hätte aufhören wollen, ihn zappeln zu lassen.
Sie tat, es als am fünften Tag abends aufgeregt vor ihrem Haus stand, von seinem Fahrrad noch bevor er zum Stillstand gekommen war, abgesprungen war und sie aufforderte, mitzukommen …
Und jetzt? Sie wollen wissen, ob es die Storchenlady geschafft hat? Ob Marcel und Simone …?

Ja, alles OK, alles im grünen Bereich. Die beiden passen gut zusammen – sehen sie selbst. Das Klappern ist das, was das Umarmen, die Freude, ersetzt:

Die Zeit der Störche 2

Und auch ein paar Tage später waren die Störche das wichtigste Thema.
„Meinst Du, sie kommt noch?“
Marcel interessierte sich nicht wirklich für Simones Frage. Es war Mai, es war warm draußen. Sie lagen auf einer Wiese vor dem Haus. Simone trug einen Bikini. Wenn ihre Mutter das gesehen hätte, sie gerade 15 geworden, mit ihrem ersten Freund im Frühling auf einer Wiese.
„Die ist halt wie alle Weiber. Sie lässt ihn zappeln …“
Simone kniepte die Augen zusammen und sendete etwas, das wie ein Lächeln aussehen sollte an Marcel. Der wollte sich gerade über sie beugen.
„Oder sie hat es nicht geschafft. Wie lange muss das Männchen warten? Zwei Wochen? Drei Wochen?“
Marcel sah sich genötigt, sich an sein Referat zu erinnern. Ein gutes Referat, keine Frage. Aber jetzt, war etwas anderes wichtig. Keine Zeit für Störche. Marcel kam ihr näher.
„Was macht er denn, wenn sie nicht kommt? Du hast doch gesagt, die Störche waren zusammen, seit Du denken kannst. Das wäre doch furchtbar.“
Marcel ging wieder auf Distanz. Das war vermutlich nur ein Test von ihr. So wie das Weibchen das Männchen warten ließ, so wurde er jetzt getestet.
In Wirklichkeit interessierte sich Simone tatsächlich für das Schicksal der Störche. Und sie hatte große Angst. Vor dem ersten Mal. Aber das sagte sie nicht. Irgendwie, aus einem nicht näher zu bestimmenden Grund dachte sie sich, die Angst geht weg, wenn sie das Storchenpaar beisammen weiß.
„Ich glaube, manche Storchmänner suchen sich ein neues Weibchen.“
Vor die Frühlingssonne schob sich eine Wolke. Simone stand auf und ging nach Hause. Sie liess einen völlig überforderten Marcel mit dem Satz zurück. „So einfach machst Du es Dir also …“
Marcel, gerademal 16, war drauf und dran die entscheidende Lektion im Umgang mit Frauen zu lernen. Aber jetzt musste er noch ein bisschen mehr recherchieren. Drei Wochen waren beinahe vorbei.
Er radelte ins Nachbardorf. Auch dort gab es ein paar alte Storchennester. Überall, wo er hinschaute, balzten klappernd Storchenpaare. Kein Männchen war allein. Er schaute in die Himmelsrichtung, aus der die Weibchen kamen. Kleine Gruppen schienen ein wenig Verspätung zu haben. Es bestand vielleicht noch ein wenig Hoffnung.
Wenn man doch irgendwo nachschauen könnte. Wie auf einem Wetterradar. Wenn man doch das Radio einschalten könnte und eine Nachricht bekäme, von einer Gruppe Storchladies, die eine Thermik über dem Felsen von Gibraltar verpasst hatten und die nur ein wenig Verspätung hatten. Wenn doch nur einer sagen könnte, dass sich – egal, wie es ausging – eine Panik nicht lohnte, dass er nichts machen konnte.
Ausser tiefergehenden Recherchen zu einem uralten Referat. 

Ja, man muss schon eingehend zurückblicken, um erwachsen zu werden …

Die Zeit der Störche 1

Wenn sich ein Storchenpaar findet, dann bleibt es ein Leben lang zusammen. Hat es ein Nest gebaut, dann kehrt es Jahr für Jahr an dieses Nest zurück, baut es neu, vergrößert es, macht es schöner. So kann es 30 Jahre und länger gehen.
Als Marcel klein war, hat ihn das nicht interessiert. „Die Störche sind wieder da“, sagte sein Großvater an seinem achten Geburtstag. Daran erinnerte sich Marcel, denn es war eine der letzten Erinnerungen an seinen Großvater.
Mit vierzehn schrieb er für den Biologieunterricht ein Referat über das Storchenpaar, dessen Nest er von seinem Zimmer im Dach mit dem großen Fenster sehen konnte. Er erklärte, dass alle Störche klappern, dass es viele andere Storcharten gibt, die wir gar nicht kennen, da sie nicht wie die uns bekannten Störche Zugvögel sind. Er erklärte, dass es Störche auf fast allen Kontinenten gibt. Und die ewige Treue des Storchenpaares nutzte er als Einleitung für den Mythos des Klapperstorches, der die Babys bringt. Welches Tier sonst eignete sich dafür? Die Treue, die Fürsorge, das Erweitern des Nestes Jahr um Jahr … Marcel erläuterte biologische Tatsachen und Mythos so gut ineinander verwoben, dass sich schon die zweite tiefe Erinnerung seines noch jungen Lebens mit den Störchen verband. Es war das beste Referat, dass er je gemacht hatte. Das wollte er noch öfter erleben. Anerkennung. Die erste Anerkennung für seinen Verstand erlebte er mit diesem Referat über die Störche.
Die Liebe der Störche kann aber auch furchtbar traurig sein. Störche sind Segelflieger. Sich in die Luft zu erheben oder in der Luft aus eigener Kraft zu bleiben, wenn die Sonnenwärme und ihre Thermik keinen Aufwind erzeugten – diese Gemeinheit der Natur kostet jedes Jahr tausenden Störchen das Leben. Besonders dann, wenn sie das Mittelmeer überqueren und selbst bei Gibraltar eine relativ kleine Strecke über Wasser, wo es keine Aufwinde gibt, überbrücken müssen. Reicht die Kraft, aufgezehrt von der tausende Kilometer langen Reise über den afrikanischen Kontinent, nicht aus und touchiert der Storch das Wasser, dann ertrinkt er. Störche können nicht schwimmen.
So kann es passieren, dass das Männchen, welches drei Wochen vor dem Weibchen beim Nest ist und alles für die Ankunft des Weibchens bereitet, das Nest inspiziert, ausbessert, einen Nahrungsvorrat anlegt, auf das Weibchen vergeblich wartet. 

Als Marcel 16 war erzählte er dies seiner ersten Freundin Simone. Die war mit Marcel das erste Mal alleine in seinem Zimmer und überbrückte die Unbeholfenheit der beiden mit einer Frage zu dem leeren Storchennest. Die Unbeholfenheit durch Nicht-Wissen, kann peinlich sein. Die Unbeholfenheit reiner Theorie und die Unfähigkeit, diese Unbeholfenheit zuzugeben, ist vermutlich die letzte Barriere, die das Kind von dem Erwachsenen trennt.