Heute vor 100 Jahren – Der Beginn des Weltenbrandes

Auch wenn wir Nachgeborene sind und die konkrete Bindung zu diesem Ereignis fehlt: was am 28. Juni 1914, also heute vor 100 Jahren in Sarajevo geschah, hat wie kaum ein anderes Ereignis die Welt verändert. Niemand konnte die maschinelle Vernichtung von Menschenleben auf den Schlachtfeldern von Verdun und Ypern erahnen. Niemand ahnte, dass dieser Erste Weltkrieg die Wurzeln für den zweiten, noch schlimmeren Weltenbrand legen würde.

Ich hatte mir vorgenommen, viel intensiver auf dieses Thema einzugehen. Aber das habe ich bereits getan. Der Erste Weltkrieg ist zentrales Thema von „Amor Simplex“, meinem ersten Roman. Franz Riedmann, Protagonist meines Romans, ist Stabsadjutant der Heeresleitung und direkter Mitarbeiter von Graf Magnus von Steyer-Hohenstein, einem wichtigen Berater der Deutschen Reichskanzlei. Im 9. Kapitel namens „Tannenberg“ kündigt sich der Weltenbrand wie folgt an:

„AMOR SIMPLEX“ – 9. Kapitel: „Tannenberg“

Riedmann war am Abend des 28. Juni 1914 in das Büro von Steyer-Hohenstein geladen worden. Er wollte mit Steyer-Hohenstein über etwas eigentlich recht banales sprechen, nämlich über die Rede des Kaisers zur Einweihung des Rhein-Herne Schifffahrtkanals in wenigen Wochen, als dieses Vorhaben plötzlich nicht nur ins Hintertreffen geriet, sondern durch einen völlig aufgelösten, erschütterten Steyer-Hoheinstein als „profaner Mist“ abgetan wurde.

„Riedmann, glauben Sie mir – der Kaiser hat ab sofort ganz andere Sorgen!“, sagte Steyer-Hohenstein und meinte das an diesem Tag verübte Attentat auf den österreichischen Thronfolger und seine Gemahlin in Sarajevo. 

„Nichts gegen Sie persönlich, Riedmann, aber die Österreicher sind nicht ganz bei Trost! Man hätte doch wissen müssen, dass der 28. Juni für die Serben ein Trauertag ist! Wie kann man es da wagen, an so einem Tag dieses Land zu besuchen. Wie dumm, wie unglaublich dumm …!“, tobte Steyer-Hohenstein. 

Riedmann wusste, dass die Serben am 28. Juni 1389 auf dem Amselfeld von den Türken besiegt worden waren und dieser Tag seitdem als nationaler Trauertag angesehen wurde. Riedmann war sich auch bewusst, dass es sicher schlimm war, dass der österreichische Thronfolger und seine Frau tot waren. Die tiefe Niedergeschlagenheit Steyer-Hohensteins war ihm jedoch nicht erklärbar.

„Wissen Sie Riedmann, in den letzten Jahrzehnten wurde in Europa militärisch überall derart aufgerüstet – das dürfte gerade ihnen nicht entgangen sein – es wurden Waffen konstruiert und Pläne für mögliche Konflikte entworfen, die mir wirklich Angst machen. Ich habe ihnen nie gesagt, wie Recht sie damals mit ihrer Äußerung hatten, das Kriege das Aufeinanderprallen von Weltanschauungen bedeuten und diese der Welt damit blutige Impulse geben. Wenn aber diese Waffen, bei denen es wirklich um vollkommene Vernichtung geht, eingesetzt werden, dann geht es nur noch um das Material, nicht mehr nur um die Weltanschauung. Ja, ich befürchte, der Mensch selbst wird hier zum Material. Uns stehen schlimme Zeiten bevor.“

Riedmann nahm das ernst, nahm es hin, vertraute auch jetzt auf die beinahe prophetischen Gaben dieses Mannes, auch wenn er mit „Weltenbrand“ – genau das war der Begriff, den Steyer-Hohenstein für seine Befürchtungen fand – nicht so recht etwas anfangen konnte. 

Nachdem Riedmann in den folgenden Tagen die Nachrichten verfolgt hatte war klar, dass auch das Deutsche Reich seiner Bündnisverpflichtung nachkam und auf einen Krieg zu steuerte. Riedmann, der fest an seine Theorie des reinigenden, schnell vorbeiziehenden Gewitters glaubte – zu dieser Zeit war er nun wirklich nicht der Einzige, der dies tat – verband mit diesen Entwicklungen jedoch keine Angst oder sah in diesem Ereignis keine gravierenden Folgen für die Zukunft Europas. Frieden sei nur dann richtig und zu erstreben, wenn er eine Richtung hatte. Hier aber mussten Konflikte endlich ausgetragen werden, um zu dieser einen Richtung zu finden.

Es schloss sich eine Diskussion zwischen ihm und Steyer-Hohenstein an, die über mehrere Tage geführt wurde und an deren Ende eine programmatische, rhetorische Strategie herauskommen sollte. Diese manifestierte sich am Ende in einer wichtigen Erkenntnis. Wollte man diesen Krieg für die Koalition Deutschland / Österreich-Ungarn gewinnen, so war eine Art vereinigendes Nationalgefühl notwendig. Riedmann überliefert in seinem Tagebuch, dass an einem dieser Abende der Wahlspruch „Ich kenne keine Parteien mehr! Ich kenne nur noch Deutsche!“, entstand – ein Satz der in abgewandelter Form beim Beginn der ersten Weltkrieges vom Kaiser persönlich in einer seiner beiden berühmten kurzen „Balkonreden“ eingebaut wurde. Der genaue Wortlaut: 

„Wenn es zum Kriege kommen soll, hört jede Partei auf, wir sind nur noch deutsche Brüder. In Friedenszeiten hat mich zwar die eine oder andere Partei angegriffen, das verzeihe ich ihr aber jetzt von ganzem Herzen. Wenn uns unsere Nachbarn den Frieden nicht gönnen, dann hoffen und wünschen wir, dass unser gutes deutsches Schwert siegreich aus dem Kampf hervorgehen wird.“  

Das Kapitel „Tannenberg“ in „Amor Simplex“ beschreibt schließlich die schrecklichen Ereignisse der ersten großen Schlacht im Ersten Weltkrieg und ihrer heroischen Verklärung. In dieses Kapitel sind alle meine Gedanken und Recherchen zu diesem Thema hineingeflossen. Auch wenn es beinahe ein bisschen makaber ist und ich diesen Tag für die Werbung an meinem ersten Roman nutze: ich habe diesen Roman und speziell dieses Kapitel nicht zu einem Selbstzweck geschrieben. Anspruch in diesem Kapitel war eine präzise historische Aufarbeitung. Damit verbunden auch der Anspruch literarischer Qualität. Literatur und Geschichte passen eben doch zusammen.

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