Rot

Ein flüchtiger Kuss auf dem Parkplatz. Im Augenwinkel gesehen. Ich beobachte Sie immer nur aus dem Augenwinkel. Aus einem nicht genau zu benennenden Grund möchte ich nicht, dass sie weiß, wann und wie ich sie beobachte.

Es ist keine Besessenheit. Nein. Gar nicht. Es ist geboren aus der Überlegung, dass Ignoranz die Neugier erschafft. Erschaffen kann. Und wenn sie es getan hat, dann sieht man sich woanders wieder. Glaube ich, ohne es zu wissen. Man glaubt immer, ohne zu wissen.

Im Traum jagte ich sie durch ein blühendes Rapsfeld, so blühend, so bodenständig und endlich. Und doch so weit und tragend, dass es bis an den Horizont zu reichen schien. So sicher, so scharf, wie sich das Blau des Himmels von dem Gelb abtrennte, ebenso hätte uns niemand finden können.

Dann, wenn ich sie eingeholt, das Gesicht zu den wehenden Haaren wieder und sie zu Boden geworfen hatte. Ihr Gesicht in beiden Händen haltend. Ihr Lachen, ihr Kichern verschwand. Zwei Münder aufeinander – nichts schafft so sehr absolute Ruhe.

Aber das war nur ein Traum. Ein kleiner, flüchtiger Blick machte ihn zunichte. Ein flüchtiger Blick, der mir sagte, dass sie mich nicht sieht. Und niemals sehen wird. Aber so ist das eben. Die unendliche Weite eines Feldes aus einer ganz bestimmten Farbe ist ein weites, sehr weites Feld.

Jede Rapsblüte lebt nur wenige Tage. Es ist ein sich über wenige Wochen hinziehendes Ablösen von der einen Blüte zur Nächsten – drei, vier Wochen ganz intensiv, dann vergeht Farbe, diese eine absolute Farbe endgültig.

Die Blüten kommen wieder. Nicht so, wie jetzt, anders, aber sie kommen wieder. Es wird keinen Traum mehr geben. Nicht so einen. Aber viele andere.

Die Ignoranz erschafft keine Neugier. Sie erschuf die Gleichgültigkeit, mit der ich an schönsten Farben vorbeiziehen konnte, und sagen: Habe ich alles schon gesehen. Alles schon gehabt. An einem Tag, in einem Frühling, von dem es noch mehr geben wird. In anderen Farben.

Und ich gestehe mir ein (und ich weiß, das machen wir doch alle so), dass ich eine rote Blüte suche. Die Kunst besteht darin, sich nicht blenden zu lassen. Von prächtiger Monotonie. Und das Rot aus dem Augenwinkel sollten wir nicht ignorieren.

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