Im Portrait: Atmosphärischer Jazz von NICOLE JO

Jazz! – Ich muss ja zugeben, dass ich nicht unbedingt der Jazz-Fachmann bin. Meine bescheidene Zuneigung zu Jazz orientiert sich an einfachen Compilations von den Größen des Jazz und der immer wiederkehrenden Überraschung, wie viele bekannte Melodien und Stimmungen über diese Musik transportiert werden. Meinen großen Schritt vom Banausen zum Fachmann können Sie mit mir in dieser Rezension gemeinsam gehen  – Hier ein Portrait von NICOLE JO, die erst vor wenigen Wochen mit GO ON ihr fünftes Album veröffentlicht haben.

Von Peter Killert

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NICOLE JO ist ein Quartett aus dem Saarland – im Mittelpunkt Nicole Johänntgen und ihr Saxophon. In Szene gesetzt wird die Musikerin von ihrem Bruder Stefan Johänntgen, Pianist und für die Soundcollagen der Band verantwortlich, sowie den beiden renommierten Musikern Christian Konrad am Bass und Elmar Federkeil am Schlagzeug – beide haben sich auch ausserhalb von NICOLE JO in verschiedenen Musikproduktionen ebenfalls einen Namen gemacht. Atmosphärischer Jazz nennt die Band ihre Musik, die sie seit 1998 gemeinsam produzieren und die jetzt bereits mit der fünften CD dokumentiert ist.

Ich gebe es zu – als mir Nicole Johänntgen das neue Album zugesendet hat, habe ich geantwortet, dass ich vor einer Rezension die Musik erstmal auf mich “wirken lassen” muss. Das war glatt gelogen. Ein Durchlauf der CD hat gereicht und mein Urteil stand fest. Das “wirken lassen” bezog sich eigentlich mehr auf das Finden einer passenden Einordnung dieser Musik und ihrer Faszination – und welcher Journalist gibt schon gerne zu, dass er noch so gar keine Ahnung hat, wie er die Musik beschreiben soll? Ich hatte schon erwähnt, dass ich ein Banause bin, was Jazz angeht? Manchmal sind Banausen wie Jungfrauen, die trotzdem mitreden wollen.

Also schaue ich mir die Band genauer an. Die exzellent gemachte Homepage von NICOLE JO macht es einem Rezensenten dann doch ein bisschen einfacher. Und zum Glück gibt es da auch noch YouTube. Da gibt es einige schöne Videos, die die Band in Aktion zeigen. NICOLE JO sind nicht nur eine Studioband – Jazz lebt auf der Bühne und das kommt selbst bei YouTube ganz gut rüber. Auch wenn Nicole Johänntgen im Mittelpunkt steht – die einzelnen Instrumente umrahmen ihr Saxophon, tragen es förmlich. Nicole Johänntgen gibt nicht den dominanten Ton an, wohl aber die Richtung und ihre Männer folgen ihr. So muss das ja auch sein;-)

Mal geht es ein bisschen schneller zu, beinahe schon rockig, dann wieder ruhiger, fast hin zu einer Ballade und man verliert sich in einem Moment des Innehaltens. Wenn ich die Augen schließe und das “wirken lassen” in Worte fasse: das ist wie in einer schillernden Metropole, ein bisschen wie ein Davonlaufen (“Run”) und zum Luftholen flüchten wir in eine Seitenstrasse, in einen kleinen Park vielleicht (“Time”), aber dann geht es direkt weiter, keine Ruhe, das Spiel wird schneller. Hat man sich eben noch treiben lassen, ist man jetzt wieder der Getriebene, ein bisschen benommen, trunken vor Eindrücken (“Brachial”).

Dann wieder ein Eindruck, der Dich packt und mitreisst. Ich bin in den letzten Jahren einige Mal in New York gewesen. Wenn es einen Schalter gäbe, der das Treiben einer solchen Stadt eben auch mit den paar ruhigen Plätzen dort in der Metropole in Musik verwandeln würde, er wäre der Schalter des MP3 Players, der GO ON startet und mich durch die Metropole leitet. Irgendwie, denn da ist Struktur, Geradlinigkeit, Melodie mit Wiedererkennungswert (“Smile”, mein persönlicher Lieblingstrack), aber auch Improvisation und immer ein Mindestmaß an Harmonie. Ein roter Faden wird immer wieder aufgenommenen, in ähnlichen, zueinander passenden melodischen Ansätzen. Das macht die Musik dann auch für mich greifbar und aus dem Album etwas Kompaktes. Ich bin jetzt ein Kenner. Wer GO ON kennt, kennt ein gutes Beispiel für guten Jazz.

Auf GO ON gibt es übrigens einen Hidden Track, ganz am Ende.

Und wer mir nicht glaubt, der glaubt vielleicht einem Nils Landgren (ein Name, der sogar mir bekannt ist  ): “Nicole is not scared to take it all the way out no matter what the direction is. She is a brave woman and a wonderful musician with a big heart and a smile on her face. I think she´s just great.”

Nicole Johänntgen geht ihren Weg, übrigens auch außerhalb ihrer Band. Ab Juli wird sie einmal im Monat eine Radiosendung bei Radio LoLa (Zürich) moderieren. Und meiner Meinung nach, werden wir noch einiges von der jungen Dame in Zukunft hören

Das Glück ist manchmal eine Floskel

Glück ist manchmal eine Floskel. Man sagt, es liege im Moment, im Augenblick. Nur der sei wichtig. Nur der sei greifbar. Vielleicht ist dieser Gedanke, der einzige konsenzfähige zwischen Glaube, Hoffen und Wissen. Glück ist damit klein, damit es in die Nischen dieser großen idealen Eckpfeiler passt. Glück ist ein Baustein. Glück ist ein Moment, ein weiterer Moment und es ist all das, was sich von Außen nach Innen trägt.

Es beginnt an einem Morgen, Sonnenschein, wunderschönes Farbenspiel der Wolken am Himmel. Es ist draußen nicht zu warm, nicht zu kalt, es ist kein unnötiger Lärm, es ist nichts da, was von dem Moment abhält. Du stehst am Küchenfenster.

Das Brötchen schmeckt besonders gut. Ein wenig knackig, warm, weich – ich weiß schon, warum ich mir diese Kaffeemaschine gekauft habe und warum nach langem Probieren genau dieser Kaffee so gut schmeckt. Da ist nichts, was meine Aufmerksamkeit in diesem einen Moment ablenkt.

Manchmal draußen ein wenig Wind, ich fahre zur Arbeit, zu einem Besuch, zum Einkaufen – egal. Kein anderer Mensch macht mir so schnell den Moment an den Gedanken zuvor streitig.
Die Welt duftet. Nichts menschengemachtes stinkt. Die Ampel bleibt auf grün, ich kann weiterfahren. Ein anderer gewährt mir Vorfahrt, meine Quittung ein Lächeln, auch einen Moment, für den anderen.
Alles geht von der Hand, alles passt. Selbst Überraschungen passen in das Konzept der Aneinanderreihungen von Momenten.

Du bekommst Deinen Lieblingswein im Supermarkt, Du triffst jemanden, den Du schon lange nicht mehr gesehen hast und den Du jetzt endlich mal wiedersiehst. Du hörst von einer alten Schulkameradin, die jetzt Mama ist. Auch Deinen alten Eltern geht es heute gut. Du stehst über den Dingen, die von Leuten gesagt werden, die über ihnen zu stehen vorgeben wollen – und nicht bei Dir sind. Nicht wirklich und auch nicht, im übertragenen Sinne. So wie Du jetzt gerade bist, ist die Aneinanderreihung von Momenten eine Gerade. Der schnellste Weg zwischen dem Zweifel und seiner Auslöschung.

In den Nachrichten sagen sie, sie haben das Leck der havarierten Bohrinsel geschlossen, die Tsunami Warnung eines Erdbebens wurde zurückgezogen und der Junge, der mit Waffen in die Schule gegangen war, konnte eines besseren belehrt werden. Man wird das diskutieren und zu Schlussfolgerungen kommen.

In dem tausendfach gehörten Song Deiner Lieblingsband entdeckst Du etwas neues. Und der andere Schriftsteller, der parallel zu Deinen Lieblingsautor gelebt hat, ja der sogar mit ihm befreundet war, schreibt vorzüglichste Sätze, die Du noch nie zuvor gelesen hast. Du kanntest ihn gar nicht. Ja, Du erfährst, dass es sogar einen Briefwechsel zwischen beiden gibt, auf den Du Dich freuen kannst. Gerade neu erschienen. Schon heruntergeladen. Die Leselampe an.

Begleitend dazu ein Konzert im Fernsehen an einem Abend mit gleich vielen Konzerte, eine andere Konzertband verschenkt ein paar Songs auf ihrer Homepage und sie landen auf Deinem Player, um sofort parallel zum Lesen eines neuen Lieblingsbuches gehört zu werden.

Jetzt ist das Glück das Eröffnen von Horizonten.

Ein Gewitter kündigt sich an. Es gibt den Kerzen in Deiner trockenen Wohnung noch mehr Bedeutung. Der Tag klingt aus, das Bett duftet.

Jetzt ist das Glück all das, was fehlt, was dir sonst den Gedanken an schöne Träume verstellt.

Glück ist das Suchen nach Kleinigkeiten, die zusammen ein großes Bild ergeben. Glück ist das Finden von passenden Puzzleteilen eines Bildes, welches man ´Ich´ nennt. Glück? – Glück ist manchmal eine Floskel.

Der Wettkampf der Fassadenkletterer

Nur wenigen Menschen ist die Geschichte der Fassadenkletterer bekannt, die nachts auf der Rückseite eines unglaublich hohen Wolkenkratzers eine der größten Städte der Welt ihren Wettbewerb austrugen. In einem nächtlichen Zeitfenster von 3:00 bis 4:40 Uhr waren die Leuchtstrahler, die sonst den Fassaden der Skyline ihren Glanz gaben, ausgeschaltet – zum Abkühlen oder für Wartungsarbeiten.
Einige wenige Menschen wussten von diesem Wettbewerb, der sich jede Nacht ereignete. CARUSO und CHANSON hießen die beiden Kontrahenten – es waren ihre Künstlernamen. Die wirklichen Namen der beiden Ausnahmekletterer, kannte niemand.
Der Wettbewerb zwischen den beiden war nach vielen Wochen immer noch nicht entschieden. Mal war CARUSO vorn, mal CHANSON. Der Wettbewerb selbst war sehr einfach gehalten: es kam darauf an, wer zuerst auf dem Dach des großen Wolkenkratzer ankam. Die Zeit war durch die Vorgabe der Leuchtstrahler begrenzt. Weit über hundert Stockwerke in etwas mehr als eineinhalb Stunden. Je nach dem wie die Äußeren Umstände waren, kam es nicht selten vor, dass keiner der beiden in einer Nacht den Wettbewerb gewinnen konnte.
Es war zwar dunkel, aber die gut drei Dutzend regelmäßigen Zuschauer – es waren am Boden haftende Nachtschwärmer, einer von Ihnen war ich – hatten sich Brillen mit Restlichtverstärkung und Vergrösserungsfunktion gekauft. Sie konnten also immer sehen, wo sich die beiden Kontrahenten gerade befanden.
Es stand unentschieden zwischen beiden. Und es kursierte das Gerücht unter den Zuschauern, dass an diesem einen lauen Sommerabend der alles entscheidende Wettbewerb stattfinden sollte. Die beiden hatte sich noch nie persönlich getroffen, denn sie erklommen immer im Wechsel, der eine von rechts, der andere von links, den Wolkenkratzer. Es war also immer eine besondere Spannung zwischen den beiden, die auch von diesem Nicht-Kennen genährt wurde. Beide waren mit einem Seil gesichert. Natürlich hätten sie sich auch zugetraut, ohne Sicherung zu klettern. Es war nicht die Gefahr, die sie abhielt, sondern beide wollten aufrichtig nicht, dass der jeweils einzige würdige Konkurrent verloren gehe würde.
An diesem letzten Abend des Wettbewerbs schien alles perfekt zu sein. Es waren ein paar mehr Zuschauer zu gegen, die sich auf den Wiesen und Vorplätzen des Wolkenkratzers verteilt hatten. Mit diesen komischen Brillen sahen die Zuschauer aus wie Außerirdische. Wie bei einem Flashmob schienen alle gleichzeitig auf den Wolkenkratzer zu schauen – für nicht Eingeweihte ein bizarres Schauspiel ohne Mehrwert.
CHANSON auf der rechte Seite legte los. Er besaß eine Wahnsinnskraft in den Fingerspitzen und konnte sie mühelos mehrere Stockwerke hintereinander schnell heraufziehen. CARUSO hatte starke Zehenspitzen, die ihre Kraft auch auf den noch so kleinsten Vorsprung konzentrieren konnten. Beide waren klein und athletisch, leicht, ganz leicht …
CHANSON zog sich also gleich mehrere Stockwerke hinauf und hatte schnell eine Höhe erreicht, bei der ein jeder Zuschauer seinen schnellen Vorsprung sehen konnte. Aber das war keine neue Situation. Ein Sprint am Anfang kostet Kraft und der strategische Vorteil ist äußerst fraglich.
CARUSO hatte ihn schnell wieder eingeholt und so entwickelte sich über eine Stunde hinweg ein recht langweiliger Zweikampf, bei denen beide immer nahezu gleichzeitig ein Stockwerk nach dem anderen erklommen. Dann waren es noch etwa zehn Stockwerke. CHANSON, der vielleicht minimal über etwas mehr Kraftreserven zu verfügen schien, wurde von einer Windböe erfasst und rutschte ab. Da die Windböe von rechts kam, überraschend, konnte CARUSO auf der linken Seite von dem Missgeschick profitieren. Die kurze Zeit der Vorwarnung reichte aus, um die eigene Kraft auf den Halt zu konzentrieren und um dem Druck der Windböe standzuhalten. Für einen Moment wollte CARUSO jetzt richtig Gas geben, denn das war seine Chance, den großen Wettstreit für sich zu gewinnen. CHANSON war von der Sicherung zehn Stockwerke tiefer gefangen worden. Der Rückstand war also größer als die Anzahl der noch verbleibenden Stockwerke.
Wie armselig wäre der Ruhm für CARUSO also ausgefallen, wenn er diesen Vorteil genutzt hätte. Er überlegte also einen kurzen Moment. Er könnte warten, aber auch das wäre nicht fair gewesen. Denn durch das Warten hätte er ebenfalls einen Vorteil, konnte er sich doch ausruhen, während CHANSON doppelt Kräfte verbrauchte. Nein, er wählte den einzig fairen Weg, um wieder einen Gleichstand zu erzielen: er ließ sich ebenfalls zehn Stockwerke fallen. Was nicht ganz Risikolos war, denn diese Sicherung ist ja eigentlich nur für den Notfall gedacht – ihre Tragfähigkeit sollte nicht über die Maßen unnötig strapaziert werden.
So war also wieder ein Gleichstand hergestellt, der sich aber schnell zu Gunsten von CHANSON änderte. Denn nach fünf weiteren Stockwerken schien der Wind gedreht zu haben. Diesmal wurde die linke Seite von einer Windböe erfasst. Da die Sicherung noch nicht wieder die voll Spannkraft erreicht hatte, fiel CHANSON beinahe fünfzig Stockwerke nach unten, bevor er aufgefangen wurde.
Jetzt witterte für einen kurzen Moment CARUSO seine Chance und kletterte tatsächlich weiter. Aber auch diesen stolzen Sportsmann überkam schnell die Frage nach dem Ruhm, den er sich erarbeitete und der ohne eine deutlich sportliche Überlegenheit nichts wert war. Also ließ auch er sich nochmal fallen. Beide waren jetzt wieder am Ende des ersten Drittels der Stockwerke angekommen. Die Zeit war jetzt längst der entscheidende Faktor geworden. In den noch verbleibenden zwanzig Minuten bis zur erneuten Einschaltung der Fassadenbeleuchtung und bis zum kurz darauf auftretenden Eintreffen der Polizei und der Feuerwehr, war es nicht mehr möglich, den Wettkampf zu Ende zu führen.
Nun, beiden hätten sich, wenn sie sich über solche Dinge mal abgesprochen hätten, auf den Boden abseilen lassen können und am kommenden Tag den Wettbewerb neu starten können, aber weil eben genau diese Absprache fehlte, war das nicht möglich.
So gab es nur noch einen einzigen Weg, den Wettkampf zu entscheiden. Wer von beiden würde es schaffen, die Stockwerke am schnellsten nach unten zu klettern. Sicher war der Wettbewerb dadurch ein wenig ad absurdum gebracht, so als würden die Mannschaften gegenseitig versuchen, möglichst viele Eigentore zu schiessen. Wenn sich die Mannschaften aber gegenseitig daran zu hindern versuchen, in dem sie beide eben genau dieses Ziel verfolgen, dann wird das Spiel schon wieder interessant.
Aber – zur Überraschung aller: keiner der beiden kletterte auch nur ein einziges Stockwerk nach unten. Weil sie es nicht konnten. Keiner von beiden. Mehr noch – es kursierte später das Gerücht, beide seien Höhenkrank und völlig unfähig, einen Abstieg körperlich umzusetzen. Die Argumente für dieses Gerücht waren naheliegend. Sie mussten zum ersten Mal nach unten schauen, sie mussten die Kraft in den Beinen auf untrainierte Muskeln verlagern und sie mussten ihre Kraft nutzen, um der Erdanziehung eben nicht vollends entgegenzuarbeiten, sondern nur so viel, das einzelne kleine Schritte möglich waren.
Die großen Helden CHANSON und CARUSO verkümmerten so in den Stockwerken des Hochhauses als Verrückte, lebensmüde Möchtegern-Artisten – die Bewunderung für sie wich in Unverständnis; niemand der später von der Polizei befragten Zeugen gab zu, diesem Wettkampf schon länger in den vergangenen Wochen beigewohnt zu haben. Mehr noch: ohne meine Aufzeichnungen hier, wäre das Treiben der beiden besten Fassadenkletterer aller Zeiten unerkannt geblieben.
CARUSO klettert jetzt irgendwo auf einem anderen Kontinent, wann immer er kann, in mittelgroßen Felswänden, schaut immer noch nicht nach unten. CHANSON ist jetzt Fallschirmspringer. Kein Mensch auf der Welt kennt sie aber mit ihren Künstlernamen als Fassadenkletterer.

Sie haben sich selbst nie wieder gesehen. Nachahmer gibt es keine – und die Frage, ob das für das Publikum der beiden gut oder schlecht ist, lassen wir genauso unbeantwortet, wie den Wettkampf der beiden.