Wesentlichkeiten

Mein Vokabular. Ich bin dabei, es zu reflektieren. Dies ist der nächste Versuch.

Ich muss einem Rechtschreibprogramm immer dieses Wort beibringen. Wesentlichkeiten. Es ist rot unterstrichen, egal in welchem Schreibprogramm. Es existiert nicht. Das Wort „Wesentlichkeit“ ist zwar im Duden, aber irgendwie scheint alles immer wieder auf das Adjektiv „wesentlich“ zurückzufallen.

Die Wesentlichkeit ist ein Makro. Sie umfasst eine ganze Reihe von Eigenschaften. Jede dieser Eigenschaft selbst birgt in sich die Charakteristik des Wesens der Person oder Institution, die mit der Wesentlichkeit beschrieben werden soll. Und gleichzeitig ist jede konträre Eigenschaft die Umkehrung der Wesentlichkeit – also unwesentlich oder ihre Negation.

Nehmen wir als Beispiel Tebartz van Elst. Der ist Bischof von Limburg und war vor einigen  Wochen in den Schlagzeilen, u.a. weil er jedes Maß beim Neubau seines Bischofssitz verloren hatte.
Zum Wesen eines Bischofs gehört das Vorleben christlicher Tugenden. Bescheidenheit, Ehrlichkeit, Disziplin … . All diese Tugenden ergeben zusammen die Wesentlichkeit. Die Wesentlichkeit ist also eine Mischung aus „Wesen“ und „Sichtbarkeit“ – wobei „sichtbar“ nicht unbedingt physisch „sichtbar“ ist, sondern auch eine Sichtbarkeit als Ergebnis eines Handelns meint.
Mindestens die Tugend der Bescheidenheit fällt in diesem Fall komplett aus. Die Wesentlichkeit eines Bischofs ist nicht die Wesentlichkeit eines Tebartz van Elst.

Warum also ist so ein wichtiges Wort nicht viel stärker im alltäglichen Gebrauch verankert? Nun, zumindest in meinen Texten hat es diese Verankerung.

Vermutlich hängt es damit zusammen, dass unter der Gruppierung von Eigenschaften und dem Rückschluss auf das Wesen eines Menschen, jeder etwas anderes versteht. Das Wesentliche ist losgelöst von einem Individuum. Die Wesentlichkeit ist die Charakterisierung eines Individuums in einem speziellen Kontext. Sie hängt nicht von diesem Individuum ab, sondern von der Perspektive desjenigen, der die Charakterisierung vornimmt. Wesentlichkeit ist also so etwas wie die Abstraktion des Individuellen – das birgt Gefahren.

Die Definition von Wesentlichkeiten funktioniert wirklich nur, wenn über den Kontext ein Konsens herrscht. Das geschieht immer und ausnahmslos über Fakten. Die Maßlosigkeit eines Tebartz van Elst ist Fakt. Dieser Fakt offenbart das Wesen dieses Menschen. Die Definition der Wesentlichkeit ist somit unstrittig.

So ist der Gebrauch von „Wesentlichkeit“ mit großer Vorsicht zu geniessen. Denn was sagt uns, dass die Fakten des Kontext korrekt sind? In einer Zeit, in der Virtualität und Realität ineinander verschmelzen, sind Fakten besonders kritisch zu hinterfragen. Denn es wäre heute theoretisch denkbar, dass es den Syrischen Bürgerkrieg gar nicht gibt. Sämtliche Nachrichtenbeiträge sind vielleicht an einem Computer erzeugt worden. Das ist jetzt selbstverständlich keine Behauptung von mir – ich sage lediglich, dass dies technisch möglich ist.

„Die Wesentlichkeit“ funktioniert nur rekursiv. Ich kann sie als Wort nur gebrauchen, wenn ich mir der Fakten, also der Realität sicher sein kann. Wesentlichkeit ist keine Annahme. Sie ist eine Tatsache. Sie hat somit das Merkmal, welches auch der Realität anhaftet. Auch diese kann nur rekursiv definiert werden, in dem man sie von der Virtualität abgrenzt. Bevor es die Virtualität gab, war diese Abgrenzung gar nicht notwendig, so wenig wie die Abgrenzung und „Wesen“ und „Wesentlichkeit“. Was also ist die Wesentlichkeit unserer Welt? Die Realität.

Was nun abschliessend im Raum steht ist die berechtigte Frage nach dem Sinn dieser ganzen Überlegung. Stellen wir nur einfach mal die abschliessende Aussage „Die Wesentlichkeit unserer Welt ist Realität.“ in den Raum, dann ist das für sich genommen, eine fast so banale Aussage wie „Ich denke, also bin ich.“ So wirkt es zumindest. Aber alle Menschen, die den Kontext zu Descartes „Ich denke, also bin ich.“ kennen, würden diesen Satz, der die Individualisierung in unserer Gesellschaft erst ermöglicht hat, sicher nicht als banal bezeichnen. So wie das Denken das Sein bestimmt, so bestimmt heute das Erkennen von Realität die Welt. Das Wissen um die Substanz dieser Aussage reicht aber nicht – diese Aussage muss mit Leben gefüllt werden.

Dafür hat der liebe Gott den Dorfpoeten erfunden.- Wenn sie also in meinen Texten das Wort „Wesentlichkeiten“ lesen oder hören – jetzt wissen Sie Bescheid 😉

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