Zwischen Unterhaltung und Systemkritik

Zwei amerikanische Fernsehserien im Review.


Manchmal führt Schwarm-Intelligenz zur Neugier und schließlich zur Bekehrung. Nachdem mehrere große Kultur-Redaktionen einige amerikanische Fernsehserien für ihre scharfe Systemkritik sehr gelobt haben, habe ich zwei dieser Serien selbst angesehen und kann sie beide empfehlen. Die eine Serie überragt durch ihren genialen Protagonisten. Die andere erfordert sehr viel Geduld und entfaltet ihre Brisanz und Tiefe erst gegen Ende der ersten Staffel. Es geht um „House Of Cards“ und „The Wire“.

Von Peter Killert.

House of Cards

Kevin Spacey ist schon ein genialer Schauspieler. Aber nicht die Rollen in „American Beauty“ oder „Seven“ führen zu diesem Urteil. Es ist die David Fincher Serie „House Of Cards“ in der Spacey den Kongress-Abgeordneten Francis Underwood spielt. Es ist eine fiktive Handlung, die mit dem Gewinn der Präsidentschaft durch die Demokraten beginnt und in der sich Underwood als Strippenzieher und Macher im Hintergrund inszeniert. Die Serie beginnt martialisch: Underwood läuft aus seinem Haus in Washington, aufgeschreckt durch ein Bremsgeräusch auf der Straße, und sieht den angefahrenen Hund der Nachbarn. Er fackelt nicht lange und „erlöst“ das Tier von seinen Qualen mit blossen Händen. Den Nachbarn verspricht er, dass er seine Kontakte nutzen und den Fahrer des Autos finden wird. Dass dieser nichts zu lachen haben wird, offenbart sich in den ersten Folgen der Serie. In der geht es natürlich nicht um Fahrerflucht, sondern um die Strippenzieher der Macht. Wenn es hinter den Kulissen der Macht auch nur ansatzweise so zugeht, wie die Serie es darstellen will … – nun, dann erklärt dies so einiges … . Die Politiker, die im Vordergrund stehen, sind bestenfalls Marionetten derjenigen, die die eigentliche Macht besitzen. Und die sich dieser Macht bewusst sind. Wie eben Francis Underwood.

Underwood ist unglaublich skrupellos, gewieft, gerissen. Er findet Wege, wie er sich Menschen gefügig macht, nachdem er sie zuvor durchschaut hat. Dabei gibt er sich väterlich, weitsichtig und zeigt ab und an eine groteske hinterfotzige Nähe zu Menschen. Seine Frau Claire, gespielt von Robin Wright, steht ihrem Mann in nichts nach. Das Spiel um Macht ist der einzige Verbund zwischen beiden. Selbst Menschen, die die Skrupellosigkeit der beiden erkennen, gehen ihnen auf den Leim.
Weitere Hauptrollen sind die aufstrebende Journalistin Zoe Barnes (Kate Mara, Schwester von Rooney Mara), die mit Underwood eine Beziehung beginnt, nur um Karriere zu machen. Und die arme Wurst Peter Russo (Corey Stoll), ein demokratischer Abgeordneter, der von Underwood ausgenutzt wird, weil seine Drogengeschichten und Affären kennt. Er wird als politische Marionette aufgebaut und verliert sich immer wieder im Zwiespalt von Ehrgeiz und Idealismus. Wie tief Menschen in ihrer Würde sinken können, nur der Karriere willen, wird hier neu definiert. Einen weiteren Reiz entwickelt die Serie dadurch, dass einige Aspekte der Hauptcharaktere bewusst im Dunkeln belassen werden. Ist die Schwäche, die Underwood in einem Fernsehduell zeigt, Kalkül oder wirkliche Schwäche? Ist die Rührung bei der Einweihung eines öffentlichen Gebäudes, welches nach Underwood benannt wird, nur gespielt? Der Zuschauer kann dies nur erahnen. Viel Platz für interessante Wendungen in weiteren Staffeln.

Noch interessanter wird die Serie durch schöne Einschübe, in denen sich Underwood ab und an dem Zuschauer zuwendet und die menschliche Psyche kommentiert. Nicht selten bekommen Szenen dadurch eine geniale Tiefe. Ebenfalls erwähnenswert: manchmal zeigen Kommentare auf der Facebook-Seite der Serie, dass sich Amerikaner tatsächlich diesen Typus von Politiker wünschen und in der Skrupellosigkeit eher eine Tugend, statt einem misratenen Charakter sehen.

Eines ist ganz klar: Spacey ist die perfekte Besetzung für diese Rolle.

Die erste Staffel gibt es jetzt auf DVD. Eine zweite Staffel ist in Arbeit. Extrem empfehlenswert. Die Serie hat den Perfektionsgrad von SHERLOCK (von der man die SMS Einblendungen „geklaut“ hat).

 

 

 

THE WIRE

Angeblich ist es die Lieblingsserie von Barack Obama. Für das deutsche Publikum ist sie im TV bestenfalls spät abends geeignet. Denn mit „The Wire“ lassen sich kaum werberelevante Zielgruppen begeistern. Es erfordert zunächst sehr viel Geduld, bis die Serie ihren Reiz entwickelt. Das hat vor allem einen Grund: die deutsche Sprache ist praktisch ungeeignet für die Synchronisation. Ich hatte die erste Staffel als amerikanisches Original bei eBay gekauft. Ich habe englisch mit englischen Untertitel versucht – keine Chance auch nur ansatzweise zu verstehen, worum es geht. Es ist ungefähr so als würde sich ein Ausländer, der halbwegs passabel deutsch versteht, die Feinheiten der deutschen Sprache mittels kölscher Mundart anzueignen versuchen. Vermutlich noch schlimmer.

Die Serie spielt in Baltimore und dort gibt es in beinahe jedem Stadtteil einen eigenen Slang. Diese Slangs werden auf hochdeutsch synchronisiert und das hat zur Folge, dass es eine ganze Weile dauert, bis sich die Eigenarten der Charaktere – darauf gründet die ganze Serie – deutlicher offenbaren. Würde man die Eigenarten der Sprache verstehen, dann würde man sehr viel schneller in die Charaktere hineinfinden.

Erzählt wird die Geschichte von Gut und Böse, von Polizisten und einer alles beherrschenden Gangster-Clique. Die Geschichte wird wertneutral erzählt. Das wiederum führt dazu, dass viele Handlungsweisen in sich logisch und schlüssig sind und sich von Gut und Böse absondern. Die Grenzen verschwimmen. Es gibt durchaus gute Gangster und böse Cops – beide Gruppen sind einem steten Wandel unterworfen.

Die erste Staffel beginnt mit der Bildung einer Sonderkommission der Polizei, die einem gewissen Avon Barksdale, der Boss der Drogenszene in Baltimore, das Handwerk legen soll. Federführend ist hierbei der Cop Jimmy McNulty, der einem Richter von diesem Avon Barksdale erzählt hat. Barksdale ist bisher auf dem Radar der Ermittler noch gar nicht aufgetaucht. Und doch ist es ein offenes Geheimnis, dass dieser unbescholtene Bürger den Underground beherrscht.

Bei seinen Kollegen fällt McNulty damit in Ungnade – wie es scheint besteht ein Gleichgewicht zwischen Gut und Böse in Baltimore. Idealistische Polizisten sind nicht gerne gesehen. So dauert es eine Weile, bis sich die Sonderkommission zusammenrauft und sich widerwillig in die akribische Polizeiarbeit fügt. Über die einzelnen Folgen der ersten Staffel findet dann ein Katz und Maus Spiel zwischen der Polizei und den Gangstern statt.
Die Serie ist nicht übermässig brutal, aber wenn Charaktere Tiefgang entwickeln und sich dann verabschieden, dann nimmt das den Zuschauer mit.

Von THE WIRE wurden fünf Staffeln produziert. Die anderen Staffeln setzen jeweils einen anderen örtlichen oder thematischen Schwerpunkt. Eine sehr empfehlenswerte Serie, wenn man ein bisschen Geduld aufbringt.

Kostprobe? Hier ein Trailer.

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