Auf meiner Insel 47

Mir folgen die Raben

Wenn ich zu Hause an meinem Schreibtisch sitze und das Rollo des Fensters, neben dem ich sitze nach oben ziehe, dann schau ich auf das Haus gegenüber. Das Dach dieses Hauses hat eine alte Fernsehantenne. Auf dieser Antenne und auf dem Giebel des Schornsteins direkt daneben, sitzen nicht selten zwei Raben. Sie schauen auf den Dorfpoeten, der dort sitzt, denkt, schreibt und sich in den Blick der Raben hineindenkt. Sie schauen hinein in das Fenster.

DieRaben

Warum eignen sich die Raben so vorzüglich als Boten von Gedanken? Warum sind die Raben in der Mythologie die wohl interessantesten Vögel? Es sind intelligente Tiere, die gut auf sich aufmerksam machen können. Es sind Tiere, die ich bemerke.

Wenn ich meinem geistigen Refugium bin, dort auf den Balkon gehe, endlose Kilometer in die Ferne blicken kann, hier auf meiner Insel, dann sitzen dort auf dem Giebel des Daches des Hauses unter mir zwei Raben. Während der Dorfpoet, verweilend auf seiner Insel, aus seinem Fenster schaut, sieht er sie irgendwo.

Die Raben sind mir anscheinend gefolgt. Von dem Dach, auf dass der Dorfpoet in seinem Zuhause schaut, hier auf das Dach in seinem Refugium. Die Raben sind austauschbare Metaphern oder gar Boten. Wie die Gesellen Blumfelds, wie die Bälle, die ihn begleiten – nur nicht so aufdringlich, nur nicht so grotesk. Und auch gar nicht so düster oder unheimlich.

Sie sind das Gold der Medaillie mit zwei Seiten. Sie sind das „Y“ und das „N“ in Yin und Yang. Sie sind im Federkleid verwunschenes Engelchen und Teufelchen – sie sind eben nicht nur schwarz, sondern in ihrem Federkleid sind graue Federn. So, wie ich nicht weiß, welcher Rabe, welche Facette eben in diesem Moment verkörpert, so fehlt mir manchmal die Erinnerung, dass die Welt nicht nur schwarz und weiß ist.

Draußen stürmt und regnet es und mein Gemüt ist sonnig.

In wenigen Tagen muss ich mein Refugium aufgeben doch ich denke an den Tag, an dem ich wiederkomme.
Draußen sind zwei Raben. Immer. Denn mir folgen die Raben. Denn in mir steckt die Fantasie, die jedes S/W-Denken verbietet. Wäre dem nicht so, dann wäre es nur ein Rabe, der mich verfolgt. Wäre dem nicht so, dann würde ich in einem Raben nichts weiteres sehen, als einen großen, lauten, schwarzen Vogel.

Auf meiner Insel 46

Viele neue Fotos sind Online – einfach mal reinschauen. (flickr scheint ab und an zu spinnen – hier ein weiterer Link zu meinem Amrum Album, falls die Nachricht erscheint „PKillert hat noch keine Fotos veröffentlicht“)

In den kommenden Tagen gebe ich ein wenig meinen literarischen Output preis, der neben Krimis und neuen Ideen hier auf meiner Insel entsteht. Den Anfang macht die Geschichte „Diese wundervollen Lichter“ – eine Momentaufnahme mit Gedanken aus meinem Refugium, gestern Abend mal so nebenbei entstanden. Wer mir nicht zuhören mag und die Geschichte lieber lesen möchte, findet Sie in meinem Medium-Account.

Mit Humor durch den Alltag, Teil 1.

Heute: Der Zusammenhang zwischen Topfpflanzen und Ebola.

Wie heute bekannt gegeben wurde, wird das neue Dschungelcamp nach Sierra Leone verlegt. Macht ja auch Sinn.

Statistisch werden drei der Teilnehmer die erste Woche überleben – dem Rest schauen wir beim Verrecken zu. Brot und Kakerlaken. Ich und mein innerer Schweinehund sitzen dann biertrinkend auf dem Sofa und schauen dem Treiben zu. Aber ich befüchte, dass wird ein bisschen langweilig. Denn das muss sich so ein Ebola-Virus schon vorwerfen lassen: Langeweile.

So ein Virus verrichtet sein Werk langsam und bedächtig. Überhaupt keine Action beim Verrecken. Statt einem Schweiger/Tukur Tatort mit spritzendem Blut zu fröhnen, schaue ich quasi einer Topfpflanze beim Verwelken zu. Achtet man auf die feinen, sehr feinen, Nuancen bei den Abstufungen von Intelligenz und sozialer Kompetenz – im Vergleich zwischen Ebola-Virus, Fernsehzuschauer, Dschungelcampist und Topfpflanze – liegt vermutlich die Topfpflanze vorn.

Was lernen wir daraus? Der Ebola Virus kann der Topfpflanze nichts anhaben. Das hat die Natur wohlweislich so eingerichtet.

Lasst uns also Topfpflanzen sein.

Grundsätzlich aber gilt: wir sollten uns aus diesem Konflikt zwischen Topfpflanze und Ebola raushalten. Wir haben mit genug anderen Dingen zu kämpfen. Die Wirtschaft zum Beispiel. Die schwächelt. Sagen die, die sich Leistungsträger nennen. Ja, liebe Leute, auch da hat uns die Topfpflanze etwas voraus. Könnte die Topfpflanze an der Börse spekulieren, sie hätte schon längst auf die Designer von Body-Bags gesetzt. Deren Börenkurse gehen durch die Decke. Und ich verrate Euch was! Es ist noch nicht zu spät! Ihr solltet in das Geschäft mit Body-Bags einsteigen! Die Hersteller sind kreativ und auf den praktischen Gebrauch bedacht. Die Nachfrage steigt, das Angebot auch – Dividenden für Bodies. Mit exklusivem Design. Ein nachhaltiges Wertpapiergeschäft!

BodyBagTopfpflanze
Exklusiver, individueller Body-Bag? – Ich will einen mit Topfpflanze!

Aber was sollte eine Topfpflanze mit Dividenden anfangen? Das proaktive Handeln von Topfpflanzen ist beinahe so träge wie das des gemeinen Fernsehkonsumenten in der nördlichen Hemisphäre. Ich plädiere daher für eine Art Fair-Trade bei Topfpflanzen! Für jede in Deutschland gekaufte Topfpflanze geht ein Obolus zurück in das Herkunftsland wofür dort eine Pflanze gleicher Art ausgewildert wird. Mit jedem Stück Behaglichkeit, die wir in unser Wohnzimmer holen, geben wir der Natur ein Stück ihrer selbst zurück. Das Ergebnis wird erstaunlich sein. Wir arbeiten an der Beständigkeit der Natur am anderen Ende der Welt und erschaffen den Dschungel in Sierra Leone. So können wir dort den Prominenten beim Verrecken weiter zuschauen.

Selbstverständlich haben wir mit dem Kasten Bier auch gleich ein Stück Regenwald mitgekauft. Gleichzeitig wird der Dschungel in heimischen Gefilden durch eine Art Hype des Topfpflanzen Fair-Trades stetig mehr ausgebildet. In einigen Jahren führt das zu erheblichen Kostenersparnissen. Ich sage Euch – bald haben wir unseren eigenen Dschungel! Ein Dschungel aus Topfpflanzen, der das Fernsehregal umklammern wird und die Welt dort mit der Welt in uns und ums herum verschmelzen lassen wird. Und dann ist es passiert. Es wird der Tag kommen, da werden wir selbst zu Topfpflanzen.

Wir brauchen dann nur noch ein bisschen mehr Ebola.
Hier.
Direkt vor der Haustür.
Und ein paar mehr Body-Bags.

Aber jetzt kennen wir ja die Zusammenhänge. Lasst uns gemeinsam daran arbeiten!

Mehr Ebola in den Hirnwindungen!
Rettet die Topfpflanzen!
Schaut mehr Dschungelcamp!
Kauft mehr Body-Bags!

Glück wartet in einem Labyrinth

Eine ganz abstrakte Variante einer alten Parabel.

Man geht ja im Allgemeinen davon aus, dass entweder alles was passiert auf dem freien individuellen Willen eines Menschen basiert. Oder alles ist vorherbestimmt – der freie Wille wäre dann nur eine Illusion. Wie wichtig diese Frage ist zeigt sich, wenn Konflikte ausbrechen. Wer an einen höheren Sinn und vorgegebene Bestimmung glaubt, kann Menschen, die sich auf ihren Verstand verlassen, nur Ungläubigkeit zusprechen. Selbst dann, wenn der Verstand selbst und die Fähigkeit des eigenem Handelns in seinem Ursprung kein Zufall sind – selbst dann, wenn es im Sinne eines Schöpfer gerade nicht seine Bestimmung ist, die uns definiert, sondern er unsere Identität im freien Willen verborgen hat. Eigenes Handeln wiederum ohne einen wie auch immer gearteten Kontext wahrzunehmen, ist Nährboden für Narzismus und Egoismus. Es ist leicht einzusehen, dass diese Egozentrik in unserem Kulturkreis dominiert.

Kann es auch etwas dazwischen geben? Natürlich. Es ist die individuelle Autonomie welche nur zulassen muss, dass das Streben nach Glück auch individuelles Glück für jeden bereithält. Stellen sie sich das Leben als Videospiel vor. Sie steuern sich, die Hauptfigur, durch ein Labyrinth. Oben, in der entgegen gesetzten Ecke zum aktuellen Standort, wartet ein Bonus, ein Stückchen Glück. Und auf welchem Weg auch immer, egal, welche Hindernisse dort sind – ohne irgendwo wartendes, vorhandenes Glück, als eine große Portion oder viele kleine Häppchen auf dem Weg, wäre das ganze Spiel in sich unlogisch, völlig unnütz. Das Bild also, dass wir wählen, um einen Zweck zu illustrieren, birgt in sich selbst schon seine Bestimmung. Sonst wäre es kein Bild. Dabei ist es unerheblich, welches Bild wir wählen.

Selbst das Bild eines Labyrinthes als Selbstzweck, um der banalen Erkenntnis „der Weg ist das Ziel“ einen anständigen Anstrich zu verleihen, hat einen Sinn – gerade und besonders dann, wenn wir uns die Verortung von Glück in einem Labyrinth ohne Wände vorstellen. Ein Labyrinth ohne Wände ist ein Ausgang, ist ein Eingang, ist ein Bild als Selbstzweck. Ein Labyrinth ohne Wände – ist das Unsinn? Ein Bild ohne Farbe – macht das Sinn?

Was immer man auch antworten mag – hüten sie sich davor, ihre eigene Suche nach Glück in einem Labyrinth zu verorten. Nur weil sie mal gegen eine Wand gelaufen sind. Nur weil gerade mal ein bisschen die Orientierung fehlt … .